Karl Moor hätte das Zeug zum Fundamentalisten und Top-Terroristen gehabt. – Über Schillers „Die Räuber“, Benno von Wiese und eine trübe Seite deutscher Germanistik

Vermutlich starb Friedrich Schiller 1805 an einer akuten Lungenentzündung. Der damalige weimarische Hofmedikus und herzogliche Leibarzt Wilhelm Ernst Christian Huschke teilte in der von ihm durchgeführten Obduktion „folgendes Merkwürdige“ als Ergebnis mit

1) Die Rippenknorpel waren durchgängig und sehr starck verknöchert.
2) Die rechte Lunge mit der Pleura [dem Rippenfell] von hinten nach vorne u. selbst mit dem Herzbeutel ligamentartig [in fester Verbindung] so verwachsen, daß es kaum mit dem Messer gut zu trennen war. Diese Lunge war faul u. brandig, breiartig u. ganz desorganisirt.
3) Die lincke Lunge beßer, marmorirt mit Eiterpunkten.
4) Das Herz stellte einen leeren Beutel vor u. hatte sehr viel Runzeln, war häutig ohne Muskelsubstanz. Diesen häutigen Sack konnte man in kleine Stücken zerflocken.
5) Die Leber natürl. nur die Ränder brandig.
6) Die Gallenblase noch einmal so groß als im natürl. Zustande u. strotzend von Galle.
7) Die Milz um 2/3 größer als sonst.
8) Der vordere concave Rand der Leber mit allen nahe liegenden Theilen bis zum Rückgrad verwachsen.
9) Die rechte u. lincke Niere in ihrer Substanz aufgelößt u. völlig verwachßen.
10) Auf der rechten Seite alle Därme mit dem Perito-neum [Bauchfell] verwachsen.
11) Urinblase u. Magen waren allein natürl.

Wenn man dieses Ergebnis liest, ahnt man, was für ein übermenschlicher Geist mit einem übermenschlichen Willen Schiller gewesen sein muss, dass er so lange – und bis zuletzt produktiv – diesen Körper am Leben erhalten konnte.

10 Jahre nach Goethe kam er auf die Welt, 27 Jahre vor ihm starb er. Mit beiden ist der Begriff der Deutschen Klassik, ein Synonym für die Weimarer Klassik, benannt nach beider Wohnort, unsterblich verbunden.

Bei aller Kritik am Schillers schwülstigem Erstlingswerk, den Räubern: Vor diesen beiden Menschen kann man sich nur voller Respekt verneigen.

Ich habe bereits bei meiner Besprechung von Kafkas Heimkehr darauf hingewiesen, dass auch Kafka an einem Lungenversagen starb, dass dieses Organ ihm über viele Jahre Siechtum und Pein bescherte. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass es eine Betrachtung von Krankheiten gibt, die sich mit den Namen Deepak Chopra und Louise Hay verbindet.

Lunge, Herz, Galle und Milz waren bei Schiller schwerst geschädigt.

Nach Louise Hay in Heile Deinen Körper. Seelisch-geistige Gründe für körperliche Krankheiten finden wir – und wir wählen die zwei folgenden Organe aus – unter Lungenentzündung: verzweifelt, lebensmüde, emotionale Wunden dürfen nicht heilen.

Unter Herzprobleme: Lange bestehende emotionale Probleme. Mangel an Freude. Verhärtung des Herzens.

Das alles ist kein Wunder. Schillers Gefühle müssen tief verletzt gewesen sein. So wurde sein Vater, der in den Diensten des Herzogs Karl Eugen stand, gezwungen, seinen Sohn in die von jenem gegründete militärische Pflanzschule zu geben; alle Widerstände des Vaters waren nutzlos gewesen; schließlich war er, der im Sold des Herzogs stand, erpressbar.

Dennoch könnte der Junge, der junge Friedrich, dies als Niederlage seines Vaters aufgefasst haben. Schließlich bildet ein Junge seine männliche Seite und sein Erwachsensein vorwiegend am Vater aus. Nicht alles ist hier rational erklärlich, was sich in der Seele eines Jungen abspielt, und auffallend ist, dass in den Räubern der Vater Moor ein absolutes Weichei ist, der im Grunde wenig bis nichts für seinen Sohn Karl tut und den entscheidenden Brief an Karl nicht einmal selbst schreibt, sondern dies seinem intriganten Sohn Franz überlässt – mit den entsprechenden Folgen.

