Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! / Und lieben, Götter, welch ein Glück! – Über Goethes „Willkommen und Abschied“.

Wenn man über dieses Gedicht schreiben will, weiß man kaum, womit beginnen:

❆   mit der Tatsache, dass dieser kleine Fleck im Elsaß mit Namen Sessenheim – Goethe schrieb Sesenheim – durch den in Frankfurt am Main geborenen und examinierten Juristen erst wirklich bekannt geworden ist …

❆   dass die Zeilen über die Liebe Goethes zu dem Sesenheimer Pfarrerstöchterchen Friederike Brion – etwas übertrieben formuliert – Regale füllen, dass es mithin einen eigenen Zweig der Goetheforschung, genannt Friederiken-Forschung gibt …

❆   dass diese Liebe so kurz wie intensiv war, wenige Monate dauerte, vermutlich von Oktober 1770 bis August 1771, dass das meiste aber, was man darüber zu wissen glaubt, auf Mutmaßungen beruht …

❆   dass der alte Weimarer in seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit diese Liebe wohl ziemlich beschönigt dargestellt hat, durchaus allerdings mit schlechtem Gewissen („ich hatte das schönste Herz in seinem Tiefsten verwundet“) …

❆    dass das Ende wohl sehr abrupt war  und Goethe Friederike nur noch einmal sah, wobei da dann von Liebe keine Spur mehr war …

❆  dass Friederikes Schwester Sophie über erstere gesagt hat: „Alle Heiratsanträge schlug sie aus … Wer von Goethe geliebt worden ist, kann keinen anderen lieben“ …

❆   dass es heute in Sessenheim noch ein kleines Museum im Pfarrhaus gibt …

❆    dass auch das Heideröslein (Sah ein Knab ein Röslein stehn) zu den Friederiken-Gedichten zählt und es, als noch Volkslieder gesungen wurden, viele intonierten, ohne zu wissen, dass es von einem Mann namens Goethe stammt und der Liebe zu einem Pfarrerstöchterlein zu verdanken ist …

Womit beginnen?

Am besten mit dem Gedicht selbst (von dem es einige Versionen mit mehr oder weniger leisen Abwandlungen gibt, wir präsentieren folgende):

… vielleicht doch noch eines vorweg für den geneigten Leser, der das Gedicht zum erstem Mal liest:

Ja, es ist im Folgenden von einer neuen physikalischen Maßeinheit die Rede, der Liebesgeschwindigkeit!

Ja, der Jambus als Metrum des Gedichtes wirkt wie der Hufschlag des durch die Nacht galoppierenden Pferdes!

Ja, dieses wiederholte Es zu Beginn der beiden ersten Zeilen war schon 1770 Goethescher Dichtkunst geschuldet, weil das Folgende durch das pronominal vorgezogene Subjekt einen ganz anderen Stellenwert bekommen hat und bis heute bekommt und:

Ja, es mag das tatsächlich geben, dass das Tun schneller als das Denken ist, jedenfalls „fast“:

 

Willkommen und Abschied

 

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh gedacht.

Der Abend wiegte schon die Erde,

Und an den Bergen hing die Nacht;

Schon stand im Nebelkleid die Eiche,

Ein aufgetürmter Riese, da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.

 

Der Mond von einem Wolkenhügel

Sah kläglich aus dem Duft hervor,

Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsausten schauerlich mein Ohr;

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,

Doch frisch und fröhlich war mein Mut:

In meinen Adern welches Feuer!

In meinem Herzen welche Glut!

 

Dich sah ich, und die milde Freude

Floß von dem süßen Blick auf mich;

Ganz war mein Herz an deiner Seite

Und jeder Atemzug für dich.

Ein rosenfarbnes Frühlingswetter

Umgab das liebliche Gesicht,

Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!

Ich hofft es, ich verdient es nicht!

 

Doch ach, schon mit der Morgensonne

Verengt der Abschied mir das Herz:

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging, du standst und sahst zur Erden

Und sahst mir nach mit nassem Blick:

Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

                                                                   (1771)

.

Vier Strophen zu je acht Versen im Kreuzreim mit alternierend männlichen und weiblichen Kadenzen, wobei der ein oder andere Reim deutlich vor allem vokalisch unrein war und auch im App-Zeitalter noch ist (Eiche – Gesträuche / Freude – Seite / Blick – Glück), was aber bei dem Tempo des Reiters, dem Feuer der Liebe und den Dimensionen der Erkenntnis entschuldbar sein mag.

