„Das Geschenk der hohen Frau … Ein Licht, wenn alle andern Lichter erlöschen.“ – Vom Kampf des Lichtes gegen die Finsternis in Tolkiens „Herr der Ringe“.

Viele Philosophen und Theologen haben sich mit den Gegensätzen von Bösem und Gutem, von Dunklem und Hellem, der Finsternis und dem Licht auseinandergesetzt. Auch in Märchen, Mythen und der Literatur – man denke nur an die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren – sind diese Gegensätze beherrschendes Thema. Kein Wunder, sie beherrschen auch unser Leben.

Beherrschen?

Werden wir beherrscht von den menschliches Leben prägenden Gegensätzen?

Yin und Yang existieren allerorten

Wie gehen wir damit um, dass wir gesund sein können und krank, allein oder in Gemeinschaft sind, dass es Tag und Nacht gibt, Tod und Leben, Mann und Frau?

Hat nicht, wie es schon im Mittelalter hieß, jeder Mann eine Frau in sich und jede Frau einen Mann!

Hat das nicht C.G. Jung eindrucksvoll durch seine Forschung bestätigt: Jeder Mann hat seine Anima, jede Frau ihren Animus in sich!

Hat möglicherweise das Gute das Böse in sich – und umgekehrt?

Gehört beides zusammen in einen Kreis, wie Yin und Yang?

Sind wir nur vollständig, wenn das eine das andere integriert?

Gilt das auch für den Gegensatz von Böse und Gut?

Die Kenntnis der Wirkungsweise des Dunklen, des Bösen, seiner Tricks, Fallen, Kniffe und Hinterhältigkeiten kann durchaus hiflreich sein. Wer kann in dunkelster Finsternis sehen, wenn nicht Augen, die das Finstere kennen, zumindest um das Finstere wissen?

Sind nicht gerade von ungefähr diejenigen, die in Platons Höhlengleichnis aus dem Licht außerhalb der Höhle in die Dunkelheit der Höhle zurückkommen, blind, sehen nichts und werden verlacht, gedemütigt, ja sogar getötet?

Und kennen wir nicht Menschen, die wie blind und ohne Gegenwehr der Boshaftigkeit von Menschen ausgesetzt sind, weil sie diesem Bösen nichts entgegenzusetzen haben?

Widerstehet nicht dem Bösen, heißt es in dem Buch der Bücher.

Wenn man diese Aussage ganz und zu platt wörtlich nimmt, dann hätte Jesus nicht den Tempel reinigen und nicht den bigotten Pharisäern so oft Paroli bieten dürfen. Er hat es aber! Und zwar vollständig, konsequent, deutlich! – Sehr wohl hat er den Pharisäern die Kraft der Liebe entgegengesetzt, was diese bekanntlich nicht ertrugen und zum radikalsten aller Mittel griffen: das auszulöschen, was sie nicht ertragen können. – Die böse Königin im Schneewittchen-Märchen versucht dies ja schließlich auch.

Nur ist ein Kennzeichen der Liebe: Sie ist grundexistent, ist nicht auszulöschen, so wenig wie Leben auf Dauer auslöschbar ist. Gott sei Dank.

Doch eine Allzweckformel im Hinblick auf Widerstand gibt es nicht, Widerstand ist nicht Widerstand; zumal es offensichtlich einen gibt, der weit über das pure Widerstehen hinausweist.

Einen, der nicht um des Widerstehens Widerstand leistet, sich nicht im Dagegen-Sein erschöpft, sondern immer ein Ziel im Auge hat: Frodo will den Einen Ring aus der Welt schaffen, durch den so viel Unglück in sie gekommen ist und der, wenn er dem Dunklen Herrscher in die Hände fällt, dessen Weltherrschaft zur Folge hätte.

Tolkien weiß, wie lebens-gefährlich das Dunkel ist

Weder das Licht noch die Liebe dürfen untergehen. Bisher sind sie es auch nicht. Wie wir gehört haben: Sie können es auch nicht.