Kennt der Vater seinen Sohn Franz so wenig?

Und kennt er seinen Sohn Karl so schlecht, dass er alles in einem von Franz gefälschten Brief über die Missetaten seines Sohnes Karl, angeblich verfasst von einem Gewährsmann in Leipzig, einfach so glaubt, als dieser Brief eintrifft …

Dieser Vater ist ein Spielball in den intriganten Händen seines charakterlich total korrumpierten Sohnes Franz, wie gesagt: Wenn der Begriff Weichei zutrifft, dann hier – auf den Vater.

Das Seltsame im Stück: Eine Mutter taucht nie auf. Dreimal nur im ganzen Schauspiel beziehen sich Franz und Karl ganz kurz – und das in allgemeinen Floskeln – auf ihre Mutter; man stelle sich das vor: keine Mutter – und solch ein Vater!

Haben da Söhne eine reelle Chance erwachsen zu werden? – Nein.

In seinem Erstlingswerk solch ein Elternhaus zu zeichnen – das spricht Bände in Bezug auf des jungen Friedrichs Seele.

Schiller hat nach eigenen Aussagen drei Väter gehabt, seinen leiblichen, den Herzog und Gott.

Dem zweiten, dem Herzog, hat er nie verziehen, was er an ihm tat. Und er spielte Schiller übelst mit.

Die Schwester erzählt, dass der Bruder mit zerissenem Gemüt und nur, „um seinen Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die Stelle des Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen“, in die Anstalt gegangen sei. Dort traf er auf einen Herzog, der heimlich durch die Korridore seiner Eleven zog und sie durch die Gucklöcher, die in jede Tür eingearbeitet waren, kontrollierte. Nach Hause durfte keiner, Ferien gab es keine, und starb ein Familienmitglied, durfte das Kind nur in Begleitung einer Wache nach Hause reisen. Über diesen Herzog, von dem wir wissen, dass er auf seinen Reisen durch sein Land jede Menge Landestöchter schwängerte, gäbe es noch einiges zu sagen … Wenn er auch in der Geschichte nicht so krass beurteilt wird, so war er doch eine menschliche Kanaille.

Friedrich durfte nicht, wie er wollte, Theologie, sondern musste Medizin studieren. Mitansehen musste er in jener Zeit, wie einer seiner Freund starb und einer Selbstmord beging. Schillers erste Prüfungsarbeit wurde vom Herzog, obwohl jener sie gar nicht schlecht fand, abgelehnt; der Herzog entschied, dass Schiller weiter studieren solle. Dessen Empörung über die vorenthaltene Freiheit entlud sich dann in den Räubern. Schließlich wurde Schiller im Dezember 1780, mit 21 Jahren, aus der Akademie entlassen.

Dass ein sensibler junger Mensch nur krank und gebrochen aus diesem Ghetto entlassen werden konnte, versteht sich von selbst. Ich vermute, dass Schillers früher Tod hier seine Grundlage findet. Und wie viel Groll und Hass in ihm war, lassen „Die Räuber“ erkennen; deutlich wird das am dritten Vater, an Gott.

Natürlich finden wir keinen liebenden, verstehenden oder gar verzeihenden Gott. Was Franz über jenen äußert, spricht Bände, und da wir sicherlich Franz als Teil Schillers sehen müssen ebenso wie Karl, steht dieser Gott-Vater auch für einen Ausschnitt in der Seele des jungen Schiller. Lassen wir Franz zu Wort kommen:

Rächet denn droben über den Sternen Einer? – Nein, nein! Ja, ja! Fürchterlich zischelt’s um mich: Richtet droben Einer über den Sternen! Entgegengehen dem Rächer über den Sternen diese Nacht noch! Nein, sag‘ ich – Elender Schlupfwinkel, hinter den sich deine Feigheit verstecken will – öd, einsam, taub ist’s droben über den Sternen – Wenn’s aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich befehle, es ist nicht! Wenn’s aber doch wäre? Weh dir, wenn’s nachgezählt worden wäre! wenn’s dir vorgezählt würde diese Nacht noch! – Warum schaudert mir so durch die Knochen? – Sterben! warum packt mich das Wort so? Rechenschaft geben dem Rächer droben über den Sternen – und wenn er gerecht ist, Waisen und Wittwen, Unterdrückte, Geplagte heulen zu ihm auf, und wenn er gerecht ist? (Akt V, Szene 1)

Was aber nun bedeutet das alles für die Seele von Karl und seine seelische Entwicklung?

