Mörikes „Denk es, o Seele!“ – Gedanken, auch, aber nicht nur zum katholischen Allerseelen und zum evangelischen Ewigkeits-Sonntag

Ein Kennzeichen unserer Kultur ist es, dass das „Mensch, werde wesentlich“ des Angelus Silesius sie seit Jahrhunderten wie ein roter Faden durchzieht.

Dieser rote Faden zeigt sich auch in der aktuellen ARD-Themenwoche. Aber letztere ist zu einer lobenswerten Ausnahme geworden, denn so seelisch und geistig flach wie zu Beginn des dritten Jahrtausends hat unser Kulturkreis selten gelebt.

Das goldene Kalb lässt grüßen!

Ganz offensichtlich hängt das Wohlbefinden der Menschen vor allem von den Börsendaten ab. Sie, inclusive ifo-Geschäftsklimaindex, die Arbeitslosenzahlen, die Eurokrise, der Wetterbericht und anfallende Katastrophen sind es, was die Menschen bewegt. Und an der Energiewende – Fukushima ist in Europa schon Schnee von gestern – interessiert höchstens noch, dass sie teurer zu werden scheint, als man annehmen wollte, und dass die Konzerne einmal mehr die Gunst der Stunde nutzen, um ihre Gewinne zu multiplizieren.

Und junge Menschen werden immer mehr dazu hingetrieben, dass vor allem ein Leben in der Öffentlichkeit, womöglich als Star, kreiert von irgendeinem Sender, besonders lohnens- und lebenswert ist. Immer mehr rückt Äußerliches in den Vordergrund; und das Schlimme ist, dass Erwachsene um des Mammon willen Jugendliche in eine falsche Bewusstseinshaltung treiben. Hauptsache, Quote und Kasse stimmen. 

Das goldene Kalb lässt grüßen.

Moralische Instanzen fehlen!

Wie wertvoll wäre es da, wenn ein Bundespräsident oder eine Bundeskanzlerin zu dieser Entwicklung einmal Stellung nehmen würden! Nur, wer kann sicher sein, dass Angela (Engel) Merkel in ihrer indifferenten Art und Geisteshaltung Casting aller Orten nicht als durchaus bemerkenswerte Entwicklungsmöglichkeit für junge Menschen empfiehlt?!

Und dass Gauck süß-sauer dazu lächelt und rät, es doch europaweit zu vereinheitlichen.

Eine Rhetorik kaschierter Tatenlosigkeit

Klar werden wir in der Weihnachts- und Neujahrsansprache säuselnde Worte beider vernehmen; sicherlich werden Bundeskanzlerin und Bundespräsident unserer zunehmend verarmenden Mitbrüder und Mitschwestern gedenken und jedes vierten Kindes, das ohne Frühstück in die Schule muss, sowie der 2,5 Millionen, die an der Armutsgrenze leben.

Darauf können wir verzichten. Diese Rhetorik kaschierter Tatenlosigkeit verstärkt nur die Schamlosigkeit der Macher und Täter.

In Sünd ersoffen

Selten hat ein Regierungschef so offensichtlich der Manifestation des Geldes als Sinn des Lebens in die Hände gearbeitet wie die in Hamburg geborene Pfarrerstochter Angela Merkel (Peer Steinbrück würde wohl keinen Deut anders sein).

Da darf man durchaus den Kirchen dankbar sein, dass sie mit Hilfe von Allerseelen und dem Totensonntag ein Bewusstsein dafür hochhalten, dass die Summe gelebten Lebens sich nicht in Euro und/oder Aktien bemisst.

Ich mag den klerikalen Schuld- und Sündenbegriff nicht, aber immer mehr scheint zuzutreffen, was Gott in Hofmannsthals Jedermann konstatiert, dass nämlich der Mensch in Sünd ersoffen ist, ersoffen in einer seelenlos materiellen Geisteshaltung; und diese trägt in der Tat zu Recht die Bezeichnung Sünde, wie Luther das griechische hamartia (eigentlich VerfehlungFehler) übersetzte.

Minister von der Merkel-Stange

Hofmannsthals Jedermann wäre mit seiner Geisteshaltung und seinem Bekenntnis, in der Macht des Geldes die höchste Gewalt zu verehren, ein nahtlos einpassbarer Merkel-Minister.

Eben wie von der Merkel-Stange.

Die Selbstgefälligkeit des Jedermann ist zu einer Geisteshaltung jedermanns und jedefraus (übrigens ein im Duden enthaltenes Wort) geworden.

