Lehrstunde in Bescheidenheit, Demut und Dankbarkeit. – Goethes weitgehend unbekannte Ballade „Der Sänger“.

In früheren Zeiten, da es noch nicht über 30 Fernsehprogramme und das Internet oder ebooks die Menge gab, war man durchaus um jede Abwechslung froh. Allerdings wussten die königlichen Höfe auch damals schon sich auf vielfältige Weise zu amüsieren. Man denke nur an den Beginn von Heinrich Heines Belsazar:

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Die Mitternacht zog näher schon;

In stummer Ruh lag Babylon.

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Nur oben in des Königs Schloss,

Da flackert´s, da lärmt des Königs Tross.

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Dort oben in dem Königssaal

Belsazar hielt sein Königsmahl.

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Die Knechte saßen in schimmernden Reihn,

Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

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In Der Sänger klingt es trotz der vielfältigen Amüsement-Möglichkeiten auch damaliger Zeiten – und nicht alle mussten ja nur im Saufen bestehen – dennoch so, als ob zu Beginn der König besonders überrascht und höchst erfreut ist, wenn er ausruft:

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Was hör ich draußen von dem Tor,

Was auf der Brücke schallen?

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In der Tat kannte er den Sänger, spricht er doch am Ende der ersten Strophe:

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„Lasst mir herein den Alten!“

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Diese Wortwahl kommt nicht von ungefähr. Von einem Alten zu sprechen ist hier nicht abwertend gemeint, denn immer auch wieder kennen wir Menschen, bei denen das Alter für Weisheit steht

So hier!

Nach diesen Betrachtungen wissen wir schon den Anfang der Ballade zu schätzen und die geneigte Leserin, der geneigte Leser möge sie mit Bedacht lesen, um den Schatz heben zu können, den sie enthält:

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Der Sänger

„Was hör’ ich draußen vor dem Thor,

Was auf der Brücke schallen?

Laß den Gesang vor unserm Ohr

Im Saale wiederhallen!“

Der König sprach’s, der Page lief;

Der Knabe kam, der König rief:

„Lasst mir herein den Alten!“

 .

„Gegrüßet seid mir, edle Herrn,

Gegrüßt ihr, schöne Damen!

Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!

Wer kennet ihre Namen?

Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit

Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,

Sich staunend zu ergetzen.“

 .

Der Sänger drückt’ die Augen ein,

Und schlug in vollen Tönen;

Die Ritter schauten muthig drein,

Und in den Schoß die Schönen.

Der König, dem das Lied gefiel,

Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,

Eine goldne Kette reichen.

 .

„Die goldne Kette gib mir nicht,

Die Kette gib den Rittern,

Vor deren kühnem Angesicht

Der Feinde Lanzen splittern;

Gib sie dem Kanzler, den du hast,

Und laß ihn noch die goldne Last

Zu andern Lasten tragen.

Ich singe wie der Vogel singt,

Der in den Zweigen wohnet;

Das Lied, das aus der Kehle dringt,

Ist Lohn, der reichlich lohnet.

Doch darf ich bitten, bitt’ ich eins:

Laß mir den besten Becher Weins

In purem Golde reichen.“

 .

Er setzt’ ihn an, er trank ihn aus:

„O Trank voll süßer Labe!

O wohl dem hochbeglückten Haus,

Wo das ist kleine Gabe!

Ergeht’s euch wohl, so denkt an mich,

Und danket Gott so warm, als ich

Für diesen Trunk euch danke.“

..

Wir finden dieses Gedicht, diese Ballade, übrigens nicht in einer Sammlung Goethescher Gedichte, sondern im zweiten Buch des 11. Kapitels seines Romans Wilhelm Meisters Lehrjahre. Natürlich ist dann interessant, in welchem Handlungszusammenhang dieses Lied gesungen wird. Dazu sei hier so viel angemerkt, dass dort am Abend zuvor ein ziemlich wüstes Gelage stattgefunden hatte, an dessen Ende der Wirt sogar die Wache hatte rufen müssen, weil die Gesellschaft, zu der auch Wilhelm Meister, der jugendliche Protagonist des Romans, zu dieser Zeit gehörte, außer Kontrolle geraten war.

Am nächsten Morgen sucht Wilhelm den Wirt zu besänftigen und lässt den Schaden und die Zeche auf seine Rechnung schreiben, als ein Harfenspieler auftaucht, den einige der Gesellschaft nicht wirklich hören wollen, Wilhelm aber schon.

Allein die Gestalt des Angekommenen steht in wohltuendem Kontrast zu den inneren Gestalten, die einige der Gesellschaft am letzten Abend geoffenbart hatten. Im Roman heißt es:

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Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze Gesellschaft in Erstaunen und er hatte schon von seinem Stuhle Besitz genommen, ehe jemand ihn zu fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte. Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haaren umkränzt, große blaue Augen blickten sanft unter langen weißen Augenbrauen hervor. An eine wohlgebildete Nase schloß sich ein weißer Bart an, ohne die gefällige Lippe zu bedecken, und ein langes dunkelbraunes Gewand umhüllte den schlanken Körper vom Hals bis zu den Füßen, und fing er auf der Harfe, die er vor sich genommen hatte, zu präludieren an.

