Tertullians „anima naturaliter christiana“, Lessings „Ringparabel“ in „Nathan der Weise“ und die Frage nach einer Urreligion

Die Ringparabel ist eines der bedeutendsten Gleichnisse, die wir kennen. Ob sie auch so wahr wie bedeutend ist, mag jeder selbst entscheiden. Interessant ist, dass Nathan selbst, der sie in Lessings Nathan der Weise erzählt, sie eigentlich als Märchen ankündigt. Und Märchen beinhalten, im Gegensatz zu der irrigen Meinung vieler Menschen, tiefe Wahrheiten, vor allem die bekannten großen Gebrüder-Grimm-Märchen.

Nun aber zu Lessing und seinem Nathan:

Der hoch verschuldete Saladin war von seiner gerissenen Schwester Sittah auf den Juden Nathan angesetzt worden, der gerade von einer Geschäftsreise zurückgekehrt, in Geld schwamm. Nathan ahnt, als Saladin um ein Treffen beider bittet, dass es um Geld gehen könnte, doch wie erstaunt ist er, als Saladin zu ihm spricht:

[…] Da du nun

So weise bist: so sage mir doch einmal –

Was für ein Glaube, was für ein Gesetz

Hat dir am meisten eingeleuchtet?

Und weiter meint Saladin zu dem Juden Nathan:

[..] ich bin ein Muselmann.

Der Christ ist zwischen uns. – Von diesen drei

Religionen kann doch eine nur

Die wahre sein. – Ein Mann wie du bleibt da

Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt

ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,

Bleibt er aus Einsicht […]

Saladin erwartet also von dem weisen Nathan Aufschluss über die Frage, was die wahre Religion sei, unabhängig davon, dass er selbst Jude ist, denn: Seine Weisheit mag unabhängig von seiner Erziehung und Herkunft sein.

Nathan, von Saladin noch einmal kurz allein gelassen, denkt bei sich:

Nicht die Kinder bloß, speist man

Mit Märchen ab.

Und so beschließt er,  Saladin ein Märchen zu erzählen, dass in der Literatur bekannt geworden ist unter dem Namen Ringparabel.

Verwundert etwas, dass Nathan in Zusammenhang mit dieser berühmten Parabel eigentlich von einem Märchen spricht und von abspeisen – eine seltsame Wortwahl für die Wertschätzung, die man der dann zu einer Parabel umetikettierten Geschichte entgegengebracht hat, so fällt des Weiteren auf, dass diese so genannte Ringparabel eigentlich Steinparabel genannt werden müsste.

Doch, lieber Leser, lies zunächst selbst. Gewiss ist es kein Zufall, dass jener Mann, von dem gleich die Rede sein wird, im Osten lebt, heißt es doch nicht von ungefähr:

ex oriente lux – aus dem Osten kommt das Licht, jenes Licht also, das mit dem Aufgang der Sonne und Leben und Gottheit und Licht in engem Zusammenhang steht.

Es war einmal, so könnte das Märchen beginnen, Lessing beginnt genau genommen:

Vor grauen Jahren lebt´ ein Mann in Osten,

Der einen Ring von unschätzbarem Wert

Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein

Opal, der hundert schöne Farben spielte,

Und hatte die geheime Kraft, vor Gott

Und Menschen angenehm zu machen, wer

In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,

Daß ihn der Mann in Osten darum nie

Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,

Auf ewig ihn bei seinem Hause zu

Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring

Von seinen Söhnen dem geliebtesten;

Und setzte fest, daß dieser wiederum

Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,

Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,

Ohn´ Ansehn der Geburt, in Kraft allein

Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde.-

So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,

Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;

Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,

Die alle drei er folglich gleich zu lieben

Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit

Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald

Der dritte,- sowie jeder sich mit ihm

Allein befand, und sein ergießend Herz

Die andern zwei nicht teilten,- würdiger

Des Ringes; den er auch einem jeden

Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.

Das ging nun so, solang es ging.- Allein

Es kam zum Sterben, und der gute Vater

Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei

Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort

Verlassen, so zu kränken.- Was zu tun?-

Er sendet in geheim zu einem Künstler,

Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,

Zwei andere bestellt, und weder Kosten

Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,

Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt

Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,

Kann selbst der Vater seinen Musterring

Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft

Er seine Söhne, jeden insbesondre;

Gibt jedem insbesondre seinen Segen,-

Und seinen Ring,- und stirbt.-

Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder

Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst

Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,

Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht

Erweislich;-

Fast so unerweislich, als

Uns itzt- der rechte Glaube.

