Die Mutter liegt mir stets im Sinn! – Heinrich Heines Mutterland-Gedanken.

Für Heinrich Heine war Heimatland Mutterland. Dachte er an Deutschland, dann dachte er an seine Mutter

In gewisser Weise war das seltsam, denn eigentlich mochte er den Vater lieber. Jedenfalls lesen wir in der Biografie von Hauschild/Werner:

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Die Mutter, deren derb zuschlagende Hand auch die Nachbarskinder fürchteten, steht für Willenskraft, Rigorosität, Ernst, Moral, Disziplin und intellektuelle Kontrolle; der Vater verkörperte Güte, Liebenswürdigkeit, Heiterkeit und Lebenslust bis zum Leichtsinn: In seinem Gemüte war ständig Kirmes. Ihn hat Heine, eben weil er mehr Fehler hatte, mehr geliebt als seine Mutter.

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Doch die Lebensplanung übernahm die Mutter, die aus einer angesehenen Familie von Bankiers und Gelehrten kam: Ihr Ältester, Harry Heine (erst nach seinem Übertritt zum Protestantismus  nannte er sich Heinrich), sollte ein großer Strategiker werden. Mit der Herkunft der Mutter konnte der Vater nicht mithalten, kam er doch aus einer weniger hochgestellten, strenggläubigen norddeutschen Kaufmannsfamilie, was zur Folge hatte, dass der Laienführer der jüdischen Gemeinde den Zuzug eines unvermögenden auswärtigen Kaufmanns – Heines Vater war als Lieferant für die englische Armee tätig – verhindern wollte; mit Hilfe des Magistrats konnte für ihn ein Niederlassungsrecht in Düsseldorf erwirkt werden; erst dann konnten die Eltern heiraten. 

Vielleicht war es gerade die Strenge der Mutter, die ihrem Ältesten Form gab und in seiner schriftstellerischen Tätigkeit die Formsicherheit, die ihn später auszeichnen sollte, obwohl er mit der Hochsprache gewisse Probleme hatte. Das Düsseldorfer Platt hing ihm lange an; die Kölner Mundart fand er übrigens ekelhaft. Dennoch war die deutsche Sprache für ihn das eigentliche Vaterland, ihm, dem sein Jüdisch-Sein von Jugend an nicht gerade den Weg ebnete; noch 1814 wurde die Gleichstellung der Juden im Rheinland rückgängig gemacht.

Dass dennoch sein Verhältnis zur Mutter nicht unproblematisch gewesen sein mag und deshalb auch sein Verhältnis zum Weiblichen, mag man der Tatsache entnehmen, dass Heine gern gesehener Kunde in den Bordellen vieler Städte war. Ganz besonders in Hamburg auf der damals so genannten Drehbahn St. Paulis kannte er sich bestens aus, ja die Namen von Prostituierten sind sogar überliefert: Wir wissen von der Dragonerkathrine, dem dicken Posaunenengel-Hanchen, von der Knuddelmuddel-Marie, der scheuen Susanne und einigen anderen.

Dennoch und wie gesagt: Wenn er an Deutschland dachte – und seine Gedanken aus dem Pariser Exil müssen häufig über den Rhein gewandert sein – dann dachte er an die Mutter, nachzulesen in seinen Nachtgedanken:

 

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

 

Der Beginn dieses Gedichtest ist zum geflügelten Wort geworden. 1843 geschrieben, denkt natürlich der Leser, wenn er das Gedicht noch nicht kennt, zu Anfang, Heine beziehe sich auf die politische Situation in Deutschland am Vorabend der 48er Revolutionen. Die repressiven Regime und die Kleinstaaten in Deutschland taumelten ihrem Ende zu.

