Warum wir Heimat und Erinnerung verloren: Siegfrieds beispielhaftes Schicksal in der Edda und dem Nibelungenlied.

Vortrag, gehalten 1995 im Rahmen des Zyklus Mythologie und (Selbst-)Erziehung

Es gehe die Sage, so war vor zweieinhalb Jahren in der Stuttgarter Zeitung zu lesen, dass Nymphen zum Gedenken an gefallene Helden Ulmen gepflanzt hätten; heute, so hieß es weiter, müsse man der Ulme ein Denkmal setzen, denn der Baum des Jahres 1992 drohe auszusterben.

Zufall oder nicht?

Den Baum der Helden gibt es  womöglich bald nicht mehr – gibt es noch Helden?

Der italienische Bildhauer Marino Marini (*1901) äußerte 1958 in einem Gespräch im Hinblick auf seine zahlreichen in den letzten 12 Jahren an gefertigten Reiterstatuen, die in frühen Arbeiten einen mit weit geöffneten Armen auf einem Pferd reitenden Jüngling zeigen, es sei im Verlauf seines Schaffens unübersehbar, dass die wilde Angst des in den Reiterstatuen (jeweils) abgebildeten Tieres ständig zu nehme und dass es vor Schreck erstarrt sei, anstatt sich aufzubäumen oder zu fliehen; und er kommentiert:

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All das, weil ich glaube, dass wir dem Ende einer Welt entgegengehen. In jeder Reiterfigur suchte ich eine tiefere Angst und Verzweiflung auszudrücken. Ich suche so das letzte Stadium eines vergehenden Mythus zu versinnbildlichen, des Mythus des individuellen, siegreichen Helden…

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Diese Aussage gewinnt noch an Bedeutung, wenn man weiß, dass Marinis Skulpturen ursprünglich für ihn „Symbole der Hoffnung und Dankbarkeit“ waren; zunehmend also werden sie zum Zeichen des Untergangs.

Anmerken lässt sich, dass aus psychoanalytischer Sicht der siegreiche Held in Mythen und Märchen ein Symbol des Bewusstseins, des bewussten Seins, also auch eines in der Grundhaltung zuversichtlichen Menschen ist.

Gehören Menschen, die solchermaßen bewusst leben, individuell, siegreich, hoffnungsvoll und dankbar, zu einer aussterbenden Spezies, aussterbenden Ulmen gleich, die sie repräsentierten?

Würde Marini sich heute bestätigt sehen?

Was heißt überhaupt heute Held sein, bewusst leben? Reduziert sich das womöglich auf bewusst ernähren, ökologisch denken, Abfall vermeiden, Kat fahren?

Sie würden mich missverstehen, wenn Sie annähmen, ich wolle solches Denken ins Lächerliche ziehen. Wenn mein Kind mein Alter erreicht hat, ist die Erde 40 Jahre älter – 40 Jahre älter bei immer noch zunehmender Umweltbelastung.

Bei aller Brisanz dieses Themas – darum soll es im Rahmen der Vorträge nicht gehen, sondern um die Frage, ob wir auf unserer Erde noch genug Helden haben, Helden mit einem Bewusstsein, das sich natürlich auch auf Ökologie und Ernährung bezieht, ganz besonders aber auf … ja auf was eigentlich noch?

Vor fünf Jahren war ebenfalls in der Stuttgarter Zeitung zu lesen, der Ministerpräsident eines großen Bundeslandes – ich möchte keinen Namen nennen – verlange eine „neue Bildungsoffensive“ als eine Antwort auf die gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft stehe. Diese neue Bildungsoffensive galt der Theorie und Anwendung der sogenannten künstlichen Intelligenz, wobei es darum ging, Computerverfahren zu entwickeln, mit denen Wissensdaten schnell und aufgabenge­recht für Produktion und Verwaltung umgesetzt werden können. Der größte Mangel unserer Gesellschaft sei künftig der an qualifizierten Menschen.

Ist das der neue Held – der solchermaßen qualifizierte Mensch?

Ich freue mich, erkennen zu können, dass sich in der letzten Zeit bei mehr und mehr Menschen die Erkenntnis durchzusetzen beginnt, dass solches Denken – nicht grundsätzlich (ich habe diesen Vortrag auf Computer geschrieben), sondern aufgrund seiner Einseitigkeit – uns zunehmend in eine Sackgasse führt.

Nicht dass wir eine Verrohung der Gesellschaft amerikanischen Ausmaßes zu befürchten hätten – dort wurden im vergangenen Schuljahr jeder zehnte Lehrer und jeder vierte Schüler und Student Opfer von Gewalttaten, wobei die Straftaten nicht vor Sprengstoffanschlägen, Vergewaltigungen, Brandstiftungen und Mord Halt machten.

Aber wir müssen die Augen schon kräftig zudrücken, um zu übersehen, dass auch in unserer Gesellschaft in den letzten zehn Jahren sich ein anderer Ton breitgemacht hat. Ich beziehe mich dabei aber nicht nur auf zunehmende Lautstärke, Vulgarisierung und Verrohung der Sprache,  sondern auch auf die mittlerweile oft beklagte Destabilisierung der Werte.

Ich habe in meiner Zeit als Lehrer in Stuttgart mitbekommen, wie es zum selbstverständlichen Alltag mancher Schüler gehört, dass zum Mittagessen geschwind etwas im Supermarkt unauffällig an der Kasse vorbeiläuft und sich nicht wenige ihre Kleider auf ähnliche Weise besorgen; ich weiß von etlichen Schülern und auch Erwachsenen, die nicht wenige ihrer Kleidungsstücke stehlen, obwohl sie es durch die Bank nicht nötig haben, und wenn ich erzählt bekomme – ich bin in der unglücklichen Lage, immer mal wieder manches zu er fahren -, wer wo was wieder hat mitlaufen lassen, dann schüttle ich mittlerweile nicht mehr über die Tatsache an sich den Kopf, sondern vor allem darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit das geschieht. Die da stehlen sind Söhne und Töchter gutbür­gerlicher Familien, z. T. von Rechtsanwälten, Lehrern, Ärzten und Ingenieuren; und es erschüttert mich, dass auch Menschen über dreißig, die es nicht nötig haben, zu jenen gehören, die kein morali­sches Fundament besitzen. Diese Gesellschaft – und ich sage das in vollem Bewusstsein – ist unterhöhlter, als es nach außen noch scheint. Zugleich ist offensichtlich, dass mehr und mehr Menschen die engen Denkschienen eines eigentlich nie christlich gewordenen Abendlandes verlassen; ich gehe darauf im letzten Vortrag ein.

Ich möchte an dem Faden einer kulturellen Dekadenz nicht lange spinnen, aber wir sollten klar ­sehen, dass wir eindeutig die Früchte zu ernten beginnen, die unsere Gesellschaft – auch durch ihre Einstellung zu dem, was man Erziehung nennt – gesät hat.

Über viele Jahre haben in unserer Gesellschaft vor allem auch ältere Menschen im öffentlichen Leben mit erzogen, haben gezetert, wenn so ein Lümmel auf dem Kinderspielplatz abends ins Eck pinkelte oder, weil er zu faul war, woanders hin zugehen, den Hund dort Gassi führte; mit aufgedrehtem Radio konnte keiner lang auf der Straße stehen bleiben, ohne dass nicht Fenster aufgingen. Wer Unrecht tat, zog als Gescholtener meistens den Kopf ein. Dann kam die Zeit, in der man mit Vehemenz gegen diese sogenannte Kehrwochen- und Spießbürgermentalität zu Felde zog nach dem Motto: Hallo Grufties,  lebt doch euern Frust woanders aus.

Man gewöhnte sich ab, zugunsten einer allseitigen Selbstverwirklichung, zugunsten einer Leben- und Leben-lassen-Haltung irgend etwas zu sagen, um nun er schreckt festzustellen: Wer heute gerügt oder gerüffelt wird, reagiert – ohne das geringste schlechte Gewissen – gleich so aggressiv, dass sich kein älterer Mensch, auch kein normaler Erwachsener mehr etwas zu sagen getraut. In Stuttgart rüffelte kürzlich (Okt./Nov. 94 STZ) einer Jugendliche, als sie eine Straßenlaterne demolierten: er wurde zusammengeschlagen und noch, am Boden liegend, getreten.

Seit Jahren senden – um einen weiteren Aspekt herauszustellen – Privatsender, mittlerweile auch die öffentlichen, zu einem immer früheren Zeitpunkt am Abend übelste Tele-Ware, und es ist noch nicht so lange her, da haben Experten ernsthaft darüber gestritten, ob denn das Fernsehen wirklich einen so starken Einfluss auf das Verhalten der Jugendlichen habe. Man kann sich auch wirklich mit Gewalt blöd stellen – nach dem Motto: Noch gibt es keine gesicherten Daten.

Das im Herbst 93 beliebteste Videospiel in Amerika erlaubte den Siegern, den Verlierern die Köpfe abzuschneiden.

Eine Gesellschaft, die so etwas  zulässt, verhökert ihre Zukunft und ihre Kinder an skrupellose Geschäftemacher, die auch noch für den seelischen Schaden, den sie anrichten, belohnt werden – mit Reichtum. Der Staat kassiert von ihnen Steuern und dessen Repräsentanten mokieren sich über den Werteverfall. Ich sage: In Atlantis, Sodom und Gomorrha oder anderen Orten bzw. Kulturen, die ob ihrer moralischen Schwindsucht untergingen, kann es nicht viel dekadenter zugegangen sein – und: Auch in unserer Gesellschaft spielt sich Ähnliches ab; nicht wenige Video-Spiele enden mit der Tötung des „Nächsten“.

