Erich Kästner ist es in seinen Gedichten immer wieder gelungen, menschliches Verhalten und menschliche Einstellung schlaglichtartig zu erhellen, oft mit bissig sarkastischem Unterton. Wie er in seinen Gedichten Schlusspointen setzt, das ist für mich unüberboten in der deutschen Lyrik; dies trifft auch auf sein Gedicht Der Handstand auf der Loreley zu.
Heinrich Heine hatte in seinem Loreley-Gedicht ursprünglich den Mythos um die Loreley zu fassen gesucht. In gewisser Weise hat Erich Kästner diesen Mythos entmytologisiert und ihm inhaltlich eine Schärfe gegeben, um die er vielleicht selbst nicht wusste.
Sein Handstand auf der Loreley beginnt mit der Strophe:
Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.
Die erste Zeile ist allein schon genial geschrieben: Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen!
Sie ist also beides, Fee und Felsen zugleich. Das stimmt. So hat das bis dahin noch gar niemand gesehen: Eine Frau kann wie ein Felsen sein, sie kann ein Felsen sein.
Bockelhart.
Kein Fels in der Brandung.
Ein Fels, an dem Mann zerschellen kann, auch wenn es nicht so aussieht; manche Mutter bindet ihren Sohn an sich, um ihn dann an sich zerschellen zu lassen, manche Frau ihren Mann:

aus Wikipedia: Emil Krupa Krupinski, Loreley
Im Grunde schreibt darüber schon Heinrich Heine, schauen wir uns seinen Text an:
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Lei getan.
Der wievielte Schiffer ist es, den die Loreley auf ihre Weise ins nasse Grab schickt?
Darüber hat niemand Buch geführt.
Natürlich hätte es sein können, dass sie für jeden versenkten Schiffer sich gleichsam als Merkhilfe einen Zahn aus dem Kamm bricht.
Doch wer kämmt sich schon gerne ohne Kammzähne?
Nein, Heine ist die Reaktion und die Motivation der Loreley, warum sie es also mit den Fischern so treibt und wie sie auf ihr Ableben reagiert, kein Wort wert.
Erich Kästner gibt – sich selbst wohl unbewusst – darauf die Antwort: Diese Frau hat eine Seele wie ein Fels.
Der Tod eines Mannes berührt sie nicht.
Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen … !!
C.G. Jung erwähnt das – wenn ich mich recht entsinne in Der Mensch und seine Symbole – von Frauen, die seelisch ganz normal sind, bei denen man aber auf einmal an einen Punkt stoßen kann, da bewegt sich nichts mehr, da ist es ganz kalt, ganz hart.
Da kann eine Frau ganz ohne jegliches Gefühl zu ihrem Mann sagen: Wenn Du mal nicht mehr da bist, verkaufe ich unser Haus hier und miete mir eine Wohnung in Monaco.
Normal kann man das nicht bringen, doch sie merkt gar nicht, wie sie ihren Mann verletzen muss (je früher du stirbst, desto eher komme ich nach Monaco).
Loreley ist so eine Frau. Kalt zeigt sie ihre kalte Seite.
Nur: Der Turner in Erich Kästners Gedicht ist um keinen Deut besser: ein echter Mann.
Wie heißt es bei Kästner:
Erst neulich machte auf der Loreley
hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
als er kopfüber oben auf der Wand stand.
Letztendlich ist nicht ganz klar, ob der Turner einen Handstand auf der Frau oder auf dem Felsen machte.
Kästner lässt ihn auf der Wand stehen. Als Leser allerdings kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Bei diesem Mann und bei dieser Art von Männern kommt es auf das Gleiche heraus, ob sie auf einem Felsen oder einer Frau turnen.
Lesen wir das ganze Gedicht:
Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.
Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.
Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
So alt ist keine deutsche Heldensage,
daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.
Erst neulich machte auf der Loreley
hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
als er kopfüber oben auf der Wand stand.
Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?
Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.
Er stand verkehrt, im Abendsonnenschein.
Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.
Er dachte an die Loreley von Heine.
Und stürzte ab und brach sich das Genick.
Er starb als Held. Man muss ihn nicht beweinen.
Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
Ein Augenblick mit zwei erhobnen Beinen
ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!
PS. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:
Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.
Weil im Bezirk der Helden und der Sagen
die Überlebenden nicht wichtig sind.
Nicht, dass der Turner an seine eigene Frau denkt, nicht dass er an seine Kinder denkt. Nein, die sind ihm offensichtlich wurscht.
