Die seelische Bedeutung von Wetter- und Naturgeschehen in der Literatur, aufgezeigt an Goethes ´Werther´, Droste-Hülfshoffs ´Judenbuche´ und Schillers ´Wilhelm Tell´.

                            Vorab möchte ich darauf hinweisen, dass auch in C.F. Meyers Ballade Die Füße im Feuer der Natur eine sehr bemerkenswerte Bedeutung zukommt.

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Die Frage, die sich stellt, wenn wir die Bedeutung von Naturereignissen und Wettergeschehen in der Literatur uns anschauen, ist, ob diese nur Kulissen sind, die sozusagen die Handlung garnieren, oder ob sie in einem ursächlichen seelischen Zusammenhang stehen. Letztendlich beantwortet die Frage jeder wohl anders, doch diese Antwort, das möchte ich als Erstes festhalten, hängt mit der Bedeutung, die man der Natur und dem Wetter im eigenen Leben einräumt, zusammen. Und natürlich hängt sie auch mit dem Bewusstsein des jeweiligen Autors zusammen. Sind Natur und Wetter für Autor und/oder Leser nur Kulissen, werden wir das auch der inhaltlichen Darstellung anmerken; ist sie jedoch mehr, dann wird sie aktiv in die Handlung einbezogen – wie das im Wilhelm Tell der Fall ist  – oder  wir finden in ihr gar eine Spiegelung des Göttlichen, so in  Werthers berühmtem Brief vom 10. Mai.

Für unseren heutigen Geschmack mag der Beginn von Schillers Wilhelm Tell dem ein oder anderen zu romantisch sein, wer ihn jedoch unvoreingenommen aufnimmt, dem eröffnet er eine sanft friedliche Stimmung. Da singen ein Fischerknabe im Kahn, ein Hirte auf dem Berge und ein Alpenjäger, der auf dem Fels erscheint.

Auf einmal  schlägt das Wetter um:

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Die Landschaft verändert sich, man hört ein dumpfes Krachen von den Bergen, Schatten von Wolken laufen über die Gegend.

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Doch an der Reaktion der Einheimischen merkt man, dass sie das nicht beunruhigt, sie wissen, was es zu beachten gilt, auch, wenn gleich ein Sturmwind das Tal beherrschen wird und als grauer Talvogt, der als solcher den ortskundigen naturverbundenen Menschen natürlich nicht unbekannt ist, daherkommt (bemerkenswert übrigens auch für Schillers Schreiben, dass er mit Naue ein Wort verwendet, das im Lokalkolorit für Schiffe steht):

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Ruodi (ein Fischer):

Mach hurtig Jenni. Zieh die Naue ein.
Der graue Talvogt kommt, dumpf brüllt der Firn,
Der Mythenstein zieht seine Haube an,
Und kalt her bläst es aus dem Wetterloch,
Der Sturm, ich mein, wird dasein, eh wir’s denken.

Kuoni (ein Hirte):

’s kommt Regen, Fährmann. Meine Schafe fressen
Mit Begierde Gras, und Wächter scharrt die Erde.

Werni (ein Jäger):

Die Fische springen, und das Wasserhuhn
Taucht unter. Ein Gewitter ist im Anzug.

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Schlagartig allerdings verändert sich die Szenerie, als ein Mann herbeistürzt – wie sich herausstellt, ist es Konrad Baumgarten aus Unterwalden -, der ganz außer Atem berichtet, dass die Reiter des kaiserlichen Burgvogtes hinter ihm her seien, weil er jenen erschlagen hat. Als die die Männer zurückfahren, berichtet er:

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Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt
Mein Weib gelaufen in der Angst des Todes.
»Der Burgvogt liegt in meinem Haus, er hab
Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten.«
Drauf hab er Ungebührliches von ihr
Verlangt, sie sei entsprungen, mich zu suchen.
Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war,
Und mit der Axt hab ich ihm ’s Bad gesegnet.

