❀ „Jeden Tag danke ich dem Himmel dafür, dass er mich schon als Kind blind werden ließ.“ – Auszüge aus Jacques Lusseyrans „Das wiedergefundene Licht“

Er ist acht Jahre, als er nach einem schrecklichen Unfall erblindet. Jacques Lusseyran erzählt seine Geschichte, weil sein Gegenüber wissen möchte, warum er das Leben liebe und das trotz eines Schicksals, das ihn erblinden ließ und das ihn nach seiner erfolgreichen Tätigkeit in der französischen Resistánce wegen eines einmaligen Irrtums in die Gefängnisse der Gestapo führt und nach wenigen Monaten nach Buchenwald.

Als Lusseyran bei einem Autounfall stirbt, ist er Universitätsprofessor für französische Literatur und an der Seite seiner dritten Frau Marie auf dem Sprung zurück nach Europa. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Ich kenne kein Buch, das Bedeutung und Qualität menschlicher Sinne so transparent macht und das erahnen lässt, welches Potential der Sinne noch in uns schlummert, wenn wir bereit sind, „blind“ zu sein und auf neue Weise den Pfad der Sinne zu gehen.

Ich kenne kein Buch, das für einen Menschen, der zu sehen glaubt, die Bedeutung des Lichts auf so lebensnah überzeugende Weise erahnen lässt. Wenn man dieses Buch gelesen hat, weiß man, dass man nicht oder nur sehr bedingt sieht.

Die folgenden Auszüge aus den ersten Seiten des Buches können uns Ansätze zu einem neuen Bewusstsein anbieten:

 

Am dritten Mai ging ich morgens wie gewöhnlich in die Schule, die Grundschule jenes Teils von Paris, in dem meine Eltern wohnten, in der Rue Gier. Gegen zehn Uhr sprang ich wie alle Kameraden auf, um zur Klassentüre und in den Schulhof hinauszustürmen. Im Gedränge um die Türe holte mich ein Junge, der vom anderen Ende des Klassenzimmers kam und wohl älter oder auch eiliger war als ich, ein und rempelte mich versehentlich von hinten an. Ich hatte ihn nicht kommen sehen, und in meiner Überraschung verlor ich das Gleichgewicht. Ich fand keinen Halt mehr, glitt aus – und fiel gegen eine der scharfen Kanten des Lehrerpults.
Wegen der Kurzsichtigkeit, die man bei mir festgestellt hatte, trug ich zu jener Zeit eine Brille aus unzerbrechlichen Gläsern. Eben diese Vorsichtsmaßnahme wurde mir zum Verhängnis. Die Gläser zerbrachen tatsächlich nicht, aber der Stoß war so heftig, dass ein Brillenarm tief in das rechte Auge eindrang und es herausriss.

Natürlich verlor ich das Bewusstsein, doch nur für kurze Zeit. Denn schon auf dem Schulhof, wohin man mich gebracht hatte, kam ich wieder zu mir und der erste Gedanke, der mir in den  Sinn kam – daran erinnere ich mich deutlich –, war: „Meine Augen! Wo sind meine Augen?“ […]

Ich erfuhr später, dass der ausgezeichnete Augenarzt, den meine Eltern sofort an mein Lager holten, erklärte, das rechte Auge sei verloren und müsse entfernt werden. Man solle den Eingriff so schnell wie möglich vornehmen. Was das linke Auge angehe, so sei ohne Zweifel auch dieses verloren, weil die Heftigkeit des Stoßes hier eine sympathische Ophtalmie hervorgerufen habe. […]