Gymnasien sind – trotz der oben genannten Beispiele – noch in gewisser Hinsicht ein Ort und Hort der Seligen, wenn ich das einmal so formulieren darf. Hier hält kein Wagen in der Großen Pause und verkauft Drogen, wie mir das aus zuverlässiger Quelle für eine Stuttgarter Schule berichtet wurde; hier herrscht in der Regel noch ein Ton unter Kindern, der akzeptabel ist.

Dass allerdings durch die Erziehung an den Gymnasien auf Dauer eine Kehrtwendung in Sachen geistiger Orientierung ausgehen könnte – davon sind wir weit entfernt.

Dabei würde ich mir wünschen, dass unsere Kinder so erzogen würden, dass sie wieder eine geistige Orientierung hätten, die befruchtend wirken könnte auf unsere Kultur und Zukunft. Ich komme im Rahmen des dritten Vortrages darauf zu sprechen.

Unser Wort orientieren hängt natürlich zusammen mit dem Wort Orient; letzteres bezieht sich für uns in erster Linie auf die Himmelsrichtung, aus der die Sonne aufgeht. Ex oriente lux pflegte man früher sehr bewusst zu sagen – aus dem Osten komme das Licht, weshalb es auch heute noch Friedhöfe gibt – z.B. in Korntal, deren Tote so gebettet sind, dass sie nach Osten schauen.

Das dem Wort orientieren zugrundeliegende lateinische Verb heißt oriri und bedeutet aufstehen, sich erheben, entstehen, entspringen, und interessantereise hängen un sere Worte rinnen – das wir im Zusammenhang mit Wasser gebrauchen – und unser Wort Reise im Rahmen der großen Sprachfamilie des Indogermanischen mit dem Wort orientieren zusammen. Allen diesen Worten ge­meinsam ist die Bewegung, das Auf-dem-Weg-Sein.

Die Helden der allermeisten Mythen, also der Märchen und Sagen, befinden sich auf einem Weg, auf einer Reise, die ihnen oft unangenehme Überraschungen und Prüfungen beschert, denken wir nur an Herakles, Odysseus oder Äneas; höchstens zeitweilig lassen sie sich nieder. Denken wir an einen der berühmtesten, Odysseus, der sich nach dem Kampfesende vor Troja auf seiner 10 Jahre dauernden Heimreise, getrieben von der Sehnsucht nach der Heimat, zwar ein Jahr lang von der Zauberin Circe becircen lässt, sich aber auch nicht scheut, das Haus des Hades aufzusuchen, um zu erfahren, wie seine Reise sich weiter gestalten lasse, der den Sirenen, jenen Nymphen, die Männer durch ihren Gesang betören, entgeht, indem er sich an den Mast seines Schiffes festbinden lässt mit der Weisung an seine Gefährten: Wenn ich euch bitte, mich loszubinden, so bindet mich nur umso fe­ster.

Und denken wir an Siegfried, jenen Helden, der eine scheinbar überflüssige Reise antrat, nachdem er eigentlich seine Traumfrau gefunden hatte. Doch dazu später.

Wenden wir uns zunächst Siegfrieds Leben und Sterben zu, wie wir es aus dem Nibelungenlied ken­nen.

Ich gehe im ersten Teil meines Vortrages auf dessen Inhalt ein, um dann einen für uns wichtigen Punkt herauszugreifen, den ich im zweiten Teil erweitern möchte zu einem m.E. wichtigen Verständnis unserer Vergangenheit, das uns Hinweise für unser Heute und Morgen geben kann.

Zwei Herrschaftszentren, Worms in Burgund und Xanten in den Niederlanden, bilden im Nibelungenlied die Anfangsschauplätze der Geschichte, die die burgundische Königstochter Kriemhild und den niederländischen Königssohn Siegfried zusammenführt.

Die Handlung beginnt mit einem Traum Kriemhilds, der schönen Schwester der Burgundenkönige Gunther, Gernot und Giselher; sie träumt, dass zwei Adler einen von ihr gezogenen Falken – seit al­ters ein Symbol für den Geliebten – töten, ein Traum, der sich auf tragische Weise durch den Mord an Siegfried bewahrheiten wird.

Siegfried, im zweiten Kapitel des Nibelungenliedes als ein in Xanten zum höfisch vollendeten Ritter Heranwachsender vorgestellt, bricht nach seiner Schwertleite mit 12 Rittern nach Worms auf, um um Kriemhild zu werben; dort allerdings führt er sich als wilder Herausforderer auf. Hagen von Tronege, dem weitgereisten und kundigen Berater Gunthers, ist Siegfried kein Unbekannter; nach dem schönen Neuankömmling gefragt, berichtet er von den außerordentlichen Jugendtaten Siegfrieds, von dessen Erringen des Nibelungenhorts, dem Gewinn des Schwertes Balmung sowie der Tarnkappe und von Siegfrieds Drachenkampf, aufgrund dessen jener seine Haut gehörnt habe.

Siegfried wird – nach gewissen Anlaufschwierigkeiten – mit Ehren am burgundischen Hof aufgenom­men, kann aber Kriemhild, die bei seinem Anblick sofort in Liebe erglüht, erst heimführen, nach dem er Gunther geholfen hat, die über alle Maßen schöne und starke Brünhild zur Königin zu gewinnen.

Zu diesem Zweck führt er Gunther nach Island zur Burg Brünhilds, der Feste Isenstein, gibt sich als Lehensmann und Untergebenen Gunthers aus, übernimmt die Brautwerbung, wobei Brünhild, als sie ihn sieht, zunächst glaubt, er sei der Freier, und unterstützt mit Hilfe der von dem Zwerg Alberich gewonnenen Tarnkappe Gunther in einer Art Dreikampf – Speerwurf, Steinwurf mit an schließendem Weitsprung-, dessen siegreicher Abschluss Voraussetzung für die Hand Brünhilds ist; nach außen für alle sichtbar bestreitet Gunther den Dreikampf, doch leistet Siegfried, verborgen durch die Tarnkappe, die alles entscheidende Hilfe.

Brünhild, im Innersten wohl ahnend, dass der Kampf nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, folgt dem Burgundenkönig nur widerstrebend nach Worms, wo nunmehr einer Doppelhochzeit zwischen Gunther und Brünhild sowie Siegfried und Kriemhild nichts mehr im Wege steht. Brünhild allerdings zeigt sich verwundert, dass Kriemhild, die königliche Schwägerin in spe und Schwester des Königs Gunther, einem Untergebenen – als solchen hatte sie ja Siegfried kennen gelernt – zur Frau gegeben wird.

Ihren Zweifeln und Ahnungen lässt sie in der Brautnacht freien Lauf; sie ver weigert sich ihrem Mann Gunther, der ihr ohne Siegfrieds Beistand hoffnungslos unterlegen ist, fesselt ihn kurzerhand und hängt ihn an einen Nagel, wo er seine Hochzeitsnacht verbringt. Erst Siegfrieds Eingreifen mit Hilfe der Tarnkappe in der folgenden Nacht kann Brünhild gefügig machen, wobei Siegfried ihr bei dem lange auf des Messers Schneide stehenden Kampf Ring und Gürtel abnimmt und – unverständli­cherweise muss man anmerken – seiner Frau Kriemhild schenkt.

Zehn Jahre später – Siegfried war schon seit langem mit seiner Frau Kriemhild in sein väterliches Königreich nach Xanten zurückgekehrt – gelingt es Brünhild, der noch immer nicht aus dem Kopf gegangen ist, dass in der Beziehung zwischen ihrem Mann Gunther und Siegfried etwas sein müsse, was sie selbst betrifft, Siegfried und Kriemhild zu einem Fest an den Wormser Hof einzuladen. Nach der Ankunft kommt es zunächst zu einem hitzigen Disput mit ihrer Schwägerin unter Ausschluss der Öffentlichkeit, der allerdings dazu führt, dass die Gattin Siegfrieds, Kriemhild, die Gattin des amtie­renden Königs, also Brünhild, vor aller Augen anlässlich des sonntäglichen Kirchgangs düpiert und das Geheimnis der durch Siegfried ermöglichten Hochzeitsnacht offenbart, indem sie als Beweis Ring und Gürtel Brünhildes präsentiert.

Diese tödliche Beleidigung seiner Herrin ist Hagen, dem Vasall König Gunthers, wohl aus persönlichen und machtpolitischen Gründen willkommener Anlass, Siegfried bei einer zu diesem Anlass arrangierten Jagd umzubringen, weiß er doch um die einzig verwundbare Stelle Siegfrieds, in die er auch gnadenlos seinen Speer rammt. So groß sind sein Hass und Menschenverachtung, dass er nicht davor zurückscheut, den Leichnam des toten Helden vor Kriemhilds Tür zu legen.

Die nächste erfolgreiche Einladung gelingt Kriemhild, nach langer Zeit der Trauer – inzwischen ist sie Frau des Hunnenkönig Etzel geworden – durchaus mit dem Hintergedanken, den Tod ihres ersten Mannes Siegfried rächen zu können.

Was die Burgunden Gunther, Gernot, Giselher, Hagen und zahlreiche Gefolgsleute bewegt, die Einladung Kriemhilds und Etzels an den Hunnenhof anzunehmen, ist kaum erklärlich.

Über dem zweiten Teil des Nibelungenliedes, der den Zug der Edelsten des Wormser Hofes und deren Vernichtung zum Inhalt hat, schwebt eine düstere Stimmung. Am Schluss scheint sich nicht nur die Erde, sondern auch der Himmel blutrot zu färben.

