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In den letzten Tagen habe ich mich wieder einmal mit Rilke beschäftigt und mir ist aufgefallen, wie sehr er in der Tat sucht, Gott sucht, und wie unterschiedlich die Blicke sind, die er auf ihn wirft, und die Worte, mit denen er ihn anspricht. Jene in der Überschrift zitierten Worte finden sich übrigens in Rilkes Buch vom mönchischen Leben.
Mit am intensivsten finde ichin diesem Zusammenhang das folgende, ich glaube, 1899 in Berlin geschriebene Gedicht:


Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal

in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –

so ists, weil ich dich selten atmen höre

und weiß: Du bist allein im Saal.

Und wenn Du etwas brauchst, ist keiner da,

um deinem Tasten einen Trank zu reichen:

ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.

Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,

durch Zufall; denn es könnte sein:

ein Rufen deines oder meines Munds –

und sie bricht ein

ganz ohne Lärm und Laut.

Aus deinen Bilder ist sie aufgebaut,

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.

Und wenn einmal das Licht in mir entbrennt,

mit welchem meine Tiefe dich erkennt,

vergeudet sichs als Licht auf ihrem Rahmen.

Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,

sind ohne Heimat und von dir getrennt.

Wenn man Rilkes Gedanken folgt, bemerkt man schnell, wie wenig linear sie sind, wie stellenweise fast widersprüchlich, verwirrend:

Gott allein in einem Saal?

Gott braucht jemanden?

Gott tastet, tastet womöglich umher?

Durch >Zufall< ist eine Wand zwischen dem lyrischen Ich und Gott?

Die Wand besteht aus den Bildern Gottes?

Trotz des erkennenden Lichtes sind die Sinne des lyrischen Ichs – sagen wir ruhig: Rilkes – ohne Heimat und von Gott getrennt?

Schnell bemerkt der Leser, dass alle Aussagen, die Rilke über Gott trifft, im Grunde Aussagen von ihm über sich selbst sind.

Das ist ja ein Kennzeichen menschlichen Suchens und aller Theologie: Die Aussagen, die Menschen über Gott treffen, treffen sie in aller Regel über sich selbst. Am deutlichsten wird das bei Rilke in den Aussagen, dass Gott jemanden brauche.

Nicht Gott braucht jemanden, Rilke braucht Gott. 

Nicht Gott tastet, Rilke tastet und er hätte so gerne einen Trank aus Gottes Hand.

Vor allem aber: Was uns von Gott trennt, sind UNSERE Bilder!

Das wirft einen bezeichnenden Blick auf das Bibelgebot, dass wir uns keine Bilder von Gott machen sollten. Und warum mehr als eine Religion verbietet, Bilder von Gott anzufertigen. Solche Bilder errichten eine Wand.

Zumal Gott nicht unser Nachbar ist.

Gerade in solchen Gedichten empfinde ich Rilke als Suchenden. Als ehrlich Suchenden. Da wohnt Gott schon mal auf derselben Etage wie er.

Indem Rilke nach Gott sucht, sucht er nach sich; indem er nach sich sucht, sucht er nach Gott!

 In seinem Stundenbuch finden wir folgendes Gedicht:

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,

und bauen Dich, du hohes Mittelschiff.

Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,

 geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,

in unsern Händen hängt der Hammer schwer,

bis eine Stunde uns die Stirne küsste,

die strahlend und als ob sie Alles wüsste

von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern

und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.

Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:

Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß

Insbesondere diese letzte Zeile finde ich umwerfend. Sie ist so spürbar wahr und ehrlich.

Das rührt auch daher, dass sie sich aus den Bildern der vorhergehenden Strophen ergibt.

Wir alle bauen an dem Tempel der Menschheitsseele in dem Maße, wie wir zugleich an unserem eigenen inneren Tempel bauen. Auch Berge sind Kathedralen, vor allem ihr Inneres; und wir wissen aus Märchen und Mythen und der Literatur – ich denke beispielsweise an Novalis´ Blaue Blume, die Heinrich im Bergesinneren findet, dass eben dieses Bergesinnere dem Inneren von uns selbst entspricht, zu dem wir nur Zutritt finden sollten, wenn wir auf redliche Weise das Passwort erhalten, ansonsten uns großes Unheil droht, wie wir aus dem Grimm-Märchen Simeliberg und aus Ali Baba und die 40 Räuber wissen.

