Heimat, Gnade und Vergebung sind EINS: Theodor Fontanes „Archibald Douglas“.

Erst die Fremde lehrt uns,

was wir an der Heimat besitzen

aus den Wanderungen

Theodor Fontane hat im Rahmen seiner Balladengestaltung des Douglas-Stoffes die historische Wirklichkeit verändert – ich möchte sagen: wie es sein Herz ihm empfahl und befahl.

In Wirklichkeit starb Archibald Douglas of Kilspindie gebrochenen Herzens im Exil in Frankreich.

Fontane hat die Geschichte umgeschrieben und ihr damit einen Dienst erwiesen, denn die Geschichte der Menschheit lebt von Gedanken, die zur Tat drängen.

So wird dies auch mit Theodor Fontanes Werk sein: Es wird Menschen anregen, gnädig zu sein, weil sie die Bitte um Verzeihung eines Anderen respektieren. Es wird sie bewegen, Gnade walten zu lassen. Generationen von Schülern haben seitdem diese Ballade auswendig gelernt oder im Musikunterricht die Carl-Loewe-Vertonung gehört.

Hören wir, was Fontane zu Beginn des Jahres 1893 an seinen Freund Richard Maria Werner schrieb:

„Jakob V. hatte viel Streit mit dem Adel, besonders mit der Douglas-Familie. Archibald Douglas wurde schließlich auf Lebenszeit verbannt. Nach 7 Jahren kam er wieder und stellte sich bittend dem König entgegen. Der König wies ihn aber ab, und so mußte er das Land abermals verlassen. Ein englischer König, wenn ich nicht irre Heinrich VIII., mißbilligte dies und sprach den Reimspruch: ‚A King’s face / Shall give grace.‘ … Diese kleine Douglas-Geschichte machte einen großen Eindruck auf mich, und da ich ganz der Ansicht von Heinrich dem Achten war, so modelte ich den Stoff in dem entsprechenden Sinne … Die Ansprache des Douglas und die Antwort des Königs darauf, schrieb ich noch an demselben Abend, und zwar auf dem kalten, weißgetünchten Vorflur des K.[öniglichen] Schauspielhauses. Ich holte meine Frau ab und seh mich noch stehn, wie ich ein kleines Blatt nach dem andern an den Wandpfeiler legte, um mit dem Bleistift, der keine rechte Spitze mehr hatte, besser schreiben oder doch das Nötigste festhalten zu können. Es ist jetzt gerade 40 Jahre her.“

.

Einige Jahre hatte dieser Stoff  in Theodor Fontane gearbeitet, von dem er  in Walter Scotts Minstrelsy of the Scottish Border gelesen hatte, von jener menschlichen Tragödie also, wie sie sich in der Person des Archibald Douglas of Kilspindie spiegelt.

Als am 3. Dezember 1854 anlässlich des Stiftungsfestes des Tunnels über der Spree, einer literarischen Gesellschaft Berlins, die sich dem Motto Unendlicher Ironie und unendlicher Wehmut und Till Eulenspiegel als Schutzpatron verschrieben hatte, die Ballade unter dem Titel Der Verbannte vorgetragen wird – veröffentlicht wurde sie erst 1857 -, vereinigt sich in ihr auch ein halbes Jahrhundert eines Autoren-Lebens, das wechselhafter und erfahrungsreicher kaum hätte sein können.

Wenige Jahre zuvor hatte Fontane erleben müssen, dass sich seine Eltern ohne Scheidung trennten. Seine Mutter hatte ihm, wie er selbst in seiner Biografie Von Zwanzig bis Dreißig schreibt, einen Hang nach Arbeit und Pflichterfüllung, der Vater die erzählerische Begabung und sein anekdotisches Geschichtsverständnis vermittelt. Auf den Vater – er hatte eine Apotheke in Letschin und ihn liebte Fontane wirklich; der Mutter, die vor allem einer äußerlichen Reputation verpflichtet war, war er wenig zugetan – auf den Vater also ist zurückzuführen, dass er als junger Mann eine Ausbildung zum Apothekergehilfen gemacht und zunächst auch als solcher gearbeitet und eine Approbation als Apotheker erster Klasse erlangt hatte, bevor er sich – und das ist eine andere Seite dieser facettenreichen Persönlichkeit – 1848 an den Barrikadenkämpfen im Rahmen der Märzrevolution in Berlin beteiligt. Er gibt damals sein Leben als Apotheker auf und veröffentlicht politische Artikel in der radikaldemokratischen Dresdner Zeitung.