Dietrich von Bern – damals im Exil bei Etzel – bleibt es vor behalten, im Ringkampf die beiden letzten Burgunden, Gunther und Hagen,  zu besiegen und Kriemhild auszuliefern. Diese aber bewegt nur eine Frage, nämlich die nach dem von Siegfried einst erbeuteten Nibelungenhort, den Hagen nach dessen Tod heimlich im Rhein versenkte und der für sie im Grunde jenes Glück, das sie zusammen mit Siegfried genoss, versinnbildlicht. Als Hagen auf ihre Frage erwidert, er habe geschworen, nichts über dessen Verbleib zu sagen, solange einer seiner Herren lebe – was sich nunmehr nur noch auf den einzigen Mit-Überlebenden der Burgunden, nämlich Gunther, beziehen kann – schreckt Kriemhild nicht davor zurück, ihren gefesselten Bruder enthaupten und seinen Kopf vor Hagen bringen zu lassen, der ihr darauf antwortet – damit Sie die Sprache des Mittelhochdeutschen etwas kennen lernen:

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den schaz den weiz nû niemen  wan got unde mîn:

der soll dich vâlandinne  immer wol verholn sîn.

Von dem Schatz weiß nun niemand etwas außer Gott und mir,

er soll dir Teufelin immer verborgen bleiben.

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Da ergreift Kriemhild in ihrer Wut Hagens Schwert, indem sie das Schwert Balmung, Siegfrieds Schwert, seit dem Mord an Sigfrid in Hagens Besitz, er kennen muss und enthauptet Hagen, worauf es Hildebrand, dem alten Waffenmeister Dietrich von Berns vorbehalten bleibt, den Schluss-Strich zu ziehen und den Schluss-Streich auszuführen; fassungslos und zornig zugleich tötet er die laut schreiende Königin.

Die Schlussworte des Nibelungenliedes also lauten:

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Ine kan iu niht bescheiden  waz sider dâ geschach:

wan ritter unde vrouwen  weinen man dâ sach,

dar zuo die edeln knehte,  ir lieben friunde tôt.

hie hât das maere ein ende:  daz ist der Nibelunge nôt.

Ich kann euch nicht sagen, was danach geschah,

nur, dass man Herren und Damen, dazu edle Ritter

den Tod ihrer lieben Freunde beweinen sah.

Das ist das Ende des Liedes: das ist die Not der Nibelungen.

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Eine ganz düstere Stimmung – wie bereits erwähnt – liegt über dem zweiten Teil des Nibelungenliedes, über Kriemhilds Rache und so vieler Helden Tod. Dennoch wird von einigen Wissenschaftlern und unbefangenen Lesern dieser Teil, verglichen mit dem ersten, der eigentlichen Siegfriedhandlung, als gelungener eingeschätzt, nicht nur, weil er einfach mehr Atmosphäre vermit­telt, sondern auch mehr von dem bietet, was wir unter Spannung verstehen.

Der erste Teil ist bisweilen doch sehr langatmig und immer, wenn sich jemand auf eine Fahrt begibt, wird ausführlich erzählt, wie schön und aus welchen Stoffen die Kleider waren und welche Frauen die Ehre hatten, sie zu schneidern. So werden nicht von ungefähr die Strophen entsprechenden Inhalts etwas spöttisch als Schneiderstrophen bezeichnet. Zu häufig für unseren Geschmack werden auch Superlative verwendet: Fast ständig sind die tapfersten Männer unterwegs, ausgerüstet mit dem besten Material, und ständig treffen sie auf schönst angezogene Frauen, wie man sie noch nie sah.

Doch vergessen wir nicht: Der Anfang schriftsprachlicher Dokumente des deutschsprachigen Raumes liegt noch keine 500 Jahre zurück (765 erstes schriftsprachliches Dokument Abrogans), und sowohl die Adressaten als auch die Verfasser damaliger Werke hatten einfach andere Absichten und Ansprüche, als wir sie heute haben.

Vergessen wir auch nicht: Wir haben es mit einem Lied zu tun, bestehend aus nahezu zweiein­halbtausend Strophen, deren jede – Sie sehen es auf Ihrem Blatt – aus 4 Versen besteht, wobei jeder Vers, als Einheit nochmals aus zwei Hälften zusammengesetzt, in der Mitte getrennt ist in jeweils zwei Halbverse durch eine Zäsur. Aus nahezu 10 000 Zeilen bzw. Versen besteht also das Nibelungenlied, aus annähernd 20 000 Halbversen, und die wollen erstmal geschrieben sein!

Falls Sie gerade an Ihr häusliches Bücherregal denken, auf dem sich Die Deutschen Heldensagen befinden, unter anderem mit dem Nibelungenlied, allerdings in erzählter Form, in Prosa also, nicht in Strophen, so möchte ich anmerken:

Das Nibelungenlied ist oft in erzählende Form umgeschrieben worden, spannungsmäßig ein bisschen aufgepäppelt und versehen mit Zutaten über die Siegfriedgestalt, die aus anderen Quellen stammen. Vielleicht kennen Sie die Geschichte, in der Siegfried, schon früh, jung und stark, zu einem Schmied in die Lehre kommt, sich aber bei jenem so ungeschlacht benimmt, Gesellen und Meister misshandelnd, dass jener ihn mit Absicht in einen Wald schickt, in dem zahlreiche Lindwürmer hausen. Na ja, Jung-Sigfrid entwurzelt ein paar Bäumchen, macht ein kleines Feuerchen und lässt kurzerhand einen Drachen schmoren. Diese Sagenausformung z.B. entstammt dem Hürnen Seyfrid; sie ist nur in Drucken des 16. Jhdts erhalten.

Ihr und dem Nibelungenlied ist in dessen gemeinsam: Bei beiden kennen wir die Verfasser nicht.

Bezüglich des Nibelungenliedes wissen wir nur ungefähr, wo und wann er gelebt haben muss. Vermutet wird u.a., dass es ein Kleriker am Hof des Passauer Bischofs Wolfger von Erla war. Wer es auch immer gewesen sein mag, sein Werk hat Goethe zu höchsten Tönen des Lobes veranlasst, wie übrigens andere auch.

Bei Lichte besehen zeigt allerdings das Epos neben dem oben Gesagten einige, vor allem inhaltliche Unstimmigkeiten und Ungereimtheiten, die aber ausgesprochen aufschlussreich sind im Hinblick auf unsere Thematik von Heimat und Erinnerung, denn, kein Zweifel: Siegfried ist nicht nur ein starker Kämpfer, sondern auch ein Held des Bewusstseins. Wie auch bei Odysseus, bei Jesus, bei Herakles und vielen anderen geht es nie nur um äußeres Geschehen, sondern immer auch um ein inneres.


Nun zur ersten aufschlussreichen Unstimmigkeit:

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Da wuchs in den Niederlanden  eines reichen Königs Kind,

sein Vater, der hieß Sigmund, seine Mutter Sigelind,

in einer reichen Feste,  weithin wohlbekannt,

drunten an dem Rheine;  Santen war sie genannt.

Ich sag euch von dem Degen,  wie so schön er ward.

Er blieb vor jeder Schande  immer wohl bewahrt.

Ruhmreich und kräftig  ward bald der kühne Mann.

Hei, was an hohen Ehren  auf dieser Erde er gewann!

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Dass Siegfried nun keineswegs vor jeder Schande bewahrt bleibt, wie es zum Auftakt heißt – sieht man ohnehin über jenes unritterlich unhöfliche Verhalten zu Beginn seines Aufenthaltes am Wormser Hof großzügig hinweg – beweist vor allem die Tatsache, dass er ja keineswegs aus reiner Nächstenliebe Gunther zu Brünhild verhilft,  sondern, weil er auf diese Weise Kriemhild am besten so nahe kommt, wie er es gerne möchte, erhält er sie doch als Belohnung für die Hilfe, die er Gunther gewährte.

Vor allem aber: Wie er nun diese Hilfe inszeniert, ist nicht mehr nur als listig zu bezeichnen, son­dern es ist, denkt man daran, wie hier Brünhild mit lebenslänglichen Folgen getäuscht wird, ein groß angelegter Betrug. Das bezieht sich nicht nur auf den Dreikampf mit Hilfe der Tarnkappe und die Hochzeitsnacht-Nachhilfeaktion, sondern auch darauf, dass er sich als Untergebenen Gunthers ausgibt, dass er den Mitfahrenden entsprechende Anweisungen gibt und bei dem ganzen Geschehen auf Island die planende und verantwortliche Kraft ist.

Nicht von ungefähr hängt dann seine Ermordung mit diesem Verhalten zusammen, spürt doch die Getäuschte den Betrug, lässt nicht locker und findet auch in Hagen ein williges Instrument für ihre Rache.

Die Unstimmigkeiten und Widersprüchlichkeiten des Nibelungenliedes sind jedoch nicht unser Thema; zudem sollte man nicht vergessen, dass dem Verfasser einfach andere Aspekte wichtig waren, ist es ihm immerhin doch auch gelungen, einen Sagenstoff so zu gestalten, dass er bis heute nicht eine gewisse Faszination verloren hat, was übrigens nicht nur an der Gestalt des Siegfried liegt, sondern auch daran, dass zwei Frauen treibende Kräfte des Geschehens sind.

Wenn ich hier dennoch  auf eine weitere Ungereimtheit des Nibelungenliedes eingehe, so deshalb, weil sie uns direkt zum Zentrum des Mythos um Siegfried führt. Sie zeigt im Übrigen meines Erachtens auch, dass der Verfasser den Sinn dieser Sage im Grunde durch seine Art der Darstellung – bewusst oder unbewusst sei dahingestellt – in einer  unzulässigen Weise vernachlässigte.

Hören Sie, was er über Brünhild, die Gunther gewinnen will, schreibt:

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Es war eine Königin  gesessen überm Meer

eine, die ihr gliche,  fände man wohl schwer:

schön war sie über die Maßen,  gewaltig ihre Kraft;

sie warf mit schnellen Degen (Rittern)  um die Minne (Liebe) den Schaft (Speer).