Für eine Loreley stürzen viele Männer gern tief; die meisten tun es in Gedanken, der Turner in der Realität des Gedichtes wirklich; tagtäglich werden viele auf diese Weise ihrer Frau untreu und verlassen ihre Kinder; man müsste nur Zahlenmaterial über Zugriffe auf pornographische Seiten durch Ehemänner haben; es kann aber genauso auch die feingliedrige Apothekerin aus der Apothekenzeitschrift sein.
Da ähnelt Kästners Handsteher dem Schiffer zu Zeiten Heines. Der war genauso gefühlos. War der Turner gefühllos gegenüber seiner Frau und seinen Kindern, so war es der Schiffer gegenüber sich.
Es ist schon eine große Kälte sich selbst gegenüber notwendig, um sein Leben für ein unerreichbares Pin-up-Girl zu opfern, wie es in den Spinden von Soldatenschränken massenhaft hängt.
Warum hängen sich Männer solche Frauenbilder an die Wand, in den Spind, in den Kopf?
Weil sie die Täuschung der Ent-Täuschung vorziehen.
Ein Ende der Täuschung wäre, wenn sie endlich kapieren wollten, dass eine Frau, die sich so präsentiert, weniger Fee als Fels ist, unnahbar, kalt.
Und wie das Äußere dem Inneren korrespondiert, wie das Obere oft dem Unteren korrespondiert, so gleicht der Fels außerhalb des Wassers den Felsen der eigenen Seele im Rheinstrom unterhalb des Wasserspiegels.
Des Schiffers Welt ist so gefühllos kalt wie die des Turners verdreht ist: Der steht auf den Händen, die Füße zum Himmel gestreckt.
Wenn auf diese Weise das Blut aus den unteren Extremitäten am Herzen vorbei in den Kopf strömt/fällt, dann kommt einem auf jeden Fall die Loreley in den Sinn. Da wird dem turnenden Mann die Wand, der Fels zum Erlebnis, da spürt er im Fels die seelenverwandte Frau, Loreley.
Da treffen sich der herzlose Turner und die kalte Oberflächenschönheit.
Kästner hat das Geschehen in seinem Gedicht mit gehöriger Distanz geschildert. Allein in seiner Wortwahl bekundet er diesen Abstand, spricht er doch von den verdrehten Hälsen der Heinischen Schiffer und vom Schiffen, bei dem man heutzutage nicht mehr untergehe, wobei die Doppelsinnigkeit – das Wort urinieren liegt nicht fern (man stirbt nicht mehr beim Schiffen) – mit Händen zu greifen ist.
Bei Heinrich Heine ist das ganz anders; er lässt seinen Schiffer voll auf jene Sirene abfahren, vor deren Gesang ausgerechnet Circe den Odysseus gewarnt hatte.
Offensichtlich hatte den Schiffer niemand gewarnt.
Am wenigstens tat dies der Autor, Heinrich Heine.
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin.
Mein lieber Heine! So schreibt man nicht. Wirklich muss es heißen: Ich weiß nicht, was es bedeuten soll … im Nebensatz kommt nun einmal das gebeugte Verb („soll“) an das Ende des Satzes.
Warum schreibt dieser berühmte Dichter so, wie er schreibt – grammatikalisch falsch?
Wegen des Folgereimes? – Gewiss nicht.
Heine hat Probleme, und die wollen ans Licht:
Ich weiß es nicht!
Was soll das bedeuten?
Was soll meine Traurigkeit?
Dahinter verbirgt sich der Heinische Selbstbetrug.
Ja, dieses Märchen macht Heine zu schaffen, es geht ihm nicht aus dem Sinn.
Wir lesen, dass die Luft kühl und dunkel sei. Und der Leser weiß im Moment gar nicht: Ist es dem lyrischen Ich – sagen wir also Heine – kühl und dunkel, vielleicht beim Schreiben?
Nein, hallo, wir sind schon mitten im Märchen: Dem Schiffer ist es kühl!
So unmerklich gleitet die Wirklichkeit Heinrich Heines als Schreibendem in die Wirklichkeit des Märchens über.
So unmerklich ist der Stoff des Märchens mit der Wirklicheit dessen, der davon erzählt, Heinrich Heine verwoben.
Im Grunde erzählt Heine von sich, im Grunde sehr ehrlich und offen, denn er verschweigt den Zusammenhang nicht zwischen sich und dem Schiffer.
Wenn man genau hinschaut, liegt er offen zutage.
Für Heine muss er das gewesen sein.