Nach dem Scheitern der März-Revolution nimmt Fontane ernüchtert und letztlich auch verbittert eine Lektorenstelle im Literarischen Kabinett des preußischen Innenministeriums an und gründet eine Familie mit Emilie Rouanet-Kummer; nur drei Söhne und eine Tochter der neun gemeinsamen Kinder allerdings überleben, ein Umstand, den Fontane mit Sicherheit sehr geprägt hat, ebenso wie die durchaus schwierige Ehe, die dennoch bis zu seinem Tod 48 Jahre durchhält

Zeit seines Lebens war Theodor Fontane Auslandskorrespondent, Zeitungsredakteur, Kriegsberichterstatter, Theaterkritiker und eben Autor mit einem sehr vielschichtigen Werk, dessen viele Facetten erst nach und nach entdeckt wurden und werden. Das mag auch daran liegen, dass Fontanes Schaffen aus Theaterrezensionen, Reise- und Wandertagebüchern, und Aufsätzen jedweder Richtung besteht, ein Umstand, den Germanisten oft nicht bedenken ließen, dass dieser Mann mit seinen Romanen, Erzählungen und Balladen nicht erfasst ist; immerhin ist er auch der bedeutendste Briefeschreiber der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis heute sind allein seine Briefe nicht umfassend und zusammengefasst redigiert.

Dass sein Leben durchaus wechselvoll war, mag verdeutlichen, dass sich sogar Otto von Bismarck 1870 als preußischer Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes für seine Freilassung einsetzen und persönlich für ihn intervenieren musste, als Fontane, im Auftrag des Deckerschen Verlages als Kriegsberichterstatter unterwegs, von französicher Seite als vermeintlicher Spion verhaftet wird.

Als dieser Mann am 20. September 1898 in Berlin seine Augen schließt, kann er wahrlich auf ein von Freude und Leid erfülltes Leben zurückblicken.

Seine Ballade Archibald Douglas zeugt von dem Widerspruch im Innern des Theodor Fontane, in dem zum einen der demokratische Agitator lebendig war, zugleich aber auch ein Teil sich den aristokratischen Helden zuwandte.

Widersprüchlich wird dies gemeinhin genannt. Spätestens seit Platons Gleichnis vom Seelenwagen und dessen Rossen, die doch immer nach verschiedenen Seiten ziehen wollen und Goethes Faust, der sich der reinen Liebe zu Gretchen hingezogen fühlt und gleichzeitig mit Hilfe Mephistos nach allen Regeln der Kunst an dieser Reinheit frevelt, wissen wir, dass es scheinheilig ist zu glauben, man könne einen Menschen seelisch über einen Kamm scheren.

Im Folgenden möchte ich mit Ihnen, mit Dir, liebe Leserin, lieber Leser, die Ballade genauer anschauen, die Zeugnis gibt von Fontanes großer schriftstellerischer Kunstfertigkeit und von seinem Geschick, die menschliche Seele lebendig vor unsere Seele zu rufen.

Gleich der Beginn der Ballade gibt ein Zeugnis von dieser großen Kunstfertigkeit, denn er beginnt sie mit einer über drei Strophen gehenden direkten Rede, die uns Archibald Douglas nahe treten, expositorisch das Geschehen, das dem Balladenbeginn vorausging, lebendig werden und uns zugleich den großen Gegenspieler des Douglas entgegentreten lässt:

 .

»Ich hab‘ es getragen sieben Jahr,                           I
und ich kann es nicht tragen mehr,
wo immer die Welt am schönsten war,
da war sie öd‘ und leer.

Ich will hintreten vor sein Gesicht                           II
in dieser Knechtsgestalt,
er kann meine Bitte versagen nicht,
ich bin ja worden alt,

Und trüg‘ er noch den alten Groll,                          III
frisch wie am ersten Tag,
so komme, was da kommen soll,
und komme, was da mag.«

.