Den Stein warf sie ferne,  danach sie weithin sprang.

Wer auf sie richten wollte  seine Wünsche frank,

drei Spiele musst er gewinnen  mit der Frau, hochgeboren;

verlor er auch nur eines,  so hatte er das Leben verloren.

Die Königin hatte  sehr oft das schon getan.

Da vernahm es an dem Rheine  ein Ritter wohlgetan;

der richtete seine Sinne auf das herrliche Weib.

Darum mussten der Helden  viel verlieren Leben und Leib.

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Jener Ritter war, wie wir wissen, niemand anderes als König Gunther, und natürlich hatte er nichts Besseres im Sinn, als sie zur Frau zu nehmen.

„Dem muss ich widerraten, äußert Siegfried, als er das hört.

Und als Gunther verlauten lässt, dass die Frau erst noch geboren werden müsse, die er nicht be­zwinge, fährt Siegfried ihm förmlich über den Mund:

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„Schweigt!“ … „Euch ist ihre Stärke nicht bekannt.

Und wären ihrer viere,  die könnten nicht bestehn …“

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Was schließt der geneigte Leser messerscharf?! Siegfried muss sie ziemlich gut kennen, ja es scheint fast so, als dass diese Bekanntschaft persönlicher Natur sein müsse, ein Annahme, die unter anderem dadurch untermauert wird, dass er Gunther und seine Mannen zielsicher nach Island führen wird; ja, als jene bei der kämpferischen Brünhild auf Burg Isenstein vorsichtshalber – um nicht zu sagen: aus Misstrauen – ihre Waffen nicht ablegen wollen, weist Siegfried sie zurecht:

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In dieser Burg ist es üblich, das will ich euch sagen,

dass keiner der Gäste  darf hier Waffen tragen.

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Woher er das wohl weiß?

Schon bei der Ankunft, als die Wormser vom Schiff aus der Burg ansichtig geworden waren und der Tatsache, dass gar manche schöne Maid aus den Fenstern interessiert auf die Fremden sieht, fragt Gunther, ob Siegfried Brünhild kenne, worauf Siegfried ihm antwortet, er solle doch einfach sagen, welche er unter den Hübschen an den Fenstern nehmen wolle, und nach Gunthers Wahl bestätigt Siegfried jenem den Hauptgewinn:

Die hat recht erkoren  deiner Augen Schein:

es ist die starke Brünhild  das schöne Mägdelein.

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Fast zwangsläufig stellt sich die Frage, woher Siegfried Brünhild kenne, ob er womöglich schon einmal bei ihr gewesen sei und ob er als so kampfeswütiger Recke, wie er am Anfang geschildert wird, dann nicht bereits in der Vergangenheit den Dreikampf – wohl keineswegs ungern – ausgetragen habe …

Eigentlich tun sich Fragen über Fragen auf, zumal ja Brünhild in der folgenden Zeit heimlich an Siegfried hängt; schließlich weint sie ja nicht von ungefähr heiße Tränen, als sie Kriemhild in Worms neben Siegfried sitzen sieht – es heißt wörtlich:

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ihr ward nie größeres Leid.

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Und nicht von ungefähr setzt ja ihr Ansinnen, wissen zu wollen, was es da Verborgenes in der Dreiecksbeziehung zwischen ihr, Gunther und Siegfried gebe, den Untergang eines Königsgeschlechtes in Gang.

Im Nibelungenlied glaubt Brünhild bei der Ankunft der Helden auf Isenstein bezeichnenderweise auch zunächst, Siegfried sei der Freier; offensichtlich konnte sie sich bei seinem Herannahen nicht vorstellen, dass er Gunthers Vasall sei, was dem Leser durchaus nachvollziehbar ist, wurde Siegfrieds Aussehen und sichtbare Stärke doch immer hervorgehoben und war er ja auch in der Tat ein König sogar zweier Königreiche: seines heimatlichen und das der Nibelungen, das er im Kampf mit Nibelung, Schilbung und Alberich gewonnen hatte. .

Nun könnte man dies alles wohlwollend im Nebel sagenhafter Vorzeiten verschwinden lassen, wenn nicht ein anderer Sagenkreis Aufschluss über unsere Fragen gäbe. Es ist der nordisch-isländisch-skandinavische, den wir in der so genannten Edda zusammengefasst finden. Man unterscheidet eine jüngere und eine ältere.

Lassen Sie mich hier der Kürze halber nur sagen, dass 1643 der isländische Bischof Brynjólf  Sveeinson auf Island eine Handschrift aus der zweiten Hälfte des 13. Jhdts entdeckte, die auf 45 Blättern 29 Lieder enthielt, allerdings mit einer Lücke von 8 Blättern, die ausgerechnet Sigurdlieder betreffen, so dass im Grunde nur drei Sigurdlieder erhalten sind. Sigurd, so heißt Siegfried in der Edda. Auch andere Namen und Verwandtschaftsbeziehungen entsprechen nicht genau dem Nibelungenlied; ich behalte jedoch hier die Namen und Bezeichnungen des Nibelungenliedes der Übersichtlichkeit halber bei.

Für mich ist kein Zweifel, dass wir in der Edda authentischeres Material über den Siegfried-Mythos finden als im Nibelungenlied.

Nicht nur wegen der urwüchsigeren Sprache lässt uns die Edda erkennen, dass wir hier näher an einem, ja – wie sich herausstellen wird – unserem eigenen Ursprung sind, auch inhaltlich eröffnet sie uns eine tiefere Schicht.

In einem ihrer Lieder – Sighurdharkvidha Fafnisbana Fyrsta Edha Gripisspâ über schrieben – werden wir einem Mann konfrontiert, der die Lande beherrschte und aller Männer weisester war; auch wusste er die Zukunft; zu ihm nun kommt Siegfried bzw. Sigurd geritten und das nicht ganz von ungefähr, ist Gripir – so der Name des Mannes – doch seiner Mutter Bruder. Jener nun beginnt Sigfrid die Zukunft vorauszusagen, und wir verfolgen dies Gespräch, enthält es doch die Antworten, die wir oben vermissten. Diese Antworten finden ihre Bestätigung in weiteren Liedern der Edda, auf deren breitere inhaltliche Darstellung bezüglich einzelner Punkte wir hier aber aus Zeitgründen verzichten.

Wenden wir uns also Gripir zu, der Siegfried wissen lässt:

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Du wirst der mächtigste Mann auf Erden,

Der edelste aller Fürsten geachtet.

Im Schenken schnell und säumig zur Flucht,

Ein Wunder dem Anblick und weiser Rede.

Du fällst allein den gefräßigen Wurm,

Der glänzend liegt auf der Gnitaheide.

Beiden Brüdern bringst du den Tod,

Regin und Fafnirn ….

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Weiterhin erfährt Siegfried, dass er des Drachen Fafnirs Hort, den Nibelungenhort also, finden wird und – für uns nun von besonderer Bedeutung – eine Fürstentochter, nämlich Brünhild, die auf einem Felsen schläft. Er wird ihren Brustpanzer öffnen und sie, die Tochter Heimirs, vom Schlaf erwecken. Gripir fährt fort:

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Sie wird dich Reichen Runen lehren,

(Runenwissen enthält geheimes Wissen über verschiedenste Gebiete)

Alle (Runen), die Menschen wissen möchten,

Dazu in allen Zungen reden,

Und heilende Salben: so Heil dir, König!

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Nun weigert sich Gripir, weiter in die Zukunft zu schauen, doch da Siegfried nicht auf hört, ihn zu bedrängen, gibt er schließlich nach und sagt ihm voraus, dass er und jene Frau namens Brünhild sich alle Eide – auch Eide der Treue und Schwüre der Liebe – schwören, doch nur wenige halten würden.

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… warst du Giukis Gast eine Nacht

So hat (dein Herz) Heimirs Maid ( … ) vergessen.

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Giukis Hof ist vergleichbar dem Wormser Hof des Nibelungenliedes. Nichts anderes also besagt Gripirs Aussage, als dass Siegfried, sei er erst einmal an diesen Hof gelangt, seine eigentliche Liebe, Brünhild, Heimirs Tochter, vergessen werde.

Siegfried, entsetzt über den Gedanken, dass ihm das widerfahren könne, fragt nach:

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Wie so denn, Gripir?  Sage mir an.

Weiß´t du Wankelmut  in meinem Wesen?

Werd ich mein Wort  nicht bewähren der Maid?

Ich schien sie zu lieben  aus lauterm Herzen.

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Gripir nun muss ihn darüber aufklären, dass er den Listen der Königin Mutter an jenem Hof anheimfallen werde, die nur das Ziel habe, ihn mit der eigenen Tochter zusammenzubringen.

Im Nibelungenlied heißt diese Tochter, das wissen wir, Kriemhild und ihre Mutter heißt Ute. Diese spielt jedoch dort, verglichen mit der Edda, die Rolle der Vergessenstrunkmixerin nicht, hat doch Siegfried im Nibelungenlied von vornherein nur eins im Sinn: Kriemhild; es bedarf der Listen einer bösen Schwiegermutter nicht, um eine andere Frau vergessen zu machen. Der Verfasser des Nibelungenliedes muss also Brünhild nicht aus Siegfrieds Sinnen bringen. Es wird ja nie ausgesprochen, dass Siegfried Brünhild kenne, geschweige denn weiß jemand um irgendwelche früheren Eide zwischen beiden.

Anklänge an jene Vorgeschichte finden sich zwar im Nibelungenlied, wie wir wissen, in dem kurzen Hinweis Hagens zum Drachenkampf und der Tatsache, dass Siegfried Isenstein zu kennen scheint. Nur kann der Leser des Nibelungenliedes aus solch sachter und offensichtlich absichtsloser Intonation nicht heraushören, dass Siegfried im Grunde seine eigene große Liebe an Gunther verrät; solche Zusammenhänge fehlen. So verschwimmt im Nibelungenlied ganz Wesentliches.

