Ein erschütterndes Beispiel von Vaterlosigkeit: Franz Kafkas Kurzgeschichte „Heimkehr“

Als Franz Kafka 41-jährig stirbt, hatte die Tuberkolose gesiegt, die zuletzt auch seinen Kehlkopf ergriffen hatte.

Eine Tuberkolose befällt in der Regel die Lunge, das Organ, das uns mit dem Leben, mit dem Atem, mit dem Lebensatem verbindet. Kafka konnte und wollte nicht mehr leben. Warum, das wird in der Folge klar werden.

Vielleicht ist es vorher interessant zu lesen, womit nach Louise Hay in ihrem kleinen, aber so wertvollen Buch  „Heile Deinen Körper. Seelisch-geistige Gründe für Krankheiten“ Tuberkolose zu tun hat: mit Gedanken der Grausamkeit und Rache.

Wenn wir über Franz Kafkas Beziehung zu seinem Vater lesen, finden wir diesen als grausamen Despoten geschildert; kein Wunder, dass sich der Schriftsteller womöglich – und womöglich unbewusst – an seinem Vater ein Leben lang rächen will und diese Energie sich letztendlich gegen ihn selbst richtet. Seine Lunge versagt den Dienst. Nach Louise Hay steht die Lunge für die Fähigkeit, Leben in sich aufzunehmen.

Ebenfalls finden wir bei ihr, dass die Kehle in Zusammenhang mit der Fähigkeit des Selbstausdrucks steht.

Wie will man etwas ausdrücken, was man nicht hat: sein Selbst?“

Keiner der Personen im Kafkaschen Werk besitzt ein wirkliches Selbst.

Zur Kehlkopfentzündung schreibt Louise Hay:

„Du bist so außer dir, dass du nicht einmal mehr sprechen kannst. Angst, etwas auszudrücken. Groll gegen Autorität.“

Das liest sich wie ein Mini-Psychogramm zum Menschen Franz Kafka.

Wie ein Irrer, ruhelos in der Welt der Worte irrend und immer wieder zu denselben Tönen – bevorzugt grau und dunkel – und denselben Charakteren greifend, wollte Kafka über seine Probleme sprechen; deshalb schrieb er so viel, doch liest es sich im Grunde immer gleich. Wenn man wenige Kurzgeschichten gelesen hat, hat man gefunden, was das ganze Werk durchzieht; auch ein einziger Roman genügt: sein Personal ist hoffnungslos, ohne Zuversicht, körperlich und/oder seelisch krank. Man wird keine leuchtende Farbe finden, keine grüne Wiese, keinen blühenden Baum, niemanden, der von Herzen lacht oder einen Anderen herzlich in den Arm ninmt, keine Frau, die nicht kaputte Züge trägt, keinen Mann, der nicht neurotisch oder gar psychotisch wirkt … Alles ist kafkaesk. Nicht umsonst gibt es diesen Ausdruck auf dem Hintergrund von Kafkas literarischen Wirken. Im Duden ist er folgendermaßen definiert: „auf rätselvolle Weise unheimlich, bedrohlich“.

So war sich Kafka selbst, weil der Vater für ihn so war.

Über Kafkas Beziehung zu seinem Vater ist viel geschrieben worden, er selbst hat hat ja auch viel dazu geschrieben, nämlich seinen „Brief an den Vater“, den er nie abgeschickt hat. Darin finden sich bezeichnende Sätze, unter anderem die folgenden:

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Ich war ja schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir uns öfters zusammen in einer Kabine auszogen. Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mir jämmerlich vor, und zwar nicht nur vor Dir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge. […] Dem entsprach weiter Deine geistige Oberherrschaft. Du hattest Dich allein durch eigene Kraft so hoch hinaufgearbeitet, infolgedessen hattest Du unbeschränktes Vertrauen zu Deiner Meinung. Das war für mich als Kind nicht einmal so blendend wie später für den heranwachsenden jungen Menschen. In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt. (…)