Doch ist es manchmal bitterkalt um sie. Dann leiden alle Menschen! Die ganze Natur. Der „Frühling“ 2013 gibt ein beredtes Zeugnis davon.

Eindrucksvoll wird das immer an den Stellen in Tolkiens Werk, wo das Böse dominiert. Wie da die Natur geschildert wird, wie sie unter dem Bösen mitleidet, sich verändert hat, das geht an die Substanz, da kann eigentlich kein Wesen leben; teilweise sind selbst die Wasser vergiftet.

Eine beispielhafte, aber noch relativ harmlose Stelle findet sich, als Frodo, Sam und Gollum  sich Minas Morgul, dem – übersetzt – Turm der Schwarzen Magie nähern, da heißt es:

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Breite flache Streifen erstreckten sich längs beider Ufer, schattenhafte Wiesen, mit fahlweißen Blumen bestanden. Auch die Blumen schimmerten, schön und doch abscheulich von Gestalt, wie Wahngebilde in einem bösen Traum. Sie verströmten einen schwachen, aber widerlichen Verwesungsgeruch, der das ganze Tal erfüllte.

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Es sind die Taten der Namenlosen und Unscheinbaren, die die Welt retten

Selten habe ich Bücher gelesen, die die ganze Tücke, Häme, List, Verschlagenheit und Macht des Dunklen so eindrucksvoll und realistisch zu zeigen vermögen. Wie viel die Ring-Gefährten riskieren müssen, um den Einen Ring nicht in die Hände Saurons fallen zu lassen, ja, dass sie bereit sein müssen, ihr eigenes Leben zu opfern um der Sache willen, die doch keine Sache ist, denn Licht ist mehr: Das wird deutlich. Mehr als einmal sind sie am Rand einer entscheidenden Niederlage, mehr als einmal drohen sie aufzugeben, aufgeben zu müssen. Doch Frodo und seine Kampfgefährten tun es nicht. Und es sind die eher Unscheinbaren, die ihm so große Hilfe leisten wie Samweis Gamdschie, schlicht Sam genannt, der kauzige, recht unspektakuläre Hobbit, eigentlich Gärtner von Beruf.

Doch auch die, die über höchste Fähigkeiten verfügen wie der Zauberer Gandalf, stellen ihre Person hinter die Sache. Da findet sich kein aufgeblähtes Ego und man denkt unwillkürlich an Atréju aus Michael Endes Unendlicher Geschichte, dem der Sinn nicht nach Eitelkeiten steht, sondern dem es allein um das Leben, das Überleben der kindlichen Kaiserin geht.

Menschen dieser Art gibt es nicht viele, und manche muss das Leben auch erst formen, damit sie Aufgaben übernehmen können, die im Dienst des Lichtes und der Liebe, im Dienst Phantasiens und Mittelerdes ausgeführt werden. Auch ein Jonas, Prophet des Alten Testaments, war nicht von Beginn an bereit, nach Ninive zu gehen, sein Leben zu riskieren, nur, um Menschen zu warnen. Als er es tut, hat er eine Nachtmeerfahrt der Seele hinter sich, die man niemand wünschen möchte: drei Tage im Bauch des Wals. – Was er danach als Geläuterter bewirkt, bewahrt die Seele vieler Menschen Ninives vor großem Unglück.

Die Zeit von Mittelerde ist vorbei.

Heute würde im Herrn der Ringe ein Balrog, eine der mächtigsten und widerlichsten Diener Melkors, sich des Internet bedienen, ein Sauron hätte ein Arsenal von chemischen und atomaren Waffen zur Verfügung, hätte ein Netz, das sich über die ganze Erde zöge, wäre ein Top-Terrorist, der sich immer im Hintergrund hält und andere für sich Angst und Schrecken verbreiten lässt mit nur dem einen Ziel: seiner Art von Weltherrschaft, der Herrschaft durch Angst, durch Ausgrenzung, durch Vernichtung dessen, was nicht in das eigene Schema passt. Wir kennen zur Genüge diese Menschen. Manchmal – das wissen wir aus der Vergangenheit – sind es übrigens auch Präsidenten, die  ihre Einstellung hinter einer religiösen Fassade, die nicht weniger rigoros ist als jene, die wir als links- oder rechtsradikal oder terroristisch brandmarken, verstecken. Gefährlich für den Frieden sind sie allemal. Ob sie wollen oder nicht stehen sie im Dienst des Dunklen Herrschers.

