❃ … im Lichte schwamm das Kreuz … Und um die Krone schwebten Millionen noch ungeborner Seelen …

Gethsemane ist ein bis heute wenig beachtetes Gedicht Annette von Droste-Hülshoffs. Doch ist es ein Meisterwerk, das die Tiefe des Leidens der Liebe, des Leidens der Liebe in der Gestalt von Jesus zu gestalten vermag und zugleich auf wunderbare Weise aus dem Garten Gethsemane heraus den Blick für Ostern öffnet, den Leser nicht in Nacht und Dunkel lassend, sondern vom Kelch des Leidens zu dem Kelch der Lilie führend.

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Es ist kein Gedicht, das man mal geschwind lesen und den Inhalt so eben mal zur Kenntnis nehmen kann. Es ist eine österliche Meditation, der man nur mit Andacht begegnen kann.

Annette von Droste-Hülshoffs geistiges Schaffen ist geprägt von einer tief empfundenen Geistlichkeit. Zahlreiche Werke sind durchwirkt von einer Religiosität, wie sie sich auch in Gethsemane widerspiegelt, einem Gedicht, geprägt durch eine meisterliche Komposition, Wortfeldern wie dem von Licht und Dunkel, Untergang und Nacht, zahlreichen stilistischen Mitteln, u.a. vielen Personifikationen, und einer jambischen Gestaltung, die an bezeichnenden Stellen mit Tonbeugungen arbeitet.

Mancher lehnt den Blick auf das Formale, die formale Gestaltung ab, ohne zu wissen, dass er sich damit eine wertvolle Zugangsmöglichkeit zu einem Werk verschließt. Jeder, der sich  emotional äußert, vor allem dann, wenn es um Liebe, um Tod und Leben geht, lässt alles in sich und um sich lebendig werden. Da ist keine Materie mehr tot, alles erwacht zum Leben, bekommt personale Qualität.

Auch in Annette von Droste-Hülshoffs Gethsemane finden sich deshalb so viele Personifikationen:

Gleich zu Beginn saugen die Lüfte Seufzer, eine Quelle murmelt, das Kreuz steigt empor, der Donner murrt, ein Flimmern gleitet qualverloren hernieder, später rauschen Kleiderfalten, die Sonnenleiche schwindet, ein Schweigen schwimmt durch sternenleere Gassen …

Immer wieder treffen wir auf Enjambements, die ein wichtiges Wort oder eine Wortgruppe, an den Zeilenanfang der folgenden Zeile geschoben, zur Betonung bringen wie in Zeile 5/6 oder 10/11.

Des Weiteren findet sich gerade im jambischen Metrum – gern am Zeilenanfang – bisweilen eine Tonbeugung, eine Betonung auf einer metrisch eigentlich unbetonten Silbe. Wie sehr wird dadurch in Gethsemane das Murren des Donners hervorgehoben (Z.16) oder das „Herr, ist es möglich“ der drittletzten Strophe.

Für mich beeindruckender noch ist die kompositorische Ebene:

Ein Engel weint, er bringt Jesus den Kelch des Leidens in den Garten Gethsemane. In diesem Moment beginnt in der zweiten Strophe Jesu visionäre Schau auf sein zukünftiges Leiden: Das Kreuz steigt vor seinen Augen empor, er sieht sich selbst, zerrissen, ausgespannt, sieht die Blutstropfen an jedem Dorn der Krone, sieht die drei Gestalten am Fuß des Kreuzes.

Es ist Annette von Droste-Hülshoff, die den Leser durch diese Vision führt. So nur kann sie die Blicke des Zuschauers lenken und zugleich das Geschehen kommentieren, für mich am beeindruckendsten, wenn sie schreibt:

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o welch ein Lieben war wie seines heiß?

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in einer Situation also, in der Jesu Blut in seinen Adern stockt.

In der vierten Strophe, als die Sonne, als Sonnenleiche bezeichnet, schwindet, kulminiert das Sterbens-Geschehen, von schwarzem Rauch ist die Rede, von des Äthers sternenleeren Gassen, vom gebrochenen Mund Christi.

Da weint Christus, flehentlich wendet er sich an den Herrn – noch spricht Annette von Droste Hülshoff nicht von seinem Vater.

In der fünften Strophe leiten zwei kurze, prägnante Hauptsätze, beide bestehend aus fünf Worten, den Umschlag, die Peripetie von der Nacht zum Licht ein:

Ein Blitz durchfährt die Nacht, im Lichte schwimmt das Kreuz.

Auch hier ist die Macht der Personifikationen spürbar, die Macht auch der Gegensätze:

Der Nacht steht der Blitz entgegen, dem Kreuz das Licht.

So formuliert ist das allerdings nicht die Sicht der Droste: Das Kreuz nämlich schwimmt im Licht.

Hier, wie selten deutlich, findet sich die berühmte coniunctio oppositiorum, vereinigen sich die Gegensätze, die unser Menschsein bisher prägten, die Gegensätze von Leid und Heil.

