Eine Liebe, so groß und ewig wie das Meer: Margaretes „Es war ein König in Thule“

Zwei Sätze haben sie miteinander gewechselt, Faust und Gretchen, bei ihrer ersten Begegnung.

Faust:

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, 

Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?

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So spricht man eine Dame von Stand an, so aber fühlt sich Gretchen als einfaches Bürgermädchen nicht:

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Bin weder Fräulein, weder schön!

Kann ungeleitet nach Hause gehen.

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Als ob ihr geringerer Stand ihre Schönheit beeinträchtigen könne, stellt Gretchen diese gleich mit in Abrede.

Doch Faust kennt die Wahrheit:

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„Beim Himmel, dieses Kind ist schön […]“.

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Faust wird der äußeren, vor allem aber auch der inneren Schönheit Gretchens nicht gerecht werden können.
Auch wenn seine Aussagen immer wieder in Zukunft Anklänge an das Hohelied Salomos
 erkennen lassen: 

Faust ist nicht Salomo, der Bräutigam des Hoheliedes, wohingegen Gretchen weit eher der Braut Sulamith gleicht; doch wird sie diese Liebe nicht leben können. Faust, im Banne des Mephistopheles, ist weit von dieser Liebe entfernt. Er wird Gretchen schwängern und sie, die ihr gemeinsames Kind ertränkt hat, zwar aus ihrer Kerkerhaft befreien wollen: Die aber erkennt diesen Faust, wahnsinnig geworden, bereits nicht mehr, er, der sich nie um sie gekümmert hatte, als sie allein mit ihrem Kind war, als sie seiner Hilfe bedurft hätte, er, der sich lieber mit geilen Hexen auf der Walpurgisnacht herumtrieb und erst zur Besinnung kam, als er in einer Vision das sterbende Gretchen sah, sie, nicht wie er sich im Harz auf dem Brocken herumtreibend, sondern im Kerker bei Wasser und Brot, hin- und hergerissen zwischen unendlichem Schmerz und Wahnsinn, kurz vor ihrer Hinrichtung.

Zurück zum Beginn jener Liebe:

Gretchen weiß bereits nach dem ersten Treffen und jenem kurzen Wortwechsel, welche Liebe sie leben möchte und singend erfindet sie in Faust I – allein in ihrem Zimmer – jenes Lied, das von einer Liebe erzählt, so tief wie das Meer und so frei, wie sie nur zwischen einem König und seiner Buhle sein kann: frei, grenzenlos, an keine Fesseln gebunden, überdauernd die Zeiten …

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Es war ein König in Thule
Gar treu bis an sein Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.


Es ging ihm nichts darüber,
er leert‘ ihn jeden Schmaus,
die Augen gingen ihm über,
so oft er trank daraus.


Und als er kam zu sterben,
zählt‘ er sein Städt‘ im Reich,
gönnt‘ alles seinen Erben,
den Becher nicht zugleich.


Er saß beim Königsmahle,
die Ritter um ihn her,
im hohen Vätersaale
dort auf dem Schloß am Meer.


Dort stand der alte Zecher,
trank letzte Lebensglut
und warf den heil’gen Becher
hinunter in die Flut.


Er sah ihn stürzen, trinken
und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken,
trank nie einen Tropfen mehr.

 

Den Becher, Symbol der Liebe zwischen dem König und der Geliebten, gibt jener nie aus der Hand, jeden Tag trinkt er aus ihm, und auch als er weiß, dass er sterben wird, gibt er ihn in niemandes Hand, sondern übergibt ihn dem Meer, Symbol der Ganzheit und ewigen Lebens.

Nicht von ungefähr erfindet Gretchen einen König, einen weisen alten König als männlichen Part ihrer Liebe. Solch eine reife Liebe wünscht sie sich, fühlt sie ihrer Liebe würdig. Wie der Becher in der letzten Strophe möchte sie trinken das Meer und sinken auf den Grund der Liebe. Das Es war zu Beginn klingt an an jenes Es war einmal der Märchen, jenen Bewusstseinszustand der Menschheit, als es zwischen Liebenden ein ganzheitliches Bewusstsein der Liebe gab.

Nicht von ungefähr sind beide nicht verheiratet; ihre Liebe ist ohne Normen, ohne Schranken, grenzenlos. So wie es auch, sehr zum Ärger orthodoxer Theologen, für das Hohelied gilt, auch da ist in Bezug auf Salomon und seine Sulamith an keiner Stelle von einer Ehe die Rede. 

Wahre Liebe bedarf keines Sakramentes. Sie ist selbst höchstes Sakrament.


Wenn wahrhaft Liebende sich finden, dann trinken sie im Meer der Liebe aus dem Meer der Liebe und jener Becher ist ihr Heiliger Gral. 
Liebe in Ewigkeit: Es gibt sie. 

Unsere Seele kehrt immer wieder, um genau jene Liebe zu suchen und zu finden, von der Paulus im Brief an die Korinther spricht, wenn er sagt:


Die Liebe höret nimmer auf, 

so doch die Weissagungen aufhören werden 

und die Sprachen aufhören werden 

und die Erkenntnis aufhören wird.


Liebe, die nimmer aufhört: Liebe, die immer währt.


Auch Faust kehrt in Faust II wieder. Und auch, als er dort stirbt, holt ihn Gretchen zum Himmel in dem Wissen, was der Chor der Engel, die Faustens Unsterbliches tragen, singt:


Wer immer strebend sich bemüht
Den können wir erlösen.

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Wer das nicht tut, bleibt gegebenenfalls endlos der Herrschaft des Kronos, der Zeit ausgeliefert und dem Jüngsten GerichtDas Jüngste Gericht ist ein Gericht der Zeit.

 

Aber die Liebe bleibt.

 

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