Ehrlich gesagt, hat mich das Lesen des Herrn der Ringe immer wieder ziemlich mitgenommen; manches Mal konnte ich nur ein paar Seiten lesen, so machtvoll waren die dunklen Gegner Frodos und so sehr bedrückten sie mich. Und wenn man all die Bilder mitsieht, die Tolkien entwirft, dann kann man schon stellenweise wie gelähmt sein.

Was für ein gerissener Typ allein dieser Saruman ist, habe ich an anderer Stelle an einer beispielhaften Eigenschaft von diesem aufgezeigt.

Nur gut, dass es Wesen in Mittelerde gibt, die all dem etwas entgegenzusetzen haben; und wie sehr haben doch die Elben Frodo und Sam auf ihrer Mission geholfen durch die wertvolle Nahrung, die sie ihnen mitgaben und die beiden zu überleben half, auch durch die Kapuzen-Mäntel, die sie ihnen schenkten und die beide immer wieder in entscheidender Weise nahezu unsichtbar machten, vor allem aber durch die Phiole ihrer weisen, lichtvollen Königin, der hohen Frau Galadriel: Das ist einfach besonders und es sind dies Passagen im Werk Tolkiens, die den Leser glauben lassen können, dass das Lichtvolle, Elbische siegt.

Geschenke der Liebe entfalten oft erst später ihren wahren Wert

Wie sehr haben wir Menschen Sehnsucht nach dem Elbenland. Wie warm wird dem Leser des Herrn der Ringe ums Herz, als sich Aragorn, Frodo, Gimli und wie sie alle heißen für eine Weile im Elbenland aufhalten dürfen.

Wie vorausschauend weise sind die Elben. Was für wertvolle Geschenke geben sie den Ring-Gefährten mit, als diese zu ihrer großen Mission aufbrechen. Oft sind es Geschenke, die diese gar nicht sonderlich euphorisch stimmen und die erst viel später ihren ganzen Wert zeigen.

Sie sind auch bitter notwendig angesichts ihrer mächtigen Gegner.

Unglaublich, wie gekonnt Tolkien beispielsweise diesen Gollum zeichnet, diese verkommene Gestalt, dem Bösen verfallen, eben der großen Spinne Kankra, der er, ohne dass diese es wissen, Frodo und Sam als Nahrung zuführen will, zuführen muss.

An solchen Stellen zeigt sich die ganze Meisterschaft Tolkiens, das Wissen, wie es auch in unserer Realität zugeht. Er weiß genau, dass, um das Böse besiegen zu können, das Gute sich auch einmal des Bösen bedienen muss, immer in der Gefahr, ihm zu unterliegen, nicht rechtzeitig das Blatt wenden, das Böse in seine Schranken weisen zu können. Frodo weiß, was für ein gefährlicher Bursche Gollum ist, und doch lässt er ihn die Führung Richtung Mordor übernehmen, wissend, dass er ohne ihn nie in das Namenlose Land gelangen würde, um den Ring zu vernichten, der so viel Elend über Mittelerde gebracht hat.

So lässt Tolkien diesen Gollum die Gefährten Sam und Frodo Richtung Mordor führen. Dass  dieser Gollum sie genau in die Arme Kankras führt, wissen sie nicht. Aber bis zu dieser Kankra wären sie ohne Gollum nie im Leben gekommen! Und sie müssen ja noch weiter!

