Indianische Weisheit (II): Das Leben als Symbol begreifen!

Symbole führen den Menschen zu einem vertieften Verständnis seiner Lebenswirklichkeit. Sie verknüpfen Ebenen miteinander, deren Zusammenhang zu verstehen den Menschen schwer fällt. Oder sie lassen Tiefen des Seins erkennen, die unserem Bewusstsein nur schwer zugänglich sind.

So ist die Weltenesche Yggdrasil, die bekanntlich drei Wurzeln besitzt und über alle Himmel hinausreicht,  in der germanischen Mythologie Symbol für das große Wesen des Menschen.

Zu sehen, wie groß – jenseits aller unnatürlichen Aufgeblähtheit unseres Egos – unser wahres Wesen ist, gelingt nicht über den Intellekt, gelingt nicht über das Denken.

Hier braucht die Seele Bilder.

Ein Baum also als Symbol für den Menschen?

Die germanische Mythologie steht hier nicht allein.

Gleich im ersten Psalm der Bibel heißt es von dem in göttlichem Geist lebenden Menschen:

.

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,

der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht;

und was er macht, das gerät wohl.

.

Und in den Upanishaden, einer Sammlung altindischer theologisch-philosophischer Texte, deren älteste vermutlich bis 1250 v. Chr. zurückreichen, heißt es:


Dem Baume gleich, dem Fürsten des Waldes,

Gewiss, ihm gleich ist der Mensch.

Seine Haare entsprechen den Blättern,

Der Außenrinde gleicht dieHaut.

Es strömt das Blut aus seiner Haut

Wie aus der Rinde des Baumes der Saft.

Aus den Verwundeten fließt Blut

Wie Saft aus einem Baum

Den man verletzte.

Dem Holze vergleichbar ist das Fleisch,

So wie dem Bast die starke Sehne.

Die Knochen sind das Innenholz,

Das Mark vergleicht dem Marke sich,

[…]

.

Kein Wunder, dass Dichter wie Rainer Maria Rilke texten:

.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehen …

.

Ob auch das Baumsterben eine tiefere Bedeutung hat?

Leider, so glaube ich: JA!

Nur wenn wir in den Dingen ihre Bedeutung erkennen, können wir dem Leben wahrhaft gerecht werden.

Auch Goethe wusste darum, wenn er schrieb:


Das ist die wahre Symbolik,

wo das Besondere das Allgemeinere repräsentiert,

nicht als Traum und Schatten,

sondern als lebendig-augenblickliche Offenbarung

des Unerforschlichen.


Im Besonderen das Allgemeine erkennen …

Das ist zutiefst indianisches Denken, es ist Denken, das der Natur abgelauscht ist.

Anhand des Textauszuges von Lame Deer, dem 1903 auf der Rosebud Reservation in Süddakota geborenen Medizinmann der Sioux (ausgesprochen: Ssu), wird das besonders deutlich:


WAS SIEHST DU HIER, MEIN FREUND? Nur einen gewöhnlichen alten Kochtopf, verbeult und schwarz vom Ruß. Er steht auf dem Feuer, auf diesem alten Holzofen da, das Wasser darin brodelt, und der aufsteigende Dampf bewegt den Deckel. Im Topf ist kochendes Wasser, Fleisch mit Knochen und Fett und eine Menge Kartoffeln.
Es scheint, als hätte er keine Botschaft für uns, dieser alte Topf, und du verschwendest bestimmt keinen Gedanken an ihn. Außer, dass die Suppe gut riecht und dir bewusst macht, dass du hungrig bist.
Aber ich bin ein Indianer. Ich denke über einfache, alltägliche Dinge – wie diesen Topf hier – nach. Das brodelnde Wasser kommt aus der Regenwolke. Es ist ein Sinnbild für den Himmel. Das Feuer kommt von der Sonne, die uns alle wärmt – Menschen, Tiere, Bäume. Das Fleisch erinnert mich an die vierbeinigen Geschöpfe, unsere Brüder, die Tiere, die uns Nahrung geben, damit wir leben können. Der Dampf ist Sinnbild für den Lebensatem. Er war Wasser; jetzt steigt er zum Himmel auf, wird wieder zur Wolke. All das ist heilig. Wenn ich diesen Topf voll guter Suppe betrachte, denke ich daran, wie Wakan Tanka, das Große Geheimnis, auf diese einfache Art und Weise für mich sorgt.
Wir Sioux denken oft und viel über alltägliche Dinge nach, für uns haben sie eine Seele. Die Welt um uns ist voller Symbole, die uns den Sinn des Lebens lehren. Ihr Weißen, so sagen wir, seid wohl auf einem Auge blind, weil ihr so wenig seht. Wir sehen vieles, das ihr schon lange nicht mehr bemerkt. Ihr könntet es auch sehen, wenn ihr nur wolltet, aber ihr habt keine Zeit mehr dafür – ihr seid zu beschäftigt.
Wir Indianer leben in einer Welt von Symbolen und Bildern, in der das Geistige und das Alltägliche eins sind. Für euch sind Symbole nichts als Worte, gesprochene oder in einem Buch aufgeschriebene Worte. Für uns sind sie Teil der Natur, Teil von uns selber – die Erde, die Sonne, der Wind und der Regen, Steine, Bäume, Tiere, sogar kleine Insekten wie Ameisen und Grashüpfer. Wir versuchen sie zu verstehen, nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen, und ein winziger Hinweis genügt uns, ihre Botschaft zu erfassen.

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Dieser wunderbare Text entstammt dem im Herder-Verlag erschienen und leider nicht mehr aufgelegten Buch


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