Werni:

Ihr tatet wohl, kein Mensch kann Euch drum schelten.

Kuoni:

Der Wüterich! Der hat nun seinen Lohn!
Hat’s lang verdient ums Volk von Unterwalden.

Baumgarten:

Die Tat ward ruchbar, mir wird nachgesetzt –
Indem wir sprechen – Gott – verrinnt die Zeit –

Es fängt an zu donnern.

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Doch mittlerweile tobt und tost der See und keiner der Anwesenden, auch und gerade nicht der Fischer, sehen sich in der Lage, den Mann vor Gefängnis, Folter und Tod zu retten.

Wenn da nicht Folgendes geschehen wäre:

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Seht wer da kommt!

Werni:

Es ist der Tell aus Bürglen!

Tell mit der Armbrust.

Tell:

Wer ist der Mann, der hier um Hülfe fleht?

Kuoni:

’s ist ein Alzeller Mann, er hat sein Ehr
Verteidigt, und den Wolfenschiess erschlagen,
Des Königs Burgvogt, der auf Rossberg sass –
Des Landvogts Reiter sind ihm auf den Fersen.
Er fleht den Schiffer um die Ueberfahrt,
Der fürcht’t sich vor dem Sturm und will nicht fahren.

Ruodi:

Da ist der Tell, er führt das Ruder auch,
Der soll mir’s zeugen, ob die Fahrt zu wagen.

Tell:

Wo’s not tut, Fährmann, lässt sich alles wagen.

Heftige Donnerschläge, der See rauscht auf.

Ruodi:

Ich soll mich in den Höllenrachen stürzen?
Das täte keiner, der bei Sinnen ist.

Tell:

Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt,
Vertrau‘ auf Gott und rette den Bedrängten.

Ruodi:

Vom sicheren Port lässt sich’s gemächlich raten,
Da ist der Kahn und dort der See! Versucht’s!

Tell:

Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen,
Versuch es Fährmann!

Hirten und Jäger:

Rett ihn! Rett ihn! Rett ihn!

Ruodi:

Und wär’s mein Bruder und mein leiblich Kind,
Es kann nicht sein, s’ist heut Simons und Judä,
Da rast der See und will sein Opfer haben.

Tell:

Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft,
Die Stunde dringt, dem Mann muss Hülfe werden.
Sprich, Fährmann, willst du fahren?

Ruodi:

Nein, nicht ich!

Tell:

In Gottes Namen denn! Gib her den Kahn,
Ich will’s mit meiner schwachen Kraft versuchen.

Kuoni:

Ha, wackrer Tell!

Werni:

Das gleicht dem Waidgesellen!

Baumgarten:

Mein Retter seid Ihr und mein Engel, Tell!

Tell:

Wohl aus des Vogts Gewalt errett ich Euch,
Aus Sturmesnöten muss ein andrer helfen.
Doch besser ist’s, Ihr fallt in Gottes Hand,
Als in der Menschen! Zu dem Hirten: Landsmann, tröstet Ihr
Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet,
Ich hab getan, was ich nicht lassen konnte.

Er springt in den Kahn.

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Das erweist sich als Rettung in höchster Not; kurz darauf sind die Reiter da.

Weil ihnen Baumgarten entkommen ist, fallen sie in die Schafherden und zünden Häuser an.

Tobendes Geschehen allenthalben!

Verzweifelt nur fragt Ruodi stellvertretend für alle:

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Wann wird der Retter kommen diesem Lande […]

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Als die drei Schweizer Kantone auf dem Rütli zusammen kommen, um den Bund zu schließen im Kampf gegen die tyrannische Herrschaft der kaiserlichen Vögte, da ist nur scheinbar die Natur zu Beginn Kulisse, wenn es im Text heißt:

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Eine Wiese von hohen Felsen und Wald umgeben. Auf den Felsen sind Steige, mit Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrund zeigt sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospekt schließen hohe Berge, hinter welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Szene, nur der See und die weißen Gletscher leuchten im Mondlicht.