 Gott ist groß. Ja, das weiß Rilke. Und er weiß, dass wir vieler Leben bedürfen, um uns dieser Größe würdig zu erweisen.

 Gewiss wurde Rilke die Gnade zuteil, viel reisen und seiner Kunst leben zu dürfen; dennoch dürfen wir nicht übersehen, wie sehr auch seine Verse, oft so mit leichter Hand hingeschrieben scheinend, einem inneren Kampf und einem inneren Prozess, einer inneren Blutbildung entstammen. Deutlich wird das auf dem Hintergrund eines Auszuges aus den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge:

… Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug) –, es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen,  man muss fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärden wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muss zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und Abschiede, die man lange kommen sah –, an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken musste, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen andern), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, am Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen, – und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muss Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muss die große Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.

Auf diesem Hintergrund verstehen wir jene überaus ehrlichen Verse, die wir auch im Stundenbuch finden:

 Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

Wir wissen dann auch zu schätzen und was es bedeutet, wenn so jemand sagt:

Gott, du bist groß!

Wer sich mit der Sprache der Grimm-Märchen etwas auskennt, weiß, dass die Stiefmutter in den Märchen dem Erdenbewusstsein entspricht, dem wir als Menschen ausgesetzt sind und im Rahmen dessen wir auch oft handeln und denken. Es ist jenes Bewusstsein, das als Anziehungskraft wirkt und uns zu Boden ziehen will und uns unserer Flügel beraubt, mit denen wir sogar auf der Erde fliegen können, das heißt, ein höheres Bewusstsein gewinnen oder aufrecht erhalten, ein Bewusstsein, von dem in Goethes Faust und in Platons Phaidros die Rede ist (nachzulesen hier). Es ist das Bewusstsein, das Liebe auf die Erde bringen möchte, damit Himmel und Erde zueinander finden – in uns.

Für unbedarfte Menschen und Kinder ist dieses pure Erdenbewusstsein eine große Gefahr, ja, es scheint sogar im Märchen von Hänsel und Gretel den guten Vater übertölpeln zu können. Immerhin irritiert er seine eigenen Kinder durch den Ast, den er an einen Baum bindet, der gegen diesen schlägt und seine Kinder glauben lassen soll, es sei die Axt ihres Vaters, der also in der Nähe sei. Immerhin also unterstützt sogar der gute Vater damit zu Beginn die Mordabsichten der Stiefmutter und wer das Märchen genau liest, merkt in der Tat, dass sich der Vater zu Anfang auf die Stiefmutter und ihre Pläne einlässt.

Und wer mag nicht irritiert sein, dass dem personifizierten Bösen, der Hexe, ein schönes, weißes Vöglein zur Verfügung steht, das die Kinder in höchste Lebensgefahr lockt:

Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen (…)

Wer das Böse unterschätzt, wer denkt, ein Englein kann mich nur zum Himmel führen, der weiß nicht, dass es Menschen gibt, die Engel malen, die diesen keineswegs gleichen, obwohl sie doch wie Engel auszusehen scheinen, sondern das Bewusstsein auf die falsche Spur führen, auf der sich die Malenden selbst bewegen …

In der esoterischen Szene gibt es Menschen, die geführte Meditationen durchführen, also Bilder vorgeben, über die Menschen meditieren, Menschen, die sich ihnen in einer Meditation anvertrauen, haben diese Führenden doch eine zauberhafte Stimme (wie der Wolf im Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein, nachdem er Kreide gefressen hatte…), die so ohne Falsch und vertrauenswürdig klingt. Wer käme da darauf, dass die Tiefe, in die man als Meditierender gelangt, nicht die eigene ist, sondern die des versteckten Wolfes, der nur im Sinne hat, eine Seele auf sein Niveau zu ziehen, in seine Untiefen …

Ja, es gibt auch geistig-seelische Speisen der Hexe, die so gut schmecken, dass sie doch nur gut sein können. Doch es sind Leb-Kuchen einer geistigen Macht, die in Wahrheit Tod-Kuchen überbringt. Die Seele kann an ihnen langsam oder schnell zugrunde gehen.