Zum einen, dass er nicht erwachsen ist und seine Dinge wie ein Mann in die Hand nimmt; er hatte kein Vorbild, an dem er sich als Mann entwickeln konnte. Das scheint nur auf den ersten Blick verwunderlich, wo er doch ein Räuberhauptmann ist und durchaus auch in Kämpfen seinen Mann stellt, wobei solch ein Kampf nur einmal vorkommt und, fette Kaufleute zu überfallen, wie er das tut, ja nun kein Kunstück ist.

Nein, das Stück spiegelt diesen Tatbestand des Nicht-Erwachsenseins in vielen entscheidenden Szenen:

Zum ersten – und das wird in manchen inhaltlichen Zusammenfassungen falsch formuliert – gründet Karl Moor keineswegs selbst eine Räuberbande, sondern er wird von vorhandenen Räubern zu ihrem Anführer gemacht und auf dem Hintergrund der Intrige von Franz, der ihm ein Verstoßensein durch den Vater suggeriert, begibt er sich recht willenlos in diese Rolle – allzu viele Optionen hat der erfolglose Student ja auch nicht.

Zum zweiten bemüht er sich in keinster Weise um die Klärung seiner Familienangelegenheit, sondern macht zunächst Leipzig unsicher und räubert dann in der Gegend herum, wenn auch mit sozialem Touch.

Seltsam vor allem ist, dass er eine Geliebte namens Amalia zu Hause hat, sie aber nie besucht oder ihr eine Nachricht zukommen lässt. Ja, sie findet zuvor gerade einmal eine Erwähnung bei und in ihm. Erst als ein Mann namens Kosinsky auftaucht und von seiner Geliebten und ihrem üblen Schicksal berichtet – zufällig heißt sie auch Amalia (eine der zahlreichen Seltsamkeiten im Stück) – fällt Karl Moor ein, dass es in seinem Leben ja auch eine Amalia gab und gibt; Hals über Kopf bricht er nun auf einmal auf ins väterliche Schloss und damit zu der auf ihn wartenden Amalia, obwohl seine Räuber und der Leser eigentlich erwarten, dass er jenem Kosinsky zur Seite springt und ihm im Kampf um dessen Amalia hilft; jedenfalls hätten seine sonstigen An- und Ausssprüche solch ein Verhalten erwarten lassen müssen.

Nein, Karl stürzt nach Hause, aber was macht er da? Er verkleidet sich, damit ihn seine Amalia nicht erkennt – dass sie ihn dann tatsächlich nicht erkennt ist  eine der weiteren Unwahrscheinlichkeiten des Stückes. Amalia fühlt sich zu dem Fremden unglaublich hingezogen – was nur zu verständlich ist, ist er doch ihr Geliebter, den sie spürt, nicht aber erkennt. So wird die arme Frau in ein arges Dilemma gestürzt, wartet sie doch sehnlichst auf ihren Karl und spürt nun auf einmal eine Zuneigung zu einem Fremden, die sie nicht wahrhaben will. Karl jedoch hilft ihr keineswegs aus diesem Dilemma, sondern singt nostalgische Lieder und zieht  zunächst Leine, ohne sich zu outen.

Es geht ihm ja auch  um Franz, dessen hinterhältiges Treiben er mittlerweile durchschaut hat.

Doch statt selbst ins väterliche Schloss zu eilen – von mir aus zur eigenen Sicherheit mit einigen Gefährten – schickt er einen Räuberkollegen namens Schweizer mit folgendem Auftrag in Bezug auf Franz los:

Lies dir die Würdigsten aus der Bande und führe sie gerade nach des Edelmanns Schloß! Zerr‘ ihn aus dem Bette, wenn er schläft oder in den Armen der Wollust liegt, schlepp‘ ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen ist, reiß ihn vom Crucifix, wenn er betend vor ihm auf den Knieen liegt! Aber ich sage dir, ich schärf‘ es dir hart ein, liefr‘ ihn mir nicht todt! Dessen Fleisch will ich in Stücken reißen und hungrigen Geiern zur Speise geben, der ihm nur die Haut ritzt oder ein Haar kränkt! Ganz muß ich ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig bringst, so sollst du eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem Könige mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frei ausgehn wie die weite Luft – Hast du mich verstanden, so eile davon!