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Weit mehr als Kulisse segnen die Berge das Tun derer, die hier im Grunde die Schweiz gründen, indem sie sich einig sind:

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Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last – greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel,
Und holt herunter seine ew’gen Rechte,
Die droben hangen unveräußerlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst –
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht –
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben –
Der Güter höchstes dürfen wir verteid’gen
Gegen Gewalt – Wir stehn vor unser Land,
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!

Alle an ihre Schwerter schlagend:
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!

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Am Schluss stehen alle versammelt und sprechen heilige Worte und es ist offensichtlich, dass Schiller auch die Natur ihr Amen geben lässt:

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Alle haben unwillkürlich die Hüte abgenommen und betrachten mit stiller Sammlung die Morgenröte.

Rösselmann (der Pfarrer):

Bei diesem Licht, das uns zuerst begrüsst
Von allen Völkern, die tief unter uns
Schweratmend wohnen in dem Qualm der Städte,
Lasst uns den Eid des neuen Bundes schwören.
– Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.

Alle sprechen es nach mit erhobenen drei Fingern.

– Wir wollen frei sein wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.

Wie oben.

– Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

Wie oben. Die Landleute umarmen einander.

Stauffacher (aus dem Kanton Schwyz):

Jetzt gehe jeder seines Weges still
Zu seiner Freundschaft und Genoßsame,
Wer Hirt ist, wintre ruhig seine Herde,
Und werb im stillen Freunde für den Bund,
– Was noch bis dahin muss erduldet werden,
Erduldet’s! Lasst die Rechnung der Tyrannen
Anwachsen, bis ein Tag die allgemeine
Und die besondre Schuld auf einmal zahlt.
Bezähme jeder die gerechte Wut,
Und spare für das Ganze seine Rache,
Denn Raub begeht am allgemeinen Gut,
Wer selbst sich hilft in seiner eignen Sache.

Indem sie zu drei verschiednen Seiten in größter Ruhe abgehen, fällt das Orchester mit einem prachtvollen Schwung ein, die leere Szene bleibt noch eine Zeitlang offen und zeigt das Schauspiel der aufgehenden Sonne über den Eisgebirgen.

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In Annette von Droste-Hülshoffs Novelle Die Judenbuche spielt die Natur eine viel traurigere Rolle, denn jene Buche wird zur Zeugin eines grausamen Mordes.

Es war Herrmann Mergels Sohn Friedrich,  der in Verdacht geriet, diesen Mord an dem Juden Aaron begangen zu haben.

Als sein Vater, Alkoholiker und verkommenes Subjekt, wie es im Text heißt,  stirbt, finden wir folgende Passage:

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Friedrich stand in seinem neunten Jahre. Es war um das Fest der heiligen drei Könige, eine harte, stürmische Winternacht. Hermann war zu einer Hochzeit gegangen und hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, da das Brauthaus dreiviertel Meilen entfernt lag. Obgleich er versprochen hatte, abends wiederzukommen, rechnete Frau Mergel doch um so weniger darauf, da sich nach Sonnenuntergang dichtes Schneegestöber eingestellt hatte. Gegen zehn Uhr schürte sie die Asche am Herde zusammen und machte sich zum Schlafengehen bereit. Friedrich stand neben ihr, schon halb entkleidet, und horchte auf das Geheul des Windes und das Klappen der Bodenfenster.