Jeden Tag danke ich dem Himmel dafür, dass er mich schon als Kind, im Alter von noch nicht ganz acht Jahren, blind werden ließ. Das mag herausfordernd klingen, und so will ich mich näher erklären.
Ich danke dem Schicksal zunächst aus äußeren, materiellen Gründen. Ein kleiner Mann von acht Jahren hat noch keine Gewohnheiten, weder geistige noch körperliche. Sein Körper ist noch unbegrenzt biegsam, bereit, eben jene – und keine andere – Bewegung zu machen als die, welche ihm die Situation nahelegt, er ist bereit, das Leben anzunehmen, so wie es ist, zu ihm Ja zu sagen. Und aus diesem »Ja« können ganz große physische Wunder erwachsen Eines Tages jedoch (und dieser Tag kam ziemlich rasch) merkte ich, dass ich ganz einfach falsch sah, dass ich einen Fehler machte, wie einer, der die Brille wechselt, weil sich sein Auge den Gläsern nicht anpassen wollte. Ich blickte zu sehr in die Ferne und vor allem zu sehr auf die Oberfläche der Dinge.
Das war weit mehr als nur eine gewöhnliche Entdeckung, es war eine Offenbarung. Ich sehe mich noch auf dem Champ de Mars, wo mich mein Vater einige Tage nach meinem Unfall spazierenführte. Ich kannte den Park gut. Ich kannte seine Teiche, seine Geländer, seine Eisenstühle. Ich kannte sogar einige der Bäume gleichsam persönlich. Natürlich wollte ich sie wiedersehen, aber ich konnte sie nicht mehr sehen. Ich stürzte mich in die Substanz, die der Raum war, aber ich konnte diese Substanz nicht wiedererkennen, weil sie nichts Vertrautes mehr enthielt.
Ein Instinkt – ich möchte fast sagen, eine Hand, die sich auf mich legte – hat mich damals die Richtung wechseln lassen. Ich begann, mehr aus der Nähe zu schauen. Aber nicht an die Dinge ging ich näher heran, sondern an mich selbst. Anstatt mich hartnäckig an die Bewegung des Auges, das nach außen blickte, zu klammern, schaute ich nunmehr von innen auf mein Inneres.
Unversehens verdichtete sich die Substanz des Universums wieder, nahm aufs neue Gestalt an und belebte sich wieder. Ich sah, wie von einer Stelle, die ich nicht kannte und die ebenso gut außerhalb meiner wie in mir liegen mochte, eine Ausstrahlung ausging, oder genauer: ein Licht – das Licht. Das Licht war da, das stand fest.
Ich fühlte eine unsagbare Erleichterung, eine solche Freude, dass ich darüber lachen musste. Zuversicht und Dankbarkeit erfüllten mich, als ob ein Gebet erhört worden wäre. Ich entdeckte das Licht und die Freude im selben Augenblick, und ohne Bedenken kann ich sagen, dass sich Licht und Freude in meinem Erleben seither niemals mehr voneinander getrennt haben: zusammen besaß oder verlor ich sie.
Ich sah das Licht. Ich sah es noch, obwohl ich blind war. Und ich sagte das. Doch viele Jahre hindurch konnte ich nicht laut darüber sprechen. Ich erinnere mich, dass ich dieser Erfahrung, die sich ständig in mir erneuerte, bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr einen besonderen Namen gab: Ich nannte sie »mein Geheimnis«, und ich sprach darüber nur zu meinen engsten Freunden. Ich weiß nicht, ob sie mir glaubten, aber da sie meine Freunde waren, hörten sie mir zu

[…]

Das Erstaunliche war, daß es für mich keineswegs Magie war, sondern eine Tatsache, die ich ebensowenig hätte ableugnen können, wie jene, die Augen haben, leugnen können, daß sie sehen. Nicht ich war das Licht, dessen war ich mir wohl bewußt. Ich badete im Licht, einem Element, dem mich die Blindheit plötzlich nähergebracht hatte. Ich konnte fühlen, wie es heraufkam, sich ausbreitete, auf den Dingen ruhte, ihnen Form verlieh und zurückwich: ja, zurückwich oder auch nachließ. Niemals jedoch gab es für mich ein Gegenteil des Lichts. Die Sehenden sprechen immer von der Nacht der Blindheit, und das ist von ihrem Standpunkt aus ganz natürlich. Aber diese Nacht existiert nicht. Zu keiner Stunde meines Lebens — weder im Bewußtsein noch selbst in meinen Träumen — riß die Kontinuität des Lichts ab.

