Wertschätzung des Kreuzes und eine leicht missglückte Stabübergabe: Goethes Fragment „Die Geheimnisse“

Goethe hat Die Geheimnisse als großes Werk konzipiert, so groß, dass eigentlich die als ein Vorwort konzipierte Zueignung, die er später dann der Ausgabe seines Gesamtwerkes voranstellte, für Die Geheimnisse gedacht war; daraus mag man entnehmen, welche Bedeutung Goethe selbst den Geheimnissen zumaß.

Wir  wissen, dass die Niederschrift des Werkes am 8. August 1784 begann, also kurz vor seinem 25. Geburstag am 28. August, und in etwa ein Jahr überdauerte.

Es ist die Zeit der Freundschaft mit Frau von Stein und Johann Gottfried Herder. Über die Beziehung der beiden Männer, die 1770 begann, ist viel geschrieben worden; in Wahrheit aber ist wenig dokumentiert. Der Kommentar Herders, der zu jener Zeit sich mehrerer (erfolgloser) Augenoperationen unterzog – wegen einer Tränenfistel ließ er sich den Nasenknochen durchbohren und mehrfach das Tränensäckchen einschneiden – und in seiner „Tod- und Moderhöhle“ ausharren musste -, Herders Kommentar also zu Goethe, der ihn immer wieder aufsuchte, ist nicht einmal besonders überwältigend. Aktuell schreibt er aus Straßburg ohnehin gar nichts über ihn, erst später äußert er sich: „Göthe ist wirklich ein guter Mensch, nur äußerst leicht und viel zu leicht, und spazzenmäßig, worüber er meine ewigen Vorwürfe gehabt hat.“ Allerdings bekundet er, dass Goethe der Einzige gewesen sei, der ihn besucht und den er gern gesehen habe.

Dass Herder Goethe gleichsam als leichten Spazzen empfindet, mag, obwohl er selbst nur vier Jahre älter als Goethe ist, aber sehr viel reifer erscheint, daran gelegen haben, dass seine Gedanken sich in der Tat sehr tiefgehend ausnehmen und durchaus zu imponieren wissen. Das betrifft seine Verehrung und zugleich kritische Distanz zu Rousseau, seine Wertschätzung der Gegenwart, von der man sich nicht rückwärts abwenden dürfe und die Tatsache, dass er allem Gegenwärtigen seine Bedeutung zuweist, die es zu erkennen gilt. Goethe mögen diese und andere Gedanken gewiss sehr eindrücklich, vielleicht sogar neu gewesen sein, so sehr vielleicht, dass er Herder in Bruder Humanus im Rahmen des vorliegenden Werkes ein Denkmal setzen wollte; jedenfalls wird Humanus gewiss Züge Herders tragen.

Dass dieses Werk so konzipiert war, dass Goethe alias Bruder Markus den Stab der Klosterführung nach dem Tod des Humanus übernimmt, scheint mir durchaus denkbar. Vielleicht kam das Werk deshalb nicht zu einem Ende, weil es sicherlich nicht glücklich gewesen wäre, Bruder Humanus alias Herder sterben zu lassen. Zudem mag – vielleicht auch nur unbewusst – in Goethe der Eindruck entstanden sein, dass seine eigene Originalität und Schaffenskraft durchaus der des Bruder Humanus gleichwertig ist und sich nicht nur aus dessen Quellen speist.

Dennoch ist dieses kleine Epos – wie ich finde – wunderbar zu lesen; in Stanzen geschrieben gibt es ein Zeugnis der Schaffenskraft Goethes, ein Zeugnis auch von dessen Verehrung der Symbolik des Kreuzes, wobei die Rosenkreuzereinflüsse von Herders Seite wohl gekommen sein werden und in dieser Schrift auch ihren deutlichen und überzeugenden Niederschlag finden.

Kein Zweifel auch für mich, dass Bruder Markus Züge eines Parzival trägt.

Noch kurz vor seinem Tod schreibt Goethe in einem Brief an Zelter, dass Die Geheimnisse ein, sein Zeugnis dafür gewesen seien, dass er „das Kreuz als Mensch und als Dichter zu ehren und zu schmücken verstand.“

Ein wunderbares Lied ist euch bereitet:

Vernehmt es gern und jeden ruft herbei!

Durch Berg‘ und Täler ist der Weg geleitet;

Hier ist der Blick beschränkt, dort wieder frei,

Und wenn der Pfad sacht in die Büsche gleitet,

So denket nicht, dass es ein Irrtum sei;

Wir wollen doch, wenn wir genug geklommen,

Zur rechten Zeit dem Ziele näherkommen.