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In der Folge zeigt sich, dass seine Lieder die Geister scheiden. Nach seinem ersten Vortrag bringen es einige der Gesellschaft fertig, alberne Bemerkungen zu machen und darüber zu streiten, ob der harfenspielende Sänger ein Pfaffe oder ein Jude sei. Doch werden sie zunehmend offener und Wilhelm Meister ruft ihm zu:

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wer du auch seist , der du als ein hülfreicher Schutzgeist mit einer segnenden und belebenden Stimme zu uns kommst, nimm meine Verehrung und meinen Dank, fühle, daß wir alle dich bewundern, und vertrau uns, wenn Du etwas bedarfst.

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Und nun folgt obiges Lied, das im Roman im Übrigen keine Überschrift trägt, in welchem der Sänger Wilhelm und der Gesellschaft anvertraut, wessen er bedarf.

Es zeigt durchaus typische Goethesche Qualitäten, beginnend bei der gekonnten Verschmelzung von wörtlichen Reden mit der Darstellung des Geschehenshorizontes, der immer mehr in den Hintergrund tritt zugunsten dessen, was der Sänger durch seine Worte überreicht, zahlreichen Ausrufen, die die Gefühlsintensität des ganzen Geschehens vermitteln, parallelen Satzstrukturen, Anaphern und einer ungewöhnlichen Reimform, die in jeder der sechs Strophen sich wiederfindet, nämlich ababccd: Einem Kreuzreim folgt ein Paarreim und zum Abschluss findet sich eine Waise, eine Zeile ohne Reimpendant also.

Dieses Reimschema findet sich, wie gesagt, in der gesamten Ballade.

Von daher erkennen wir, dass hier eine bewusste Gestaltung vorliegt. Das gilt sehr wohl auch für den Inhalt, kontrastiert jener doch dem aufs Höchste, was am Abend zuvor abgegangen war. Da führte übermäßiger Weingenuss zu Entartungen übler Art, wie sie sie ja auch in Heines Ballade finden, dort in deren weiterem Verlauf mit der Folge, dass Belsazer sterben wird, ein auch seelisches Ende, das allem gottlosen Verhalten zuteil wird.

Umso mehr kontrastieren das Verhalten des Sängers und seine Botschaft, kontrastiert auch die Würde des Hauses, dem er seinen Gruß entbietet, wie er also die Edlen und ihre Damen anspricht, greift er doch sogar zu kosmischen Dimensionen, wenn er metaphorisch von Himmel spricht und die Anwesenden als Sterne sieht.

Was für eine Ehrerbietung.

Doch schließt der Sänger seine Augen, um sich nicht davon ablenken zu lassen, sondern sich ganz auf die Schätze seines Inneren konzentrieren zu können.

Als sein Lied zu Ende ist, möchte der König ihn reich beschenken und will dies mit einer goldenen Kette tun; auch wenn die Goldpreise nicht die Dimensionen heutiger Zeit erreicht hatten, gewiss ein fürstliches Geschenk.

Überraschend aber ist, wie mit Worten der Sänger reagiert. Fünf Verse Anlauf nimmt er, die seiner Wortwahl die Schärfe zu nehmen vermögen, nicht aber ihre Klarheit:

Er bezeichnet das Gold als Last!

Dabei galt Gold für Goethe als Symbol der Ganzheit.

Doch wusste der große Weimarer auch um die andere Seite, wenn er Margarete im Faust sagen lässt

.

Nach Golde drängt, / am Golde hängt / doch alles.

.

und diese Aussage mit einem

Oh wir Armen.

beendet.

Margarete erkennt die Last des Goldes; auch der Sänger weiß um sie.

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Goethes Anklänge an die Bibel und ihre Weisheiten sind in seinem Werk Legion und kein Wunder findet sich hier auch einer, allerdings durchaus versteckt – und vielleicht deshalb ganz besonders wunderbar

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Seht die Vögel unter dem Himmel an,

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sagt der Sohn Gottes, so lässt uns der Evangelist Matthäus wissen,

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sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; 

und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.

.

Ich singe wie der Vogel singt (…)

Um  obiges Biblische weiß der Sänger, er singt nicht, um Schätze zu sammeln. Ihm ist, dass er singen darf, Lohn genug.

Welches Bewusstsein um die Gabe der Stimme, die Gabe des Gesangs, die ihm als göttliches Geschenk gegeben!

Zugleich bittet er um Wein, um besten Wein in einem Glas, in reinem Glas!

Er weiß, was er möchte, er weiß, dass im Wein die Wahrheit liegt.