Die Unmöglichkeit des ruhigen Verkehrs hatte noch eine weitere eigentlich sehr natürliche Folge: ich verlernte das Reden. Ich wäre ja wohl auch sonst kein großer Redner geworden, aber die gewöhnlich fließende menschliche Sprache hätte ich doch beherrscht. Du hast mir aber schon früh das Wort verboten. Deine Drohung: »kein Wort der Widerrede!« und die dazu erhobene Hand begleiten mich schon seit jeher. Ich bekam vor Dir – Du bist, sobald es um Deine Dinge geht, ein ausgezeichneter Redner – eine stockende, stotternde Art des Sprechens, auch das war Dir noch zu viel, schließlich schwieg ich, zuerst vielleicht aus Trotz, dann, weil ich vor Dir weder denken noch reden konnte. Und weil Du mein eigentlicher Erzieher warst, wirkte das überall in meinem Leben nach. […] so wie ich bin, bin ich (von den Grundlagen und der Einwirkung des Lebens natürlich abgesehen) das Ergebnis Deiner Erziehung und meiner Folgsamkeit. Dass dieses Ergebnis Dir trotzdem peinlich ist, ja dass Du Dich unbewusst weigerst, es als Dein Erziehungsergebnis anzuerkennen, liegt eben daran, dass Deine Hand und mein Material einander so fremd gewesen sind. Du sagtest: »Kein Wort der Widerrede!« und wolltest damit die Dir unangenehmen Gegenkräfte in mir zum Schweigen bringen, diese Einwirkung war aber für mich zu stark, ich war zu folgsam, ich verstummte gänzlich, verkroch mich vor Dir und wagte mich erst zu regen, wenn ich so weit von Dir entfernt war, dass Deine Macht, wenigstens direkt, nicht mehr hinreichte.

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Das bedeutet: Leben als Vaterflucht.

Lesen wir auf diesem Hintergrund

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Heimkehr

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

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Kafka schreibt nicht: Ich bin heimgekehrt. Es heißt: Ich bin zurückgekehrt.

Immerhin spricht er von meines Vaters altem Hof. Er möchte, er will, dass es sein Vater ist, den er hier findet, dass es überhaupt einen Vater gibt.

So wie es im Tempel – und in der Bibel steht der Tempel ja für die Seele des Menschen – einen Vorhof gibt, ein Heiliges und ein Allerheiligstes – wir wissen, dass bei Jesu Kreuzigung der Vorhang im Tempel zu Jersusalem zerriss, der das Heilige vom Allerheiligsten trennte – so hat Kafkas Vaterhaus einen Vorhof, einen Hof. Doch die Sache ist von vornherein verfahren. Brauchbares gibt es nicht, alles ist ineinander verfahren, unbrauchbar, verstellt, zerrissen.

Wir wissen, dass vieles in unseren Leben höchst symbolisch ist. Auch hier ist es so:

Der Sohn ist angekommen. Nicht heimgekommen. Er bleibt verloren in diesem Unrat. Niemand begrüßt ihn. Nicht einmal die Katze; sie lauert!

Fragen tun sich auf, auf die es keine Antwort gibt. Es gibt keinen inneren Vater, der sie beantwortet, der den Sohn zum äußeren Vater führt.

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In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.

Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten,

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lesen wir in der Bibel.

Doch diese Christusenergie gibt es hier nicht, die zum inneren Vater führt. Hier ist man nur erwünscht, wenn man nützlich ist – das muss schon für das Kind gegolten haben; kein Wunder weiß der Sohn: D i e s e m  Vater,  d i e s e r  Mutter kann er nicht nützlich sein. Deshalb bleibt er auf Distanz. Von der Ferne heißt es nicht von ungefähr dreimal.

Alles hier ist unverbunden, steht kalt Stück neben Stück, niemand weiß um die Angelegenheiten des Anderen, hier gibt es nichts Gemeinsames, zum Beispiel ein Abendmahl.

Immerhin könnte es ja auf dem Tisch stehen, denn es steigt Rauch aus dem Kamin. Doch der Sohn wagt nicht einmal zu klopfen. Bloß nicht überrascht werden, auch nicht beim bloßen Horchen. Wie oft ist von horchen und hören die Rede. Man sieht den Sohn förmlich vor sich, das Ohr gegen die Tür hin gerichtet, doch immer bereit zur Flucht.

Je länger er wartet, desto mehr macht er sich die Vaterlosigkeit, unter der er leidet zu seinem ureigenen Problem, zu seiner Schuld:

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Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will?

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Nein, sein Selbst will das nicht, in Wirklichkeit möchte es heimkehren, die Tür öffnen, dem Vater, der Mutter in die Arme fallen, weinen. Jede Seele möchte heimkehren.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn sehe ich den Vater weinen, als er seinen Sohn von Ferne sieht und ihm entgegenläuft, weil er ahnt, der Sohn könne es, entkräftet wie er ist, nicht mehr nach Hause schaffen.