»Mutter, kommt der Vater heute nicht?« fragte er. – »Nein, Kind, morgen.« – »Aber warum nicht, Mutter? Er hats doch versprochen.« – »Ach Gott, wenn der alles hielte, was er verspricht! Mach, mach voran, daß du fertig wirst!«

Sie hatten sich kaum niedergelegt, so erhob sich eine Windsbraut, als ob sie das Haus mitnehmen wollte. Die Bettstatt bebte, und im Schornstein rasselte es wie ein Kobold. – »Mutter – es pocht draußen!« – »Still, Fritzchen, das ist das lockere Brett im Giebel, das der Wind jagt.« – »Nein, Mutter, an der Tür!« – »Sie schließt nicht; die Klinke ist zerbrochen. Gott, schlaf doch! Bring mich nicht um das armselige bißchen Nachtruhe.« – »Aber wenn nun der Vater kommt?« – Die Mutter drehte sich heftig im Bett um. – »Den hält der Teufel fest genug!« – »Wo ist der Teufel, Mutter?« – »Wart, du Unrast! Er steht vor der Tür und will dich holen, wenn du nicht ruhig bist!«

Friedrich ward still; er horchte noch ein Weilchen und schlief dann ein. Nach einigen Stunden erwachte er. Der Wind hatte sich gewendet und zischte jetzt wie eine Schlange durch die Fensterritze an seinem Ohr. Seine Schulter war erstarrt; er kroch tief unters Deckbett und lag aus Furcht ganz still. Nach einer Weile bemerkte er, daß die Mutter auch nicht schlief. Er hörte sie weinen und mitunter: »Gegrüßt seist du, Maria!« und »bitte für uns arme Sünder!« Die Kügelchen des Rosenkranzes glitten an seinem Gesicht hin. – Ein unwillkürlicher Seufzer entfuhr ihm. – »Friedrich, bist du wach?« – »Ja, Mutter.« – »Kind, bete ein wenig – du kannst ja schon das halbe Vaterunser – daß Gott uns bewahre vor Wasser- und Feuersnot.«

Friedrich dachte an den Teufel, wie der wohl aussehen möge. Das mannigfache Geräusch und Getöse im Hause kam ihm wunderlich vor. Er meinte, es müsse etwas Lebendiges drinnen sein und draußen auch. »Hör, Mutter, gewiß, da sind Leute, die pochen.« – »Ach nein, Kind; aber es ist kein altes Brett im Hause, das nicht klappert.« – »Hör! hörst du nicht? Es ruft! Hör doch!«

Die Mutter richtete sich auf; das Toben des Sturms ließ einen Augenblick nach. Man hörte deutlich an den Fensterläden pochen und mehrere Stimmen: »Margreth! Frau Margreth, heda, aufgemacht!« – Margreth stieß einen heftigen Laut aus: »Da bringen sie mir das Schwein wieder!«

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Sie bringen den toten Vater, gefunden im Brederholz, ein Ort, der auch immer wieder eine Rolle spielt.

Schneegestöber, Windsbraut, Sturm und Wind wie eine Schlange … Die Mächte der Dunkelheit wirken, und wenn sie wirken, dann gern unter solchen Umständen.

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Die Dramatik in der Natur kann Dramatik des Geschehens, eben und vor allem auch des seelischen Geschehens, wie Leid und überbordende Emotionen spiegeln.

Sie kann ein Spiegel des Göttlichen sein, aber auch des menschlichen Ego, wenn z.B. Leidenschaft zu einem reißenden Strom wird. Beide Seinszustände finden wir in Goethes Die Leiden des jungen Werther. Ein Beispiel haben wir oben mit dem Brief vom 10. Mai verlinkt.

Es gibt gegen Ende des Briefromans eine Stelle, die auf natur-symbolische Weise verdeutlicht, wie Natur auch im schicksalhaften Sinne zum Spiegel der Seele werden kann.

Werther hat es nicht geschafft, sich von Lotte zu lösen. Er muss zudem immer mehr akzeptieren, dass er nicht an die Stelle ihres Ehemanns treten kann, ja, dass auch die Anzeichen von Lotte immer deutlicher werden, er möge Ruhe geben und Abstand nehmen.

Er schreibt an seinen Freund Wilhelm:

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Gestern Abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen! O! – Und den Fuß vom Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! – Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! Wie gern hätte ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde sie Wolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen! Ha! Und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil?

– Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lotten unter einer Weide geruht, auf einem heißen Spaziergange, – das war auch überschwemmt, und kaum daß ich die Weide erkannte! Wilhelm! Und ihre Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! Wie verstört jetzt vom reißenden Strome unsere Laube! Dacht‘ ich. Und der Vergangenheit Sonnenstrahl blickte herein, wie einem Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen und Ehrenämtern. Ich stand! – ich schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu sterben. – ich hätte – nun sitze ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen stoppelt und ihr Brot an den Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein noch einen Augenblick zu verlängern und zu erleichtern.

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Immer wieder ist im Verlauf des Romans von Fluten und Strömen die Rede, vom Tränenstrom, der aus Lotte bricht, von der Stimme, die dem Waldstrome gleicht, vom Strom des Genies, das so selten ausbricht, und vom Strom der Empfindungen; Gleiches gilt für das Wort Flut.

Da ist von den wühlenden Fluten, die im Mondlicht wirbeln, die Rede, von den Fluten, die Dörfer wegwirbeln …

Es sind die Fluten in uns und um uns, die unser Leben ausmachen, in der Literatur und in unserer Realität, und das ist kein Zufall. Beides ist sich ähnlich, ja gleicht sich gegebenenfalls, ist uns ein Signal für unser Leben.

Und wenn wir vom Wetter sprechen, dann natürlich auch von den Elementen, vor allem dem Wasserelement.

Dazu an anderer Stelle mehr, u.a. hier.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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2 Antworten zu Die seelische Bedeutung von Wetter- und Naturgeschehen in der Literatur, aufgezeigt an Goethes ´Werther´, Droste-Hülfshoffs ´Judenbuche´ und Schillers ´Wilhelm Tell´.

  1. knobl schreibt:

    Hallo Herr Klinkmüller,
    ich habe schon vor einiger Zeit diesen Blogeintrag gelesen,
    und nun endlich Mut gefasst Ihnen zu antworten.

    Darauf gestossen bin ich, als ich für meine Abschlußarbeit nach der Verbindung „REGEN und EMOTIONEN“ gesucht hab.

    Meine Studienarbeit begann erst mit der Idee, auf Regen und die dabei auftretenden menschlichen Emotionen näher draufeinzugehen. Da ich im Studium (Studienrichtung Kommunikationsdesign) den Schwerpunkt „Illustration“ gewählt habe, wollte ich mich auf die grafische Vielfalt und die Darstellungsformen des Regens vertiefen, wie beispielsweise Wolkenformen, Spiegelungen in Pfützen.

    Die gestalterische Darstellung war mir dafür aber nicht genug – ich hatte zudem vor, eine Art Buch zu machen – und dafür braucht es auch Text.

    Ihr Artikel hat dazu einiges beigetragen und mich in diese Richtung gebracht.

    Die Art und Weise das Wetter als Metapher für menschliche Ausdrucksweisen und Gefühle zu gebrauchen.
    Der Hinweis, auf den Sie aufmerksam gemacht haben – ob es sich in bei dem Wetter in der Literatur ausschließlich um eine Art Kulisse handelt, hat meine Beobachtungsweise noch weiter geschärft.
    So entschied ich mich bei der Materialsammlung der Texte für den ersten Aufzug von Wilhelm Tell. (Auch wenn von jetziger Sicht betrachtet, der Hinweis auf das Wetter besonders hervorgehoben ist.)
    Die Suche nach weiteren Textstellen, in denen das Wetter auf den ersten Blick nur nebensächlich abläuft, während im Vordergrund eine Handlung geschiet, hab ich Freunde und Bekannte befragt. Selber hab ich auch jede Menge Bücher quergelesen – was von daher nicht einfach war, da die Literatur nicht nach Inhalt sortiert und aufgelistet ist, sondern eher nach Titel und Autor.
    Offensichtliche „Regen“-Titel stellten sich dabei oft als Fehlgriff heraus.