Doch glaube keiner, dass mit allem Sinnen

Das ganze Lied er je enträtseln werde:

Gar viele müssen vieles hier gewinnen,

Gar manche Blüten bringt die Mutter Erde;

Der eine flieht mit düsterm Blick von hinnen,

Der andre weilt mit fröhlicher Gebärde:

Ein jeder soll nach seiner Lust genießen,

Für manchen Wandrer soll die Quelle fließen.


Ermüdet von des Tages langer Reise,

Die auf erhabnen Antrieb er getan,

An einem Stab nach frommer Wandrer Weise

Kam Bruder Markus, außer Steg und Bahn,

Verlangend nach geringem Trank und Speise,

In einem Tal am schönen Abend an,

Voll Hoffnung, in den waldbewachsnen Gründen

Ein gastfrei Dach für diese Nacht zu finden.


Am steilen Berge, der nun vor ihm stehet,

Glaubt er die Spuren eines Wegs zu sehn,

Er folgt dem Pfade, der in Krümmen gehet,

Und muss sich steigend um die Felsen drehn;

Bald sieht er sich hoch übers Tal erhöhet,

Die Sonne scheint ihm wieder freundlich schön,

Und bald sieht er mit innigem Vergnügen

Den Gipfel nah vor seinen Augen liegen.


Und nebenhin die Sonne, die im Neigen

Noch prachtvoll zwischen dunkeln Wolken thront;

Er sammelt Kraft, die Höhe zu ersteigen,

Dort hofft er seine Mühe bald belohnt.

Nun, spricht er zu sich selbst, nun muss sich zeigen,

Ob etwas Menschlichs in der Nähe wohnt!

Er steigt und horcht und ist wie neu geboren:

Ein Glockenklang erschallt in seinen Ohren.


Und wie er nun den Gipfel ganz erstiegen,

Sieht er ein nahes, sanft geschwungnes Tal.

Sein stilles Auge leuchtet von Vergnügen;

Denn vor dem Walde sieht er auf einmal

In grüner Au ein schön Gebäude liegen,

Soeben trifft´s der letzte Sonnenstrahl:

Er eilt durch Wiesen, die der Tau befeuchtet,

Dem Kloster zu, das ihm entgegenleuchtet.


Schon sieht er dicht sich vor dem stillen Orte,

Der seinen Geist mit Ruh und Hoffnung füllt,

Und auf dem Bogen der geschlossnen Pforte

Erblickt er ein geheimnisvolles Bild.

Er steht und sinnt und lispelt leise Worte

Der Andacht, die in seinem Herzen quillt,

Er steht und sinnt: was hat das zu bedeuten?

Die Sonne sinkt, und es verklingt das Läuten!


Das Zeichen sieht er prächtig aufgerichtet,

Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht,

Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet,

Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht,

Das die Gewalt des bittern Tods vernichtet,

Das in so mancher Siegesfahne weht:

Ein Labequell durchdringt die matten Glieder,

Er sieht das Kreuz und schlägt die Augen nieder.


Er fühlet neu, was dort für Heil entsprungen,

Den Glauben fühlt er einer halben Welt;

Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen,

Wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt:

Es steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen.

Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?

Es schwillt der Kranz, um recht von allen Seiten

Das schroffe Holz mit Weichheit zu begleiten.


Und leichte Silber-Himmelswolken schweben,

Mit Kreuz und Rosen sich emporzuschwingen,

Und aus der Mitte quillt ein heilig Leben

Dreifacher Strahlen, die aus Einem Punkte dringen;

Von keinen Worten ist das Bild umgeben,

Die dem Geheimnis Sinn und Klarheit bringen.

Im Dämmerschein, der immer tiefer grauet,

Steht er und sinnt und fühlet sich erbauet.


Er klopft zuletzt, als schon die hohen Sterne

Ihr helles Auge zu ihm nieder wenden.

Das Tor geht auf, und man empfängt ihn gerne

Mit offnen Armen, mit bereiten Händen.

Er sagt, woher er sei, von welcher Ferne

Ihn die Befehle höhrer Wesen senden.

Man horcht und staunt. Wie man den Unbekannten

Als Gast geehrt, ehrt man nun den Gesandten.


Ein jeder drängt sich zu, um auch zu hören,

Und ist bewegt von heimlicher Gewalt,

Kein Odem wagt den seltnen Gast zu stören,

Da jedes Wort im Herzen widerhallt.

Was er erzählet, wirkt wie tiefe Lehren

Der Weisheit, die von Kinderlippen schallt:

An Offenheit, an Unschuld der Gebärde

Scheint er ein Mensch von einer andern Erde.