Aber ganz ernsthaft – mich faszinieren vor allem zwei Dinge:

Früher, in griechisch-mythischen Zeiten, war es das Glück des Himmels, das Glück von Uranos also, die Erde, Gaia, wiegen zu dürfen: Wenn es Nacht wurde, kam er, der Himmelsherrscher, und nahm seine Frau, Mutter Erde, in den Arm. Ein großes Glück, bis es Gaia zu viel wurde, wie ihr Göttergatte mit seinen Kindern umging, und sie ihrem Sohn Kronos eine scharfzahnige Sichel verschaffte. Über das Weitere schweigt des Sängers Höflichkeit. Jedenfalls war es dann aus mit des Himmels Zeugungsfähigkeit …

Nur eines ist sicher: Diese Hochzeit von Himmel und Erde sehnen die Weisen und Alchemisten dieser Erde wieder herbei. Die Heilung des Himmels – und seine liebende Vereinigung mit der Erde, das ist das große Ziel der Menschheit.

Warum ich das hier erzähle? Weil es unglaublich ist, was hier der Abend darf! Er darf die Erde wiegen, nicht auf einer Waage, sondern in seinen Armen, während die Nacht bereits an den Bergen hängt.

Der Abend darf, was einst Uranos nur vergönnt war. 

Was für ein Gefühl muss das sein, die Erde wiegen zu dürfen !!

Der Abend weiß es!

Wenn es eine Verlebendigung formaler Mittel gibt, dann geschieht es in den ersten beiden Strophen dieses Gedichtes mit dem, was wir Personifikation nennen: Dem jungen Dichter wird hier alles lebendig, der Abend, die Nacht, die Winde, die Finsternis, die Eiche – allesamt tragen sie menschliche Züge, haben sie personale Attribute.

Und was für eine Metapher für die Eiche: ein aufgetürmter Riese!

Normalerweise blicken doch wir im  Dunkeln in die Finsternis hinein. Aber hier ist sie es, die aus dem Gesträuch sieht. Später sind es tausend Ungeheuer, die die Nacht – auch sie ist, wie bereits erwähnt, personifziert – schafft; hier sind es hundert schwarze Augen, die der Finsternis zur Verfügung stehen. 

Was für eine Nacht. Bedrohlich? Ja. Und nein.

Wir kennen es, wenn ein Engelein, womöglich mit Harfe, auf einer Wolke sitzt. Hier tut es der Mond: Er sitzt auf einem Wolkenhügel und er schaut kläglich drein.

Das klingt nicht fürchterlich furchterregend, auch weil die Winde – auch sie sind natürlich personifiziert – leise Flügel schwingen, wobei sie dennoch das Ohr des lyrischen Ichs schauerlich umsausen.

Zwei Strophen, die es in sich haben. Ich finde sie absolut faszinierend gestaltet. So viel Leben kann wirklich nur jemand herüberbringen, wer so viel Leben in sich hat. Goethe hatte das … so viel Leben …

Das ist mein erster Punkt, wie lebendig hier Natur ist und wie sie, wie so oft bei Goethe, ein Spiegel des Menschen ist, hier, ein Spiegel des Inneren unseres Reiters. Alles ist voller Leben in ihm.

Wobei ich noch nicht auf den Schluss der zweiten Strophe zu sprechen gekommen bin: 

Mit der Alliteration frisch und fröhlich, mit den elliptisch verknappten zwei letzten Versen, mit ihren parallel geschalteten Ausrufen und dem anaphorisch aufgenommenen In meinem … kommen wir zu dem,  um was es wirklich geht – und das ist mein zweiter Punkt:

Die eigentliche Begegnung, obwohl doch wegen ihr der ganze Aufwand betrieben wird, umfasst gerade mal eine Strophe; der Weg zur Geliebten durch die elsässische Nacht hat sich nun mal über zwei Strophen gedehnt, dem lyrischen Ich kam er sicherlich einerseits lang vor, andererseits kommt man nicht um das Gefühl herum, dass die Natur den Dimensionen dieser Liebe in ihrem Wirkungsspiel gerecht werden will – bei Goethe hat sie gar keine andere Wahl :-))

Jedenfalls: eine Strophe für diese Liebe, diese Begegnung, diese eine Nacht – das ist nicht viel; nur vergessen wir nicht: eine Strophe, die Goethe gestaltet, vor allem der verliebte Goethe, wird durch ganze Säcke von Liebesgedichten nicht aufgewogen :-))

Als jedenfalls die beiden sich sehen, da ist alles Vorhergehende vorbei und obwohl doch alles in diesem Gedicht – bis  auf eine Ausnahme – im Präteritum geschildert ist – sogar der Augenblick, als er sie sieht – so ist doch alles kaum präsenter vorstellbar.

Da findet sich zum einen gleich zu Beginn dieser dritten Strophe eine bezeichnende Tonversetzung. Eigentlich müsste dem Metrum zufolge Dich unbetont sein und sah betont; doch niemand würde so rhythmisieren.  Natürlich wird das Dich betont – und wie! Ab sofort gibt es nur noch SIE. Und alles Tempo, alles Bedrohliche, alles Verwunderliche von vorher – einen kläglich dreinblickenden Mond sieht man nun gewiss nicht so oft – weicht mit einem Mal einem Fließen, einem Fließen, das eine Zeile per Enjambement an die andere weitergibt so wie die Angebetete ihrem Geliebten die milde Freude mittels ihres süßen Blickes widmet.

