Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben … Ein unvergänglicher Liebeswalzer: Bertolt Brechts „Die Liebenden“

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Seht jene Kraniche in großem Bogen!  

Die Wolken, welche ihnen beigegeben  

Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen  

Aus einem Leben in ein andres Leben.  

In gleicher Höhe und mit gleicher Eile

Scheinen sie alle beide nur daneben.

Dass so der Kranich mit der Wolke teile

Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen,

Daß also keines länger hier verweile

Und keines andres sehe als das Wiegen

Des andern in dem Wind, den beide spüren

Die jetzt im Fluge beieinander liegen:

So mag der Wind sie in das Nichts entführen.

Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben

So lange kann sie beide nichts berühren.

So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben

Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.

So unter Sonn und Monds verschiednen Scheiben

Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

Wohin, ihr?  –  Nirgends hin.  –  Von wem davon?  –  Von allen.

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zitiert aus Echtermeyer/von Wiese, Deutsche Gedichte, Düsseldorf 1968-3 

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Ich habe an anderer Stelle einen Grund genannt, warum ich kein Freund Brechts bin; es gibt noch weitere.

Das aber kann mich nicht daran hindern, dieses Gedicht als eines der schönsten Liebesgedichte zu empfinden, die es gibt. Es ist unnachahmlich gut gestaltet. Drei Aspekte, die das belegen, möchte ich nennen:

Zum einen betrifft das den Walzertakt, der es auszeichnet; die Endreime reimen sich im Dreiertakt: aba bcb cdc ded efe fgf  gg.

Der Walzer ist der Tanz Liebender. Und wenn die Kraniche, wie es heißt, beieinander liegen, so drehen sie sich doch umeinander, wie es die Reime tun.

Wie Glieder einer Kette sich nicht verlieren, so sind die Liebenden unzertrennlich, und in die Reimform ist diese Unzertrennlichkeit und zugleich der Herztakt, der Dreierrhythmus des Walzers, eingeflochten.

Selten, dass so gekonnt in die äußere Form der Sinn hineingewoben ist.

Zum anderen: Dieses Gedicht ist im Jambus geschrieben, einer regelmäßigen Abfolge von unbetonten und betonten Silben: Die Wólken, wélche íhnen beígegeben – unbetont, betont, unbetont, betont, unbetont, betont … Der Jambus gleitet dahin wie der Flug der Vögel.

Und doch gibt es in diesem Gedicht Stellen, in denen der Akzent nach vorn gezogen ist, eine Möglichkeit, die Germanisten Tonversetzung nennen. In deutschen Gedichten kommt das im Rahmen eines  jambischen Metrums zwar ab und an, aber nicht sehr häufig vor.

Hier finden wir die Tonversetzung gleich zu Beginn, also an ganz prononcierter Stelle, denn es wird nicht jéne betont, sondern Séht. – Ist der Akzent eine Silbe nach vorne gezogen, folgen, damit das Metrum wieder ins Lot kommt, zwei unbetonte.

Gekonnter und intensiver kann man den Blick des Lesers gar nicht zum Himmel richten als mit Hilfe dieser Tonversetzung an dieser auffälligen Stelle:

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Séht!

Seht doch, Kraniche!

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Vögel ohnehin, Kraniche aber ganz besonders, vor allem seit Schillers Die Kraniche des Ibykus, sind Götterboten. In Schillers Ballade nehmen sie die Bitte des sterbenden Sängers auf. Als sein Auge bricht, fleht er die Kraniche, die gerade über ihn hinfliegen, an, seinen Tod zu rächen und die Mörder zu überführen. Und dies geschieht dann auch auf unnachahmliche, wunderbare Weise.

Zu guter Letzt: Kraniche sind Vögel des Glücks; vor der Paarung tanzt der Kranich.

Gemeinsam sind sie unverletzlich.

Am Ende seines zauberhaften Märchens vom Zauberspiegel heißt es bei Michael Ende: Wenn zwei zusammen in den Zauberspiegel schauen, werden sie wieder unsterblich.

Unsterblich waren und sind die Liebenden. Richtig übersetzt weist uns auch der Beginn des Alten Testamentes darauf hin, warum zwei Liebende, die sich Adam und Eva sind – seit Urzeiten – unzertrennlich zusammengehören.

Auch der Atheist Brecht, der dennoch die Bibel so schätzte, weiß in seinem Gedicht – zumindest andeutungsweise – darum;  zwei, die auf diese Weise zusammengehören, werden und können nicht vergehen;

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Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben

So lange kann sie beide nichts berühren.

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Dieses Gedicht gibt es in verschiedenen Fassungen,  und eine ist jene in Brechts Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony. In Mahagony organisiert die Schwindlerin Begbick käufliche Liebe. Und inmitten dieses käuflichen Geschehens singt Jenny mit Paul dieses Lied im Wechselgesang; ein aus dem Gewerbe der Liebe erwachtes Mädchen zeigt einem von seinem Gefühl überraschten Mann die Kraniche … Symbol ungeteilter Liebe, in der sich die beiden vereinen:

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Jenny:   Sieh jene Kraniche in großem Bogen!

Paul:      Die Wolken, welche ihnen beigegeben

Jenny:   Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen

Paul:      Aus einem Leben in ein andres Leben.

(…)

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Das Gedicht ist wohl vor der Oper entstanden. In der dort vorliegenden Fassung ist der Schluss anders gestaltet als oben und er zerstört den wunderbaren Mythos der Liebe.

Heinz Politzer, ein 1978 verstorbener Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, der an der University of California in Berkeley lehrte, hat es so formuliert:

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Der Dichter war nicht nur ein auf seine Art Frühvollendeter, sondern auch ein früh Zerstörter (…) 

So zersetzte er mit List und Tücke die Schönheit.

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Der Grund hierfür, wie er sich mir darstellt, habe ich in obigem erstem Link angesprochen.

Wir übernehmen aus gutem Grund nicht den Opernschluss, weil seine Version nicht die autorisierte Gedichtfassung wäre; wir übernehmen die bei Echtermeyer/Wiese und in weiteren Gedichtbänden vorliegende.

Sie vermag widerzuspiegeln, dass es sie wirklich gibt, die Schönheit, die Liebe, den Walzer des Herzens.

Wir wünschen uns doch, dass sie nicht davonfliegen, sondern dass sie unter uns bleiben, denn unsere Erde braucht sie.

Die Liebenden.

Dringend.

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