Eine seelische Heilung: Die Rückkehr der Könige.

Nicht nur, dass Du, liebe Leserin, lieber Leser, erstaunliche Aussagen über das Königtum auf Erden und seine Bedeutung finden wirst. Wenn es Dir so wie mir geht, dann werden die Ausführungen Robert Blys, die ich seinem Buch Eisenhans. Ein Buch über Männer entnommen habe, möglicherweise eine befreiende Wirkung haben, denn Du wirst auf einmal wieder Deinem Inneren König begegnen oder dem Heiligen König in seinem oberen Heiligen Raum.

Wenn man sich darauf einlässt, können die Ausführungen zur Gesundung der eigenen Seele beitragen; es ist, als ob man etwas entdeckt, was man lange vermisst hat, was nun wieder ins Bewusstsein gelangt. Vor allem der Verlust des Inneren Königs in der Kindheit muss rückgängig gemacht werden, oder eben der der Königin, damit wir wahrhaft in der Vielfalt des Lebens wieder schwelgen können.

Frauen setzen bitte anstelle des Königs ihre heilige bzw. innere Königin.

Nun hat Robert Bly das Wort:


Der König und seine drei Reiche

«König» und «Königin» haben im unsichtbaren Reich der My­then und Märchen, wo diese Wörter nicht für menschliche We­sen stehen, geschweige denn für Personen eines bestimmten Ge­schlechts, eine lange und ehrenvolle Geschichte – ebenso wie sie im sichtbaren Reich der Monarchie, wo sie für menschliche We­sen stehen, eine lange Geschichte haben. Wir wollen drei Könige unterscheiden: den oberen Heiligen König, den mittleren, politischen König und den dritten oder inne­ren König.

Der heilige König

Es gibt einen König in der unsichtbaren Welt der Fantasie. Wir wissen nicht, wie er dorthin kam. Vielleicht haben ihn die Men­schen, nachdem sie den politischen König jahrhundertelang ge­liebt hatten, in die unsichtbare Welt erhoben; vielleicht war es aber auch umgekehrt. Jedenfalls gibt es einen König im heiligen Raum. Von seiner mythologischen Welt aus wirkt er wie ein Ma­gnet und ordnet die menschlichen Moleküle neu. Er dringt wie ein Wirbelwind oder ein Tornado in die menschliche Psyche ein, und Häuser fliegen hoch in die Luft. Immer wenn das Wort Kö­nig oder Königin ausgesprochen wird, erzittert irgendetwas in unserem Körper ein wenig.

«Der König» und «die Königin» senden Energie herab. Sie äh­neln der Sonne und dem Mond, die die Atmosphäre der Erde durchdringen. Selbst an bewölkten Tagen gelangt etwas von ih­rer strahlenden Energie zu uns.