Ich sah dich! – Nein, so dichtet Goethe nicht! Ist es in der ersten Zeile dieser dritten Strophe die Inversion, das heißt die bewusste Umstellung des Dich an den Zeilenanfang – Dich sah ich -, so ist es in der dritten Zeile das nach vorn gezogenene Ganz. – Ganz war mein Herz an deiner Seite -. Wie sehr vermag dieses Wort an dieser Stelle die Absolutheit und Vollgültigkeit dieser Liebe vermitteln! Und Gleiches gilt auch von der Tatsache, dass es kein Atmen mehr gibt, das nicht ihr gilt: Jeder Atemzug für dich.

Auch hier ist die Kunst Goethes spürbar in dieser elliptischen Formulierung. Das Verb fehlt: Jeder Atemzug ist für dich. Nein! Goethe dichtet: Und jeder Atemzug für dich.

Alles ist fokussiert auf das Wesentliche! Auf DICH!

Wie sehr alles aus der Perspektive des jungen Mannes gesehen wird! Das mag erst hier deutlich werden!

Mein Herz, deine Seite – das ist nicht minder schön: Ganz war mein Herz an deiner Seite

Welches Wesen Mensch, sei es ein Mann, sei es eine Frau, mag sich da nicht überglücklich schätzen allein über diese vier Zeilen!

Vier Verse, die überschwingen von Liebe.

In diese Liebe werden selbst die Götter mit einbezogen. 

Wie immer wieder in diesem Gedicht ist auch hier nicht  zufällig in der Ansprache an sie die Sprache und damit das Denken des lyrischen Ichs  elliptisch verknappt (Zeile 23).

Gewiss wusste Goethe, dass das grammatikalische Geschlecht des Substantives Zärtlichkeit femininum ist; dennoch spricht er im letzten Vers dieser dritten Strophe zweimal epiphernhaft von es. – Mit Zärtlichkeit allein, mit einem Personalpronomen sie, das eigentlich für die Zärtlichkeit stehen müsste, ist das alles, was sich hier abspielt, nicht zu erfassen. – Goethe greift zum es.

Ich finde das faszinierend, wie Goethe diese Liebe, die einen langen Moment, eine Nacht umfasst, gestaltet.

Dieses Doch zu Beginn der vierten Strophe, verbunden mit dem ach und den vielen O-Lauten leitet eine systolische Situation ein, ein Eng-Werden: der Abschied naht.

Wir wissen, welche Bedeutung dem steten Wechsel von Systole und Diastole, von Ein- und Ausatmen im Goetheschen Denken zukommt. Steter Wechsel, ständige Wandlung … immer ist in einem das andere schon angelegt, in der Enge die Weite, in der Weite die Enge.

Goethe formulierte es in seinem West-Östlichen Diwan im Buch des Sängers fast ewig gültig so:

.

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:

Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;

Jenes bedrängt, dieses erfrischt;

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Du danke Gott, wenn er dich presst,

Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt.

.

So ist es auch hier. Die dritte Strophe deutete es schon an: … ich verdient es nicht!

Die Enge ist vorprogrammiert.

Wenn die Götter einen Sterblichen so großer Liebe teilhaft werden lassen, dann darf er das annehmen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob er es verdient oder nicht. Wenn die Liebe nur eine Einbildung war und keine wirkliche Liebe, zeigt sich das ohnehin schnell genug.

Abschied ist immer eine Situation der Enge, eine systolische Situation, ein Einatmen von scheinbarem Schmerz; die Brust will sich schnüren.

Doch im Abschiednehmen zeigt sich immer auch eine große Weite. Oft werden erst hier die Dimensionen der Gefühle erfasst.

So bedürfen wir leider bisweilen des Abschieds, um zu erfassen, was wir ausatmen müssen, ja dürfen: Welch eine Liebe!

Bei vielen Menschen betrifft dies das Leben selbst, wenn sie Abschied nehmen von dieser Erde: Erst dann spüren sie, was sie aufgeben: eine so große Möglichkeit, das Leben zu lieben.

Auch in der Liebe ist es bisweilen so: Immer ist es eine Möglichkeit, einen Anderen zu lieben. Nur: Sie, die Liebe muss in beiden angelegt sein.

Wenn wir des Abschieds bedürfen, um erkennen zu können, was uns Liebe bedeutet, dann hat Goethe das mit und in diesem Gedicht unnachahmlich, wie ich finde, in Worte gegossen, gipfelnd in den Schlussversen:

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Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

 

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