Pech nur, dass Franz kurz bevor Schweizer ihn zu Gesicht bekommt, sich mit einer goldenen Hutschnur ins Jenseits befördert. Schweizer nun traut sich nicht mehr unter die Augen seines Hauptmanns und gibt sich selbst die Kugel.

Warum Karl nicht selbst ins Schloss ging, um Franz gegenüberzutreten – ob das im Schloss oder vor dem Schloss geschieht, ist doch wohl egal, nur übernimmt er eben in ersterem Fall die Initiative und lässt nicht wieder andere handeln – warum er sich schon vorher nicht seiner Amalia zu erkennen gab … wie ein Mann handelt er nicht. – Franz übrigens auch nicht. Angesichts seiner ausweglosen Situation bittet er zunächst den sympathischen, aber äußerst klapprigen, alten Diener Daniel, ihn umzubringen. Erst als dieser sich weigert, übergibt er sich der goldenen Hutschnur.

Diese ganze Moor-Sippschaft bringt nichts auf die Reihe. Wen wundert es bei dieser elterlich-väterlichen Konstellation.

Doch damit nicht genug, es kommt noch schlimmer:

Als Amalia in der letzten Szene Karl erkennt, gibt dieser sich zunächst süßen Träumen hin, glaubt kuzrfristig an das Leben einer Liebe mit Amalia, um diese dann jäh von sich zu stoßen, weil die Räuber ihn für sich reklamieren und ihn an seinen Schwur erinnern, nur für sie dazusein.

Natürlich ist er auch jetzt für nichts verantwortlich. Amalia gegenüber äußert er:

Ich wollte umkehren und zu meinem Vater gehn, aber der im Himmel sprach, es soll nicht sein.

Karl ist schon ein armes Schwein; da will er mal was Vernünftiges tun, dann macht ihm dieser Gott da oben einen Strich durch die Rechnung.

Als ob er den Räubern gegenüber nicht mehrfach geschworen hätte, sie nie zu verlassen … Trotzdem muss der Vater im Himmel herhalten.

Leider zeitigt sein Zurückstoßen Amalias üble Folgen, diese nämlich möchte nur noch sterben und da sie Karl vergeblich auffordert, ihr den Todesstoß zu versetzen, kriecht sie buchstäblich zu den Räubern, die sie als Söhne des Henkers – mit Letzterem ist Karl gemeint – bezeichnet, und sie um den Gnadenstoß bittet. Doch vergeblich. Gerade will sie gehen, da zielt ein Räuber auf sie. Das aber ruft Karl auf den Plan:

Wag es – Moors Geliebte soll nur durch Moor sterben.

Peng.

Das aber ist selbst den Räubern zu viel. Aus den Worten Karls wird deutlich, dass er hoffte, mit dieser Blutttat sich von den Räubern freizukaufen:

ich hab euch einen Engel geschlachtet. Wie, seht doch recht her! Seid ihr nunmehr zufrieden?

Und nun kommt, was Karl Moor zum Top-Terroristen quzalifiziert, nachdem er schon eine wesentliche Qualifikation unter Beweis gestellt hat, nämlich, im erwachsenen Sinne nicht handlungsfähig zu sein.

Genau das sind Terroristen nicht. Sie sind auf ewig große Buben im Dienst des kollektiven Unbewussten.

Wer nicht erwachsen ist, wird gesteuert. Entweder von einem, der ihm sagt, wen er töten soll – heiße er Hitler, Karl Moor oder Osama bin Laden – oder von dem Speicher des Bösen, dem kollektiven Unbewusssten, das sich in solchen Personen wie den genannten manifestiert.

Oft geschieht das dadurch, dass man den Chef des kollektiven Unbewussten – nennen wir ihn Diabolo, Satan oder wie auch immer – zu seinem Gott macht, ihn Gott nennt und sagt, in seinem Dienst zu handeln.

Auch bei Karl ist das so.

Für sein Handeln gibt es im Grunde keine Erklärung mehr als den einer inneren Verwahrlosung, einer Vaterlosigkeit der Seele; deutlich wird das, als er sagt:

Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir jemals etwas theuer war!.