Ein kühner und genialer Zugriff also, mit dem Fontane seine Ballade beginnen lässt. Der Gegenspieler des Grafen wird  mit Namen nicht genannt, denn klar nur ist, dass dieser Mann  – pars pro toto ist von seinem Gesicht die Rede – vor den Archibald Douglas hintreten will, eine entscheidende Rolle spielt. Es muss ein Geschehen gegeben haben, dass großen Groll in diesem Mann hervorgerufen haben muss, ja, es scheint sich fast datieren zu lassen, denn der Douglas spricht vom ersten Tag.

Zugleich lässt das wiederholt aufgenommene komme deutlich werden: Archibald Douglas hat keine eigene Ansprüche mehr; er nimmt alles, wie es kommt. Das verdeutlicht, in welcher seelischen Verfassung er sich befinden muss; auch seine körperliche scheint nicht die beste zu sein, finden wir ihn doch ermattet; kein Wunder bei seinem wohl recht hohen Altern und dem Harnisch, einer gewiss nicht leichten Ritterrüstung, die er nur notdürftig mit Hilfe eines Pilgerkleides tarnt, das doch zum Ausdruck bringt, in welcher Haltung er wirklich wahrgenommen sein will. Wie ein Büßergewand wirkt es.

.

Graf Douglas sprichts. Am Weg ein Stein                    IV
lud ihn zu harter Ruh‘,
er sah in Wald und Feld hinein,
die Augen fielen ihm zu.

Er trug einen Harnisch, rostig und schwer,                  V
darüber ein Pilgerkleid, –
da horch, vom Waldrand scholl es her
wie von Hörnern und Jagdgeleit.

Und Kies und Staub aufwirbelte dicht,                       VI
herjagte Meut‘ und Mann,  
und ehe der Graf sich aufgericht’t,
waren Ross und Reiter heran.

.

Genial, wie Loewe die Passage vertont hat – Hermann Prey hat sie unnachahmlich gut gesungen -, als der König dahersprengt; voller Dramatik wirbelt hier die Musik auf, jagen die Töne einher, nachdem sie vorher so ruhig die Ballade intonierten, fast besinnlich.

Kies und Staub, Meut´und Mann, Ross und Reiter – genial auch, wie Fontane in einer Strophe, in Strope VI die sich verändernde Situation und ihre Dramatik mittels dieser Dikola, gepaart mit Alliterationen zum Ausdruck kommen lässt.

.

König Jakob saß auf hohem Ross,                             VII
Graf Douglas grüßte tief,
dem König das Blut in die Wangen schoss,
der Douglas aber rief:

»König Jakob, schaue mich gnädig an                      VIII
und höre mich in Geduld,
was meine Brüder dir angetan,
es war nicht meine Schuld.

Denk nicht an den alten Douglas-Neid,                     IX
der trotzig dich bekriegt,
denk lieber an deine Kinderzeit,
wo ich dich auf den Knieen gewiegt.

Denk lieber zurück an Stirling-Schloss,                      X
wo ich Spielzeug dir geschnitzt,
dich gehoben auf deines Vaters Ross
und Pfeile die zugespitzt.

Denk lieber zurück an Linlithgow,                             XI
an den See und den Vogelherd,
wo ich dich fischen und jagen froh
und schwimmen und springen gelehrt.

O denk an alles, was einsten war,                             XII
und sänftige deinen Sinn,
ich hab‘ es gebüßet sieben Jahr,
dass ich ein Douglas bin.«

.

Schon hier mag der Leser zurecht vermuten, was sich ingesamt auch bestätigen wird, dass die Mehrzahl der Strophen Rede und Gegenrede beinhalten – sechzehn von dreiundzwanzig. Dies erklärt, woraus die Ballade ihre Kraft schöpft: Aus dieser Lebendigkeit der Rede und Gegenrede, die, was sich seelisch hier abspielt, so nah an uns herantreten lässt. Äußere Handlung finden wir kaum – allerdings, wenn sie vorhanden ist, an entscheidender Stelle. Hier ringen Seelen von vornherein um eine menschliche Lösung – so will es Theodor Fontane und wollte es, als der die Realität damaligen Geschehens veränderte.