Diese Magneten oder Wirbelwinde sind aktiv, sie sind Verben: Sie beeinflussen unsere Gefühle und Handlungen wie ein Magnet kleine Metallsplitter ordnet. Die Splitter arrangieren sich zu ei­nem Muster. Daher stellt ein Mensch fest, dass seine Gefühle zu einem Muster geordnet werden, wenn er zusammen mit dem Kö­nig in einem Raum ist. John Weir Perry nennt den heiligen Kö­nig den «Herrn der vier Viertel» und sein Buch gleichen Namens (The Lord of the Four Quarters) breitet die Mythologie und auch die Rituale aus, die um diesen besonderen Magneten kreisen. «Der Herr der vier Viertel» sitzt neben seiner Königin, «die Kö­nigin der vier Viertel». Weder König noch Königin stellen gegen­seitig ihre Macht in Frage. Beide leben in einem mythologischen, ewigen und leuchtenden Königreich, das wir die «mythologische Schicht» oder das ewige Reich nennen können. Diese Schicht ist oft als ein alles überspannender innerer Himmel empfunden worden. Er ist nicht leer, denn dort leben die «Magneten» oder die «Wirbelwinde» oder die «Götter». Dort ist Diony­sos noch lebendig, Freya, Odin und Thor, die Jungfrau Maria, Kali, Buddha, Zeus und Allah, Athene und Artemis und Sophia. Mythologisches Denken bedeutet, die Fähigkeit zu haben, sich diese «Götter» und ihr ausgelassenes, kraftvolles und zielstrebi­ges Handeln vorstellen zu können, wobei man die menschliche Schicht und ihre Schicht klar voneinander getrennt hält. Meiner Einschätzung nach verloren die Menschen der westlichen Welt ihre Fähigkeit zum mythologischen Denken um das Jahr 1000 herum; danach brach diese Schicht zusammen. Viel­leicht, weil das Christentum keine neuen Geschichten oder neuen Götter duldete oder vielleicht, weil die nach der Renaissance ein­setzende aufregende Entdeckung der Wissenschaft immer mehr kreative Energie beanspruchte, wurde diese Schicht nie wieder hergestellt. Die europäischen Männer und Frauen ließen allmählich davon ab, die große Anzahl von Göttern und Göttinnen mit ihrer kreativen Energie zu nähren. Der innere Himmel brach zusammen, und auf dem Boden um uns herum sehen wir seine Scherben. Die Götter liegen zu unseren Füßen. John Weir Perry betrachtet den Sonnen- oder heiligen König als das Prinzip von Ordnung und Raum. Wenn der König präsent ist, besteht ein heiliger Raum, der frei von Chaos ist. Der König schafft keine Ordnung; einfacher ausgedrückt: Dort, wo er ist, herrscht Ordnung. Der heilige König segnet; das ist seine zweite Eigenschaft. Robert Moore, der wunderbar über den König ge­schrieben hat, hebt eine dritte Qualität hervor: Er fördert Kreati­vität, denn sie ist sein Reich.

Auch die Macht der Königin ist groß. Manchmal hat sie die Füh­rung, manchmal er. Weil er und die Königin gemeinsam am rech­ten Platz sind, blüht der Feigenbaum, trägt der Apfelbaum reiche Frucht, fließen in den Bächen Milch und Honig. Die keltischen Märchen, von denen manche mit Bildern dieser Art beginnen, beschreiben nicht, wie die Dinge hier auf Erden stehen, sondern den Stand der Dinge im «Himmel» oder in der mythologischen Schicht.Der König in unserer Geschichte, hoch oben in seinem Gemach, symbolisiert den heiligen und ewigen König. In unserer Geschich­te fehlt ihm eine Königin, und wir wissen nicht, ob die Königin im Laufe der Überlieferung verloren gegangen ist oder ob das Fehlen der Königin eine bestimmte Bedeutung hat. Allerdings hat er eine Tochter, und mit ihrer großen Macht wird sie später in der Geschichte zur Königin. […]Der König in der Geschichte deutet darauf hin, dass die Land­schaft um Eisenhans ein geordneter Raum ist. Es ist ein Kosmos, kein Chaos.

Der irdische König

Die ersten Könige, die gewaltige Städte und Reiche regierten und umfangreiche Macht besaßen, sind aus dem zweiten Jahrtau­send v. Chr. in den Stadtstaaten Mesopotamiens belegt. Niemand weiß genau, ob der Sonnenkönig in China zeitlich vor oder nach dem mesopotamischen König anzusiedeln ist. Der politische Kö­nig verbindet die Kraft der Sonne mit irdischer Macht. Die Chinesen perfektionierten diesen Doppelcharakter des Kö­nig- bzw. Kaisertums minutiös bis in die kleinsten Details, die noch heute als Modelle der mythologischen Vorstellungskraft be­trachtet werden können. Jedenfalls wurden ganze Kulturen fast viertausend Jahre lang durch den Sonnenkönig und die Mondkö­nigin zusammengehalten. Ihre Demontage als ordnungschaffen­de Prinzipien begann im achtzehnten und neunzehnten Jahrhun­dert in Europa. Die Herrscher, nannten sie sich nun Kaiser, Zar, l’Empereur, Maharadscha, Sultan oder Beg, stürzten einer nach dem anderen, zuerst in ganz Europa und dann in seinen Kolo­nien.

Im Mittelalter war es üblich, dass Könige ihr irdisches Reich be­reisten. An englischen Dorfstraßen zum Beispiel warteten Hun­derte von Menschen, um den König vorbeiziehen zu sehen. Vermutlich hatten sie das Gefühl, von dem heiligen König gesegnet zu werden, während der körperlich nahe König still an ihnen vor­beizog.