Es gibt keine Ordnung im eigenen Inneren ohne die Ordnung der Seele, die eines inneren Vaters und einer innere Mutter bedarf.

Deshalb bedeutete Kosmos Ordnung. Im Kosmos hat alles seine Ordnung. Auch die Familie bedarf dieser Ordnung.

Wie oben so unten, heißt es in der Tabula smaragdina des Hermes Trismegistos.

Wie im Himmel so auf Erden, lesen wir im Vater unser.

Mich wundert es nicht, dass für viele der Zugang zur kosmischen Vaterenergie versperrt ist. Es liegt an dem unaufgearbeiteten Verhältnis zum irdischen Vater. Vielleicht lebt er bei dem ein oder anderen Leser, der ein oder anderen Leserin nicht mehr; auch meiner ist schon lange verstorben.

Doch der kosmische Vater kann den irdischen heilen. Er kann die große Vaterwunde schließen.

Das Buch, über das Kafka im Folgenden spricht, steht für das Buch seines Lebens. Im Kleinen spiegelt sich das Große und Kafka formuliert es so:

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ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

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In einem gefrorenen Meer zirkuliert keine Luft mehr, kein Lebensatem.

Wenn wir das gesamte Kafka-Zitat, das sich in einem Brief an seinem Freund Oskar Pollack findet, lesen, dann finden wir, wie gnadenlos Kafka mit sich umgeht – erst spricht er von „man“ dann von „wir“; ich fühle mich nicht angesprochen -;

da ist von beißen und stechen die Rede, von Verletzung und von Wunden. Leben ist bedrohlich, es türmt sich turmhoch und droht einen höchstens zu erschlagen; es gibt keinen Vater, der schützt und heilt.

Ein Erwachsener bedarf dieses Vaters in sich, sonst kann er nicht überleben, geschweige denn leben; Kafka schreibt:

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Wenn man so ein Leben überblickt, das sich ohne Lücken wieder und wieder höher türmt, so hoch, dass man es kaum mit seinen Fernrohren erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biss. Ich glaube, man sollte überhaupt nur Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

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Noch eine Anmerkung, weil es mir gerade auffiel und ich es nicht vergessen möchte:

Auch Friedrich von Schiller starb an Tuberkolose, auch relativ früh, mit 45 Jahren.

Die Obduktion ließ erkennen, dass innere Organe verklebt waren; der linke Lungenflügel war zerstört, die Nieren aufgelöst.

Auch hier also war der Lebensatem berührt. Auch mit Schillers innerem Vater stimmt möglicherweise vieles nicht. In seinem Erstlingswerk, den Räubern, zeichnet er einen Vater, der ein abolutes Weichei ist, keinen seiner beiden Söhne wirklich kennt und keine männliche Energie besitzt. – Der himmlische Vater kommt nur als strafender Gott-Vater vor.

In diesem Werk tritt eine Mutter nicht auf. Dreimal sprechen beide Söhne von „Mutter“, allerdings in keinem erfreulichen Zusammenhang und nur jeweils abgehackt kurz. Für beide scheint sie nicht bedeutsam gewesen zu sein. Karl und Franz sind im Grunde vaterlos und mutterlos. Wenn im Übrigen Franz von Geburt redet, dann spricht er davon, dass jemand aus dem Ofen geschossen wurde.

Beste Voraussetzungen für ein lebenslanges Lebens“glück“, 55 Jahre lang?

Welch eine geistige Kraft muss dieser Mann, Friedrich von Schiller – 1802, zweieinhalb Jahre vor seinem Tod, wird er geadelt – gehabt haben, dass er dennoch, trotz dieser inneren Organzerrüttung und trotz der sich andeutenden seelischen Problematik auch im Hinblick auf sein Vaterbild, so viele unsterbliche Werke schuf. Ich bewundere ihn sehr und bin in Methusalem hier und hier auf ihn eingegangen.

Ein andermal mehr zu seinen drei Vätern, von denen er selbst sprach. Ob er wirklich einen einzigen wirklichen hatte?

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Eine Antwort zu Ein erschütterndes Beispiel von Vaterlosigkeit: Franz Kafkas Kurzgeschichte „Heimkehr“

  1. Katrin schreibt:

    wow. vielen dank!!

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