Zwar bleibt deutlich, dass eigentlich nur Siegfried der der Brünhild angemessene Mann ist. Die beiden Kämpfe, die sie miteinander aus fechten, der Dreikampf und der Kampf in Gunthers Schlafzimmer, zeigt sie einander im Grunde ebenbürtig; zugleich bleibt Brünhilds Liebe Siegfried gegen über spürbar. Die Tragik der Siegfriedgestalt aber liegt doch gerade darin, dass er seine eigentliche Liebe an einen anderen verrät, der dieser Frau gar nicht gewachsen ist. Und im Grunde ist es auch dieses Ungleichgewicht zwischen Gunther und Brünhild, das Brünhild immer unzufrieden sein und ahnen lässt: Dieser Mann, nämlich Gunther, gehört nicht zu mir; ihre Seele weiß: Ich gehöre zu Siegfried.

Siegfried kennt zwar im Nibelungenlied noch den Weg zu Brünhilds Burg, aber nicht mehr den zu ihrem Herzen.

Was ist hierfür der Grund, warum findet er nicht mehr den Weg zu ihrem Herzen?

Wir erfahren ihn aus der sogenannten Wölsungensage. In ihr hat ein Verfasser die Lieder der Edda in zumeist erzählerischer Form verarbeitet, wobei übrigens aus der Wölsungensage der Inhalt der verloren gegangenen Lieder der Edda z.T. erschlossen werden kann.

Siegfried vergisst seine Brünhild und ergötzt sich mit Kriemhild, wobei ich das Wort ergötzen bewusst wähle, denn es bedeutet ursprünglich vergessen machen, entschädigen, vergüten.

Ute lässt ihn tatsächlich durch den Vergessenstrunk Brünhild aus seinem Herzen verlieren und ergötzt, entschädigt ihn mit ihrer Tochter Kriemhild.

Brünhild aber, von Siegfried vergessen, ist in der Edda ein göttliches Wesen, eine Walküre. Walküren führten die in einer Schlacht gefallenen Helden in den göttlichen Bereich.

Nun muss man wissen, dass die Germanen unterschieden zwischen dem Strohtod und dem Tod auf dem Schlachtfeld. Als kriegerisches Volk drückten sie die Bewertung des Lebens auch in entsprechenden Bildern aus. Wer auf dem Stroh starb, war kein Held. Wer aber auf dem Schlachtfeld sein Leben ließ, hatte in seiner Entwicklung den Grad eines Helden erreicht und war damit würdig des göttlichen Zuhauses, in das er von der Walküre geführt wurde.

Brünhild als Walküre war jenes Wesen, das Siegfried den Zugang zum göttlichen Bereich gewähren konnte und wollte; nicht umsonst lehrte sie ihn Wissen, das beileibe nicht jedem zugänglich war. Indem er sie verlässt und dem Liebeszauber Kriemhildes anheimfällt, verliert er das Bewusstsein seiner wahren Heimat.

Walküren sind übrigens nicht vergleichbar dem, was wir als Freundin, Geliebte, Verlobte oder Ehefrau bezeichnen; auf diese Ebene der Liebe aus mythologischer Sicht komme ich anlässlich des nächsten Vortrages zu sprechen.

Walküren verkörpern – man müsste eigentlich sagen – vergeistigen den Teil von uns, der die Verbindung zum göttlichen Bereich herstellt. Goethe nennt ihn das Ewig-Weibliche, Hugo von Hofmannsthal spricht von der höheren Existenz, der romantische Schriftsteller Novalis vom transzendentalen Ich, vom Ich des Ich, C.G. Jung vom Archetypus Gott-Mensch; er wird im Märchen versinnbildlicht durch Schneewittchen, jene reine Gestalt, so schön, wie der klare Tag, wie es im Märchen heißt, die auch nach dem Biss in den Apfel, inszeniert durch die böse Königin, nicht sterben kann, nur schläft, bis der Königssohn kommt, der diese schlafende Schönheit sein eigen nennen möchte.

Wenn Sie diese meine Ausführungen nicht nur für ganz nette, geistvolle Gedankenspielereien halten, denen sie allerdings keinen Anspruch auf Realität zugestehen, werden sie auch ein Gedicht, das ich Ihnen im folgenden ausschnittweise vortragen möchte, für mehr als eine phantasievolle, dichterische Leistung ansehen.

An die Unerkannte ist es überschrieben, und die Interpretatoren haben gerätselt, wer dahinter stecken könnte und einfallsreiche bis gewagte Vermutungen aufgestellt; manchem mag auch meine Ansicht gewagt erscheinen, wenn ich sage, dass Friedrich Hölderlin in seinen Strophen unbewusst bewusst von seiner Walküre sprach; entscheiden Sie auf dem Hintergrund des eben Gesagten selbst.

Lassen Sie mich vorab noch anmerken, dass im folgenden mit jenem Dulder, den der Sturm zertrümmert, Odysseus gemeint sein wird, der damals bei Alkinoos, dem König der Phaiaken, wieder Land unter die Füße gewann und der als Held hier für alle steht, die die Heimat – im Falle des Odysseus Ithaka – wiederfinden wollen.


An die Unerkannte

Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,

Von des Lebens dunkler Woge ferne

Wandellos in stiller Schöne lebt,

Die des Herzens löwenkühne Siege,

Des Gedankens fesselfreie Flüge

Wie der Tag den Adler, überschwebt?

Die, wenn uns des Lebens Leere tötet,

Magisch uns die welken Schläfen rötet,

Uns mit Hoffnungen das Herz verjüngt,

Die den Dulder, den der Sturm zertrümmert,

Den sein fernes Ithaka bekümmert

In Alcinous Gefilde bringt?

Die der Kindheit Wiederkehr beschleunigt,

Die den Halbgott, unsern Geist, vereinigt

Mit den Göttern, die er kühn verstößt,

Die des Schicksals ehrne Schlüsse mildert,

Und im Kampfe, wenn das Herz verwildert,

Uns besänftigend den Harnisch löst?

Die das Eine, das im Raum der Sterne,

Das du suchst in aller Zeiten Ferne

Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,

Das kein sterblicher Verstand ersonnen,

Keine, keine Tugend noch gewonnen,

Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?


Jene Unerkannte kann sich u.a. auch in uns als innere Stimme, auch als Stimme des Gewissens äußern, wenn wir sie von Schlacken eigenen Zu- und Hinzudenkens freigehalten bzw. freigelegt haben.

Warum bloß ging Siegfried überhaupt zu Giukis Hof? Warum verlässt er den Ort des Friedens? Warum verlässt er Brünhild, die nunmehr seiner harren muss und die goldne Frucht bewahren, bis er wiederkommt – damit er wiederkommen kann!

In der Wölsungensage lesen wir:

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Er sprach zu ihr, dass er sie – Brünhild – zum Weibe nehmen wolle, denn sie sei ganz nach seinem Sinne, und sie erwiderte, ihn wolle sie am liebsten zum Gatten, hätte sie selbst unter allen Männern zu wählen. Da verlobten sie sich einander und schwuren einander Treue.

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Es heißt dann weiter:

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Sigurd nahm nun Abschied von Brünhild, denn er hielt die Zeit der Vermählung noch nicht für ge kommen, da er vorher noch die Welt zu sehen und manche Taten zu voll bringen gedachte. Sein Schicksal führte ihn südlich an den Rhein, an König Giukis (also den Wormser) Hof.

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So einfach klingt, was hier geschieht, so schwerwiegend sind die Folgen.

In vielen Märchen und Mythen erleben wir, dass der Märchenheld von seinem eigentlichen Zuhause Abschied nimmt, sei es, weil etwas sich verändert hat, was er rückgängig machen möchte, sei es, weil Vater oder Mutter gestorben sind oder einfach, weil er etwas erleben möchte.

Sie kennen die zahlreichen Märchenanfänge, in denen die gute Mutter oder Königin stirbt und an ihre Stelle eine Stiefmutter tritt. In dieser Art von Anfang kommt be sonders deutlich zum Ausdruck, um was es geht: Der Held verliert mit dem Tod seiner Mutter auch seine Heimat. Wo er sich einst wohl fühlte, ist ihm kein Ort des Zuhause mehr. An die Stelle der Mutter tritt die Stiefmutter, an die Stelle des Wohlgefühls tritt die Erinnerung bzw. die Sehnsucht danach.

Auch beispielsweise in Mozarts Zauberflöte verliert Tamino seine Mutter und an deren Stelle tritt die Königin der Nacht. Nehmen Sie die Grimm-Märchen Von demMachandelboom, Vom Wasser des Lebens und viele andere: Mit dem Verlust der Mutter einher geht der Verlust der wahren Heimat, und was dem Helden mehr und mehr nur bleibt, ist die Sehnsucht nach ihr, nach dem – wie es die Griechen nannten – Goldenen Zeitalter, nach dem Paradies.

Eine besondere Ausformung dieses Verlustes finden wir in der germanischen Mythologie im Verlust der Walküren-Liebe, und wir nähern uns damit einem Verständnis davon, was Goethe am Schluss seines Faust meint:

.

Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

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Walküren warten, bis Menschen den Helden in sich entdecken und bereit werden, ihn zu leben, bereit damit auch, die Stufe des Strohtodes zu überwinden, bereit zu kämpfen, bereit, bewusst zu sterben; auch Schneewittchen wartete.

Psychologisch formuliert ist unsere Walküre ein wichtiger Teil unseres Innern, mythologisch gesehen ist sie eine streitbare Dame, die uns küren möchte von unserer Wal-Statt, damit wir wiedergeboren werden können in das Land des Friedens. Einem Sigfrid oder einer Siglinde bleibt dies allerdings verwehrt; ebenfalls einem Anfortas; man muss ein Parzival sein.