An den Brüchen und Widersprüchlichkeiten seines Wesens wurde diese Haltlosigkeit und Verwahrlosung deutlich und an weiteren noch ungenannten wäre dies  des Weiteren zu belegen.

Ein Beispiel möchte ich noch nennen:

Nachdem Franz durch seinen intriganten Brief, den der Vater in dieser so wichtigen Sache ihn schreiben ließ, für Karl die Tür zum Vaterhaus zuschlug, war für jenen diese Bande zerrissen. An seine Räuberkollegen gewendet posaunt er hinaus:

… ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister unter euch, der am wildesten sengt, am gräßlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll königlich belohnt werden …

Eine Gewaltverherrlichung ohnegleichen.

Wir erfahren auch in der dritten Szene des zweiten Aktes durch einen Bericht des Räubers Ratzmann, dass Moor einen Grafen, der soeben einen Prozess gewonnen hatte, mit seinem Advokaten des Weges kommen soll. Moor und seine Kumpane überfallen beide und obwohl der Advokat sich nicht wehrt, sticht ihn Karl Moor ab, dass der Dolch (..) in seinem Bauch stak wie ein Pfahl im Weinberg.

Die Krönung aber ist, dass Moor äußert:

ich habe das Meine getan (…) das Plündern ist eure Sache..

Kurze Zeit später lässt Karl, um einen Räuberkumpanen namens Roller zu retten, eine Stadt, wo jener gefangen sitzt,  an 33 Ecken anzünden; seine Räuber lässt er infernalisch in der Stadt toben, es gibt 83 Tote. Als jedoch ein anderer Räuber namens Schufterle in diesem Mordsog voll Stolz erzählt:

Wie ich von ungefähr so an einer Baracke vorbei gehe! hör‘ ich drinnen ein Gezeter, ich guck‘ hinein, und wie ich’s beim Lichte besehe, was war’s? Ein Kind war’s, noch frisch und gesund, das lag auf dem Boden unterm Tisch, und der Tisch wollte eben angehen – Armes Thierchen, sagt‘ ich, du verfrierst ja hier, und warf’s in die Flamme –

muss jener auf einmal von Karl sich anhören:

Wirklich, Schufterle? – Und diese Flamme brenne in deinem Busen, bis die Ewigkeit grau wird! – Fort. Ungeheuer! Laß dich nimmer unter meiner Bande sehen! – Murrt ihr? Überlegt ihr? – Wer überlegt, wenn ich befehle? – Fort mit ihm, sag‘ ich – Es sind noch mehr unter euch, die meinem Grimm reif sind. Ich kenne dich, Spiegelberg. Aber ich will nächstens unter euch treten und fürchterlich Musterung halten.

Noch auffallender tritt Karls Schizophrenie am Schluss zu Tage:

Sein Vater hat das Zeitliche gesegnet, nachdem er erfahren hat, was es mit seinem geliebten Sohn Karl auf sich hat. Wir lesen sodann, dass Karl Moor heftig auf und ab geht und spricht:

Höre sie nicht, Rächer im Himmel! – Was kann ich dafür? was kannst du dafür, wenn deine Pestilenz, deine Theurung, deine Wasserfluthen den Gerechten mit dem Bösewicht auffressen? Wer kann der Flamme befehlen, daß sie nicht auch durch die gesegneten Saaten wüthe, wenn sie das Genist der Hornissel zerstören soll? – O pfui über den Kindermord! den Weibermord! den Krankenmord! – Wie beugt mich diese That! Sie hat meine schönsten Werke vergiftet

Was kann ich dafür?

Primitiver und einfältiger hat wohl selten jemand seine Hände in Unschuld waschen wollen.

Schufterle tat das, was Moor wollte, nämlich am grässlichsten zu morden; voller Stolz wohl erwartete er die königliche Belohnung, von der oben die Rede war. Jedoch hat er die Rechnung ohne Karls kranke Psyche gemacht.

Fast möchte man meinen, Karl Moor sei geisteskrank, man möchte Schizophrenie oder Borderline diagnostizieren. Dass er das Ganze angezettelt hat, dass er für alles die Verantwortung trägt, dass erSchweizer (siehe oben) im Grunde in den Tod geschickt und selbst – wie ein ganzer Mann – eine wehrlose Frau – ganz abgesehen davon, dass es seine große Liebe gewesen sein soll – hingerichtet hat … All das zu erkennen, weigert er sich standhaft bzw. ist dazu sicherlich gar nicht in der Lage.