Willkommen, ruft zuletzt ein Greis, willkommen,

Wenn deine Sendung Trost und Hoffnung trägt!

Du siehst uns an; wir alle stehn beklommen,

Obgleich dein Anblick unsre Seele regt:

Das schönste Glück, ach! wird uns weggenommen,

Von Sorgen sind wir und von Furcht bewegt.

Zur wichtgen Stunde nehmen unsre Mauern

Dich Fremden auf, um auch mit uns zu trauern:


Denn ach, der Mann, der alle hier verbündet,

Den wir als Vater, Freund und Führer kennen,

Der Licht und Mut dem Leben angezündet,

In wenig Zeit wird er sich von uns trennen –

Er hat es erst vor kurzem selbst verkündet.

Doch will er weder Art noch Stunde nennen:

Und so ist uns sein ganz gewisses Scheiden

Geheimnisvoll und voller bittren Leiden.


Du siehest alle hier mit grauen Haaren,

Wie die Natur uns selbst zur Ruhe wies:

Wir nahmen keinen auf, den, jung an Jahren,

Sein Herz zu früh der Welt entsagen hieß.

Nachdem wir Lebens-Lust und -Last erfahren,

Der Wind nicht mehr in unsre Segel blies,

War uns erlaubt, mit Ehren hier zu landen,

Getrost, dass wir den sichern Hafen fanden.


Dem edlen Manne, der uns hergeleitet,

Wohnt Friede Gottes in der Brust;

Ich hab ihn auf des Lebens Pfad begleitet,

Und bin mir alter Zeiten wohl bewusst;

Die Stunden, da er einsam sich bereitet,

Verkünden uns den nahenden Verlust.

Was ist der Mensch, warum kann er sein Leben

Umsonst, und nicht für einen Bessern geben?


Dies wäre nun mein einziges Verlangen:

Warum muss ich des Wunsches mich entschlagen?

Wie viele sind schon vor mir hingegangen!

Nur ihn muss ich am bittersten beklagen.

Wie hätt er sonst so freundlich dich empfangen!

Allein er hat das Haus uns übertragen;

Zwar keinen noch zum Folger sich ernennet,

Doch lebt er schon im Geist von uns getrennet.


Und kommt nur täglich eine kleine Stunde,

Erzählet, und ist mehr als sonst gerührt:

Wir hören dann aus seinem eignen Munde,

Wie wunderbar die Vorsicht ihn geführt;

Wir merken auf, damit die sichre Kunde

Im kleinsten auch die Nachwelt nicht verliert;

Auch sorgen wir, dass einer fleißig schreibe

Und sein Gedächtnis rein und wahrhaft bleibe.


Zwar vieles wollt‘ ich lieber selbst erzählen,

Als ich jetzt nur zu hören stille bin;

Der kleinste Umstand sollte mir nicht fehlen,

Noch hab ich alles lebhaft in dem Sinn;

Ich höre zu und kann es kaum verhehlen,

Dass ich nicht stets damit zufrieden bin:

Sprech ich einmal von allen diesen Dingen,

Sie sollen prächtiger aus meinem Munde klingen.


Als dritter Mann erzählt‘ ich mehr und freier,

Wie ihn ein Geist der Mutter früh verhieß,

Und wie ein Stern bei seiner Taufe Feier

Sich glänzender am Abendhimmel wies,

Und wie mit weiten Fittichen ein Geier

Im Hofe sich bei Tauben niederließ;

Nicht grimmig stoßend und wie sonst zu schaden:

Er schien sie sanft zur Einigkeit zu laden.


Dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen,

Wie er als Kind die Otter überwand,

Die er um seiner Schwester Arm sich schmiegen,

Um die entschlafne fest gewunden fand:

Die Amme floh und ließ den Säugling liegen;

Er drosselte den Wurm mit sichrer Hand;

Die Mutter kam und sah mit Freudebeben

Des Sohnes Taten und der Tochter Leben.


Und so verschwieg er auch, dass eine Quelle

Vor seinem Schwert aus trocknem Felsen sprang,

Stark wie ein Bach, sich mit bewegter Welle

Den Berg hinab bis in die Tiefe schlang:

Noch quillt sie fort so rasch, so silberhelle,

Als sie zuerst sich ihm entgegendrang

Und die Gefährten, die das Wunder schauten,

Den heißen Durst zu stillen kaum getrauten.


Wenn einen Menschen die Natur erhoben,

Ist es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt:

Man muss in ihm die Macht des Schöpfers loben,

Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt;

Doch wenn ein Mann von allen Lebensproben

Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt:

Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen,

Und sagen: Das ist er, das ist sein eigen!


Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,

Zu leben und zu wirken hier und dort;

Dagegen engt und hemmt von jeder Seite

Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort:

In diesem innern Sturm und äußern Streite

Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,

Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.


Wie frühe war es, dass sein Herz ihn lehrte,

Was ich bei ihm kaum Tugend nennen darf:

Dass er des Vaters strenges Wort verehrte

Und willig war, wenn jener rau und scharf

Der Jugend freie Zeit mit Dienst beschwerte,

Dem sich der Sohn mit Freuden unterwarf,

Wie, elternlos und irrend, wohl ein Knabe

Aus Not es tut um eine kleine Gabe.


Die Streiter musst er in das Feld begleiten,

Zuerst zu Fuß bei Sturm und Sonnenschein,

Die Pferde warten und den Tisch bereiten

Und jedem alten Krieger dienstbar sein.

Gern und geschwind lief er zu allen Zeiten

Bei Tag und Nacht als Bote durch den Hain;

Und so gewohnt, für andre nur zu leben,

Schien Mühe nur ihm Fröhlichkeit zu geben.


Wie er im Streit mit kühnem, munterm Wesen

Die Pfeile las, die er am Boden fand,

Eilt‘ er hernach, die Kräuter selbst zu lesen,

Mit denen er Verwundete verband:

Was er berührte, musste gleich genesen,

Es freute sich der Kranke seiner Hand:

Wer wollt ihn nicht mit Fröhlichkeit betrachten!

Und nur der Vater schien nicht sein zu achten.


Leicht, wie ein segelnd Schiff, das keine Schwere

Der Ladung fühlt und eilt von Port zu Port,

Trug er die Last der elterlichen Lehre:

Gehorsam war ihr erst- und letztes Wort;

Und wie den Knaben Lust, den Jüngling Ehre,

So zog ihn nur der fremde Wille fort.

Der Vater sann umsonst auf neue Proben,

Und wenn er fodern wollte, musst er loben.


Zuletzt gab sich auch dieser überwunden,

Bekannte tätig seines Sohnes Wert;

Die Rauigkeit des Alten war verschwunden,

Er schenkt´ auf einmal ihm ein köstlich Pferd;

Der Jüngling ward vom kleinen Dienst entbunden,

Er führte statt des kurzen Dolchs ein Schwert:

Und so trat er geprüft in einen Orden,

Zu dem er durch Geburt berechtigt worden.


So könnt ich dir noch tagelang berichten,

Was jeden Hörer in Erstaunen setzt;

Sein Leben wird den köstlichsten Geschichten

Gewiss dereinst von Enkeln gleichgesetzt;

Was dem Gemüt in Fabeln und Gedichten

Unglaublich scheint und es doch hoch ergetzt,

Vernimmt es hier und mag sich gern bequemen,

Zwiefach erfreut für wahr es anzunehmen.


Und fragst du mich, wie der Erwählte heiße,

Den sich das Aug der Vorsicht ausersah,

Den ich zwar oft, doch nie genugsam preise,

An dem so viel Unglaubliches geschah?

Humanus heißt der Heilige, der Weise,

Der beste Mann, den ich mit Augen sah;

Und sein Geschlecht, wie es die Fürsten nennen,

Sollst du zugleich mit seinen Ahnen kennen.


Der Alte sprachs und hätte mehr gesprochen,

Denn er war ganz der Wunderdinge voll,

Und wir ergetzen uns noch manche Wochen

An allem, was er uns erzählen soll;

Doch eben ward sein Reden unterbrochen,

Als gegen seinen Gast das Herz am stärksten quoll:

Die andern Brüder gingen bald und kamen,

Bis sie das Wort ihm von dem Munde nahmen.


Und da nun Markus nach genossnem Mahle

Dem Herrn und seinen Wirten sich geneigt,

Erbat er sich noch eine reine Schale

Voll Wasser, und auch die ward ihm gereicht.

Dann führten sie ihn zu dem großen Saale,

Worin sich ihm ein seltner Anblick zeigt‘.

Was er dort sah, soll nicht verborgen bleiben,

Ich will es euch gewissenhaft beschreiben.


Kein Schmuck war hier, die Augen zu verblenden,

Ein kühnes Kreuzgewölbe stieg empor,

Und dreizehn Stühle sah er an den Wänden

Umher geordnet, wie im frommen Chor,

Gar zierlich ausgeschnitzt von klugen Händen;

Es stand ein kleiner Pult an jedem vor.