Doch um dies alles zu verstehen, zunächst das Märchen selbst:

Hänsel und Gretel

aufgeschrieben von Jacob Grimm (1785 – 1863) und Wilhelm Grimm (1786 – 1859)

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das täglich Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bett Gedanken machte und sich vor Sorgen herum- wälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau ‘was soll aus uns werden? wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?’ ‘Weißt du was, Mann’, antwortete die Frau, ‘wir wollen Morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist: Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus und wir sind sie los.’ ‘Nein, Frau,’ sagte der Mann, ‘das tue ich nicht; wie sollt ich´s übers Herz bringen meine Kinder im Walde allein zu lassen, die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.’ ‘O du Narr’, sagte sie, ‘dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln’, und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. ‘Aber die armen Kinder dauern mich doch’, sagte der Mann.
Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hansel ‘nun ist´s um uns geschehen.’ ‘Still, Gretel’, sprach Hänsel, ‘gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.’ Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz helle, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viel in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel ‘sei getrost, liebes Schwesterchen und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen’, und legte sich wieder in sein Bett.
Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder, ‘steht auf, ihr Faullenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.’ Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach ‘da habt ihr etwas für den Mittag, aber esst´s nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.’ Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach ‘Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab Acht und vergiss deine Beine nicht.’ ‘Ach, Vater’, sagte Hänsel, ‘ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.’ Die Frau sprach ‘Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.’ Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.
Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater ‘nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert.’ Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau ‘nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.’ Hänsel und Gretel saßen am Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt, hörten, so glaubten sie, ihr Vater wäre in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach ‘wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!’ Hänsel aber tröstete sie, ‘wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.’ Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neu geschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, dass es Hänsel und Gretel waren, sprach sie ‘ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wolltet gar nicht wieder kommen.’ Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, dass er sie so allein zurückgelassen hatte.
Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach ‘alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns.’ Dem Mann fiels schwer aufs Herz und er dachte ‘es wäre besser, dass du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest.’ Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muss auch B sagen, und weil er das erste Mal nachgegeben hatte, so musste er es auch zum zweiten Mal.
Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mit angehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und Kieselsteine auflesen, wie das vorige Mal, aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach ‘weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.’ Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorige Mal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. ‘Hänsel, was stehst du und guckst dich um’, sagte der Vater, ‘geh deiner Wege.’ ‘Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen’, antwortete Hänsel. ‘Narr’, sagte die Frau, ‘das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.’ Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.
Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte ‘bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen: Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.’ Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte, ‘wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.’ Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel ‘wir werden den Weg schon finden’, aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus, und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, dass die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.
Nun war´s schon der dritte Morgen, dass sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald und wenn nicht bald Hilfe kam, so mussten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen, so sahen sie, dass das Häuslein aus Brot gebaut war, und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. ‘Da wollen wir uns dran machen’, sprach Hänsel, ‘und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.’ Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knuperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus

‘knuper, knuper, kneischen,
wer knupert an meinem Häuschen?’

die Kinder antworteten

‘der Wind, der Wind,
das himmlische Kind,’

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riss sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe aus, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, dass sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach ‘ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht?, kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.’ Sie fasste beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannekuchen mit Zucker, Äpfeln und Nüssen. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.
Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung, wie die Tiere, und merkens, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch ‘die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen.’ Frühmorgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin ‘das wird ein guter Bissen werden.’ Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein; er mochte schreien wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief ‘steh auf, Faullenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.’ Gretel fing an bitterlich zu weinen, aber es war alles vergeblich, sie musste tun was die böse Hexe verlangte.
Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief ‘Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle ob du bald fett bist.’ Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen, und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, dass er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da übernahm sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. ‘Heda, Gretel,’ rief sie dem Mädchen zu, ‘sei flink und trag Wasser: Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.’ Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen musste, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! ‘Lieber Gott, hilf uns doch,’ rief sie aus, ‘hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben.’ ‘Spar nur dein Geblärre,’ sagte die Alte, ‘es hilft dir alles nichts.’
Frühmorgens musste Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. ‘Erst wollen wir backen’, sagte die Alte, ‘ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.’ Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen. ‘Kriech hinein,’ sagte die Hexe, ‘und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschießen können.’ Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen, und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie´s auch aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte und sprach ‘ich weiß nicht wie ich´s machen soll; wie komm ich da hinein?’ ‘Dumme Gans,’ sagte die Alte, ‘die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,’ trappelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste elendiglich verbrennen.
Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief ‘Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.’ Da sprang Hänsel heraus, wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküsst! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein, da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. ‘Die sind noch besser als Kieselsteine’, sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte, und Gretel sagte ‘ich will auch etwas mit nach Haus bringen’ und füllte sich sein Schürzchen voll. ‘Aber jetzt wollen wir fort,’ sagte Hänsel, ‘damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.’ Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. Wir können nicht hinüber,’ sprach Hänsel, ‘ich sehe keinen Steg und keine Brücke.’ ‘Hier fährt auch kein Schiffchen,’ antwortete Gretel, ‘aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.’ Da rief sie