Ich könnte Ihnen nun wieder und wieder Stellen anführen, die belegen, wie in den Menschen dieses Wissen um ihre wahre Heimat, um ihre wahre Liebe schlummert oder – bei einigen – auch sehr deutlich da ist.

Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus z.B. kommt in seinem Werk über den Jüdischen Krieg auf den Mut zu sprechen, den die Essener beim Widerstand gegen die Verfolgung durch die Römer bewiesen, und äußert  dazu:

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Denn kräftig lebt bei ihnen die Überzeugung: vergänglich seien zwar die Leiber, und ihr Stoff sei nichts Bleibendes, die Seelen aber seien unsterblich und würden immer be stehen; sie seien zwar, nachdem sie aus feinstem Äther bestehend, in einem Schwebezustand waren, mit den Leibern wie mit Gefängnissen verbunden, durch einen sinnlichen Liebeszauber herabgezogen; wenn sie aber aus den körperlichen Fesseln nach lan ger Knechtschaft erlöst werden, dann würden sie Freude haben und sich in die Höhe schwingen.

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Diesem sinnlichen Liebeszauber fällt auch Siegfried anheim; er vergisst seine Brünhild und liebt Kriemhild; aber das Wissen, die Erinnerung um ihre Liebe bleibt in beiden.

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Mit den Leibern wie mit Gefängnissen verbunden, durch einen sinnlichen Liebeszauber herab­gezogen; …

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Wir neigen dazu, den Vergleich unseres Lebens mit einem Gefängnis und von der Liebe als einem sinnlichen Liebeszauber zu sprechen für übertrieben zu halten. Tatsache ist allerdings, dass die Essener nicht die einzigen waren, die glaubten, dass das wahre Leben nicht auf unserer Erde stattfinde, eine Ansicht, die auch der Apostel Paulus übrigens vertritt, wenn er im 1. Korintherbrief sagt, wir würden auf der Erde nur ein dunkles Bild, wie durch einen trüben Spiegel vermittelt, sehen, unser Weg aber gehe dahin, Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

Heute wissen wir, dass dieses wahre Leben mehr und mehr auf die Erde kommen und der Himmel auch auf der Erde gelebt werden will, wenn es nämlich der Liebe gelingt, Einzug zu halten in die Herzen der Menschen. Dieses Bewusstsein ist das des sogenannten Wassermannzeitalters.

Flavius Josephus, den ich gerade zitierte, und viele andere sahen das zu ihrer Zeit anders.

Der große Philosoph Platon z.B. vergleicht unser Leben mit dem Leben in einer Höhle, in die nur ab und zu ein Licht hereinfalle. Wenn aber jemand käme, der von dem wahren Licht erzähle, der stünde in Gefahr, von den Höhleninsassen ob dieser Wahrheit, die jene nicht hören wollten, getötet zu werden.

Und an anderer Stelle, im Phaidros, greift er zu einem anderen Vergleich, in dem er darauf hinweist, dass unsere wahre Heimat im Göttlichen sei, woher wir auch kämen.

Immer nun, wenn unsere Seele auf Erden eines Abbildes der wahren Schönheit ansichtig würde, würde die Erinnerung der Seele Flügel wachsen lassen, sie beflügeln, und sie wolle hinauffliegen, woher sie gekommen sei.

Wieder und wieder stoßen wir bei den Großen der Kunst auf diesen Gedanken, dass unser Weg zurückgehe in die wahre Heimat.

Lernen Sie die andere Seite Wilhelm Buschs kennen, wenn er schreibt:


Wie kam ich nur aus jenem Frieden

Ins Weltgetös?

Was einst vereint, hat sich geschieden,

Und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben,

Nun heißt es: Nimm!

Ja, ich muss töten, um zu leben,

Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,

die niemals ruht.

Sie zieht mich heim zum alten Glücke,

Und das ist gut.


Oder hören Sie auf Schillers Worte in dem Gedicht Sehnsucht:


Ach, aus dieses Tales Gründen,

Die der kalte Nebel drückt,

Könnt ich doch den Ausgang finden,

Ach wie fühlt ich mich beglückt!

Dort erblick ich schöne Hügel,

Ewig jung und ewig grün!

Hätt ich Schwingen, hätt ich Flügel,

Nach den Hügeln zög ich hin.


Immer und immer wieder wird uns nahegelegt, nicht zu vergessen, woher wir kommen und wohin wir gehen, gehen sollten, ja, um es noch genauer zu sagen: fliegen sollten, denn tatsächlich: von Schwingen und Flügeln, die uns zurück tragen können zu unserer wahren Heimat – dieses platonische Bild treffen wir sehr häufig, sei es in Goethes Faust oder auch in Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz – ist immer wieder die Rede.

Im Laufe unserer menschlichen Entwicklung haben wir vergessen, woher wir kommen. Wir kennen unsere Heimat nicht mehr; die gute Mutter ist gestorben; wir sind abgeschnitten von unseren Wurzeln. Parzivals Mutter stirbt, als ihr Sohn in die Welt zieht. In Schneewittchen sticht sich die gute Königin in den Finger; drei Tropfen Blut fallen auf den Schnee, und sie wünscht sich ein Kind, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee; tatsächlich bringt sie ein Kind zur Welt, doch sie stirbt. Sie wissen, wie es Schneewittchen dann ergeht. Es droht den Attacken der bösen Königin zu erliegen; der vergiftete Apfel bleibt ihm im Hals stecken; über lange Zeit liegt es wie tot. Doch sein einstmals lebendiges, reines Bewusstsein kann nicht sterben; im gläsernen Sarg liegt es vor uns, und jenen guten Zwergen und dem Königssohn ist es zu verdanken, dass der Apfel sich wieder lösen kann.

Auch im in plattdeutscher Mundart geschriebenen MachandelboomMärchen fällt Blut auf den Schnee, nämlich als die schöne und fromme Frau eines reichen Mannes einen Apfel schält und sich ein Kind wünscht; auch sie bringt ein Kind zur Welt und stirbt; die Stiefmutter aber drangsaliert dies Kind furchtbar und schlägt ihm mit dem Deckel einer schweren Kiste den Kopf ab, als der Junge nach einem der Äpfel, die sich in der Kiste befinden, greifen will. In eindrucksvollen Bildern erzählt uns nun das Märchen von den Entwicklungsstufen, die die Seele des Jungen – er ist in einen Vogel verwandelt – durchlaufen muss, um wiedergeboren zu werden, um wieder wahrhaft zu leben.

Das menschliche Leben endet wie das Siegfrieds  –  mit dem Tod, doch ahnen viele Menschen um ihre wahre Heimat; es ist eine Sehnsucht, die in jedem, offen oder verdeckt, sich finden mag und immer und immer wieder von großen Menschen zum Ausdruck gebracht wurde; noch einmal Schiller:

.

Es reden und träumen die Menschen viel

Von bessern künftigen Tagen,

Nach einem glücklichen goldenen Ziel

Sieht man sie rennen und jagen;

Die Welt wird alt und wird wieder jung,

Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.


Wie diese aussehen könnte, lässt uns Schiller in der letzten Strophe dieses Gedichtes, überschrieben übrigens mit Hoffnung wissen:


Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,

Erzeugt im Gehirne der Toren,

Im Herzen kündet es laut sich an:

Zu was Besserm sind wir geboren.

Und was die innere Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht.


Viele wollen dieses Zu-etwas-Besserem-Geborensein nicht wahrhaben, klassifizieren es als arrogant und elitär. Doch die Sprache der Mythen, der Sagen und Märchen sowie die Bibel geben Schiller eindeutig recht.

Wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn umfassen manche Märchen den gesamten Lauf der Menschheit in ihrer Bildersprache, und dieser Lauf mag ja über viele tausende, ja hunderttausende von Jahren gehen. Nehmen Sie allein den Zeitraum der Schöpfung; wir begegnen hier ja Weltentagen, nicht Wochentagen; nehmen Sie den Zeitraum von der Schaffung des Menschen bis zu seiner Entscheidung, von der verbotenen Frucht – in der Sprache der Märchen ist es meist ein Apfel – zu essen. Dies führt zum Verlust des Paradieses, der Apfel bleibt dem Menschen buchstäblich im Hals stecken. Der Verlust des Paradieses kommt einem Tod gleich, dem Tod eines bestimmten göttlich-paradiesischen Bewusstseins. Deshalb stirbt der Junge im Machandelboom-Märchen; deshalb vergleicht Platon unser Leben mit einer Höhle und ruft  auch aus:

.

Und wenn Euripides recht hätte, wenn er sagt:

Wer weiß, ob unser Leben nicht ein Tod nur ist,

Gestorbensein dagegen Leben?

.

Deshalb lässt der bedeutende römische Staatsmann, Redner und Schriftsteller Cicero den großen Scipio in seiner bedeutenden Schrift Der Staat sagen:

.

Was Euch Leben heißt, ist Tod.

.

Und der große lateinische Dichter Vergil lässt in der Äneis Anchises seinen Sohn Äneas belehren:

.

…während der Zeit, in der die Seelen in die Finsternis des Körpers gebannt sind, leben sie wie in einem Gefängnis, ja wie in einem Kerker, aus dem sie nicht mehr zu ihrem himmlischen Ursprungsort aufsteigen können. (Moraldi)

.

Vorchristlichen Helden gelingt solch ein Aufstieg zumindest ganz selten, wir wissen dies nur von Ausnahmeerscheinungen wie Herakles, Henoch und Elija.

