Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen … Heinrich Heine aus seiner Matratzengruft.

Dass er einer meiner Lieblingsdichter sei, hätte Heinrich Heine (1797-1856) sich verbeten. Ein Lieblingsdichter wollte er, der Menschen zuallermeist, schon allein wegen seines zunehmenden Nervenleidens auf Distanz halten musste, gewiss nicht sein. Sein Krankenzimmer nannte er selbst Matratzengruft, hier hörte man keinen Laut; Heine ertrug das Gerassel der Kutschen, Handwerkergeräusche, Gezänk von Menschen oder Klavierspiel kaum. Mit geschlossen Augen schrieb er gegen Ende auf Folio-Bogen. In eine offen gehaltene Wunde im Nacken wurde jeden Morgen eine Dosis Morphium gestreut, um die Schmerzen erträglich zu halten. 

Was Heine genau hatte, weiß man letztendlich nicht. Seine Krankheit zog sich über 30 Jahre und wurde zunehmend zu einem fast unerträglichen Siechtum. 

Aufgrund seiner eigenen Bemerkungen lässt sich vermuten, dass er, der schon in seiner Jugend zweimal an Syphilis erkrankt war – sicherlich auch Folge seiner recht häufigen Bordell-Besuche -, dieser Krankheit endgültig Tribut zollen musste.

Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass Heinrich Heine einer Bleivergiftung zum Opfer fiel.

Vermutlich im Sommer 1849 entstand eines seiner für mich beeindruckendsten Gedichte aus seinem Lazarus-Zyklus.
Es ist überschrieben mit Enfant Perdu. Doch nie ist in ihm von diesem Tatbestand die Rede. Das Gedicht in seinem fünfhebigen Jambus ist voller Emotionalität und berichtet von dem Kampf eines Menschen auf seinem Posten, den dieser selbst – natürlich mag man Heine in seinem Pariser Exil in ihm finden – als verloren bezeichnet; dennoch bezeichnet er sich als unbesiegt.

Heine wäre nicht Heine, wenn ihm nicht auch im Rahmen dieses Gedichtes ein Kunstgriff gelungen wäre:

In den letzten beiden Strophen wechselt er zunächst ins Präsens, wodurch er einem Verhalten, wie er es zeigt, etwas zeitlos Gültiges verleiht, um in der letzten Zeile wieder zum Präteritum zurückzukehren, seinen eigenen Tod damit vorwegnehmend.

Uns Lebenden möge dieses Gedicht, das zu den großartigen Schätzen unserer Kultur und Literatur zählt, eine Mahnung sein, auch zu kämpfen, mit Mut und Durchhaltevermögen, aber auch das enfant perdu zur Sprache zu bringen, da, wo dies der Fall ist: möglicherweise in uns und ganz sicher zunehmend in unserer Gesellschaft.

Ich halte das für eine wesentliche Aufgabe von uns Lebenden.

.
Enfant Perdu

Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,

Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.

Ich kämpfe ohne Hoffnung, dass ich siege,

Ich wusste, nie komm ich gesund nach Haus.

 

Ich wachte Tag und Nacht – Ich konnt nicht schlafen,

Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar –

(Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven

Mich wach, wenn ich ein bisschen schlummrig war).

 

In jenen Nächten hat Langweil‘ ergriffen

Mich oft, auch Furcht – (nur Narren fürchten nichts) –

Sie zu verscheuchen, hab ich dann gepfiffen

Die frechen Reime eines Spottgedichts.

 

Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme,

Und nahte irgendein verdächt’ger Gauch,

So schoss ich gut und jagt ihm eine warme,

Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.

 

Mitunter freilich mocht es sich ereignen.

Dass solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut

Zu schießen wusste – ach, ich kann’s nicht leugnen –

Die Wunden klaffen – es verströmt mein Blut.

 

Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen –

Der eine fällt, die andern rücken nach –

Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen

Sind nicht gebrochen – nur mein Herze brach.

.

Heine, der so viel über religiöses Gebaren spottete und sich gern über bigotte Christlichkeit mokierte („Und fehlt der Pfaffensegen dabei, / Die Ehe wird gültig nicht minder -„), schrieb in Paragraph 7 seines Testamentes:

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Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele.

 

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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2 Antworten zu Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen … Heinrich Heine aus seiner Matratzengruft.

  1. Jochen Odendahl schreibt:

    Wie dieses sicher großartige Heinrich-Heine-Gedicht in der Re-Education instrumentalisiert werden kann (siehe „Kampf gegen rechts, ein Volk von Antifaschisten“, Artikel aus der FAZ online vom vergangenen Februar), weiß sicher nur der gutmenschliche (jaja, das Wort darf weiter verwendet werden) Verfasser des plump pidginenglischen Pamphletes gegen „Seehofer and Co“.

  2. Liebe Leser,

    damit Sie verstehen, was Herr Jochen Odendahl meint, hier der Link zu dem FAZ-Artikel:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kampf-gegen-rechts-ein-volk-von-antifaschisten-13429214-p4.html?printPagedArticle=true#pageIndex_4

    und hier der Link zu meinem Artikel:
    http://ethikpost.blogspot.de/2016/01/against-seehofer-and-co-widerlich-und.html

    Sein Hinweis zu meinem Pidgin-Englisch bezieht sich auf die Aussage:

    When you have more, than you need build a bigger table, not a higher fence!

    Vielleicht fühlt sich Herr Odendahl in seinem rechten Dasein inkriminiert, dass er auf diesen aufgesetzten FAZ-Artikel verweist und in einen Zusammenhang mit meinem Post bringt.
    Die Wortspülungen der FAZ sind wenig hilfreich und dokumentieren, warum es mit den gedruckten Medien niedergeht.

    Ich sehe Seehofer und Odendahl und Co nicht im Zusammenhang mit diesen oberflächlichen Zuordnungen von rechts und links, sondern im Zusammenhang mit einer Unfähigkeit, das, was ein Staat sicherlich tun muss, um die eigene Funktionsfähigkeit zu garantieren, zu verbinden mit dem, was es gilt, am Menschenmöglichem zu tun, damit Menschen, wo auch immer sie leben, überleben können.
    Wr sollten lieber alle Kräfte darauf fokussieren, die Herausforderungen gemeinsam zu meistern, anstatt Energien auf Odendahlsche und Seehofersche Weise zu zerfleddern.

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