Man fühlte hier der Andacht sich ergeben,

Und Lebensruh und ein gesellig Leben.


Zu Häupten sah er dreizehn Schilde hangen,

Denn jedem Stuhl war eines zugezählt.

Sie schienen hier nicht ahnenstolz zu prangen,

Ein jedes schien bedeutend und gewählt,

Und Bruder Markus brannte vor Verlangen,

Zu wissen, was so manches Bild verhehlt:

Im mittelsten erblickt er jenes Zeichen

Zum zweiten Mal, ein Kreuz mit Rosenzweigen.


Die Seele kann sich hier gar vieles bilden,

Ein Gegenstand zieht von dem andern fort;

Und Helme hängen über manchen Schilden,

Auch Schwert und Lanze sieht man hier und dort;

Die Waffen, wie man sie von Schlachtgefilden

Auflesen kann, verzieren diesen Ort:

Hier Fahnen und Gewehre fremder Lande

Und, seh ich recht, auch Ketten dort und Bande!


Ein jeder sinkt vor seinem Stuhle nieder,

Schlägt auf die Brust, in still Gebet gekehrt;

Von ihren Lippen tönen kurze Lieder,

In denen sich andächtge Freude nährt;

Dann segnen sich die treu verbundnen Brüder

Zum kurzen Schlaf, den Phantasie nicht stört:

Nur Markus bleibt, indem die andern gehen,

Mit einigen im Saale schauend stehen.


So müd er ist, wünscht er noch fort zu wachen,

Denn kräftig reizt ihn manch und manches Bild:

Hier sieht er einen feuerfarbnen Drachen,

Der seinen Durst in wilden Flammen stillt;

Hier einen Arm in eines Bären Rachen,

Von dem das Blut in heißen Strömen quillt;

Die beiden Schilder hingen, gleicher Weite,

Beim Rosenkreuz zur recht- und linken Seite.


Du kommst hierher auf wunderbaren Pfaden,

Spricht ihn der Alte wieder freundlich an;

Lass diese Bilder dich zu bleiben laden,

Bis du erfährst, was mancher Held getan;

Was hier verborgen, ist nicht zu erraten,

Man zeige denn es dir vertraulich an;

Du ahnest wohl, wie manches hier gelitten,

Gelebt, verloren ward, und was erstritten.


Doch glaube nicht, dass nur von alten Zeiten

Der Greis erzählt – hier geht noch manches vor;

Das, was du siehst, will mehr und mehr bedeuten:

Ein Teppich deckt es bald und bald ein Flor.

Beliebt es dir, so magst du dich bereiten:

Du kamst, o Freund, nur erst durchs erste Tor;

Im Vorhof bist du freundlich aufgenommen,

Und scheinst mir wert, ins Innerste zu kommen.


Nach kurzem Schlaf in einer stillen Zelle

Weckt unsern Freund ein dumpfer Glockenton.

Er rafft sich auf mit unverdrossner Schnelle,

Dem Ruf der Andacht folgt der Himmelssohn.

Geschwind bekleidet, eilt er nach der Schwelle,

Es eilt sein Herz voraus zur Kirche schon,

Gehorsam, ruhig, durch Gebet beflügelt;

Er klinkt am Schloss, und findet es verriegelt.


Und wie er horcht, so wird in gleichen Zeiten

Dreimal ein Schlag auf hohles Erz erneut,

Nicht Schlag der Uhr und auch nicht Glockenläuten,

Ein Flötenton mischt sich von Zeit zu Zeit;

Der Schall, der seltsam ist und schwer zu deuten,

Bewegt sich so, dass er das Herz erfreut,

Einladend ernst, als wenn sich mit Gesängen

Zufriedne Paare durcheinanderschlängen.


Er eilt ans Fenster, dort vielleicht zu schauen,

Was ihn verwirrt und wunderbar ergreift:

Er sieht den Tag im fernen Osten grauen,

Den Horizont mit leichtem Duft gestreift,

Und – soll er wirklich seinen Augen trauen? –

Ein seltsam Licht, das durch den Garten schweift:

Drei Jünglinge mit Fackeln in den Händen

Sieht er sich eilend durch die Gänge wenden.


Er sieht genau die weißen Kleider glänzen,

Die ihnen knapp und wohl am Leibe stehn,

Ihr lockig Haupt kann er mit Blumenkränzen,

Mit Rosen ihren Gurt umwunden sehn;

Es scheint, als kämen sie von nächtgen Tänzen,

Von froher Mühe recht erquickt und schön.

Sie eilen nun und löschen, wie die0 Sterne,

Die Fackeln aus, und schwinden in die Ferne.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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