In diesem Sinne ist Siegfried ein vorchristlicher Held. Wir finden ihn im Abstieg begriffen; er verab­schiedet sich von der ihm zugehörigen, göttlichen Frau und zieht in die Welt, zu Giukis Hof; Aufstieg und damit Rückkehr gelingen ihm jedoch nicht. Was allerdings in diesem Zusammenhang dem Dichter des Nibelungenliedes gelingt – er findet ein ganz wunderbares Bild für selbige Tatsache:

Siegfrieds Frau Kriemhild stickt diesem auf seine Kleidung ein Kreuz, gedacht als Schutz, in Wirklichkeit als Zeichen seiner Verletzbarkeit, auf jene Stelle zwischen den Schulterblättern also, wo beim Bad im Drachenblut ein Lindenblatt fiel, auf jene Stelle zugleich, wo Zeiträume später einer ein Kreuz tragen musste, um auch diese Stelle zu schließen, zu heilen, weshalb jener eben auch Heiland, übersetzt: Ganz-Machender genannt wird.

Vorchristliche Helden, auch wenn sie die innere und äußere Schönheit eines Siegfried besitzen, bleiben verletzlich.

Siegfried ist, wie Gripir es in der Edda ausdrückt, der mächtigste Mann auf Erden, der edelste aller Fürsten; er hat zu seinem Zeitpunkt die Stufe einer menschlichen Entwicklung erreicht, die man eben nur errei hen kann. Er hat, so zeigt uns die Edda, göttliches Bewusstsein, genauer gesagt: noch göttliches Bewusstsein. Aber er will  Erfahrungen machen, vergleichbar dem verlorenen Sohn des biblischen Gleichnisses, der sein Vaterhaus nicht hätte verlassen und bis auf die Stufe absteigen müssen, auf der er mit dem Fraß für die Schweine zufrieden sein wird.

Siegfried als der Mensch der Vorzeit – die sogenannte Götterdämmerung ist in der Edda ein entscheidender Einschnitt – geht den Weg der Menschheit; er vergisst seine wahre Braut, er vergisst seine wahre Heimat; er erleidet den Tod. Sterben zu müssen ist der Tribut, den der Mensch zu zahlen hat, weil er das Paradies und damit seinen ursprünglichen göttlichen Zustand verließ. Er un­terliegt der Finsternis Beschattung, wie Goethe den seelischen Zustand der meisten Menschen bezeichnet. Aber er schreibt diese Worte in einem Gedicht, das nicht von ungefähr Selige Sehnsucht heißt.

Lassen Sie mich zum Schluss noch in der Bildersprache der griechischen Mythologie Ihnen kurz dar­legen, woher diese Sehnsucht kommt und wie wichtig sie ist.

Vielleicht kennen Sie ein Gedicht namens Mondnacht von Joseph von Eichendorf; es beginnt:

.

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.


(Sie finden auf der Rückseite des ausgeteilten Blattes das Folgende skizziert.)

Tatsächlich hatte der Himmel einstmals die Erde geküsst, allerdings war ihm das zu einem be­stimmten Zeitpunkt gar nicht gut bekommen.

Ursprünglich war Gaia, die breitbrüstige Erde, so lesen wir bei dem griechischen Dichter Hesiod – er lebte um 700 v. Chr. – aus dem Chaos, dem Tohuwab´ohu – wie es im Hebräischen heißt – entstanden, und sie – Gaia, die Erde – er zeugte als erstes, ihr selbst gleich, den sternenreichen Uranos, unseren Himmel, da mit er sie, die Erde, ganz umhülle.

Gaia nun gebar in den Armen des Himmels zahlreiche Kinder, unter an derem den tief aufgewir­belten Okeanos, die neunmal gebärende Mnemosyne, den hinterlistigen Kronos und andere mehr.

Kronos, ein Kind von Himmel und Erde, heißt übersetzt Zeit. Mit der Geburt des Kronos, mit der Geburt der Zeit, so lässt uns die griechische Mythologie erahnen, war das Ende der Zeitlosigkeit nahe herbeigekommen; Kronos brauchte nur noch die Herrschaft über die Welt anzutreten, was er auch alsbald tat. Schuld daran war der erste Ehekrach im All, und das kam so:

Uranos, dem Mann Gaias, waren seine zahlreichen Kinder – Okeanos, Mnemosyne, Kronos, Koios, Kreios, Japetos und andere – samt und sonders verhasst, und so verbarg er sie gleich nach ihrer Geburt in einer Höhlung von Gaia, ihrer Mutter, der Mutter Erde also. Diese stöhnte, weil sie immer mehr eingeengt wurde, auf, und es gelang ihr, ihren Sohn Kronos von der Boshaftigkeit des Vaters zu überzeugen.

Sie gab ihm eine scharfzahnige Sichel und einen listigen Plan an die Hand. Als nun Uranos eines Abends, nichts Böses ahnend, die Nacht herbeiführend kam, und in Liebesverlangen sich um Gaia ausbreitete, entmannte Kronos seinen Vater mit jener Sichel. Aus den auf die Mutter nieder fallenden Blutstropfen entstanden die Rachegöttinnen – die Erynien – und die Giganten.

Natürlich war es nun vorbei mit der Hoch-Zeit von Himmel und Erde. Geschieden waren sie durch ihren Sohn Kronos, die Zeit; Chronometrie, Zeitmessung also begann.

Das Alte Testament berichtet übrigens ganz ähnlich, dass GOTT am Anfang Himmel und Erde und am vierten Weltentag Lichter am Himmel schuf, die fortan Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre geben sollten.

Kronos bescherte mit seiner Herrschaftszeit dem Kosmos das sogenannte GoldeneZeitalter In dieser glücklichen Phase zu Beginn unserer Zeitreise lebten wir als Menschen in unschuldiger Glückseligkeit und genossen von dem reichen, lebensspendenden Überfluss – aus den Eichen zum Beispiel floss Honig, den Gaia, die Mutter Erde, gern von sich aus gewährte. Die Menschen kannten keine Kriege, nicht Trug und kein Unrecht. Dike, die Göttin des Rechts, lebte noch friedlich vereint mit den Menschen. Starben sie, dann kam der Tod wie ein sanfter Schlaf Kein Wunder, dass man dieses Zeitalter als golden empfand.

Doch auch Kronos sollte es ähnlich gehen wie seinem Vater, beseitigte doch auch er seine Kinder, indem er sie – wohl um ganz sicher zu gehen – verschlang. Verständlich, dass Rhea, seine Göttergattin, zornig wurde und den Jüngsten rettete, indem sie ihrem Gemahl statt des neugebore­nen Sohnes einen in Windeln gewickelten Stein zu essen gab.

Zeus, der solchermaßen Errettete, gedieh unterdessen, von Nymphen betreut, prächtig, und nach­dem es ihm gelungen war, die anderen Söhne und Töchter des Kronos, seine Geschwister also, mit Hilfe einer List seiner Mutter vor der endgültigen Verdauung durch des Kronos Magensäfte zu be­freien, begann ein furchtbarer Kampf. Zeus und seinen Geschwistern standen die Geschwister des Kronos, die sogenannten Titanen, gegenüber, die Atlas zu ihrem Führer gewählt hatten. Mit aus­schlaggebend dürfte gewesen sein, dass die Hekatoncheiren, Riesen mit je hundert Armen und fünfzig Köpfen, auf des Zeus Seite eingriffen. Mit einer Wolke von Steinen bewarfen sie die Titanen, die sich von diesem Schlag nicht mehr er holten.

Mit dem Herrschaftsantritt des Zeus verschlechterten sich die Zeiten. Dem goldenen folgte das silberne, bronzene und eiserne Zeitalter, das die meisten antiken Autoren mit ihrer Gegenwart identifizierten.(Das Zeitalter der Heroen, also z.B. des Kampfes um Troja und Theben, wird gele­gentlich zwischen das bronzene und eiserne datiert).

Dem absteigenden Wert der Metalle entsprach das zunehmende Maß an Ungerechtigkeiten, Ver­brechen, Kriegen und eben jenen Gütern, die dank Epimetheus aus der Büchse der Pandora – der ersten Frau – den Menschen zukamen; aber das ist eine andere Geschichte.

Eine Schwester des Kronos war, wie wir oben schon hörten, Mnemosyne. Mnemosyne bedeutet über­setzt Gedächtnis, Erinnerung. Kronos, die Zeit, und Mnemosyne, die Erinnerung, sind also Geschwister, was ja auch nur zu verständlich ist, macht doch der Ablauf der Zeit Erinnerung notwen­dig.

Obwohl Zeus ein Kind des Kronos und der Rhea und damit Mnemosyne seine Tante war, tat Zeus sich doch mit dieser, eben Mnemosyne, zusammen und zwar, so wird er zählt, neun Nächte lang, mit dem Ergebnis, dass diese ihrem Neffen neun Töchter, die Musen, als da z.B. waren  Melpomene, die Singende, Terpsichore, die den Tanz Genießende, Erato, die Sehnsucht Erweckende, gebar.

Vergessen sollten wir also nicht, dass ein Kind der Erinnerung Erato, über setzt: die Sehnsucht Erweckende heißt; die Muse Erato weist uns zu ihrer Mutter Mnemosyne – Sehnsucht treibt uns in die Arme der Erinnerung!

In so wunderbaren Bildern, die ich hier leider nur verkürzt darlegen kann, weist uns die griechische Mythologie auf die Bedeutung der Sehnsucht hin, eines Gefühls, das, wenn wir es empfinden, so glücklich machen kann und zugleich so schmerzvoll ist.

Wer diesen Zustand der Zerrissenheit überwinden will, den es einst während des Goldenen Zeitalters im Paradies nicht gab, muss die Bedeutung der Erinnerung ken nen.

