Unser Herz als Wünschelrute! – Paul Gerhardts Sommer-Hit „Geh aus mein Herz und suche Freud!

 

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Selten ist aus so übervollem Herzen gedichtet worden wie von jenem Mann, dem wir Volks- und Kirchenlieder wie O Haupt voll Blut und WundenNun ruhen alle WälderAuf auf mein Herz mit Freuden oder auch Nun danket all´ und bringet Ehr verdanken: Paul Gerhardt.

Er war beileibe kein verklärter Sakristei- oder Hofpoet, sondern ein Mann mit Zivilcourage, der dem Kurfürsten von Brandenburg dermaßen Widerstand leistete, dass diesem Hören und Sehen vergehen sollte: Als nämlich jener von seinen Geistlichen eine Unterschrift unter ein Revers verlangte, sich religiöser Streitgespräche zu enthalten, verweigerte sie Paul Gerhardt und wurde daraufhin seines Amtes enthoben.

Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, Strophen zu dichten wie jene, die viele früher noch auswendig lernten und die beim Kirchenausflug der Kirchengemeinde, in der meine Eltern sich heimisch fühlten, vom ganzen Bus gesungen wurde. Als Kind hatte ich damals immer das Gefühl, als ob selbst das fahrende Fahrzeug zum Leben erwache und mitschwinge:

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Geh aus, mein Herz, und suche Freud

In dieser lieben Sommerzeit

An deines GOttes Gaben;

Schau an der schönen Gärten Zier

Und siehe, wie sie mir und dir

Sich ausgeschmücket haben.

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Wirklich wird hier das Herz zur Wünschelrute, die weiß, dass das Wasser des Lebens im Grunde die Freude ist.

Die ganze erste Strophe ist ein einziger großer Schwung von Bildern und so ist es oft auch im Rahmen der 14 folgenden:

Die ersten drei Zeilen gleichen einem staunenden Einatmen, die folgenden drei Zeilen gleichen einem Ausatmen, wobei uns Folgen und Wirkungen dessen bewusst werden, was wir aufgenommen, eingeatmet haben:

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Die Bäume stehen voller Laub,

Das Erdreich decket seinen Staub

Mit einem grünen Kleide;

Narcissus und die Tulipan,

Die ziehen sich viel schöner an

Als Salomonis Seide.

 

Auf Schritt und Tritt begegnet man in den Strophen, von denen meistens nur die Strophen 1-3 und 8 gedruckt werden, jenem Meister der Dichtkunst, der stilistische Mittel in Hülle und Fülle einzusetzen vermochte, sicherlich eher unbewusst:

So wird das Herz, die Quelle unseres Lebens, gleich zu Beginn direkt angesprochen, gewiss schon ein Kunstgriff; es steht aber nur – pars pro toto – als Teil für das Ganze, den ganzen Menschen, den Paul Gerhardt erreichen will.

Wenig später verleiht der Poet sogar dem Herzen Augen (Geh aus mein Herz … Schau an …), möchte er doch, dass die Herz-Augen wahrnehmen: Für Dich, mein Herz, und für mich ist diese Pracht gestaltet.

So ernst nimmt der Dichter sein Herz! So ernst nimmt er sein ganzes Sein!

 

Alliterationen finden sich in Hülle und Fülle und diese gleichen Anlaute bringen nun einmal die Seele zum Klingen wie die G-Anlaute in Gottes Gaben, das Schau der schönen Gärten oder Salomonis Seide.

 

Die Lerche schwingt sich in die Luft,

Das Täublein fleugt aus seiner Kluft

Und macht sich in die Wälder;

Die hochbegabte Nachtigall

Ergetzt und füllt mir ihrem Schall

Berg, Hügel, Talbot und Felder.

 

Fast selbstverständlich will da erscheinen – was für diese Zeit übrigens noch ganz und gar nicht üblich war -, dass die Natur menschliche Züge trägt oder – wie man zu sagen pflegt – personifiziert ist:

Das Erdreich bedeckt sich, ein menschlicher Vorgang, oder Narzissus und Tulipan bekleiden sich.

Der junge Goethe oder die Romantiker werden auf diese Weise wie selbstverständlich schreiben, in der Zeit des Barock war das ganz und gar nicht gang und gäbe, zumal Paul Gerhardt in eine Zeit geboren wurde, die zu den unwirtlichsten gehören sollte, die Deutschland jemals erlebte:

Elf Jahre nach seiner Geburt brach der Dreißigjährige Krieg aus und nicht nur die Heere Wallensteins und Gustav Adolfs von Schweden zogen durch die Lande, sondern auch die Pest. 

Trotz alledem ist für Paul Gerhardts Herzgesang alleiniger Maßstab das, was dem Höchsten klingt:

Ich selbsten kann und mag nicht ruhn;

Des großen GOttes großes Tun

Erweckt mir alle Sinnen;

Ich singe mit, wenn alles singt,

Und lasse, was dem Höchsten klingt,

Aus meinem Herzen rinnen.