Auf hohem Ross sitzen – diese Redewendung steht umgangssprachlich für eine aufgeblasene, arrogante, hochmütige Haltung. König Jakob kann nichts dafür, dass Archibald Douglas sich auf dem Boden befindet. Doch nicht von ungefähr wird die Kluft zwischen den beiden dadurch mehr als deutlich.

An König Jakobs Reaktion lässt uns Theodor Fontane nur durch einen Hinweis auf eine körperliche Reaktion teilnehmen. Zum ersten Mal aber fällt hier das Wort Gnade in der Bitte des Douglas an den König – und er spricht ihn mit Namen an – ihn gnädig anzusehen.

Archibald verweist auf die Schuld seiner Brüder, die nicht seine gewesen sei, und man mag seine Hinweise auf ihre gemeinsame Zeit, als der Graf offensichtlich Erzieher des jungen Königs war, als bewussten Gebrauch der Tränendrüse ansehen. Tatsächlich mögen die Worte des Douglas als ein Zuviel an Unterwerfung, ein Zuviel an Trändendrüse empfunden werden.

Mir geht es nicht so. Ein Leser, der um den Hintergrund der Worte des Douglas weiß, weiß, auf was sie basieren, wird das kaum so empfinden mögen, zumal er – wir wir hören werden – bereit ist zu sterben.

Theodor Fontane hat es in den meisten seiner Werke verstanden, die Ebene des Menschlichen einzubeziehen auf eine authentische Weise, der ich persönlich mich nie entziehen konnte. Ich denke da an das Schicksal Effi Briests und die Worte, die ihre Eltern wechseln, als sie erkennen, dass ihre Tochter an dem Leid ihres jungen Lebens sterben wird, und an die ihres Mannes, des Baron von Instetten, als er erkennt, dass er Effi vielleicht hätte nicht verstoßen müssen.

So hart wie dieser preußische Offizier meinte, reagieren zu müssen, um seiner verletzten Ehre Genüge zu tun, reagiert auch König Jakob:

.

»Ich seh‘ dich nicht, Graf Archibald,                       XIII
ich hör‘ deine Stimme nicht,
mir ist, als ob ein Rauschen im Wald
von alten Zeiten spricht.

Mir klingt das Rauschen süß und traut,                   XIV
ich lausch‘ ihm immer noch,
dazwischen aber klingt es laut:
Er ist ein Douglas doch.

Ich seh dich nicht, ich höre dich nicht,                     XV
das ist alles, was ich kann,
ein Douglas vor meinem Angesicht
wär‘ ein verlorener Mann.«

.

Schon allein die Stellung der Personalpronomina macht deutlich, dass diesem König sein Ego im Weg steht, um eine menschliche Reaktion zeigen zu können. Das anaphorische Ich und Mir zu Zeilenbeginn machen das deutlich und stehen einer herzlichen Lösung im Weg.  Alle Sinne hat König Jakob abgeschaltet, da soll nichts nach innen dringen. Ganz bewusst muss nicht zweimal ans Ende des Verses. Anaphern und Epipher markieren, was der König sich schuldig zu sein glaubt.

Dass er alles so rigoros abstellt, hängt damit zusammen, dass er zugleich ein Rauschen vernimmt, ein Tinitus seines Herzens, dem er sich nur schwer entziehen kann, klingt es doch süß und traut, eine Wortwahl, die zu seiner martialischen Reaktion gar nicht passen will.

Keine Frage, so martialisch er sich gibt, ist dieser König nicht – er steht dazwischen. Und dieses dazwischen klingt laut.

.

König Jakob gab seinem Ross den Sporn,                      XVI
bergan ging jetzt sein Ritt,
Graf Douglas fasste den Zügel vorn
und hielt mit dem König Schritt.

Der Weg war steil, und die Sonne stach,                       XVII
und sein Panzerhemd war schwer;
doch ob er schier zusammenbrach,
er lief doch nebenher.

.

Zwei Strophen, nur ein Nebensatz, sieben Hauptsätze; sieben Handlungshinweise. Und wie viel Inhalt steckt in dem einfachen Adverb doch! In dem so selten verwendeten schier.

