♕ Gekommen zu erwärmen, was erstarrt! / Still ist die Nacht …

Öfters, als wir denken, spiegelt ein äußeres Geschehen uns eine innere Realität. Und nicht selten erzählen auch Dichter von einem äußeren Geschehen, das eine innere Realtät vermitteln kann, ja vielleicht auch – manches Mal unbewusst – will.

Wir finden das in einem der bekanntesten Weihnachtsgedichte, einem traurigen zugegebenermaßen. Denn es berichtet davon, dass ein Mann nicht zu reagieren vermochte auf das Stimmlein eines Kindes, das ihn im Grunde um Hilfe anrief. Das berührt mich deshalb, weil ich in den vielen Jahren meines Lehrerdaseins erkannt habe, wie sehr das, was ich mit Kindern in der Schule erlebte, ein Teil auch meiner inneren Realität ist, ob ich nun liebevoll reagieren konnte oder zu oft leider nicht. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass Kinder in meiner schulischen Realität solchen meiner inneren Wirklichkeit korrespondieren.

Wie das auch immer bei Theodor Storm gewesen sein mag; in Weihnachtsabend verarbeitet er sein Weihnachten 1852 in Berlin, das er fern von seiner Familie verbringen musste.

Es ist einer der berührendsten Weihnachtsgedichte von einem Autor, der nun gewiss kein großer Lyriker war, hier aber, wie ich finde, schon – und das mit einem großen Herzen:

 .

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
»Kauft, lieber Herr!« Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
»Kauft, lieber Herr!« den Ruf ohn Unterlass;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfaßte mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

.

War es tatsächlich Ungeschick oder Scham, dass der Mann nicht auf das Kind reagieren konnte?

Oder rief etwas in ihm nach ihm in Gestalt jenes Kindes – vergeblich?

Können wir das Hören von inneren und äußeren Kinderstimmen verlernen, so dass wir – wir wollen hoffen, dass es nicht so ist – auf die Stimme, die an Weihnachten an unser Ohr und in unser Herz klingen will, nicht reagieren können?

Kann es ein durch Bücherwissen zugestelltes Bewusstsein sein, dass uns zarte Stimmen von außen und innen nicht mehr hören lässt, wie es sich im Folgenden zeigt?

Dem höchsten Ehr‘ und allen Menschen Friede, / Die eines guten Willens sind!

Zu den vier Adventssonntagen habe ich jeweils das entsprechende Gedicht der Annette von Droste-Hülshoff hier zum Teil oder in Gänze eingebracht, weil ich es bemerkenswert finde, wie intensiv sich diese Frau und mit ihrer Heimat und Kultur zutiefst verbundene Lyrikerin mit dem Advent auseinandergesetzt hat. Auch zu und für Weihnachten hat sie eines geschrieben, überschrieben Am Weihnachtstage und es mag Zufall sein, dass es ganz ähnlich beginnt wie Storms Gedicht:

 .

Durch alle Straßen wälzt sich das Getümmel,
Maultier, Kamele, Treiber: welch Gebimmel!
Als wolle wieder in die Steppe ziehn
Der Same Jakobs, und Judäas Himmel
Ein Saphirscheinen über dem Gewimmel
Lässt blendend seine Funkenströme sprühn.

.

In den folgenden Strophen geht es darum, dass Israel, das auserwählte Volk, es verlernt hat, der göttlichen Feuersäule zu folgen, wie es seine Vorfahren nach ihrer Flucht aus Ägypten auf ihrem Weg durch die Wüste taten. Doch fleht die Dichterin:

 .

O tauet, Himmel, tauet den Gerechten!
Ihr Wolken, regnet ihn, den wahr und echten
Messias, den Judäa nicht erharrt!
Den Heiligen und Milden und Gerechten,
Den Friedenskönig unter Hassesknechten,
Gekommen zu erwärmen, was erstarrt!

.

Und sie fährt fort, indem sie deutlich macht, das nicht der Schriftgelehrte den Stern, der wie eine Freudenträne des Himmels zur Erde weint, erkennt und deshalb zu seinen Büchern zurückkehrt, sondern Hirten, Menschen eines einfältigen, in Eins gefalteten Gemütes.

Und so lauten die vier letzten der insgesamt 11 Strophen:

 .

Still ist die Nacht; in seinem Zelt geborgen
Der Schriftgelehrte späht mit finstren Sorgen,
Wann Juda’s mächtiger Tyrann erscheint.
Den Vorhang lüftet er, nachstarrend lange
Dem Stern, der gleitet über Äthers Wange,
Wie Freudenzähre, die der Himmel weint.

Und fern vom Zelte über einem Stalle,
Da ist’s, als ob aufs niedre Dach er falle;
In tausend Radien sein Licht er gießt.
Ein Meteor, so dachte der Gelehrte,
Als langsam er zu seinen Büchern kehrte.
O weißt du, wen das niedre Dach umschließt?

In einer Krippe ruht ein neugeboren
Und schlummernd Kindlein; wie im Traum verloren
Die Mutter kniet, Weib und Jungfrau doch.
Ein ernster, schlichter Mann rückt tief erschüttert
Das Lager ihnen; seine Rechte zittert
Dem Schleier nahe um den Mantel noch.

Und an der Türe stehn geringe Leute,
Mühsel’ge Hirten, doch die Ersten heute,
Und in den Lüften klingt es süß und lind,
Verlorne Töne von der Engel Liede:
Dem höchsten Ehr‘ und allen Menschen Friede,
Die eines guten Willens sind!

 .

Dürer Maria mit Kind

.

Ich wünsche meinen Lesern und überhaupt denen, die dieses Weihnachts-Post lesen, ein friedvolles Weihnachtsfest und dass die Stimme, die in der Bibel, bei der Droste, ja, bei Theodor Storm ruft, bis in unsere Herzen gelangen und dort erklingen möge.

das vollständige Gedicht findest Du hier

Die  Adventsgedichte der Droste sind unter  dem Tag Annette von Droste Hülshoff (siehe unten) oder mittels des in der Suchoption einzugebenden Stichwortes Droste auffindbar.

 

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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