Ohne Augen war das Licht weit beständiger, als es mit ihnen gewesen war. Jene Unterschiede zwischen hellen, weniger hellen oder unbeleuchteten Gegenständen, an die ich mich damals noch genau erinnern konnte, gab es nicht mehr. Ich sah eine Welt, die ganz in Licht getaucht war, die durch das Licht und vom Licht her lebte.

Auch die Farben – alle Farben des Prismas – bestanden weiterhin. Für mich – das Kind, das so gern zeichnete und malte  – war das ein solch unerwartetes Fest, daß ich Stunden im Spiel mit den Farben zubrachte, und das konnte ich um so besser, als diese jetzt fügsamer waren.

Das Licht breitete seine Farben auf Dinge und Wesen. Mein Vater, meine Mutter, die Leute, denen ich auf der Straße begegnete oder die ich anstieß, sie alle waren in einer Weise farbig gegenwärig, wie ich es niemals vor meiner Erblindung gesehen hatte. Und diese Farben prägten sich mir jetzt als ein Teil von ihnen genau so tief ein, wie es ihr Gesicht vermocht hätte. Freilich waren die Farben nur ein Spiel, während das Licht für mich der Grund des Lebens war. Ich ließ es in mir emporsteigen wie Wasser in einem Brunnen, und ich freute mich ohne Ende.

Ich verstand nicht, was mit mir geschah, so grundlegend widersprach es all dem, was ich sagen hörte. Ich verstand es nicht, aber das war mir auch nicht wichtig, denn ich lebte es ja. Lange Jahre versuchte ich gar nicht, diese Vorgänge in mir zu erforschen. Erst viel später habe ich mich darum bemüht; aber es ist noch nicht an der Zeit, darüber zu sprechen.

Ein solch beständiges und intensives Licht überstieg meine Begriffe in einem Maße, daß ich manchmal an ihm zweifelte. Wie, wenn es nun gar nicht Wirklichkeit war? Wenn ich es mir nur eingebildet hatte? Dann genügte es vielleicht, sich das Gegenteil oder einfach etwas anderes vorzustellen, um es mit einem Schlag zu vertreiben. So kam ich auf die Idee, es auf die Probe zu stellen, ja, ihm Widerstand zu leisten.

War ich abends im Bett und ganz allein, schloß ich die Augen. Ich ließ die Augenlider sinken, wie ich es einst, als sie noch meine leiblichen Augen bedeckten, getan hatte. Ich redete mir ein, daß ich hinter diesem Schleier das Licht nicht mehr sehen werde. Aber es war noch immer da, es war ruhiger denn je, wie das Wasser eines Sees am Abend, wenn der Wind sich gelegt hat. Da raffte ich all meine Energie, all meinen Willen zusammen und versuchte, den Strom des Lichts aufzuhalten, so wie man versucht, den Atem anzuhalten.

Sogleich entstand eine Trübung, oder besser: ein Strudel. Aber auch dieser Strudel war in Licht getaucht. So sehr ich mich mühte, ich konnte diese Anstrengung nicht sehr lange aushal-ten, vielleicht zwei oder drei Sekunden. Gleichzeitig empfand ich eine Angst, als ob ich eben etwas Verbotenes täte, etwas, das gegen das Leben gerichtet war. Es war, als ob ich zum Leben das Licht ebenso brauchte wie die Luft. Es gab keine Flucht mehr: Ich war der Gefangene dieser Strahlen, ich war zum Sehen verdammt.

Beim Schreiben dieser Zeilen mache ich denselben Versuch noch einmal – mit demselben Ergebnis, nur daß mit den Jahren die ursprüngliche Quelle des Lichts noch stärker geworden ist.

Mit acht Jahren ging ich aus diesem Versuch mit neuem Mut hervor; ich hatte das Gefühl, neu geboren worden zu sein. Da nicht ich es war, der das Licht hervorbrachte, da es mir von außen zuströmte, konnte es mich also niemals mehr verlassen. Ich hatte das Licht in mir, obwohl ich dafür nur ein Durchgangsort, ein Vorhof war; ich hatte das sehende Auge in mir.

Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte.

Wenn ich, anstatt mich von Vertrauen tragen zu lassen und mich durch die Dinge hindurchzustürzen, zögerte, prüfte, wenn ich an die Wand dachte, an die halb geöffnete Türe, den Schlüssel im Schloß, wenn ich mir sagte, daß alle Dinge feindlich waren und mich stoßen oder kratzen wollten, dann stieß oder verletzte ich mich bestimmt. Die einzige Art, mich im Haus, im Garten oder am Strand leicht fortzubewegen, war, gar nicht oder möglichst wenig daran zu denken. Dann wurde ich geführt, dann ging ich meinen Weg, vorbei an allen Hindernissen, so sicher, wie man es den Fledermäusen nachsagt. Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte die Angst: Sie machte mich blind.

Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie brachten alles in Verwirrung. Eine Minute zuvor kannte ich noch genau den Platz, den alle Gegenstände im Zimmer einnahmen, doch wenn mich der Zorn überkam, zürnten die Dinge mehr noch als ich; sie verkrochen sich in ganz unerwartete Winkel, verwirrten sich, kippten um, lallten wie Verrückte und blickten wild um sich. Ich aber wußte nicht mehr, worauf meine Hand legen, meinen Fuß setzen, überall tat ich mir weh. Dieser Mechanismus funktionierte so gut, daß ich vorsichtig wurde.

Wenn mich beim Spiel mit meinen kleinen Kameraden plötzlich die Lust ankam zu gewinnen, um jeden Preis als erster ans Ziel zu gelangen, dann sah ich mit einem Schlag nichts mehr. Ich wurde buchstäblich von Nebel, von Rauch umhüllt.

Die schlimmsten Folgen aber hatte die Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, mißgünstig und gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt; augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf, und ich war hilflos. Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. Ist es verwunderlich, daß ich schon früh die Freundschaft und Harmonie liebte? Was brauchte ich einen Moralkodex, wo ich doch in mir ein solches Instrument besaß, das »Rotlicht« und »Grünlicht« gab: Ich wußte immer, wo man gehen durfte und wo nicht. Ich hatte nur auf das große Lichtsignal zu sehen, das mich lehrte zu leben.

Es war dasselbe mit der Liebe. Hören Sie nur! In dem Sommer nach meinem Unfall brachten mich meine Eltern an die Küste. Dort lernte ich ein kleines Mädchen meines Alters kennen. Ich glaube, sie hieß Nicole. Sie trat in mein Leben ein wie ein großer, roter Stern oder eine reife Kirsche. Gewißheit hatte ich lediglich darüber, daß sie rot war und glänzte. Ich fand sie so reizvoll, und dieser Reiz war so lieblich, daß ich abends nicht nach Hause zurückkehren und fern von ihr schlafen konnte, denn mit ihr verließ mich sogleich auch ein wenig Licht. Um es vollkommen wiederzufinden, mußte ich sie wiederfinden; es war, als bringe sie nur Licht in ihren Händen, ihren Haaren, ihren Füßen, die nackt durch den Sand liefen, und in ihrer Stimme.

Natürlich hatten all die roten Leute auch ihre roten Schatten. Wenn sich Nicole zwischen zwei Pfützen salzigen Wassers unter den liebkosenden Strahlen der Sonne zu mir setzte, sah ich rötliche Reflexe auf den Zeltwänden; selbst das Meer, das Blau des Wassers, nahm einen purpurnen Schimmer an. Ich folgte ihr in dem roten Kielwasser, das sie hinter sich herzog, wo sie auch ging …

Wenn jetzt jemand sagen wollte, diese Farbe sei ja die Farbe der Leidenschaft, dann könnte ich nur erwidern, daß ich das schon im Alter von acht Jahren erfahren habe.

[…]

ein weiterer Post zu Lusseyran findet sich hier

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