Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus . . . Über die Magie der Hoffnung in Eichendorffs „Mondnacht“

Sonnenuntergang

.

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.

 

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

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Wenn wir tief in uns gehen, wenn wir den Weg der Er-inne-rung nach innen gehen, kommen wir in jene Zeit, da der Himmel einst die Erde immer wieder küsste; es war – so entnehmen wir der griechischen Mythologie – zu Zeiten der Regentschaft von Uranos, dem Himmel, und Gaia, der Erde, noch bevor die Herrschaft der Zeit, die Herrschaft des Gottes Kronos einsetzte – es war das Goldene Zeitalter; die Bibel nennt es Paradies.

Wir meinen, das sei Ewigkeiten her. Das ist es natürlich auch. 

Doch was uns jeden Tag helfen kann und was Dichter wie Eichendorff ahnend zum Ausdruck bringen und unsere Seelen wissen:

In gewissen Mondnächten wiederholt er sich, dieser Himmelskuss, und die Erde träumt ihr ewiges Es war einmal, träumt von ihrem Geliebten, dem Himmel.

Magisch lebt dann die ganze Welt.

Kein Wunder ist die Luft in der zweiten Strophe von Eichendorffs Mondnacht ein lebendiges Wesen, sie geht durch die Felder; und auch die Ähren sind lebensvoll beseelt, sie wogen, ebenso die Wälder, sie rauschen, während die Nacht uns all ihrer Sterne ansichtig sein lässt.

Es scheint, als ob alles in der Vergangenheit spiele, die Luft ging, die Ähren wogten, die Wälder rauschten: Alles geschieht in der Vergangenheit.

Und doch geschieht alles auch im Augenblick des Lesens.

Diese Vergangenheit kennen wir!

Warum ist alles uns so präsent?

Es ist nicht nur die griechische Mythologie, die den Hintergrund bildet für das Glück des Anfangs, dessen Wirklichkeit unsere Seelen alle erlebt haben, dessen Wirklichkeit selbst der Konjunktiv II in hätt nicht schmälern kann, ja, im Gegenteil, vielleicht gerade hervorlockt; es ist auch die griechische Weisheitslehre, die den Hintergrund zur dritten Strophe bildet.

Wir hören Platons Worte aus dem Phaidros:

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Wenn die Seele vollkommen und geflügelt ist,
schwebt sie in der Höhe und durchwebt das ganze Weltall.

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Wenn sie dies tut, kann sie jederzeit nach Hause fliegen.
Ja, wenn sie so fliegt, dann ist sie zu Hause.
 

Es gibt wohl keine Zeilen mehr in der deutschen Lyrik, welche die Menschen – man möchte fast sagen: die Menschheit – auf so innige Weise versammelt vor dem Altar der kosmischen Hochzeit; und alle wissen:

  • Ja, der Himmel hat einst die Erde still geküsst, wir waren dabei.
  • Ja, der Himmel wird die Erde wieder küssen; wir werden dabei sein.
  • Ja, wenn wir daran glauben, können wir auch jetzt schon in einer Mondnacht unterwegs sein, wissend: So muss es sein, wenn wir nach Hause fliegen. So muss es sein, wenn in uns der Himmel die Erde küsst.

Es ist die Magie der Hoffnung, welche die Menschen in diesem Wissen vereint.

Wie heißt es am Schluss der Märchen:

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Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

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Die Bedingung Und wenn … ist für Erwachsene geschrieben, damit ihnen die Option der Hoffnung offenbleibt.

Ein Kind glaubt ohnehin, dass sie, die verwandelten Märchenhelden, ihr neues Bewusstsein noch heute leben – und das heißt: für immer.

Ein Kind ist Glaube,

ein Kind ist Hoffnung,

ein Kind ist Liebe.

Auch der Konjunktiv II, den Eichendorff auch am Schluss verwendet – … als flögen sie … – ist den Erwachsenen geschuldet.

Ein Kind weiß intuitiv um die Flügel der Seele und dass, wenn die Seele diese weit ausspannt, es nach Hause fliegt.

Und in diesem Moment, wo wir obige Zeilen lesen, spannt unsere Seele ihre Flügel aus und sie fliegt für diesen Moment. – 

Es gibt keinen wertvolleren Augenblick als diesen Moment der Hoffnung.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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4 Antworten zu Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus . . . Über die Magie der Hoffnung in Eichendorffs „Mondnacht“

  1. Gabriele Fellermann schreibt:

    danke

  2. masyrala schreibt:

    wie schön.. dieses Gedicht wählte ich für die Trauerkarten meine Mutter und es wurde bei der Trauerfeier an ihrem Grab gesungen. Ganz herzlichen Dank für diese Zeilen.

  3. Liebe masyrala,

    ich habe das Sterben Deiner Mutter ja auf Deinem Blog ein wenig mitverfolgen können und dachte mir schon, dass es diesen Grund hat, dass Du dort so lange nichts mehr geschrieben hast.

    Das erinnert mich an das Sterben und den Tod meiner Mutter. Als sie beerdigt wurde, war ich froh, dass ihr Leiden vorbei war, auch wenn ich weinen musste.

    Dir alles Gute, mögest Du in froher Verbindung mit Deiner Mutter stehen.

    Johannes

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