Kaum wird Archibald Douglas, zumal es bergauf ging, in der Lage gewesen sein, gesprochen haben zu können.

Wie bei Jakob finden sich auch bei ihm viele ich, anaphorisch am Versanfang. Doch das sind keine Belege eines fürstlichen Ego. Alle leiten sie Aussagen voller Demut ein, nur um das Eine zu erreichen: wieder die Luft im Vaterland atmen zu dürfen.

.

»König Jakob, ich war dein Seneschall,                          XVIII
ich will es nicht fürder sein,
ich will nur warten dein Ross im Stall
und ihm schütten die Körner ein.

Ich will ihm selber machen die Streu                              XIX
und es tränken mit eigner Hand,
nur lass mich atmen wieder aufs neu
die Luft im Vaterland.

Und willst du nicht, so hab‘ einen Mut,                           XX
und ich will es danken dir,
und zieh dein Schwert und triff mich gut
und lass mich sterben hier.«

.

Wie bedeutend in der Folge ist dieser eine Satz, dass nämlich König Jakob vom Pferd herabspringt. Er spürt, dass es nicht mehr angemessen ist, über diesem Mann zu thronen, dem etwas heilig ist.

Wie wenige Menschen gibt es noch, denen etwas heilig ist!

Archibald Douglas ist sein Vaterland heilig. Und wie der Verlorene Sohn im biblischen Gleichnis dem himmlischen Vater im Grunde sagt, dass er bereit sei, alles zu tun, auf der niedrigsten Ebene zu arbeiten, nur, um wieder zu Hause sein zu dürfen, so bietet sich Archibald Douglas als Pferdeknecht an, bereit, den Stall auszumisten, die Streu dem Pferd des Königs aufzubereiten.

Dieser Liebe kann der König nicht widerstehen. Ohnehin hat man den Eindruck, vieles von dem, was er oben gesprochen hat, war Etikette, Fassade, seinem Herzen entsprang das nicht. Wie sehr wollte sicherlich sein inneres Kind dem Weggefährten seiner Kindheit um den Hals fallen, wie sehr hat es gelitten unter dem Anblick eines alternden Mannes, der am Ende seiner Kräfte, am Ende seines Lebensweges angekommen war.

Er muss sich, einem inneren Bedürnis folgend, auf eine Stufe mit Archibald Douglas stellen. Beide stehen sie auf der Erde, auf der Erde des geliebten Vaterlandes. 

Deutlicher als durch das Überreichen des Schwertes kann der König nicht sagen:

Lass wieder Vertrauen zwischen uns sein!

..

König Jakob sprang herab vom Pferd,                              XXI
hell leuchtete sein Gesicht,
aus der Scheide zog er sein breites Schwert,
aber fallen ließ er es nicht.

»Nimm’s hin, nimm’s hin und trag es neu,                      XXII
und bewache mir meine Ruh‘,
der ist in tiefster Seele treu,
der die Heimat liebt wie du.

Zu Ross, wir reiten nach Linlithgow,                               XXIII
und du reitest an meiner Seit‘,
da wollen wir fischen und jagen froh
als wie in alter Zeit.«.

In dieser Ballade bekennt sich Theodor Fontane zu Vergebung und Gnade, zur Versöhnung als zutiefst menschlicher Tugend.

Dieser Autor hat, obwohl er doch, darüber ausführlich schreibend, durch die Mark Brandenburg wanderte und die Regionen seiner Heimat liebte, alles Provinzielle, alles Tellerrand-Begrenzte zutiefst abgelehnt, daher auch seine Ablehung der anderen großen deutschsprachigen Realisten wie Theodor Storm.

Aber Heimat hat nichts mit der Enge der Provinz zu tun, auch, wenn man die Heimat, im Grunde jede Ecke dieses Zuhause liebt.

In Archibald Douglas, der Person und der Ballade, bekennt sich Theodor Fontane zu seiner Heimat, zu der Bedeutung der Heimat.

Wobei wir wissen: Man muss mit der Heimat im Reinen sein, um die wahre Heimat lieben zu können.

