Erntedankfest in unserem inneren Heiligtum: Glaube versetzt Berge. Worte von Michele Gold und Ricarda Huch.

Dieses Erntedankfest 2008 ist für mich ein besonderes und es drängt mich, der Dankbarkeit und dem Glauben Dank zu sagen, denn beide Seinsweisen für sich sind eine besondere Kostbarkeit, beide zusammen sind für mich Voraussetzung wahrhaft menschlichen Lebens. Ich habe schon an anderer Stelle auf das lesenswerte Buch von Louise Hay Dankbarkeit erfüllt mein Leben verwiesen und möchte auch heute aus ihm zitieren, und zwar aus einem Beitrag von Michele Gold, der weltweit bekannten Fotografin, Tänzerin, Musikerin, Illustratorin und Schriftstellerin, bekannt vor allem durch ihren prächtigen Bildband Angel of the Sea: Sacred Dolphin Art of Atlantis. Ihre Arbeit, die u.a. basiert auf gemeinsamem Schwimmen mit Familien wilder Delphine, wurde weltweit in Filmen und Ausstellungen gewürdigt, sie schreibt:

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Mein Vater erzählte mir eine wundervolle Geschichte von einem Mann, der seiner jungen Tochter ein einfaches Medaillon schenkte und ihr sagte, dass darinnen ein sehr wertvoller Diamant eingeschlossen sei. Wenn sie irgendwann einmal in Not sein sollte, könne sie das Medaillon aufbrechen, den Diamanten verkaufen und ihre Schwierigkei­ten überwinden.

Die Tochter wuchs zu einer Frau heran und kämpfte sich in schrecklichen Zeiten der Armut alleine durch, allein der Gedanke an den Diamanten, der sicher im Medaillon um ihren Hals ruhte, gab ihr genügend Mut, alles durchzustehen. Nach vielen Jahren schließlich war sie überaus erfolgreich und musste nicht mehr ums Überleben kämpfen. Unterdes war sie neugierig geworden und wollte unbedingt wissen, wieviel der Diamant tatsächlich wert war.

Die Frau brachte ihr Medaillon zu dem besten Juwelier in dem Ort, um den Diamanten schätzen zu lassen. Der Juwelier betrachtete das schlichte, angelaufene Medaillon geringschätzig, nahm einen Hammer und zerschlug es mit einem einzigen schnellen Schlag in viele Stücke, wobei ein kleiner glänzender Stein zum Vorschein kam. Der Juwelier hielt ihn ans Licht und sagte: »Aber meine Dame, das ist kein Diamant, sondern ein wertloses Stück gewöhnliches Glas!« Die Frau war von dieser Auskunft erschüttert. Sie lachte und weinte, und schließlich lachte sie noch mehr.

»Nein, mein Herr«, erwiderte sie, wobei sie sich die Tränen aus den Augen wischte, »das ist der wertvollste Diamant der Welt.«

Ihr Vater hatte ihr ein Juwel von unschätzbarem Wert gegeben. Ein Geschenk der Hoffnung und den Glauben daran, dass sie immer zurecht kommen würde. Dafür würde sie immer dankbar sein.

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All dies macht auch deutlich, wie vernichtend und unangemessen ein Urteil sein kann. Der Juwelier sah nur das Glas und erkannte nicht den Juwel, den er in Händen hielt. Gott sei Dank ließ sich die Frau kaum beeinflussen. Etwas wird wertvoll durch den Wert, den wir ihm geben. Das gilt für den Wert des Glaubens, für unseren Selbstwert, für das Göttliche, die Natur, unseren Partner, unsere Partnerin … Glaube versetzt Berge. Das Vertrauen ihres Vaters in ihre Fähigkeit zu glauben hatte die Frau durch ihr Leben und alle Schwierigkeiten hindurchgetragen. Was kann ein Vater seinem Kind Wertvolleres mitgeben als Vertrauen in Glauben! Auch in Lessings Ringparabel finden wir ja die Tatsache gestaltet, dass es nichts nützt, den wertvollsten Ring der Welt zu besitzen, sondern dass der Glaube an die Kraft des Ringes das eigentlich Wertvolle ist: der Glaube! Nicht Besitz, sondern Glaube und Dankbarkeit machen glücklich! Gerade darauf wies ja auch jener andere Beitrag zum Thema Dankbarkeit hin. Michele Gold schreibt weiter:

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Ein wunderbarer Meditationslehrer lehrte mich, wie man sich auf ein Ziel ausrichtet. Dadurch vermittelt man dem Universum ein klares Zeichen seiner Lebensrichtung. Sie legen Ihren Kurs fest und setzen dann die Segel auf Ihrem Schiff, das zu einer heiligen Insel aufbricht, die durch den Dunst und die Entfernung nicht erkennbar ist, aber Ihre In­tuition weiß, dass es sie gibt. Sie können wohl von starken wirbelnden Winden abgelenkt werden, doch sobald sanfte Brisen einsetzen, nehmen Sie erneut Kurs auf. Immer wieder kann die Nacht hereinbrechen, doch tief im Innern haben Sie eine Karte, die Ihnen den Weg weist auf Ihrer mystischen Reise. Zu guter Letzt werden Sie Ihre Bestimmung er­reichen, wenn Sie auf Ihr Ziel ausgerichtet bleiben.

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Dieses Ausgerichtetsein auf ein Ziel spiegelt sich in einem wunderbaren Sonett von Ricarda Huch, in dem sich die ganze Lebenserfahrung dieser Frau zu fokussieren scheint:

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Du warst in dieser götterlosen Zeit,

Wo trübe Träumer ohne Lichtgedanken

Wie leere Schiffe unterm Himmel schwanken,

Der Stern, der mich geführt hat und gefeit.

Die Spur, die du gegangen zu betreten,

Dass ich nicht irrte, war mein hohes Ziel.

Von irdischen Geschäften, Drang und Spiel

Trug mich empor das Glück dich anzubeten.

Wie nachts ein Segel steuernd heimatwärts

Der Leuchte zu die schweren Nebel spaltet

Und so gelenkt sich in den Hafen rettet,

Ging ich getrost, den Blick an dich gekettet,

Die Hände gläubig auf der Brust gefaltet,

Durch Flut und Dunkel an dein strahlend Herz.

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Michele Gold schließt mit folgenden Worten:

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Ich glaube, dass Dankbarkeit der Weg ist, wie wir zu uns selbst gelangen. Jeden Morgen und jeden Abend konzen­triere ich mich für einen Moment und bedanke mich für das Geschenk meines Lebens und für die Anwesenheit und die Liebe eines jeden darin. Ich bedanke mich für alles, was mir geschenkt wird und für alles, was ich lerne. Ich bedankemich für alles, was ich erreichen möchte, so als ob ich es bereits erreicht hätte. Ich sage allen Schutzengeln und Devas der Natur Dank für die Heilung von geliebten Menschen und des Planeten. Ich bitte um Führung und suche in Träumen nach Antworten. Ich bedanke mich für meine gute Gesundheit und den Reichtum meiner Sinne. Ich bedanke mich für die große Schönheit und Herrlichkeit der Erde. Ich bedanke mich für das Geschenk der Kreativität und die Fähigkeit, meine Gefühle in Farben, Worten, Musik und Tanz auszudrücken. Ich bin dankbar für die Weisheit, die uns durch alte Geschichten, Bilder und die Natur gewährt wird. Ich bedanke mich für die zauberhaften Delphine, Vögel, Bäume und für alles Lebendige. Ich bedanke mich für die allgegenwärtige Fülle und den Reichtum. Und vor allem bedanke ich mich für die Güte.

Wenn mein Leben schmerzhaft und schwierig war, war ich sehr dankbar für viele freundliche Gesten. Jahrelang fühlte ich mich allein in meinem Kampf, und doch wusste mein Innerstes, dass ich immer einen Diamanten besaß. Ich hege tiefe Dankbarkeit für die unglaublichen Geschenke der Liebe und des Lebens.

Behandeln Sie sich immer wie ein unschätzbar kostbares Wesen, das es wert ist, geliebt zu werden.

Dankbarkeit ist eine heilige Stätte, die uns noch tiefer lieben lässt.

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Das alles lässt mich sagen, dass der Altar unseres inneren Heiligtums,  der Mittelpunkt unserer Seele, unseres inneren Tempels, aus dem geistigen Stoff der Dankbarkeit besteht.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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