Wie der englische Schriftsteller und eigentliche Begründer der Phantasy-Literatur – hinter der seinen steht allerdings innere Realität -, die Annäherung an diese fürchterliche Spinne Kankra schildert, das ist meisterlich, meisterlich schauderhaft; Tolkien beherrscht das; er lässt Frodo und Sam eine Höhle betreten, durch die sie müssen, es bleibt ihnen keine Wahl:

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Sie holten noch einmal tief Luft und traten hinein. Nach wenigen Schritten waren sie in vollkommener, undurchdringlicher Finsternis, wie Frodo und Sam sie seit den lichtlosen Gängen von Moria nicht mehr erlebt hatten; nur war sie hier womöglich noch tiefer und dichter. Dort hatte es noch Luftzug und Echo gegeben, und sie hatten den Raum erspüren können, in dem sie sich bewegten. Hier war die Luft reglos, dick und abgestanden, und alle Geräusche schienen zu ersticken. Es war, als gingen sie durch einen schwarzen Dunst, der aus dem Stoff der Finsternis selbst bestand und der, wenn man ihn einatmete, nicht nur die Augen, sondern auch den Geist mit Blindheit schlug, sodass selbst die Erinnerung an Farben, Formen und jederlei Licht verblasste. Nacht war immer gewesen, Nacht würde immer sein, Nacht war alles. (…) 

Das Atmen fiel ihnen immer schwerer, je höher sie kamen; und nun war ihnen auch noch, als spürten sie in der blinden Nacht einen Widerstand, der zäher war als die dicke Luft. Während sie sich vorwärts schoben, streiften Dinge über ihre Köpfe und Hände: Fühler, Fangarme oder herabhängende Gewächse, sie wussten nicht, was. Und immer übler wurde der Gestank, so erdrückend, dass sie fast glaubten, als einziges Sinnesorgan bleibe ihnen nur die Nase, und auch die nur zu ihrer Qual. Eine Stunde, zwei Stunden, drei: Wie viele hatten sie schon zugebracht in diesem lichtlosen Loch? Stunden, oder waren es eher Tage oder Wochen? Sam ging ab von der Tunnelwand und näher zu Frodo hin, ihre Hände trafen und umklammerten sich, und so gingen sie zusammen weiter. (…)

»Da ist irgendwas in der Nähe, das schlimmer ist als Gollum. Ich kann es spüren, irgendwas sieht uns an.«

Sie waren erst ein paar Schritte weit gegangen, als hinter ihnen ein bedrohliches Geräusch die dumpfe, wattige Stille zerriss: ein Gurgeln und Brodeln, gefolgt von einem langen, giftigen Zischen. Sie fuhren herum, aber zu sehen war nichts. Wie versteinert blieben sie stehen, starrten in die Dunkelheit und warteten auf wer weiß was.

»Eine Falle!«, sagte Sam und legte die Hand an den Schwertgriff; dabei dachte er an die Dunkelheit in dem Hügelgrab, aus dem die Waffe stammte. »Wenn doch bloß der alte Tom jetzt da wäre!«, dachte er. Dann, aus der Finsternis, in der er stand, schwarze Wut und Verzweiflung im Herzen, glaubte er, ein Licht zu sehen, ein inneres Licht, aber zuerst fast unerträglich hell, wie der erste Sonnenstrahl in den Augen eines Gefangenen, der lange in einem fensterlosen Loch gelegen hat. Dann nahm das Licht Farben an: grün, golden, silbern, weiß. In weiter Ferne, klein wie auf einem mit Eibenfingern gemalten Bild, sah er Frau Galadriel auf der Wiese in Lorien stehen, die Abschiedsgeschenke in den Händen. Und für dich nun, Ringträger, hörte er sie sagen, deutlich, obwohl von fern, habe ich dies bereitet.