Das Problem liegt darin, dass es uns schwer fällt, den ewigen Kö­nig zu «sehen» oder zu spüren, wenn der politische König von der Bildfläche verschwindet, selbst wenn es dafür gute Gründe gibt. Ich sage weder, dass der Sturz der Könige ein Fehler war, noch, dass wir den König zum Leben erwecken und ihn wieder über unsere Straßen schicken sollten, aber wir müssen uns dar­über im Klaren sein, dass unsere visuelle Vorstellungskraft keine Orientierung hat, wenn wir des realen Königs nicht mehr ansich­tig werden. Die Abschaffung der Könige fügt unserer mythologi­schen Fantasie schweren Schaden zu. Jeder Mensch muss seine Fantasie für sich allein wiederherstellen.

Die Ablehnung des realen Königs George III. durch die ameri­kanische Nation (1776) ging der Enthauptung von Louis XVI. um einige Jahre voraus, und wir Amerikaner feiern diesen histori­schen Augenblick mit dem Feuerwerk am vierten Juli. Jedes Jahr wiederholen wir diese Ablehnung des politischen Königs mit ei­ner Freude, die vielleicht deshalb immer mehr nachlässt, weil der strahlende Aufstieg des explosionsartigen Sieges, auf den der Ab­stieg des Scheiterns folgte, seinen Schatten auch auf unsere eige­nen Väter wirft.

Die letzten überlebenden realen Könige fristen heute ihr Dasein im National Enquirer, zusammen mit Duke Ellington, Count Basie und Prince.

Ein Teil der allgemeinen Verwirrung in Bezug auf Märchen be­ruht darauf, dass der moderne Leser davon ausgeht, bei «dem König» im Märchen handele es sich um einen politischen König. «Ich glaub‘ den Quatsch nicht», sagen wir. «Ich finde, das ist ein schlechter König. Warum wohnt er nicht in der Küche?» Der politische König ist Teil einer dreistufigen Welt, und er be­zieht seine Energie und Macht aus der Fähigkeit, für den König über ihm offen und empfänglich zu sein. Kaum ein wirklicher Kö­nig schafft das tatsächlich, aber die dreistufige Welt ist darauf an­gewiesen, dass er es versucht.

Wenn die politischen Könige an Respekt verlieren, ihre Arbeit nicht bewältigen, ihre Verbindung zum heiligen König verlieren, zu Dilettanten oder Göttern werden, getötet werden, aus unse­rem Gesichtskreis verschwinden, dann verändern sich die Dinge. Die Fantasie hat mehr zu leisten. Sie tut es nicht. Dann verlieren unsere Väter vor unserem geistigen Auge an Größe. Wenn die politischen Könige heute im National Enquirer leben, dann trifft das genauso auf unsere Väter zu. Wenn der heilige König wie zerbrochenes Glas zu unseren Füßen liegt, dann ist auch unser Vater ein zerbrochenes Gefäß. Frauen wissen dies von ihrer Königin. Wenn alle Königinnen im National Enquirer leben, dann sind auch alle Frauen dort, gefangen zwischen den Seiten einer Klatschzeitschrift. Wenn Sophia und Kali gestürzt sind, weil die mythologische Schicht zusammengebrochen ist, und im Staub der Straße liegen, dann liegen alle Frauen im Staub der Straße.

Frauen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Sophia und Kali wie­der aufzurichten; diese Arbeit können wir als Männer nicht leis­ten. Unsere Aufgabe ist es, Dionysos, Hermes und die Energie des Zeus wieder aufzurichten, selbst wenn wir keine Könige mehr in achtspännigen Kutschen vorbeifahren sehen. Wir müs­sen den heiligen König nicht «mit, sondern durch unsere Augen» sehen (wie Blake es ausdrückte), und wir müssen unseren strah­lenden inneren König unbeeinflusst von Bildern eines gefallenen Herodes oder eines toten Stalin sehen. Doch zurzeit stolpern wir jeden Morgen, wenn wir das Haus verlassen, über kleine Stück­chen des Sonnenkönigs, die auf dem Bürgersteig herumliegen.

Der innere König

Darüber hinaus haben wir in unserem Inneren einen dritten Kö­nig, den wir ehren können oder nicht und den wir den inneren König nennen wollen.