Wie gesagt: die Söhne

Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,

Unmittelbar aus seines Vaters Hand

Den Ring zu haben.- Wie auch wahr!- Nachdem

Er von ihm lange das Versprechen schon

Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu

Genießen.- Wie nicht minder wahr!- Der Vater,

Beteuerte jeder, könne gegen ihn

Nicht falsch gewesen sein; und eh´ er dieses

Von ihm, von einem solchen lieben Vater,

Argwohnen lass´: eh´ müss er seine Brüder

So gern er sonst von ihnen nur das Beste

Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels

Bezeihen; und er wolle die Verräter

Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater

Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch

Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel

Zu lösen da bin? Oder harret ihr,

Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne?-

Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring

Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;

Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß

Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden

Doch das nicht können!- nun; wen lieben zwei

Von euch am meisten?- Macht, sagt an! Ihr schweigt?

Die Ringe wirken nur zurück? und nicht

Nach außen? Jeder liebt sich selber nur

Am meisten?- Oh, so seid ihr alle drei

Betrogene Betrüger! Eure Ringe

Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring

Vermutlich ging verloren. Den Verlust

Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater

Die drei für einen machen.

Und also fuhr der Richter fort, wenn ihr

Nicht meinen Rat, statt meines Spruches wollt:

Geht nur!- Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

Die Sache völlig, wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten.- Möglich; daß der Vater nun

Die Tyrannei des einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen!- Und gewiß;

Daß er euch alle drei geliebt, und gleich

Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen.- Wohlan!

Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe jeder von euch um die Wette,

Die Kraft des Steins in seinem Ring´  an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,

Mit innigster Ergebenheit in Gott

Zu Hilf´! Und wenn sich dann der Steine Kräfte

Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:

So lad ich über tausend tausend Jahre

Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird

Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen

Als ich und sprechen. Geht!- So sagte der

Bescheidne Richter.

Natürlich stellen sich auf dem Hintergrund dieser Geschichte einige Fragen, zum Beispiel:

  • Der Vater kennt das Original nicht mehr? Ist das möglich?
  • Ist das möglich auch auf der Parabelebene, also im übertragenen Sinne, also:
  • Ging die Urreligion verloren?
  • Was wäre im übertragenen Sinne das Muster, das Original?
  • Die Brüder zanken sich – kannte der Vater sie so schlecht?
  • Warum gibt es Religionen? Warum gilt nicht der Stein?

Anima naturaliter religiosa, lässt uns C.G. Jung wissen, und Tertullian formuliert:

anima naturaliter christiana.

Kann es sein, dass das, was wir als Religionen bezeichnen, notwendige Erinnerungen sind für ein Wissen, das jeder in sich trägt?

Einen Ring trägt man bei sich, den wertvollsten Stein in der Symbolik der Menschheit trägt man in sich.

Vielleicht ist das auch der Grund für die Notwendigkeit der Religionen, dass die Menschen den Stein wie einen Ring tragen.

Dort gehört er nicht hin; er gehört inmitten des Menschen, in seine Mitte.

Die Symbolik des Steins ist unglaublich weitreichend.

Wir kennen den Stein des Sisyphos, wir wissen aus dem Neuen Testament um den Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, wir wissen ebenfalls um jenen weißen Stein aus der Offenbarung des Johannes, den jeder Mensch am Ende seiner Zeitreise von Gott überreicht bekommt und auf dem ein neuer Name, sein wahrer Name jedem Menschen eingraviert ist; genauso bekannt ist der Stein der Weisen, der lapis philosophorum, höchstes Gut der Alchemie und Ziel alles Strebens, genauso wie der Gral, der in Wolfram von Eschenbachs Epos ebenfalls ein Stein ist.

Um diesen Stein weiß jeder Mensch, er symbolisiert die Urreligion, die wahre Abstammung des Menschen.

Die Urreligion ist die Religion der Liebe, sie ist überkonfessionell, so wie der Mensch kraft seiner Abstammung eine einzige Religion ist.

Der Mensch ist kraft seiner Abstammung Religion der Liebe.

Er findet diese nirgendwo, wenn nicht in sich.

Unser Denken und Tun gibt über die Kraft des Steines in uns Auskunft. Sicherlich hat Lessing da recht, doch ging der Stein nie verloren, er ist allezeit da. In Lessings ´dramatischem Gedicht´ wird das an der Person des Nathan auf beeindruckende Weise deutlich.

Schauen wir gegebenenfalls nach in dem Versteck, in dem wir ihn versteckt haben, ob er da ist. Es liegt an uns, ihn zu befreien.

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