    Nebenher entschied ich mich dafür, eine durchgehende Illustration eines Wetterzyklus zu machen, angefangen mit wolkenlosem Himmel, übergehend in ein Unwetter, bis die Sonne wieder rauskommt.

    Meine Idee war, die unterschiedlichen Wetterphasen (in den verschiedenen Textauszügen) an den illustrierten Wetterzyklus anzupassen.
    Die Handlungen in den Auszügen zeigen dabei oft eine direkte Verbindung zum Wetter. Die Auszüge sind auf eine gewisse Spannung gekürzt, gehen aber nicht in den nächsten Text über.
    Dieses „Aneinandercollagieren“ von Gedichten und Textausschnitten unterschiedlicher Autoren, unter anderem von Camus, Hesse, Shakespeare, Bukowski und Ingeborg Bachmann, zeigt eine große Palette an Gefühlen in Verbindung zum Wetter.

    Ganz ein Buch wird es nicht – eher eine Broschur, in der man neben den Facetten eines Wetterzyklus auch Anregungen unterschiedlicher Literaturtexte bekommt.

    Das Werk werd ich komplett im Siebdruck herstellen und es wird folgenden Titel tragen:
    nimbus illustratus – Plädoyer für eine Poesie des Regnerischen.

    Einblicke in die illustrative Entwicklung meiner Arbeit gibt es hier:
    http://www.flickr.com/photos/ch_k/

    Um es mit kurzen Worten zu sagen:

    Ich möchte Ihnen hiermit für Ihren hilfreichen Beitrag danken und Sie im Februar herzlich zur Werkschau an unserer Fakultät für Gestaltung, Hochschule Augsburg, einladen.
    (http://www.hs-augsburg.de/gestaltung/)

    Die Öffnungszeiten der Werkschau:
    Freitag, 12.02.10 von 10 bis 13 Uhr und 16 bis 22:30 Uhr
    > Feierliche Eröffnung um 19:00 im Raum M101
    Samstag, 13.02.10 von 14 bis 20 Uhr
    Sonntag, 14.2. von 14 bis 20 Uhr

    Viele Grüße und ein Frohes Neues
    wünscht
    Christoph Knobl

  2. Lieber Christoph,
    danke, dass Du Dich gemeldet hast. Ich bin sicher, dass Dich unser gemeinsames Thema Dein ganzes Leben lang beschäftigen wird, denn mit der Zeit entdeckt man immer mehr Zusammenhänge; auch in uns regnet es ja auf ganz unterschiedliche Weise, gewittert es auf ganz unterschiedliche Weise … Es gibt ja nicht nur die Beziehungen zum äußeren Wetter, sondern in uns gibt es die unterschiedlichsten Wetterweisen auch :-)
    Für die Indianer war und ist z.B. Regen zum Teil ein Heilmittel; er kann ja wirklich eine Labsal sein und Regen, der auf den Kopf plätschert, kann heilsam sein und sogar trösten …
    Jedenfalls freu ich mich ganz arg, dass Dir mein Beitrag helfen konnte. Vielleicht schreib ich noch mal was zu dem Thema in Bezug auf C.F. Meyers „Füße im Feuer“. Den Schluss dort finde ich genial: die Natur spiegelt den inneren Kampf der Nacht; das hat C.F. Meyer in einem Satz so gut auf den Punkt gebracht …
    Ich fürchte, ich kann zu der Eröffnung nicht kommen, denn ich ziehe Anfang Februar um und da ist doch einige Wochen lang viel zu tun. Aber ich denk an Dich und freu mich, dass Du die Poesie des Regnerischen für Dich entdeckt hast; ich finde das übrigens einen klasse Titel.
    Mögest Du im Wetter immer mehr auch den Sinn finden, der sich in ihm verbirgt; wir Menschen sind ja auch für unser inneres Wetter maßgeblich verantwortlich …
    Liebe Grüße und viel Erfolg in allem, was Du tust,
    Johannes

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