Nachdem er erkennen muss, dass die Ermordung Amalias selbst für seine Räuber zu viel war, lamentiert er:

O über mich Narren, der ich wähnete, die Welt durch Gräuel zu verschönern und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu halten! Ich nannte es Rache und Recht – Ich maßte mich an, o Vorsicht, die Scharten deines Schwerts auszuwetzen und deine Parteilichkeit gut zu machen – aber – o eitle Kinderei – da steh‘ ich am Rand eines entsetzlichen Lebens und erfahre nun mit Zähnklappern und Heulen, daß zwei Menschen, wie ich, den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grund richten würden. Gnade – Gnade dem Knaben, der Dir vorgreifen wollte – Dein eigen allein ist die Rache. Du bedarfst nicht des Menschen Hand. Freilich steht’s nun in meiner Macht nicht mehr, die Vergangenheit einzuholen – Schon bleibt verdorben, was verdorben ist – was ich gestürzt habe, steht ewig niemals mehr auf – Aber noch blieb mir etwas übrig, womit ich die beleidigten Gesetze versöhnen und die mißhandelte Ordnung wiederum heilen kann. Sie bedarf eines Opfers – eines Opfers, das ihr unverletzbare Majestät vor der ganzen Menschheit entfaltet – dieses Opfer bin ich selbst. Ich selbst muß für sie des Todes sterben.

Nach der ganzen Scheiße – es lässt sich kaum anders formulieren – bringt es Schiller noch fertig, Karl Moor sich zum Opferlamm stilisieren zu lassen und den Zuschauer und Leser glauben machen zu wollen, er könne sich selbst als Opfer darbringen.

Welch ein Zynismus!

Ein blutrünstiger und gewissenloser Mörder will sich nun zum Schluss als Opfer stilisieren und glauben machen, damit die ganze Ordnung wiederherstellen zu können …

Am Schluss durchschauen ihn selbst die Räuber:

Lasst ihn hinfahren. Es ist die Großmannssucht. Er will sein Leben an eitle Bewunderung setzen.

Wobei von durchschauen in Wahrheit nicht gesprochen werden kann.

Karl Moor ist geisteskrank. Wie alle Fundamentalisten und Terroristen gibt er sich – entsprechende Aussagen sind vor allem zu Beginn des Stückes zu lesen – dem Wahn hin, die Welt im positiven Sinne verändern zu können. Und wie wir das oft – aktuell gerade bei islamistischen Terroristen finden – muss Gott als Legitimation herhalten.

Natürlich sind diese Menschen geisteskrank, aber sie sind auch vaterlos. Der Vater in uns gibt die geistige Stabilität, die wir brauchen, um verantwortlich als Erwachsener handeln zu können.

Kein Karl Moor kann dies, kein Fundamentalist, kein Terrorist.

Erwähnenswert erscheint mir, was Benno von Wiese, einer der bekanntesten Germanisten des Nachkriegsdeutschland schreibt und ich will gleich vorwegnehmen, dass mir komplett unverständlich ist, wie er mit Schiller in solch eine gedankliche Illusion geht.

Dass der junge Schiller in seinem Ghetto der  militärischen Pflanzschule, angehimmelt von einigen Mitschülern und angefacht von seiner Shakespeare-Lektüre, sich zu solchen Gedanken versteift, mag in gewisser Weise nachvollziehbar sein, gesund ist es dennoch auch nicht, obwohl ich Schiller als Person respektiere, ja den Dichter und Dichter-Philosophen immer wieder auch zu würdigen weiß.