Sehen wir uns das Wort Erinnerung abschließend an, so bemerken wir, dass das Präfix Er eine Vertiefung, ja ein endgültiges Erreichen des in der Wortmitte angesprochenen Vorganges bewirkt wie bei schließen – er-schließen, schießen – er-schießen oder lösen – er-lösen.

Lassen wir bei unserem Wort Erinnerung die Endung ung wegfallen und das Präfix Er, so bleibt uns der Stamm inner, den wir aus inner-lich, inner-halb kennen und der auf ein innen aufmerksam machen will. Er-inner-ung bedeutet also ein vollständiges nach innen  gehen bis zum eigentlichen Punkt eines Innenlebens, dessen es sich eben zu erinnern gilt.

Auf diesen Punkt, auf diesen Zeitpunkt macht uns die griechische Mythologie aufmerksam: Als die Herrschaft des Kronos beginnt, beginnt unsere Zeitreise und damit auch der Zeitpunkt, ab dem in­nern, nach innen gehen notwendig ist, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzufinden. Wollen wir also unser Bewusstsein zu jenem Punkt zurückführen, zu jenem Zeit- und Ausgangs-Punkt, wo jenes Goldene Zeitalter der Griechen herrschte, oder in der Sprache der Bibel das Paradies bzw. das Vaterhaus, so bedürfen wir des Weges nach innen, des Weges der Er-Inner-ung.

Gehen wir ihn, so finden wir jenen Zustand in uns wieder, der durch unser Verlassen des Paradieses aufgehoben wurde. Der alles entscheidende Unterschied vor dem Tor des Paradieses oder innerhalb zu sein war aber: innen, im Paradies, war unser Bewusstsein von Gott nicht getrennt.

Wenn Jesus im Neuen Testament sagt: Ich und der Vater sind eins und zu seinen Jüngern gewandt: Ihr sollt auch eins sein, so bezieht er sich auf jenen Zustand, der uns einstmals eigen war. Wenn er sagt: ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist, so verheißt diese Zusicherung die Rückkehr zu einem Zustand, den wir einst verließen, um, wie der verlorene Sohn, wie die Helden der Märchen, wie Sigfrid, Erfahrungen zu machen, die uns wichtiger erschienen, als im behüteten Vaterhaus zu bleiben. Jenes entschwand unseren Sinnen, die Mutter starb, wir vergaßen unsere Walküre und befinden uns nun auf jener Reise durch die Zeit, die uns auch in diesem Raum zusammenkommen ließ.

Und die Tatsache der Bedeutung des Weges nach innen finden Sie, wie wir dies schon bezüglich der Sehnsucht sahen, immer und immer wieder benannt. Angelus Silesius, der bekannte Dichter, Priester und Mystiker des 17. Jahrhunderts formuliert es so:

Halt an, wo laufst du hin,

der Himmel liegt in dir.

Suchst du ihn anderswo,

du fehlst ihn für und für.

Der berühmte Seneca, römischer Advokat, Senator, Philosoph und Schriftsteller zugleich, schreibt wenige Jahre nach Christi Geburt in sei nen Briefen an seinen Freund Lucilius:

… Nicht zum Himmel braucht man die Hände zu erheben, nicht den Tempelhüter anzu­flehen, dass er uns, …, zu Ohren des Götterbildes hintreten lasse: Die Gottheit ist dir nahe, sie ist bei dir, sie ist in dir …

.

Und der große romantische Dichter Novalis, ein Mann voll tiefer katholischer Religiosität, drückt die Richtung unseres Bewusst-Seins so aus:

.

Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nir gends ist die Ewigkeit mit ih ren Welten, die Vergangenheit und Zukunft… Jetzt scheint es uns freilich inner lich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz an ders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei … ist. Wir wer den mehr genießen als je, denn un ser Geist hat entbehrt.

.

Vielleicht dünken Ihnen nun die Sätze Schillers, falls Sie an Ihnen zweifelten, glaubhafter:

.

Zu was Besserm sind wir geboren ,

Und was die innere Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht.

.

Keine Frage, dieser Weg nach innen ist ein schwieriger Weg, und er wird schwieriger, je weiter nah innen man kommt. Es ist der Parzivalweg; es ist der Weg des christlichen Helden; doch wir legen kaum mehr wert auf Heldentum, auf christliches schon gar nicht.

Warum das so sein mag? C.G. Jung, der große Schweizer Psychologe, meint:

….

Der Christ hat in seiner Seele mit der äußerlichen Entwicklung nicht Schritt gehalten. Ja, es steht äußerlich alles da in Bild und Wort, in Kirche und Bibel. Aber es steht nicht innen. Im Innern regieren archaische Götter [also die Götter der Vorzeit], wie nur je, d.h. die innere Entsprechung des äußeren Gottesbildes ist aus Mangel an seelischer Kultur unentwickelt und darum im Heidentum stecken geblieben.

.

Ich mag den Begriff Heide nicht; aber akzeptieren wir ihn hier um der Sache willen, so lässt sich sagen:

Heiden haben zumindest etwas geglaubt, sie hatten ihre Götter, zu denen sie aufsahen, um die sie sich bemühten. Bei kulturellen Veranstaltungen im alten Griechenland stand ein Altar, wenn nicht im Innenraum, so doch in unmittelbarer Nähe sportlichen oder kulturellen Geschehens. Der Mensch des 20. Jahrhunderts dünkt sich groß; doch er kennt keinen bzw. höchstens einen archaischen, das heißt in Bezug auf seine Entwicklung, nur einen veralteten Gott; damit kann er auch sich selbst nicht recht kennen. Er müsste sich um den Gott des Neuen Testamentes bemühen, um sich selbst zu finden, doch er ist weiter den je davon entfernt zu verstehen, was Jesus meint, wenn er sagt:

.

Das Himmelreich ist inwendig in euch.

.

Goethe weiß darum, seine Aussage

.

Im Innern ist ein Universum auch

.

bestätigt es. Und Novalis lässt uns wissen:

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Wir werden die Welt verstehen, wenn wir uns selbst verstehen, weil wir und sie integrante [also zusammengehörende] Hälften sind. Gotteskinder, göttliche Keime sind wir. Einst werden wir sein, was unser Vater ist.

.

Liebe Anwesenden, Sie haben mit mir eine weite Reise zurückgelegt, hunderttausende von Jahren mögen uns trennen vom einstmals vorhandenen Goldenen Zeitalter. Ich bin mir bewusst, dass meine Gedanken, die ich hier nur sehr kompakt darlegen konnte, vielleicht für manchen oder manche unter Ihnen, die eine schwere Woche hinter sich haben oder zu wenig die Stoffe kannten, um die es ging, nicht einfach nachvollziehbar waren, auch deshalb, weil sie möglicherweise eine ungewohnte Sichtweise unserer Wirklichkeit, wie sie mir eben die Mythologie vermittelt, enthielten.

Wenn Sie etwas mitnehmen wollen, dann bitte auch dies:

Die Sehnsucht, die wir in uns tragen nach Geborgenheit, nach Heimat – wenn auch der ein oder andere solche Gefühle wegrationalisieren mag, jene Heimatgefühle, die bei manchen durchbrechen, wenn sie Heimatlieder singen oder Lieder, die eine sehnsüchtige Liebe besingen -, dann mag das zwar manchmal etwas trivial und zu schnulzig sein, abhängig natürlich auch von der Qualität des Liedes bzw. Textes; aber diejenigen, die sich sol­chen Gefühlen hingeben, geben sich im Grunde wahren Gefühlen hin, und wenn auch z.T. auf einer schnulzigen Ebene, legen sie eine gewisse Ehrlichkeit an den Tag, die ihrer Seele gut tut, weil sie Gefühle ausleben darf, die der rationale Mensch der heutigen Zeit sich meist nicht mehr erlaubt. Doch sie haben einen wahren Hintergrund, und wir nähern uns diesem, wenn wir unserer Seele erlauben, Gefühle, auch solche, zu zeigen.

Es gibt in uns eine Sehnsucht nach Heimat, und die Heimat, die uns auf Erden viel bedeutet, ist nur ein Abglanz jener Heimat, aus der wir uns einstmals entfernten; jene Sehnsucht, die wir empfinden, wenn wir uns unserem Zuhause, z.B. nach langer Abwesenheit in den Ferien, nähern, jene Freude, bald wieder das eigene Heim aufsuchen zu können, ja die eigene Tür aufzuschließen, über die eigene Schwelle zu treten, ist nur ein Abglanz jenes Gefühls, das wir haben werden, wenn wir unsere geistige Heimat wiederfinden. Sie ist in uns; wir können sie schon während unseres Lebens auf diesem Planeten finden. Und was immer hinter Siegfrieds Liebe – auf die wir hier nur hinweisend eingehen konnten – stehen mag:

Es gibt in uns etwas, das will uns im Vorwärtsschreiten des Lebensweges ziehen auf dem Weg der Er-Inner-ung soweit, dass auch wir wiedererkennend, uns wieder er-inner-nd, sagen können:

.

Ich und der Vater sind eins 

.

Ich schließe mit drei kleinen und doch so weisen Strophen, in denen unsere Vergangenheit und Zukunft zum Ausdruck kommt; die ersten beiden – und denken Sie dabei nochmals ruhig an Gaia und Uranos – lauten:

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Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.


Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

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Und wenn auch der romantische Dichter Eichendorff sich nur ganz vorsichtig Ahnungen hingibt, so lässt doch die letzte Strophe seines Gedichtes Mondnacht durchschimmern, wohin unsere Reise gehen mag:

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Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

(1837)


Johannes Klinkmüller
Albert-Schweitzer-Gymnasium
Leonberg, den 27. Januar 1995
1. Vortrag im Rahmen des Zyklus
Mythologie und (Selbst-)Erziehung
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Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf 
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere 
Tiefenstruktur hineinwirken. – Mehr unter diesem LINK
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