In der Liebe nämlich hebt sich alle Gegensätzlichkeit auf; in der Liebe, im Licht wird das Kreuz zum Symbol der Überwindung der Angst vor dem Tod, ja dem Tod selbst:

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Vater, Vater (…) nicht mein Wille, / der deine mag geschehen.

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Und Jesus darf sehen, wofür er alles tut: Millionen Hände klammern sich an den blut´gen Stamm, auch die Millionen noch ungeborene Seelen sind anwesend, durch ihre Anwesenheit zum Ausdruck bringend, welch große Hoffnung mit dem hier vor sich gehenden Geschehen für sie verbunden ist, und aus den Gräbern steigt das Flehen der Toten, zu denen Jesus, wie wir dem apostolischen Glaubensbekenntnis entnehmen, innerhalb der drei Tagen bis zu seiner Auferstehung kommen wird.

Jesu Vater, Vater klingt wie ein Amen, Amen. Wahrlich, wahrlich, es ist vollbracht.

In den vier Zeilen der letzten, der kürzesten Strophe lässt Annette von Droste-Hülfhoff das Geschehen ausklingen, beeindruckend gestaltet, indem sie die Vision Jesu in einen Rahmen gebettet sein lässt und wir uns wieder im Garten Gethsemane finden:

Tau benetzt das Gras. Nicht mehr jedoch ist, wie zu Beginn, von des Mondes blasser Scheibe die Rede, sondern jener schwimmt im Blau, der Farbe des Himmels und Mariens.

Anstelle des Leidenskelches der ersten Strophe ist der Lilienkelch getreten.

Und der Engel weint nicht mehr: Er entsteigt der Lilie, Blume Gabriels, Symbol der Reinheit und der Passion, und stärkt den göttlichen Sohn.

Alles Geschehen ist zur Ruhe gekommen; die Liebe hat gegen Tod und Nacht gesiegt.

Still darf der Mond schwimmen, Symbol der Weiblichkeit und des Unbewussten, eines Unbewussten, das in der Bedeutung dieses Geschehens den Seelen der Menschen endlich bewusst werden will.

Dazu müssen die Seelen der Menschen bereit zur Stille sein.

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Gethsemane 

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Als Christus lag im Hain Gethsemane

auf seinem Antlitz mit geschloss’nen Augen, –

die Lüfte schienen Seufzer nur zu saugen,

und eine Quelle murmelte ihr Weh,

des Mondes blasse Scheibe widerscheinend, –

das war die Stunde, wo ein Engel weinend

von Gottes Throne ward herabgesandt,

den bittern Leidenskelch in seiner Hand.

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Und vor dem Heiland stieg das Kreuz empor;

daran sah seinen eignen Leib er hangen,

zerrissen, ausgespannt; wie Stricke drangen

die Sehnen an den Gliedern ihm hervor.

Die Nägel sah er ragen und die Krone

auf seinem Haupte, wo an jedem Dorn

ein Blutestropfen hing, und wie im Zorn

murrte der Donner mit verhaltnem Tone.

Ein Tröpfeln hört‘ er; und am Stamme leis

herniederglitt ein Flimmern qualverloren.

Da seufzte Christus, und aus allen Poren

drang ihm der Schweiß.

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Und dunkel ward die Nacht, im grauen Meer

schwamm eine tote Sonne, kaum zu schauen

war noch des qualbewegten Hauptes Grauen,

im Todeskampfe schwankend hin und her.

Am Kreuzesfuße lagen drei Gestalten;

er sah sie grau wie Nebelwolken liegen,

er hörte ihres schweren Odems Fliegen,

vor Zittern rauschten ihrer Kleider Falten.

O welch ein Lieben war wie seines heiß?

Er kannte sie, er hat sie wohl erkannt;

das Menschenblut in seinen Adern stand,

und stärker quoll der Schweiß.

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Die Sonnenleiche schwand, nur schwarzer Rauch,

in ihm versunken Kreuz und Seufzerhauch;

ein Schweigen, grauser als des Donners Toben,

schwamm durch des Äthers sternenleere Gassen;

kein Lebenshauch auf weiter Erde mehr,

ringsum ein Krater, ausgebrannt und leer,

und eine hohle Stimme rief von oben:

»Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verlassen!«

Da weinte Christus mit gebrochnem Munde:

»Herr, ist es möglich, so laß diese Stunde

an mir vorübergehn!«

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Ein Blitz durchfuhr die Nacht; im Lichte schwamm

das Kreuz, o strahlend mit den Marterzeichen,

und Millionen Hände sah er reichen,

sich angstvoll klammernd um den blut’gen Stamm,

o Händ‘ und Händchen aus den fernsten Zonen!

Und um die Krone schwebten Millionen

noch ungeborner Seelen, Funken gleichend;

ein leiser Nebelhauch, dem Grund entschleichend,

stieg aus den Gräbern der Verstorbnen Flehn.

Da hob sich Christus in der Liebe Fülle,

und: »Vater, Vater,« rief er, »nicht mein Wille,

der deine mag geschehn!«

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Still schwamm der Mond im Blau, ein Lilienstengel

stand vor dem Heiland im betauten Grün;

und aus dem Lilienkelche trat der Engel

und stärkte ihn.

 

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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