 

 

Übrigens kam es in Berlin wegen der Amtsenthebung von Paul Gerhardt zu einer großen Unruhe, war doch unser Dichter als Prediger und Poet angesehen und beliebt. Auf vielseitiges Drängen entschloss sich deshalb der Kurfürst, auf die Unterschrift Paul Gerhardts zu verzichten, damit dieser weiter seines Amtes walten könne.

Doch dieser verzichtete ebenfalls – auf sein Amt!

Paul Gerhardt hatte gewiss kein leichtes Leben. Als er nach Ende des Dreißigjährigen Krieges heiratete, gebar ihm seine Frau Anna Maria fünf Kinder, von denen nur eines überlebte. 

Nach 17 Jahren Ehe starb seine Frau an einer damals unheilbaren Lungentuberkulose.

Und dennoch dichtet unser Dichter:

 

Doch gleichwohl will ich, weil ich noch

Hier trage dieses Leibes Joch,

Auch nicht gar stille schweigen;

Mein Herze soll sich fort und fort

An diesem und an allem Ort

Zu deinem Lobe neigen:


Hilf mir und segne meinen Geist

Mit Segen, der vom Himmel fleußt,

Daß ich dir stetig blühe!

Gib, daß der Sommer deiner Gnad

In meiner Seelen früh und spat

Viele Glaubensfrücht erziehe!

 

 

Hier nun das ganze Lied, und wer mag, lese im Anschluss noch, wie Paul Gerhardts Lied Schranken überwandet und seiner Zeit – auch im theologischen Bewusstsein, das sich darin spiegelt, seiner Zeit weit voraus war.

 

Paul Gerhardt

Geh aus, mein Herz

Geh aus, mein Herz, und suche Freud 
In dieser lieben Sommerzeit 
An deines GOttes Gaben; 
Schau an der schönen Gärten Zier 
Und siehe, wie sie mir und dir 
Sich ausgeschmücket haben. 

Die Bäume stehen voller Laub, 
Das Erdreich decket seinen Staub 
Mit einem grünen Kleide; 
Narcissus und die Tulipan, 
Die ziehen sich viel schöner an 
Als Salomonis Seide. 

Die Lerche schwingt sich in die Luft, 
Das Täublein fleugt aus seiner Kluft 
Und macht sich in die Wälder; 
Die hochbegabte Nachtigall 
Ergetzt und füllt mir ihrem Schall 
Berg, Hügel, Tal und Felder. 

Die Glucke führt ihr Völklein aus, 
Der Storch baut und bewohnt sein Haus, 
Das Schwälblein speist die Jungen; 
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh 
Ist froh und kömmt aus seiner Höh 
ins tiefe Gras gesprungen. 

Die Bächlein rauschen in dem Sand 
Und malen sich und ihren Rand 
Mit schattenreichen Myrten; 
Die Wiesen liegen hart dabei 
Und klingen ganz vom Lustgeschrei 
Der Schaf und ihrer Hirten. 

Die unverdroßne Bienenschar 
Fleucht hin und her, sucht hie und dar 
Ihr edle Honigspeise. 
Des süßen Weinstocks starker Saft 
Bringt täglich neue Stärk und Kraft 
In seinem schwachen Reise. 

Der Weizen wächset mit Gewalt, 
Darüber jauchzet Jung und Alt 
Und rühmt die große Güte 
Deß, der so überflüssig labt 
Und mit so manchem Gut begabt 
Das menschliche Gemüte. 

Ich selbsten kann und mag nicht ruhn; 
Des großen GOttes großes Tun 
erweckt mir alle Sinnen; 
Ich singe mit, wenn alles singt, 
Und lasse, was dem Höchsten klingt, 
Aus meinem Herzen rinnen. 

Ach, denk ich, bist du hier so schön 
Und läßt du uns so lieblich gehn 
Auf dieser armen Erden, 
Was will doch wohl nach dieser Welt 
Dort in dem reichen Himmelszelt 
Und güldnem Schlosse werden! 

Welch hohe Lust, welch heller Schein 
Wird wohl in Christi Garten sein! 
Wie muß es da wohl klingen, 
Da so viel tausend Seraphim 
Mit eingestimmtem Mund und Stimm 
Ihr Alleluja singen! 

O wär ich da, o stünd ich schon, 
Ach, süßer GOtt, für deinem Thron 
Und trüge meine Palmen: 
So wollt ich nach der Engel Weis 
Erhöhen deines Namens Preis 
Mit tausend schönen Psalmen! 

Doch gleichwohl will ich, weil ich noch 
Hier trage dieses Leibes Joch, 
Auch nicht gar stille schweigen; 
Mein Herze soll sich fort und fort 
An diesem und an allem Ort 
Zu deinem Lobe neigen: 

Hilf mir und segne meinen Geist 
Mit Segen, der vom Himmel fleußt, 
Daß ich dir stetig blühe! 
Gib, daß der Sommer deiner Gnad 
In meiner Seelen früh und spat 
Viele Glaubensfrücht erziehe! 

