… Und der Mensch versuche die Götter nicht … Friedrich Schillers „Der Taucher“: Eine Nachtmeerfahrt der Seele

Schiller und Goethe haben in dem als Balladenjahr bekannten 1797 einige der berühmtesten deutschen Balladen geschaffen. Klar war es auch eine Art künstlerischer Wettstreit zwischen den beiden, doch immer wieder wurden auch vor der Veröffentlichung Stellen brieflich gemeinsam diskutiert.

Zu den berühmtesten dieser Balladen zählen Der Zauberlehrling, Legende, Der Taucher, Der Handschuh, Die Kraniche des Ibykus …

Letztendlich ging es beiden vor allem darum, deutlich zu machen, was sie mit ihrer Dichtkunst erreichen wollen. So kam es Schiller darauf an, ein Ideal zu vermitteln, eine tragende Idee, eine sittliche Lehre. Zweifelsohne besteht diese im Taucher vor allem darin, dass der Mensch, war er der Gnade Gottes teilhaftig geworden, diese nicht noch einmal mutwillig auf die Probe stellen möge. Wer an die Grenze, an die Tür zum Göttlichen klopft und Eintritt erhält, muss sich dessen auch als würdig erweisen. Indem der Edelknecht auf die Verführungskunst, auf den Neid und die Missgunst des Königs hereinfällt und wirklich glaubt, er werde von diesem bereitwillig nach dem zweiten Tauchgang dessen Tochter erhalten, fällt er nicht nur auf den Ungeist des dunklen Königs herein, sondern handelt auch entgegen eigener Erkenntnis, hatte er doch dem König selbst nach seinem Auftauchen gesagt:

Da unten aber ist’s fürchterlich,

Und der Mensch versuche die Götter nicht

Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Das ist die sittliche Botschaft der Ballade: Der Mensch versuche die Götter nicht.

Gleichzeitig hat Schiller, ohne es womöglich zu wissen, uns an einer – wie es bei C.G. Jung heißt – Nachtmeerfahrt der Seele teilnehmen lassen, denn der Knabe taucht in die Tiefen der Seele. Was Schiller uns hier geliefert hat, ist ein unglaublich bildhaftes Psychogramm einer solchen Prüfung, deren eines Kennzeichen es ist, dass Tod –  hier also das Ertrinken – und Leben – hier das Finden des goldenen Bechers und glückliches Auftauchen – ganz nahe beieinander liegen.

Zunächst aber nun die Ballade:

„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,

Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“

Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
„Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?“

Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmen’s und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum drittenmal wieder fraget:
„Ist keiner, der sich hinunter waget?“

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunterschlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als ging’s in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

Und stille wird’s über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
„Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“
Und hohler und hohler hört man’s heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir bringet die Kron,
Er soll sie tragen und König sein –
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unter verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss jäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast,
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.-
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Hört man’s näher und immer näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich’s schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ist’s, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lang und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
„Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele.“

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:

„Lange lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Es riss mich hinunter blitzesschnell –
Da stürzt mir aus felsigtem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell:
Mich packte des Doppelstroms wütende macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen
Trieb mich’s um, ich konnte nicht widerstehen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfasst ich behend und entrann dem Tod –
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing ich und war’s mit Grausen bewusst
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht ich’s, da kroch’s heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir – in des Schreckens Wahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben.“

Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: „Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versucht du’s noch einmal und bringt mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.“

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
„Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.“

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
„Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.“

Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin –
Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall –
Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

Zuallererst ist der Edelknecht ein Held, ein wahrer Held. Unter all den Rittern gibt es keinen, der den Mut des Knappen besitzt. Es muss einer ein David sein, um eine Goliath-Herausforderung wie diese annehmen zu können. Der Knabe kann es.

Die Tiefen, in die er hineinspringt, sind symbolisch auch die Tiefen der Seele. Nicht von ungefähr heißt es bei Goethe:

.

Des Menschen Seele

Gleicht dem Wasser:

Vom Himmel kommt es,

Zum Himmel steigt es,

Und wieder nieder

Zur Erde muss es,

Ewig wechselnd.

.

So wie das Wasser vom Himmel auf die Erde fällt, so kommen die Seelen Leben für Leben vom Himmel und steigen wieder empor – des Menschen Seele gleicht dem Wasser.