‘Entchen, Entchen,
da steht Gretel und Hänsel.
Kein Steg und keine Brücke,
nimm uns auf deinen weißen Rücken.’

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. Nein,’ antwortete Gretel, ‘es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüber bringen.’ Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttete sein Schürzchen aus, dass die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große große Pelzkappe daraus machen.

Wenn Hänsel und Gretel zurückkommen, ist das falsche Bewusstsein tot. Ja, es kann nicht mehr leben; Hänsel und Gretel würden nach ihren Erlebnissen diese Energie mütterlicher Falschheit nicht mehr ertragen wollen, vielleicht auch gar nicht mehr können.

Blicken wir zunächst noch einmal auf den Beginn zurück:

Ein gutes Geschick, wie es Kindern zuteil wird, hatten Hänsel und Gretel hören lassen, was die falsche Mutter im Schilde führt. Und Hänsel war durchaus clever, was sich auch darin zeigte, dass er selbst seinem Vater nicht die Wahrheit sagte, wie er mit seinem Schwesterherz in die Heimat zurückfinden wollte, wusste er doch, dass sein Vater diesem falschen Bewusstsein Vertrauen geschenkt hatte. Seine Versuche, den Heimweg abzusichern, waren ja durchaus erfolgversprechend. Doch wie im Leben, so ist es auch im Märchen: Die Seele scheint dem inkarnierten Bösen begegnen zu müssen.

Oft ist dieses keineswegs als solches zu erkennen. Das ist der Preis, den wir als Menschen der Materie zahlen, wenn wir zu tief uns auf Materielles einlassen. Es ist ja z.B. nicht das Geld an sich schlecht, wie manches Andere auch per se nicht schlecht sein mag. Gefährlich ist die Zugkraft, die Menschen vom Immateriellen, von der geistigen Wahrheit hinwegzieht. Was die Seele wirklich nährt, sehen wir nicht, es ist ja nicht sichtbar. Ja, oft können wir nur glauben, glauben, dass das Wahre eben nicht mit Geld zu bezahlen oder zu kaufen ist. Die Warnung der Bibel, dass es leichter sei, dass ein Kamel durch ein Nadelör geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme, bezieht sich auf die Gefahr, die Geld und äußeres Gold beinhalten, indem sie alles im Menschen absorbieren. Sie bedeutet nicht, dass einer auf dem Weg nach Hause, mithin zu sich selbst, nicht reich sein dürfe; für mich jedenfalls ist das nicht so; er darf nur nicht abhängig vom Geld sein.

Aktuell erleben wir weltweit, wie sehr Geld, Banken und Börsen nicht nur die Nachrichten, sondern auch das Leben der Menschen dominiert. Und die Menschen inclusive der Politiker verstehen nicht, dass man die Probleme der Weltwirtschaft nicht fiskalisch, nicht im Rahmen dieses Bereiches löst, sondern indem man zurückfindet zu einem Weg, der nicht durch Geld bestimmt wird.

Geldprobleme lassen sich in Wahrheit nicht durch Geld lösen, nicht durch Banken, nicht durch Börsen, nicht durch Maßnahmen im Rahmen der Geldpolitik.

Hänsel und Gretel begegnen dem personifizierten Bösen. Und sie erkennen es zunächst nicht, erst als die Hexe sich outet.

Märchen warnen uns, sie sagen: Vorsicht, wenn es mitten im Wald, fern der Heimat sehr gut schmeckt. In der Tat werden Hänsel und Gretel immer gieriger, Hänsel reißt einen Teil vom Dach ab, Gretel stößt gleich eine Fensterscheibe heraus, um sich zu verköstigen.