Ausgerechnet aber Heine, einer der politischsten und gesellschaftskritischen Dichter deutscher Sprache hat damit gar nichts am Hut:

Es geht ihm nur um die Mutter! Wie oft spricht er von der alten Frau, wie oft benennt er die Zahl der Jahre, die Auskunft darüber geben, wie lange er sie nicht gesehen  hat; er wiederholt sein Sehnen und Verlangen, und welche zärtliche Gewissheit spricht aus den Worten: Die alte Frau hat mich so lieb.

Kaum jemand wird sich diesen berührenden Zeilen entziehen können. 

Doch es wäre kein Heine-Gedicht, wenn es bei diesen Zeilen bliebe. Bei Heine knitzt und blitzt nur zu oft Ironie durch, auch Gedanken, die nachdenklich stimmen, aufrütteln, aus gewohnten Denkbahnen reißen.

Das geschieht bei ihm gern auch auf der formalen Ebene, die er – Gleiches gilt auch für seinen Umgang mit Worten – virtuos beherrschte, zu sehen in der Tonversetzung, mit der die folgende Strophe beginnt:

 

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd‘ ich es immer wiederfinden.

 

Verfasst ist dieses Gedicht in einem vierhebigen Jambus. Doch dieses Metrum ist dafür bekannt, dass der Akzent sich wirkungsvoll nach vorn ziehen lässt.

So ist in der eben zitierten Strophe – wie übrigens auch in der ersten Strophe – die erste Silbe der ersten Zeile betont. Das verändert die Metrik und lässt aufhorchen. – Zu Recht. Wer Heine kennt, weiß, dass Deutschland für ihn gewiss kein kerngesundes Land war. Denken wir nur an sein berühmtes Weber-Gedicht anlässlich der Weberaufstände von 1844, dessen erste und letzte Strophe lauten:

 

Im düstern Auge keine Thräne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
„Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch!

     Wir weben! Wir weben!

( . . . )

„Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Lüg’ und Schande,
Wo nur Verwesung und Todtengeruch –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch!

     Wir weben! Wir weben!

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Doch obwohl Heines Ironie mit Händen zu greifen ist in Deutschland hat ewigen Bestand – er fährt nicht in dieser Art fort, er kehrt zur Mutter zurück:

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Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt — wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich — Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual;
Mir ist, als wälzten sich die Leichen,
Auf meine Brust — Gottlob! Sie weichen!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

 

Heines Verhältnis zu Mathilde war gewiss nicht ungetrübt und seine Eifersucht legendär. Sein Schicksal war ohnehin schlimm, ebenso sein Siechtum in der berühmten Matrazengruft, das sich bereits andeuten mochte.

Für ihn mag der französische Morgen und das Sonnenlicht eine Erlösung gewesen sein, vielleicht eine nicht ganz freiwillige, wusste er doch, dass er sich mit Frankreich zu arrangieren hatte, war doch eine dauerhafte Rückkehr nach Deutschland so gut wie ausgeschlossen.

Mich lassen die Zeilen Heines nachdenklich sein, wie es mir oft mit seinen Gedichten geht, die im Grunde auf irgendeine Weise fast immer ergreifen.

Deutschland ist Mutterland.

Inmitten eines Europas der Mutterländer?

Dafür müsste es bei uns ein neues Bewusstsein geben, fernab von jedem falsch verstandenen Nationalismus, was mütterliche Gefühle bedeuten und wie sich Mütterlichkeit zeigt:

In unserem Land.

Wärme nach innen?

Schutz nach außen? – Beispielsweise vor dem Bespitzeltwerden durch sogenannte Freunde . . .

Beides sehe ich nicht.

Eine vaterlose Gesellschaft sind wir wohl schon weitgehend und wohl nicht erst auf dem Weg, wie Alexander Mitscherlich meinte.

Nun wird deutlich – mir vermittelt sich das auf dem Hintergrund des Heine-Gedichtes:

Eine mutterlose Gesellschaft sind wir auch.

Was eigentlich hält die Kinder noch zusammen?

Was lässt unsere große Familie im Kern gesunden?

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