Goethe wusste wie auch das frühe Christentum von der Wiederkehr der Seelen. Seitdem das zweite Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 diese Sicht der Dinge und den Glauben an die Seelenwanderung oder – wie es dort in dem entsprechenden Beschluss heißt: den Glauben an eine fabelhafte Präexistenz der Seele – verboten hat, glaubt das Christentum brav, wie es sich gehört, an ein einziges Leben; das Verbot, an ein seelisches Leben vor der Geburt zu glauben, schließt die Möglichkeit einer oder mehrerer Reinkarnationen vollkommen aus. Ich vermute, in den Bibliotheken des Vatikan gibt es viele Dokumente, die vom Gegenteil sprechen. Menschen wie Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Goethe, Lessing, Schiller und viele andere haben ohnehin sich nie von einem Konzilbeschluss beeindrucken lassen. Hinter diesem Beschluss steckt die durchsichtige Bestrebung der Machtkirche, dass Menschen, die glauben, nur ein Leben zur Verfügung zu haben, sich leichter manipulieren lassen, noch dazu, wenn sie als Kirche sich anmaßt, Menschen von ihren Sünden freisprechen zu können (wobei es für mich nur eine wirkliche „Sünde“ gibt, und sie besteht in dem In-die-Welt-Setzen dieser Sündenlüge; wie könnte ein Gott der Liebe seine Kinder mit solch einem Begriff bedrücken wollen).

Aber auch das Wasser auf der Erde spiegelt die Seelenzustände wieder. So wie es als seelischen Zustand das „Still und klar ruht der See“ gibt, so gibt es auch die aufgewühlten Wasser. Nicht von ungefähr versinkt Petrus im See, weil er angesichts des aufkommenden Windes Angst bekommt und zweifelt – an sich, an Jesus. Zweifel lassen einen seelisch in den Wassern der eigenen Seele untergehen. In Zweifeln und Angst kann man ertrinken; Tag für Tag findet das unter und in Menschen statt. Petrus weiß ein Lied davon zu singen.

Jesus dagegen ist der Meister des Wassers, er ist ein Meister der Gefühle, er kann mit ihnen umgehen, ja, auf ihnen gehen, er geht nicht in ihnen unter – Petrus mit seiner Angst hingegen schon.

Der Knabe springt in die tiefe See und er muss etwas erkennen, was für das Verständnis der menschlichen Seele fundamental ist: Nach unten in die Tiefen gibt es kein Halten. Es geht ewig hinab.

Das ist eine der erschreckendsten Erkenntnisse, die mir im Laufe der Zeit bewusst wurden: Die Untiefe der menschlichen Seele hat keinen Boden. Was Menschen sich ersinnen können an Boshaftigkeiten, Grausamkeiten, Absurditäten: da gibt es keinen Halt. Die Gräuel der Kriege, die perversesten Foltermethoden der Inquisition, die seelischen Exzesse der Konzentrationslager: Untiefen, unabsehbar …

Der Knabe erkennt das: Da unten aber ist´s fürchterlich, weiß er zu berichten und dass es noch bergetief hinabgeht, ja, er spricht selbst davon, dass es bodenlos abwärts gehe.

Die Ungeheuer des Meeres sind auch die Ungeheuer der menschlichen Seele, wir finden sie im Übrigen auch bei Hieronymus Bosch gezeichnet, grausame Gestalten sind es, die den Heiligen Antonius umschwirren. In den Seelen der Menschen finden wir sie.

Indem Schiller den Knappen darüber berichten lässt, beschreibt er in Wahrheit auch, wie es in uns, in den Menschen aussehen kann. Gleichzeitig macht diese Ballade uns auch bewusst, dass die Erkenntnis über das menschliche Innere oft Voraussetzung sein mag, um das Wertvolle, was wir suchen, zu finden. So nah liegt im Grunde beides beieinander, Tod und höchster Gewinn. Und wie oft haben Musiker oder bildende Künstler nach den größten Erschütterungen ihrer Seele und in existentiellen Nöten ihre größten Werke gestaltet.

Im menschlichen Leben ist es oft so: Es bedarf höchster Not, um wahre Gefühle freizusetzen. Im Grunde gelingt dem Knappen Vergleichbares.

Und wovon Schiller auch überzeugt ist:

Um hier nicht unterzugehen, bedarf es des Gebetes. Aber es bedarf noch einer Fähigkeit, die im Übrigen auch Parzival zeigt, als er daran zweifelt, den Gral zu finden. Er überlässt seinem Pferd die Zügel. Nicht mehr sein Wille und Verstand lenken den Lauf des Lebens; er übergibt die Zügel einer intuitiven Macht. Nur so kann er doch zu Trevrizent gelangen, der ihm den Weg zur Gralsburg weist.

Auch der Knabe tut dies: Er lässt den Felsen los, er übergibt seinen Willen Gott. Nur deshalb kann ihn der Strudel packen und nach oben ziehen. Hätte er weiter gekämpft, weiter mit seinem Willen und Verstand versucht, die Situation zu meistern, wäre er gescheitert.

Nur so auch kann er des Bechers ansichtig werden.

So nahe liegen Tod und Leben beieinander. Ein Gebet lang. Eine Blickwendung weit.

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