Diese Wahrheit verbirgt sich in der Verwandlung  von Wasser in Wein durch Jesus auf der Hochzeit zu Kana.

Damals und heute noch bedürfen wir der Verwandlung von Wasser in Wein, um die Anwesenheit des Göttlichen im Wunder zu begreifen.

Ich glaube mich  zu erinnern, bei dem Antroposophen Steiner gelesen zu haben, dass die Zeit kommen wird, wo das Göttliche wieder Wein in Wasser verwandeln wird.

Vielleicht nähern wir uns dieser Zeit.

.

Seltsam, dass Goethe dichtet:

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Er setzt es an, er trank es aus.

 O Trank der süßen Labe!

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Warum verwendet der weise Weimarer in einem Satz zunächst das Präsens, dann das Präteritum. Er hätte genauso schreiben können: Er setzt es an, er trinkt es aus.

Goethes Tempuswahl: Vielleicht geschah sie unbewusst.

Mit diesem Kunstgriff – wie auch immer er ihm in die Feder geflossen sein mag – lenkt der Weimarer den Fokus des Lesers unbewusst bewusst auf den Wert dessen, was nun noch kommt. Man kann die Weiche des Bewusstseins wohl kaum unauffälliger und zugleich gekonnter stellen.

Zunächst holt der Sänger den Anwesenden in deren Bewusstsein, wie wertvoll dieser Wein ist und wie privilegiert sie sind, solch einen Trank als kleine Gabe einschätzen zu können.

Ob sie wissen, wie privilegiert sie sind?

Doch dabei bleibt der Sänger nicht stehen, er lenkt ihren Blick auf das, was sie wirklich zu Privilegierten macht:

Auf die Möglichkeit, danken zu können.

Er nennt nicht, wofür sie danken könnten.

Er singt lediglich: Und danket Gott, so warm als ich

Seiner bittenden Aufforderung folgt keine adverbiale Bestimmung des Zwecks.

Es geht schlicht um Dank.

Dank ist nicht zweckgebunden, will keinen Nutzen.

Dank ist wie der Rauch Abels, der senkrecht nach oben steigt. Direkt zu Gott.

Niemand fragt, warum der Rauch gerade nach oben steigt.

Weil es Kain gibt, wird seine Bedeutung uns allerdings ganz bewusst.

Der Rauch als Symbol für Abels Dank will zu Gott.

Wer das versteht, ist wahrhaft bescheiden.

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Bescheidenheit: Das klingt nach Zurücknahme, nach: freiwillig ab ins zweite oder gar das dritte Glied.

Allerdings: Wer Bescheidenheit so versteht, versteht sie falsch. Das etymologische Wörterbuch gibt Aufschluss:

Ursprünglich bedeutet das Partizip Perfekt bescheiden, dass etwas vom Richter beschieden wurde, dann allerdings auch jemand sich bescheiden ließ, er also einsichtsvoll und erfahren und klug in ganz positivem Sinne war.

Jemand, der bescheiden ist, ist also keineswegs anspruchslos, sondern zeigt und hat Verständnis.

Wer das von sich sagen kann, dem spielt sein Ego keine Streiche mehr, der muss sich nicht mehr verkämpfen, weil er meint, mit Teufels Gewalt sein Recht durchsetzen zu müssen.

Wer, wie der Sänger, bescheiden ist, hat Sinn für das Wesentliche.
Auf solche Weise bescheiden ist niemand auf falsche Art anspruchslos!

Der Sänger ist  gerade nicht anspruchslos, im Gegenteil, darauf wird uns der Schluss verweisen. Dort formuliert er seinen Anspruch, der in seiner eigenen inneren Haltung zum Ausdruck kommt, deutlich.

Wie vor allem Mut zunächst die Demut kommt und der Hochmütige nie wirklich zu wahrem Mut gelangt, so gelangt kein Anspruchsloser zu wahrer Bescheidenheit.

Niemand soll sein Licht unter den Scheffel stellen.

Der Sänger tut es nicht. Im Gegenteil.

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In obigem Sinne ist Goethes Ballade Der Sänger bescheiden.

Dem Sänger ist von höchster Warte beschieden worden.

Er versteht.

Deshalb weiß er:

Die goldene Kette hätte sich selbst in den Mittelpunkt gestellt.

Sie hätte auch den Schenkenden in den Mittelpunkt gestellt.

Der Sänger aber stellt mit Hilfe des besten Weines aus reinem Glas Gott und unseren Dank an ihn in den Mittelpunkt.

Gott ist das Beste und Reinste gewidmet, was wir geben können:

Dank.

.Darum geht es dem Sänger.

Mancher hat in seiner Interpretation diese Ballade als Loblied auf Gesang und Wein herausgestellt. Man kann das gewiss so sehen – doch Goethe und sein Sänger verweisen auf Höheres:

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Und danket Gott

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Darum geht es in dieser Ballade.

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