Wer Homers Odyssee kennt, kennt die Gefahr, die hier lauert. Was gut schmeckt, kann  tödlich sein. Zu Beginn seiner Irrfahrten wird Odysseus durch einen gewaltigen Sturm abgetrieben und mit seinen Gefährten an eine unbekannte Küste verschlagen. Er weiß allerdings nicht, wo er gelandet ist. deshalb schickt er zwei Kameraden los. Als diese nicht zurückkommen, schaut er selbst, was los ist, und findet die beiden unter den Lotophagen sitzen und gemütlich deren Lotosfrüchte essen. Die Heimat hatten sie vollkommen vergessen. Sie wären nie mehr aufgestanden.

Das ist es, was Materie, was der Genuss a la Hexenhäuschen bewirken: Man vergisst die Heimat. Allerdings ist Hänsel und Gretels Imbissbude von ungleich höherer Brisanz als das Land der Lotophagen: Sie sind im Zentrum diabolischer Kochkunst.

Doch gibt uns das Märchen Hinweise, woran wir das Böse erkennen und wie wir es überwinden können, denn so weit sollte es doch nicht kommen, dass sich Menschen vorkommen wie im Himmel, während sie, wie Hänsel und Gretel, in der Wohnung des Bösen im Bett liegen Vergessen wir nicht: Hänsel und Gretel sind Kinder, ja, aber sie repräsentieren menschliches Bewusstsein, das von realem Alter unabhängig ist.

Da ist zunächst die Stimme der Hexe, die unsere beiden Helden gar nicht irritiert, gar nicht beeindruckt. Stimmt alles mit der Stimme?

Stimme gibt uns Aufschluss über den Menschen. Unserem Unbewussten gibt sie sofort Auskunft über ein Wesen. Stimmt es mit ihm, oder stimmt es nicht? Das sagt uns die Stimme.

Vergessen wir nicht, wie gefährlich Stimme sein kann. Auch hier gibt uns die Odyssee Auskunft. Odysseus lässt sich die Ohren verstopfen und am Mast anbinden, um nicht auf die Sirenen hereinzufallen, die so anziehend singen, dass man an ihrem Strand zahlreiche Skelette finden kann von Männern, die auf sie hereinfielen. 

Erinnern wir uns:

Den Schiffer im kleinen Schiffe / Ergreift es mit wildem Weh; / Er schaut nicht die Felsenriffe, / Er schaut nur hinauf in die Höh´. (…) Ich glaube, die Wellen verschlingen / Am Ende Schiffer und Kahn; / Und das hat mit ihrem Singen / Die Loreley getan.

Heine wusste, von was er da 1823 schrieb!

Es gibt ein wunderbares Buch, nämlich Jacques Lusseyrans Das wiedergefundene Licht, aus dem ich an anderer Stelle in diesem Blog Auszüge wiedergegeben habe. In ihm findet sich auch ein Auszug, der die Stimme betrifft und den ich unglaublich aussagekräftig finde. Mancher könnte sich sagen: Das ist ein Blinder, der da schreibt, er ist eine Ausnahme und hat eben bestimmte Fähigkeiten, die nur Blinde haben.

Das stimmt nicht. Die Fähigkeiten, zu denen Jacques Lusseyran fand, kann im Grunde jeder Mensch aktivieren, und ich möchte behaupten, sie sind in mehr Menschen mehr als latent vorhanden, als wir ahnen, in manchen sogar sehr ausgeprägt; nur viele vertrauen ihnen womöglich nicht. Und manche, die Ergebnisse dieses inneren Wissens nach außen geben, müssen sich der Häme und des Spottes anderer wehren, die diese Fähigkeiten nicht haben und daraus messerscharf folgern, dass es sie also nicht geben kann … Leider beugen sich viele solch einem dilettantischen Diktat.

Bedauerlicherweise gibt es diese Realität häufiger, als es uns lieb sein kann.

