Auf keinen Andern wart´ ich mehr! – Über die goldenen Fäden der Adventszeit.

Alfred Delp, dem tapferen Jesuiten, der am 2. Februar 1945 in Plötzensee hingerichtet wurde, verdanken wir Worte, die uns die Adventsgedichte der Annette von Droste Hülshoff tiefgehend verstehen lassen:

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„Der Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst. (…) Gerade in der Herbheit des Aufwachens, in der Hilflosigkeit des Zu-sich-selbst-Kommens, in der Erbärmlichkeit des Grenzerlebnisses erreichen den Menschen die goldenen Fäden, die in diesen Zeiten zwischen Himmel und Erde gehen und der Welt eine Ahnung von der Fülle geben, zu der sie gerufen und fähig ist.“ 

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Als Menschen spüren wir die goldenen Fäden der Advents- und Weihnachtszeit und durch die Worte Alfred Delps werden sie uns so recht bewusst. Jene goldenen Fäden geben Kunde von den Erschütterungen des Lebens, von denen auch die Droste ein Lied singen konnte und das gerade in der Adventszeit viermal tat. Auf dem Hintergrund der Worte des unbeugsamen Widerstandskämpfers leuchtet klar auf, warum in ihren Adventsgedichten immer wieder Gethsemane und Golgatha anklingen und in dem Gedicht, dem wir uns heute widmen, auch Tränen, blut´ger Tau, Dornen und Qual.
I
mmer wieder wird uns Menschen das Leben zur Qual, sind wir erschüttert, aber genau dann spüren und sehen und nehmen wir jene goldenen Fäden wahr, die in der Adventszeit so leuchtend präsent sind.
D
as Gedicht Annette von Droste- Hülshoffs Am dritten Sonntage im Advent möchte ich hier zur Gänze wiedergeben; es klingt Strophe für Strophe in uns an, beginnend mit einer so inbrünstigen Zeile und schließend mit einer Wortneuschöpfung, die uns den Blick öffnet über die goldenen Fäden hinaus, ganz im Sinne Alfred Delps, der auf seinem letzten Gang, auf dem Weg unter den Galgen, zu dem ihn begleitenden Gefängnispfarrer sagte: „In wenigen Augenblicken weiß ich mehr als Sie.

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Di
e Adventszeit mit ihren goldenen Fäden kann uns viel bewusst werden lassen.
D
arin liegt die eigentliche Gnade dieser Zeit.
D
en Zeilen der Droste liegen Worte aus dem Matthäus-Evangelium zugrunde, die sie in ihren ersten Versen aufnehmen wird. Sie lauten: Bist du, der kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

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Auf keinen Andern wart‘ ich mehr:
Wer soll noch Liebres kommen mir?
Wer soll so mild und doch so hehr
Mir treten an des Herzens Tür?
Wer durch des Fiebers Qual und Brennen
So liebreich meinen Namen nennen,
Ein Balsamträufeln für und für?


Du wußtest es von Ewigkeit,
Daß der Gedanken Übermaß,
Dem Sinn entzogner Herrlichkeit,
Zersprengen müßt‘ mein Hirn wie Glas;
So kommst du niedrig meinesgleichen,
Wie zu der Armut Fromme schleichen,
Dich setzend wo der Bettler saß.


Wenn fast zum Schwindeln mich gebracht
Der wirbelnden Betrachtung Kreis,
Dann trittst du aus der Dünste Nacht,
Und deine Stimme flüstert leis:
„Hier bin ich, bin ich, woll‘ mich fassen,
Dann magst du alles Andre lassen;
Auf meinem Kreuze liegt der Preis.“


O Stimme, immer mir bekannt,
O Wort, das stets verständlich mir,
Du legst mir auf der Liebe Band,
Und meine Schritte folgen dir!
In Liebe glaub‘ ich, Liebesglauben
Fürwahr soll keine Macht mir rauben;
Geschlossen ist des Grübelns Tür.


Gehemmt die Jagd, durch scharfen Stein
Und Dornen hetzend meinen Fuß;
Ich ruh‘ in deinem kühlen Hain
Und lausche deinem sanften Gruß.
Die Blinden sehn, die Kalten glühen,
Und aus des Irren Haupte ziehen
Der dumpfen Schatten Menge muß.


Ich folge dir zu Berges Höhn,
Wo Leben von den Lippen fließt,
Und deine Tränen darf ich sehn,
O tausendmal mit Heil gegrüßt;
Muß in Gethsemane erzittern,
Daß Schrecken Gottes Leib erschüttern,
Blutschweiße Gottes Stirn vergießt.


Er hat gehorsam bis zum Tod,
Ja, zu des Todes eitlem Graus,
Gekostet jede Menschennot
Und trank den vollen Becher aus:
So richte dich aus Dorn und Höhle,
Du meine angstgeknickte Seele;
Auch du nur trägst ein irdisch Haus.


Laß wanken denn die Türme grau
Und mische deine Tränen nur
Mit deines Heilands blut’gem Tau,
Gequälter Sklave der Natur;
Er, dessen Schweiß den Grund gerötet,
Er weiß es, wie ein Seufzer betet,
Mein Jesus, meine Hoffnungsau!

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 Siehe, ich sende meinen Engel vor deinem Angesichte her, der deinen Weg bereiten soll.“

 

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