Der innere König in uns weiß, was wir für den Rest unseres Le­bens machen wollen oder für den Rest des Monats oder für den Rest des Tages. Er kann uns deutlich machen, was wir wirklich wollen, ohne in seiner Wahl von den Meinungen anderer um uns herum beeinflusst zu werden. Der innere König steht in Verbindung mit dem Feuer unserer Entschlusskraft und Leidenschaft­lichkeit.

Als wir ein oder zwei Jahre alt waren, so darf man vermuten, war der innere König lebendig und kraftvoll. Damals wussten wir oft, was wir wollten, und das machten wir uns und anderen klar. Natürlich scheren sich manche Familien gar nicht darum, was die Kinder wollen.

Bei den meisten von uns wurde unser König schon früh getötet. Kein König stirbt einfach nur so, sondern er wird gestürzt und stirbt. Wenn die inneren Krieger noch nicht stark genug sind, um den König zu beschützen – und wie könnten sie das mit zwei oder drei Jahren? -, stirbt er.

Eine andere Sichtweise des Königs besagt, dass er unsere Laune symbolisiert, von ihr abhängt, ihr Nahrung gibt. Ein Kind hat Launen – es will spielen oder in seinem Zimmer bleiben oder to­ben. Die Launen der Erwachsenen sind schwerwiegender. Der Elternteil, der misshandelt oder depressiv, alkoholkrank, arbeits­süchtig oder verrückt ist, hat eine sehr bedrohliche Laune, und nur sie allein zählt. Die Kinder und der jeweils andere Elternteil müssen sich dieser Laune anpassen, ihr dienen, sie hegen, ihre ei­gene Laune der anderen, gewichtigeren opfern. Dann wird der König geopfert – er stirbt. Wenn das Kind erst einmal zwölf ist, kennt es seine eigene Laune im Grunde nicht mehr. Ein Mann, dessen König verschwunden ist, ist nicht sicher, ob er das Recht hat zu entscheiden, wie er den Tag verbringen will. Wenn mein König schwach ist, frage ich meine Frau und meine Kinder, was ich tun soll. Beim Pulloverkauf habe ich die seltsams­ten Dinge erlebt. So kann ich zum Beispiel nicht entscheiden, wel­cher mir besser steht, der grüne oder der rote. Meine Frau sagt: «Der rote Pullover ist schön.» Und tatsächlich, der grüne verblasst in meinen Augen, die Farbe verändert sich, wird hässlich. Ich kann mir kaum noch vorstellen, dass mir dieser Pullover je ge­fallen hat. Manche Menschen haben einen starken König, wenn sie vor einem Publikum reden oder eine Vorlesung halten, einen mäßig starken König, wenn sie sich mit fünf oder sechs Leuten unterhalten, und einen schwachen, wenn sie mit einer einzelnen Person zusammen sind.

Viele Männer aus der Generation der jetzt Fünfundvierzigjährigen projizierten ihren unterentwickelten inneren König auf John F. Kennedy, der offen von Camelot sprach – wo König Artus Hof hielt -, und auf Martin Luther King wie auch auf Robert Kenne­dy. Als die Kennedy-Brüder und Martin Luther King auf der Hö­he ihrer Laufbahn getötet wurden, von Kräften, die jeder Form des geistigen Königtums in den Vereinigten Staaten feindlich gegenüberstehen, war das für die Männer dieser Generation eine Katastrophe. Einige Männer haben mir unter Tränen erzählt, dass sie damals etwas verloren haben, was sie nie wiederfanden; sie haben nie wieder Tritt gefasst.