Mach in mir deinem Geiste Raum, 
Daß ich dir werd ein guter Baum, 
Und laß mich wohl bekleiben; 
Verleihe, daß zu deinem Ruhm 
Ich deines Gartens schöne Blum 
Und Pflanze möge bleiben! 

Erwähle mich zum Paradeis 
Und laß mich bis zur letzten Reis 
An Leib und Seele grünen; 
So will ich dir und deiner Ehr 
Allein und sonsten keinem mehr 
Hier und dort ewig dienen.

 

Typisch für den Barock war, dass Menschen sich dem Carpe diem hingaben, also dem Motto: Genieße den Tag. Vor allem die prunkvollen Barockkirchen und -schlösser legen ein beredtes Zeugnis davon ab, dass mit aller Macht, wer konnte, damals die Grauen und Schrecknisse der Zeit, also den Dreißigjährigen Krieg und die Pest, Armut und Trübsal des Lebens vergessen machen wollte. Natürlich geschah dies im Rahmen der Feste der Fürsten und ihrer Bauten auf Kosten der einfachen Menschen, die zu Abgaben und Frondiensten gezwungen wurden, die ihnen das letzte Mark aus den Knochen sogen.

Auf der anderen Seite gab es diejenigen, bevorzugt Bürgerliche, niederere Geistlichkeit und einfaches Volk, die ihre ganze Hoffnung auf das Jenseits projizierten, was in der Formel vanitas vanitatum zum Ausdruck kommt und was Andreas Gryphius in einem Gedicht so formuliert: Es ist alles eitel.

Das Diesseitige ist alles Tand, wertlos … wir hoffen auf das Jenseits.

Diese Einstellung mag man aus heutiger Sicht, wo für viele, wenn die Börsenkurse wieder mal fallen oder die Krankenkassenbeiträge sich erhöhen, schon eine Welt zusammenbricht, nur zu gut verstehen. Heute wird über alles Mögliche geschimpft, damals flüchteten die Menschen in eine Jenseitshoffnung, wo alles Elend ein Ende hat.

Auch im Lied Paul Gerhardts klingt dieses Denken an, beispielsweise in den Zeilen:

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O wär ich da, o stünd ich schon, 
Ach, süßer GOtt, für deinem Thron 
Und trüge meine Palmen (…)

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Doch bleibt der Dichter hier nicht stehen, denn noch in der letzten Strophe formuliert er, dass er bis zur letzten Reis grünen will, eben auf der Erde, dass er Gott dienen will, hier auf der Erde.

Er hat im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, die entweder ganz diesseitig oder ganz jenseitig orientiert waren – im Grunde hat sich das bis heute nur wenig verändert – die Botschaft des VATER UNSER verstanden, denn dort heißt es dezidiert:

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Deine Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

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Es ist jene Aussage, die wir auch in der Tabula smaragdina des Hermes Trismegistos finden, in der es heißt: wie oben so unten.

Wie im Himmel, so auf Erden.

Wir nehmen auf der Erde die Sommerzeit mit ihrem Blühen und Reifen wahr, zugleich aber auch den Sommer als Sommer seiner Gnad, wie Paul Gerhardt in der drittletzten Strophe formuliert.

Mittels seiner Metaphern weist uns der Dichter den Weg nach innen.

Es geht auch, aber nicht nur um der schönen Gärten Zier (1. Strophe) im Außen, sondern eben auch darum, dass wir, wie es in der vorletzten Strophe heißt,

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deines Gartens schöne Blum 
Und Pflanze möge(n) bleiben!

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In unserem Inneren!

So gibt es einen paradiesisch schönen Garten im Außen und den göttlichen, dessen Frieden und Liebe im Grunde in uns ist.

Hier, im Leben, so sieht es Paul Gerhardt, hier auf der Erde möchte der Dichter und mögen seine Mitsänger sich begreifen als eine Blume aus Gottes Garten.

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Dass ich Dir stetig blühe!

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In diesem Blühen für Gott gerade auch hier in seinem Erdenleben erweist sich Paul Gerhardts Lebenssinn. Das ist sein Anliegen und er zeigt sich damit viel moderner, viel bewusster als seine Zeitgenossen und auch bewusster als die meisten Menschen heute:

Wahrlich geht es ihm um eine Verbindung von Himmel und Erde für die Erde im und durch den Menschen, durch dessen Dasein – durch unser Dasein.

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Nirgendwo, wenn nicht im Menschen,

findet die Hochzeit von Himmel und Erde statt

oder

wie Paul Gerhardt es formuliert:

 Hier und dort.

1

PS: Im Leben Paul Gerhardts haben viele Menschen eine bedeutende Rolle gespielt; stellvertretend – Ehre wem Ehre gebührt – möchte ich Johann Crüger, den Kantor der Berliner St.-Nikolai-Kirche nennen, der viele der Paul-Gerhardt-Lieder vertonte; die zweite Ausgabe des von ihm herausgegebenen Gesangbuches enthielt bereits 95 Paul-Gehardt-Lieder.

Ohne ihn hätten die Texte unseres Dichters nicht ihre so wertvolle Verbreitung gefunden.

Mögen sie nicht so schnell in Vergessenheit geraten!

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