Da tun Worte eines Eduard Mörike gut, wobei zur Verwunderung mancher Zeitgenossen gesagt sein muss, dasss der schwäbische Pfarrer und Dichter nicht mehr in das Schema des biedermeierlichen Schreiberlings hineingepasst wird, das ihm lange Zeit angeheftet worden war, war er in Wirklichkeit doch viel zu sehr an dem politischen Geschehen seiner Zeit interessiert und weist seine scheinbar verinnerlicht-hausbackene Lyrik fast immer über den Horizont des Wohnzimmers inclusive angrenzender Spitzweg-Laternen-Leuchte hinaus. Fast durchweg enthalten vor allem seine lyrischen Werke inhaltliche Verweise, die eine grundsätzliche Ebene menschlichen Seins ansprechen. So auch in

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Denk es, o Seele!

 

Ein Tännlein grünet, wo,

Wer weiß, im Walde,

Ein Rosenstrauch, wer sagt,

In welchem Garten?

Sie sind erlesen schon,

Denk es, o Seele!

Auf deinem Grab zu wurzeln 

Und zu wachsen.

 

Zwei schwarze Rösslein weiden

Auf der Wiese,

Sie kehren heim zur Stadt

In muntern Sprüngen.

Sie werden schrittweis gehn

Mit deiner Leiche;

Vielleicht, vielleicht noch eh

An ihren Hufen

Das Eisen los wird,

Das ich blitzen sehe!

.

.

Da spricht ein lyrisches Ich schon in der Überschrift seine Seele an, aber schon hier wird der ein oder andere wahrnehmen, dass nicht nur die des lyrischen Ichs gemeint sein mag.

Fast volksliedhaft wirkt der Beginn durch das Diminutiv Tännlein, und wo ein Tännlein grünet, da kann doch ein Rehlein nicht weit sein. Man möchte fast an Ein Männlein steht im Walde denken.

Wo?

Wer weiß?

Alles wirkt eigentlich belanglos.

Hier aber zeigt sich die Meisterschaft des Eduard Mörike:

Die sprachliche Gestaltung der ersten Strophe – das nachgestellte wo, der Rosenstrauch, dem das Verb fehlt, das in den Satzverlauf wie selbstverständlich eingeschobene Denk es, o Seele! – lässt den Leser intuitiv ahnen:

Vorsicht, die Idylle kann trügen.

Das grüne Tännlein, der Wald, der Rosenstrauch im Garten – eigentlich stört nur das Grab und dieser die Überschrift wiederholende Einschub Denk es, o Seele!

Zweifellos ist der Lieblingsbuchstabe des Dichters das W, seine Lieblingswortart Fragepronomina wie das wiederholte Wer und sein Lieblingsstilmittel die Alliteration, wie sie sich unter anderem in wurzeln und wachsen findet.

Schlichter und leicht holprig in Sprache und Satzbau, fast kindlich wirkend, kann manches kaum formuliert sein. Typisch Mörike eben. So kennen wir von ihm einige Gedichte.

Doch wie gesagt: Meisterlich arbeitet all das seinem ihm innewohnenden Sinn zu.

Tod – das Wort wird nicht benannt, er aber ist präsent!

Rösslein, zu Beginn von Strophe 2 – auch sie in der Koseform –, können bekanntlich durchaus schwarz sein; sie weiden / auf der Wiese und springen munter.

Und doch wirkt dieses Schwarz wie ein Signal. Mit dem Tempuswechsel, dem Futur des werden schrittweis gehn ändert sich endgültig und deutlich die Stimmung, das schrittweise Gehen mahnt den Ernst der existentiellen Situation an. Und mit der Leiche – sonst ist das Endungs-e ja gerne weggelassen, hier nicht – hört schlagartig die biedermeierliche Belanglosigkeit, falls sie bis dahin doch jemand hineinlesen zu können glaubte, auf.

Seltsam diese Geminatio, dieses zweimalige Vielleicht, vielleicht.

Als Leser spürt man intuitiv, dass sich hinter diesen Adverbien mehr als nur eine Möglichkeit andeutet, hört man doch durch dieses Vielleicht, vielleicht ein Wahrlich, wahrlich hindurch, das hebräische Amen, amen.

Amen, ich sage dir …

Noch blitzt das Eisen. Aber das lyrische Ich weiß, wie schnell der Tod eintreten kann.

Das Ausrufezeichen des Schlusses ist im Grunde zum dritten Mal ein Denk es, o Seele!

Eduard Mörike ruft diese vier Worte sich und uns zu. 

Sie erinnern mich an Worte Michael Endes, der mit seinem Schaffen ganz und gar in der Tradition des Mensch, werde wesentlich stand und steht, aus Momo; dort heißt es:

 

Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.

 

So gelebt, ist der sogenannte Tod Gewinnausschüttung.

 

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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