. . . gewendet / Wie zum Polarstern halt das Eine fest, / Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

Auch die dunkelste Wolke hat einen silbernen Rand, so lautet ein chinesisches Sprichwort. Die allerdings, die Annette von Droste-Hülshoff in ihrem Gedicht „Am 2. Sonntage im Advent“ ersehnt, hat einen morgenrötlichen:

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Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn

Soll tragen?

Seh‘ ich das Morgenrot im Osten schon

Nicht leise ragen?

Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;

Ich seh‘ es flimmern, aber bleich, ach, bleich!

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Das sind keine Worte, die zum 2. Advent passen wollen. Schon in ihrem Gedicht Am ersten Sonntage im Advent fiel auf, wie wenig vorweihnachtlich die Stimmung der Droste ist. 

Ihre Gedichte, die sie für diese Zeit der Ankunft des Menschensohnes schreibt, thematisieren die Not ihrer Zeit und die der Menschen.

Das ist auch in ihren Gedanken zum zweiten Advent nicht anders.

Was aber besticht, ist die Tatsache, dass diese Frau nicht, wie so viele Menschen das gerne tun, jene Not auf äußere Umstände zurückführt, auf Einflüsse also von außen. Nein, sie gibt sich diesem Ablenkunsmanöver nicht hin:

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Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt

Entzündet,

Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt

Sich wohl entbindet

Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt

Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

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Wir kennen diese Naturtopoi ihrer westfälischen Heimat, die immer wieder, oft lautmalerisch eingesetzt, bei dieser Schriftstellerin auftauchen.

Doch sind sie auch und gerade Mittel, aufzuzeigen, wie es um das Flämmchen steht, von dem die 5. Strophe spricht:

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Gib dich gefangen, törichter Verstand!

Steig nieder

Und zünde an des Glaubens reinem Brand

Dein Döchtlein wieder,

Die arme Lampe, deren matter Hauch

Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

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Das erinnert an die Enge seines Zimmers, das die Enge seines Intellekts spiegelt, die auch dieser Mann, der doch alles studiert hatte, was es damals zu studieren gab, so schmerzlich empfunden hat: Faust in seinem engen gotischen Zimmer zu Beginn des gleichnamigen Werkes:

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Weh! steck ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes dumpfes Mauerloch,
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trüb durch gemalte Scheiben bricht!
Beschränkt mit diesem Bücherhauf …

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Das gilt für jene, die in dem Gefängnis des eigenen Verstandes stecken.

Das mögen nicht wenige sein.

Und wie zur Bestätigung spricht die Droste auch von jener Macht, die verneint, als ob sie Mephistopheles im Sinn gehabt hätte, wenn er sagt: Ich bin der Geist, der stets verneint!

Dieser Mephistopheles ist ein Teil von jedem von uns, und so kann die Droste uns nur zu Recht mahnend raten:

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Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind

Dir sendet

Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,

Und starr gewendet

Wie zum Polarstern halt das Eine fest,

Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

 

Wir erinnern uns an Fausts Selbstgespräch, als er sich nicht sicher ist, wie er das griechische logos übersetzen mag, das Luther mit Wort übersetzte

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Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

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Was Faust nicht weiß, ist, dass Mephisto ihm sehr nahe ist und gleich auftauchen wird, und immer, wenn dieser Lügengeist in seiner Nähe ist, stimmt nichts mehr in Fausts Wesen – Margarethes reine Seele hat das von Anfang an gespürt.

Da möchte die Droste, dass man fest, ja starr – wie der Schiffer auf hoher See den Polarstern als Orientierung nimmt – Sein Wort, sein heilig Wort als Wegzeichen weiß – in dem tiefen Wissen:

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Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn

Erkennen,

Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,

Und zitternd nennen

Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,

Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

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Und heute schon, es steht in Gottes Hand,

Erschauen

Magst du den Heiland und der Seele Brand

Gleich dem Vertrauen.

Zerfallen mögen Erd‘ und Himmelshöhn,

Doch seine Worte werden nicht vergehn.

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So endet dieses Gedicht zum zweiten Advent Jedes der Adventgedichte der Droste endet mit einer großen Zuversicht, wie sie auch der Bibeltext ausströmt, der dem Gedicht zugrundelag und -liegt:

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»Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. Wenn aber dieses zu geschehen anfängt, dann euer Erlöser kömmt. – Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.«

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hier das ganze Gedicht Am zweiten Sonntage im Advent

 

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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