Das brodelnde Zischen kam näher, und sie hörten ein Knarren wie von großen Gliedmaßen, die sich langsam und zielstrebig durch die Dunkelheit bewegten. Den Geräuschen wehte ein wüster Gestank voraus. »Chef, Chef!«, rief Sam, und seine Stimme klang wieder nach Leben und Tatkraft. »Das Geschenk der hohen Frau! Das Sternglas! Ein Licht sollte es an dunklen Orten für dich sein, hat sie gesagt. Das Sternglas!«

»Das Sternglas?«, murmelte Frodo, als antworte er aus dem Schlaf heraus, fast ohne zu verstehen. »Ach ja! Warum hatte ich es vergessen? Ein Licht, wenn alle ändern Lichter erlöschen! Und jetzt kann uns in der Tat nur noch Licht helfen.«

Langsam griff er in die Brusttasche, und langsam streckte er Galadriels Phiole vor sich in die Höhe. Zuerst flimmerte sie nur schwach wie ein aufgehender Stern, der dichte Erdennebel durchdringt; dann, als sie an Kraft gewann und in Frodo die Hoffnung stärkte, begann sie zu glühen und loderte silbern auf, ein kleiner Herd blendenden Lichts, als wäre Earendil selbst mit dem letzten Silmaril an der Stirn von den hohen westlichen Bahnen herabgestiegen. Die Dunkelheit wich zurück, bis die Phiole in der Mitte einer luftigen Kristallkugel zu leuchten und die Hand, die sie hielt, weiße Funken zu sprühen schien.

Voll Erstaunen blickte Frodo auf das wunderbare Geschenk, das er so lange bei sich getragen hatte, ohne seinen Wert und seine Kraft ganz zu ermessen. Selten nur hatte er sich unterwegs daran erinnert, bevor sie ins Morgultal kamen, und in dem Bedenken, dass sein Licht sie verraten könnte, hatte er es nie gebraucht. Aiya Earendil Elenion Ancalima!, rief er aus, ohne zu wissen, was er sagte; denn eine andere Stimme schien aus seinem Munde zu sprechen, klar und unbedrückt von der üblen Luft in der Höhle.

Aber noch andere Mächte walten in Mittelerde, Mächte der Nacht, alt und stark. Und sie, die in der Finsternis umging, hatte schon einst in den Tiefen der Zeit die Elben diesen Ruf ausstoßen gehört; und so wie er sie damals nicht geschreckt hatte, schreckte er sie auch jetzt nicht. Noch während er die Worte rief, fühlte Frodo sich umsponnen von einer großen Tücke und Maß genommen von einem mörderischen Blick. In geringer Entfernung, zwischen ihnen und der Öffnung in der Tunnelwand, wo sie gestürzt und getaumelt waren, wurde ein Augenpaar sichtbar, zwei große traubenförmige Augen mit vielen Fenstern. Wenigstens bekam der nahende Schrecken nun ein Gesicht. Die Strahlen des Sternglases brachen sich in den tausend Facetten und wurden zurückgeworfen, doch hinter dem Geglitzer begann nun inwendig ein fahles, tödliches Feuer zu glühen, ein stetiger Brand, der in einem Abgrund böser Gedanken entfacht sein musste. Ungeheure, abscheuliche Augen waren es, tierisch und doch bedachtsam, und mit hämischer Freude weideten sie sich am Anblick der Opfer, die ohne jede Hoffnung auf Entkommen in der Falle steckten.

Fassungslos vor Entsetzen begannen Frodo und Sam langsam zurückzuweichen, während die fürchterlichen Glotzaugen ihren Blick festhielten und ihnen Schritt für Schritt nachrückten. Frodos Hand zitterte, und langsam ließ er die Phiole sinken. Dann, plötzlich aus dem Bann entlassen, weil die Augen sich für ein Weilchen an der Vergeblichkeit ihrer panischen Fluchtversuche ergötzen wollten, drehten sie sich um und rannten zusammen davon; doch als Frodo im Laufen hinter sich blickte, sah er mit Schrecken, dass die Augen in großen Sätzen hinter ihnen herkamen. Der Todesdunst hüllte ihn schon wie eine Wolke ein.