Führungspersönlichkeiten müssen demnach so stark sein, dass der junge Mann sie eine Zeit lang seinen inneren König tragen lassen kann, und sie müssen lange genug leben, sodass der junge Mann ihn sich noch unversehrt zurückholen kann, um den Kö­nig dann in seinem eigenen Inneren leben zu lassen. Für junge Männer, die während der Regierungen Reagans und Bushs das Erwachsenenalter erreicht haben, stellt sich ein ande­res Problem – nämlich die Schwierigkeit, überhaupt jemanden zu finden, der ihren König tragen kann. Ganz sicher hat Edwin Meese (Justizminister unter Reagan) ihn nicht tragen können, auch nicht John Poindexter (Reagans Sicherheitsberater) oder ir­gendein anderer der Männer, die in dem Lügengespinst um die Contras (Opposition in Nicaragua) verwickelt waren. Reagan, der Schauspieler, spielte seine Rolle, aber er konnte nicht ehrlich sein. Dass sowohl demokratische als auch republikanische Sena­toren das Land im Rahmen des Sparkassenskandals betrogen haben, macht die Situation noch schlimmer. Wenn die jüngeren Männer keinen Mann des öffentlichen Lebens finden, dem sie ih­ren König geben können, wie sollen sie dann ihren inneren Kö­nig entwickeln?

Meine Generation hat ihren König Männern wie Roosevelt, Eisenhower, General Bradley oder Senator Fulbright gegeben, die ihn ehrenhaft getragen haben. Als wir zwanzig waren, hatten wir keine Ahnung von der Mythologie, die sich um den König rankt, aber dennoch ehrten wir einige Männer; sie waren zwar keine Könige, verkörperten aber so etwas wie Ordnung, ja so­gar Segen. Wenn der äußere oder reale König stürzt, dann zieht er die zerbrechlichen Könige der beiden anderen Schichten mit sich hinab und erhöht so die Geschwindigkeit ihres Abstiegs. Der Sturz korrupter Könige beschleunigt den Fall der beiden anderen durch eine Art sympathetischen Zauber.

Wie also kann der innere König wieder zum Leben erweckt wer­den, wenn die Mythologie verloren gegangen ist und es keine po­litischen Führungspersönlichkeiten gibt, die ihn auch nur für ein paar Jahre tragen könnten?

Der Prozess, den inneren König wieder ins innere Leben zurück­zurufen, beginnt damit, auf kleine Wünsche zu achten – hin und wieder wahrzunehmen, was man wirklich mag. William Stafford hat diesen Vorgang damit verglichen, das Ende eines goldenen Fa­dens in die Hand zu nehmen. Wir bemerken, dass uns bestimmte Gedankengänge oder Redewendungen gefallen. Mit vierzig oder fünfzig erinnern wir uns daran, welchen Typ Frau oder Mann wir wirklich mögen. Was waren das für Freuden, die wir in unse­rer Kindheit empfanden, bevor wir unser Leben darauf abstell­ten, anderen Menschen zu gefallen oder sie zu pflegen oder das zu tun, was sie von uns wollten? Das Ende des goldenen Fadens zu fassen wird mythologisch als das Finden einer einzelnen Feder aus der brennenden Brust des Feuervogels beschrieben. Die Schwächung des Vaters und der Sturz des äußeren Königs las­sen die Sehnsucht nach dem inneren König immer stärker, fast unerträglich werden. Ich würde sagen, dass der nächste Schritt, nach der Beachtung, die man kleinen Wünschen schenkt, nicht mit Vorsätzen beginnt, sondern mit einer langen Trauerzeit über den toten inneren König, umringt von seinen toten Kriegern. Sobald der innere König wiederauferstanden ist, muss er genährt und geehrt werden, wenn er am Leben bleiben soll, und jeder Mann und jede Frau muss für sich selbst herausfinden, wie dies zu geschehen hat. Auch Frauen haben einen König, wie auch eine Königin. Der Unterschied zwischen beiden soll zu einem anderen Zeitpunkt behandelt werden.

Nur zwanzig Minuten mit dem heiligen König in Kontakt zu ste­hen, war für den irischen Dichter Yeats all die Jahre mühsamer Arbeit wert. Er schrieb dazu folgendes Gedicht:

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Selbst fünfzig war ich nun nicht mehr

Ich saß allein, ein ältrer Herr

in London, lauter Menschen um mich,

vor mir ein Buch, ein Glas, wie üblich,

ansonsten leer der Marmortisch.

Ich sah die Menschen, sah hinaus,

da schien im Innern etwas auf.

Und zwanzig Augenblicke Segen

und voller Glück, um derentwegen

ich’s nehmen konnte und auch geben.

*

PS: Über den Verlust des Patriarchats, der im Zusammenhang mit dem Verlust der Könige zu sehen ist, habe ich hier geschrieben.

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