Jeder verlorene Sohn, der zurückkehrt, erzählt davon.

.

Ich möchte im Folgenden dem Leser dieser Zeilen noch einmal ermöglichen, die Ballade im Ganzen zu lesen:

.

 Theodor Fontane (1819-1898) 

 Archibald Douglas

»Ich hab‘ es getragen sieben Jahr,
und ich kann es nicht tragen mehr,
wo immer die Welt am schönsten war,
da war sie öd‘ und leer.

Ich will hintreten vor sein Gesicht
in dieser Knechtsgestalt,
er kann meine Bitte versagen nicht,
ich bin ja worden alt,

Und trüg‘ er noch den alten Groll,
frisch wie am ersten Tag,
so komme, was da kommen soll,
und komme, was da mag.«

Graf Douglas sprichts. Am Weg ein Stein
lud ihn zu harter Ruh‘,
er sah in Wald und Feld hinein,
die Augen fielen ihm zu.

Er trug einen Harnisch, rostig und schwer,
darüber ein Pilgerkleid, –
da horch, vom Waldrand scholl es her
wie von Hörnern und Jagdgeleit.

Und Kies und Staub aufwirbelte dicht,
herjagte Meut‘ und Mann,
und ehe der Graf sich aufgericht’t,
waren Ross und Reiter heran.

König Jakob saß auf hohem Ross,
Graf Douglas grüßte tief,
dem König das Blut in die Wangen schoss,
der Douglas aber rief:

»König Jakob, schaue mich gnädig an
und höre mich in Geduld,
was meine Brüder dir angetan,
es war nicht meine Schuld.

Denk nicht an den alten Douglas-Neid,
der trotzig dich bekriegt,
denk lieber an deine Kinderzeit,
wo ich dich auf den Knieen gewiegt.

Denk lieber zurück an Stirling-Schloss,
wo ich Spielzeug dir geschnitzt,
dich gehoben auf deines Vaters Ross
und Pfeile die zugespitzt.

Denk lieber zurück an Linlithgow,
an den See und den Vogelherd,
wo ich dich fischen und jagen froh
und schwimmen und springen gelehrt.

O denk an alles, was einsten war,
und sänftige deinen Sinn,
ich hab‘ es gebüßet sieben Jahr,
dass ich ein Douglas bin.«

»Ich seh‘ dich nicht, Graf Archibald,
ich hör‘ deine Stimme nicht,
mir ist, als ob ein Rauschen im Wald
von alten Zeiten spricht.

Mir klingt das Rauschen süß und traut,
ich lausch‘ ihm immer noch,
dazwischen aber klingt es laut:
Er ist ein Douglas doch.

Ich seh dich nicht, ich höre dich nicht,
das ist alles, was ich kann,
ein Douglas vor meinem Angesicht
wär‘ ein verlorener Mann.«

König Jakob gab seinem Ross den Sporn,
bergan ging jetzt sein Ritt,
Graf Douglas fasste den Zügel vorn
und hielt mit dem König Schritt.

Der Weg war steil, und die Sonne stach,
und sein Panzerhemd war schwer;
doch ob er schier zusammenbrach,
er lief doch nebenher.

»König Jakob, ich war dein Seneschall,
ich will es nicht fürder sein,
ich will nur warten dein Ross im Stall
und ihm schütten die Körner ein.

Ich will ihm selber machen die Streu
und es tränken mit eigner Hand,
nur lass mich atmen wieder aufs neu
die Luft im Vaterland.

Und willst du nicht, so hab‘ einen Mut,
und ich will es danken dir,
und zieh dein Schwert und triff mich gut
und lass mich sterben hier.«

König Jakob sprang herab vom Pferd,
hell leuchtete sein Gesicht,
aus der Scheide zog er sein breites Schwert,
aber fallen ließ er es nicht.

»Nimm’s hin, nimm’s hin und trag es neu,
und bewache mir meine Ruh‘,
der ist in tiefster Seele treu,
der die Heimat liebt wie du.

Zu Ross, wir reiten nach Linlithgow,
und du reitest an meiner Seit‘,
da wollen wir fischen und jagen froh
als wie in alter Zeit.«.

 .

 

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