Dennoch sind mir Benno von Wieses Worte in dieser oberflächlichen Sichtweise komplett unverständlich, nicht nur, weil Karl nicht nur nicht stirbt – von Wiese spricht davon, dass er sterbe -, sondern weil er dessen Verhalten und seine Einstellungen auf eine Weise beschönigt, dass ich dies schon als verblendet bezeichnen möchte :

Daß die Existenz dieses erhabenen Verbrechers auf die Gottheit als die sinngebende Mitte alles Daseins bezogen bleibt, das zeigt vor allem das tragische Ende. Karl kehrt nicht um, aber er stirbt „mit Willen für die Gerechtigkeit“. Was hier geschieht, das ist eine Tat der Freiheit und des Opfers, wo der vom Schicksal geschlagene Held aus einem inneren Müssen und Sollen heraus die durch ihn verletzte göttliche Ordnung wiederherstellt, die er auch noch in der Unzulänglichkeit der irdischen Justiz anerkennt. Nicht ein Abfall vom eigenen Wesen ist dieser Ausgang, sondern vielmehr die tragische Erfüllung der eigenen Sendung, die durch die falsche Richtung nicht zerstört werden konnte. (…) Nicht daß die irdische Ordnung Recht behält, ist das Entscheidende, sondern daß ein Mensch sich ihr ‚mit Willen‘ zu opfern vermag, weil sie für ihn zur Stellvertreterin der ewigen Ordnung wurde. Der ‚Kläger wider die Gottheit‘, der in die ‚Tiefe des Abgrunds‘ hineingerät, wird zu einem Kronzeugen der Gottheit, zum Opfer der unverletzbaren Majestät Gottes. (…) In der Geschiedenheit des Göttlichen vom Menschlichen vermag der Mensch dennoch im Preisgegebensein an die irdische Existenz und ihre Not die Sache Gottes zur eigenen zu machen, so daß der Tod des schuldigen Verbrechers sich in den freien Opfertod des Märtyrers verwandelt.

zitiert nach Rudolf Ibel, Die Räuber. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas

Karl ein erhabener Verbrecher, der die göttliche Ordnung wiederherstellt? Das Geschehen eine Tat der Freiheit und des Opfers? Karl Moor ein Kronzeuge der Gottheit? Und durch sein ganzes Tun konnte Karls Sendung nicht zerstört werden?

Sorry, aber das ist für mich auch geisteskrank. Auffallend eben auch, dass Benno von Wiese Karl Moor partout sterben lassen will, weil er doch ein Märtyrer sein muss. Aber im Stück stirbt Karl Moor absolut nicht, er liefert sich dem Tagelöhner aus, damit dieser ihn der Justiz ausliefere, der der Verbrecher Moor eh nicht entgehen kann … so einfach darf ein Mörder im Verständnis Benno von Wieses seine eigenen Verfehlungen zur  Sache Gottes machen; dafür wird er noch zum Märtyrer stilisiert …

Wer so über Tatsachen – und seien es literarische – hinwegsieht, steht in höchster Gefahr, auch in anderer Hinsicht sich Dinge zurechtzuretuschieren – und sei es in der Realität:

Nachtrag und Zitat aus Wikipedia

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme trat von Wiese am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3 177 157) und wurde am 1. Juli 1933 Mitglied im Nationalsozialistischer Lehrerbund, im Jahr darauf auch im NS-Dozentenbund. Seit dem 1. Juli 1937 übte er in der NSDAP das Amt des Blockleiters (alltagssprachlich auch „Blockwart“) aus. Von Wiese war Autor in Goebbels‘ Renommierblatt Das Reich und ab 1936 als Lektor in Alfred Rosenbergs Schrifttumskommission im Hauptlektorat Deutsche Literaturgeschichte tätig. Am 1. Februar 1943 wurde von Wiese zur Wehrmacht einberufen, aber 1944 durch den Führererlass „Sonderelbe“ und „Sonderelbe Wissenschaft“ für unabkömmlich („UK“) erklärt, so dass es zu keinem Fronteinsatz kam.

Zu Beginn der NS-Zeit verfasste er apologetische Stellungnahmen zur Germanistik im Nationalsozialismus. Das Verhalten von Wieses, sich ohne äußeren Druck gerne und bereitwillig dem Nationalsozialismus zu verschreiben, war für Hannah Arendt, die mit ihm befreundet war, mit ein Grund für ihre frühzeitige Emigration 1933.

Aufgrund eines entlastenden Gutachtens konnte Benno von Wiese nach 1945 weiter als Universitätslehrer tätig sein.

.
.
✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡ ✡
Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf 
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere 
Tiefenstruktur hineinwirken. – Mehr unter diesem LINK

.

Advertisements

Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
Dieser Beitrag wurde unter Erziehung und Schule, Fülle des Lebens, Leben und Tod, Liebe, Literatur, Mann und Frau abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s