»Bleib stehn!«, rief er verzweifelt. »Weglaufen nützt nichts.«

Die Augen krochen näher und näher.

»Galadriel!«, rief er, fasste sich ein Herz und hob wieder die Phiole empor. Die Augen hielten an. Für einen Moment zerstreute sich ihr Blick, als trübte sie der Anflug eines Zweifels. In Frodo flammte Wut auf, und ohne zu bedenken, was er tat, ob es Tollheit, Verzweiflung oder Mut war, nahm er die Phiole in die linke Hand und zog mit der rechten sein Schwert. Blitzend im silbernen Licht fuhr die scharfe Eibenklinge aus der Scheide, und an ihren Schneiden flackerte ein blaues Feuer. Das Sternglas hoch erhoben und das blanke Schwert vorgestreckt, ging Herr Frodo Beutlin aus dem Auenland festen Schritts den Augen entgegen.

Sie blinzelten. Besorgnis trat in sie, als das Licht näher kam. Eines nach dem ändern trübten sich die vielen Fenster, und langsam zogen sie sich zurück. Nie zuvor hatte eine so schmerzhafte Helligkeit sie gequält. Vor Sonne, Mond und Sternen waren sie in ihrer Höhle sicher gewesen, aber nun schien ein Stern unter die Erde herabgestiegen zu sein. Immer noch kam er näher, und die Augen hielten ihm nicht stand. Eines nach dem ändern erloschen sie und wandten sich ab; dann warf ein großer Rumpf außer Reichweite des Lichts seinen schweren Schatten dazwischen. Die Augen waren verschwunden.

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Frodo wird doch noch in die Hände von Kranka fallen und wieder wird Sam nur mit Hilfe der Phiole seinen Herrn befreien können.

Kämpfen für ein Elbenreich der Zukunft

Freilich ist das gesamte Geschehen, das Tolkien uns vor unser inneres Auge führt, ein Geschehen vergangener Zeiten. Aber es ist ein realistisches Bild der Macht des Bösen.

Vergessen wir nicht, welch ein Kampf auch zum Beispiel im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes tobt, was sich dort abspielt. Das ist nicht minder gravierend in den Ausmaßen des Geschehens.

Ich glaube, dass wir uns in dieser Zeit der Offenbarung befinden. Auf eine veränderte Weise gibt es die Tolkienschen Ebenen nach wie vor.

Weshalb mir sein Werk trotz aller Schwere, Düsternis und Finsternis, die Tolkien wohl notwendigerweise aufzeigen muss, gefällt, ist, weil die grandiose Leistung und die unbedingte Tapferkeit derer, die auf der richtigen Seite stehen, so deutlich wird: ihr Mut, ihre Redlichkeit, ihre Verweiflung, ihre menschlichen Reaktionen, seien sie auch Hobbits, Elben oder Zwerge.

Das finde ich so überzeugend, zugleich mutmachend, so dass das Werk Tolkiens ein unüberhörbarer Aufruf ist zu kämpfen für ein Elbenreich der Zukunft, das sich in unserer Gegenwart anbahnen muss.

Dabei ist unsere Hilfe das Licht, das auch in der Nacht leuchtet; es ist nicht das Licht Luzifers, des gefallenen Engels, des Lichtträgers, es ist nicht dessen kaltes Licht, dem so viele Menschen huldigen, ohne es zu wissen.

Es ist das warme Licht der Elben, des wahrhaft Göttlichen.

Das Licht des Herzens in uns.

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PS

Dieser Post schließt sich an den vorausgehenden, in welchem in ganz besonderer Weise die Thematik des Lichts im Vordergrund steht, an; wer diesen lesen möchte: hier klicken

Ein weiterer Post auf Methusalem zuTolkiens Herr der Ringe:

Hütet euch vor Sarumans Stimme! – Über die Enttarnung eines Blenders.

Auf der Ethikpost:

Das EGO als großer Gaukler. –

Die Versuchung durch den Ring, den wir doch alle in Händen halten!

 

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