Hier nun der Auszug von Jacques Lusseyran zum Thema Stimme, die ja in unserem Märchen eine nicht unbedeutende Rolle spielt; ich bringe ihn in dieser Ausführlichkeit, weil ich – und Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, könnte es genauso gehen – viel aus ihm gelernt habe in Bezug auf Stimme, gerade auch im Hinblick auf Kinder, auf Erziehung, auf Schule, im Hinblick auf unsere Sicht anderer:

Kaum war ich blind geworden, da hatte ich schon das Gesicht meiner Mutter und meines Vaters wie überhaupt all derer, die ich liebte, vergessen. Von Zeit zu Zeit tauchte ein Gesicht in meiner Erinnerung auf, doch immer stammte es von einer Person, die mir gleichgültig war. Warum war das Gedächtnis so angelegt? Man könnte glauben, Zuneigung sei mit ihm unvereinbar.

Sollte uns Zuneigung oder Liebe den Menschen so nahebringen, daß wir nicht mehr in der Lage wären, ihr Bild zu beschwören? Vielleicht haben wir jene infolge unserer Liebe sogar niemals richtig gesehen. Statt ihres Aussehens hatte ich freilich die Stimme meiner Eltern ständig vor mir, und auch nach dem Unfall interessierten mich zwar Gestalt und Gesicht der Menschen noch immer, doch auf eine ganz neue Art. Es war plötzlich gleichgültig geworden, ob sie dunkel oder blond waren, blaue oder grüne Augen hatten. Ich fand sogar, daß die sehenden Menschen viel zu viel Zeit auf diese unnützen Beobachtungen verschwendeten. Die gängigen Redewendungen wie »er flößt Vertrauen ein« oder »er ist gut erzogen« schienen mir alle nur eben die Oberfläche des Menschen zu berühren; das war der Schaum, nicht das Getränk. Ich für meinen Teil hatte eine Idee von den Menschen, ein Bild, doch das stimmte nicht mehr mit dem der Welt überein. Oft sah ich sie gerade umgekehrt: den Jungen, den man verschlossen nannte, sah ich schüchtern, jenen, den man für faul hielt, sah ich den ganzen Tag in seiner Phantasie mit einem Eifer arbeiten, der ganz das Gegenteil von Faulheit war. Meine Ansichten über die Menschen waren tatsächlich von denen anderer Leute so verschieden geworden, daß ich mir angewöhnte, ihnen zu mißtrauen. Zu guter Letzt fand ich mich selbst sonderbar!

Kurz und gut, Haare, Augen, Mund, Krawattenknoten oder die Ringe an den Fingern zählten für mich nicht, ja, ich dachte an all das gar nicht mehr. Die Leute schienen es nicht mehr zu besitzen. Vor meinem geistigen Auge tauchten Bilder von Männern und Frauen ohne Kopf und ohne Finger auf. Jene Dame im Sessel wiederum schrumpfte plötzlich zu ihrem Armband zusammen, sie wurde Armband. Da gab es Leute, deren ganzes Gesicht die Zahne beherrschten, und Leute, die in ihrer Harmonie aus Musik zusammengesetzt schienen. Doch in Wirklichkeit taugen all diese Schauspiele nicht dazu, beschrieben zu werden. Sie sind so beweglich, so lebendig, daß sie den Worten trotzen.

Nein! Die Leute glichen nicht dem, was man mir über sie sagte. Vor allem waren sie keine zwei Minuten dieselben. Es gab wohl einige. Doch das war ein schlechtes Zeichen, ein Zeichen, daß sie nicht verstehen oder nicht leben wollten, daß sie an der Leimrute einer ungehörigen Leidenschaft gefangen waren. Und das sah ich ihnen sofort an, denn da sie ihr Gesicht unbeobachtet glaubten, konnte ich sie überrumpeln. Das sind die Leute nicht gewohnt, sie putzen nur ihr Äußeres heraus!

Ich vernahm die Stimme meiner Eltern an meinem Ohr oder in meinem Herzen – wo, ist ohne Bedeutung -, doch sehr nah. Und all die anderen Stimmen nahmen den gleichen Weg. Es ist verhältnismäßig leicht, sich vor einem mißliebigen Gesicht zu schützen: man braucht es nur fernzuhalten, es in der Außenwelt zu belassen. Dasselbe versuche man einmal bei den Stimmen; da will es nimmer gelingen!

Die menschliche Stimme erzwingt sich ihren Weg in unser Inneres, eben hier vernehmen wir sie. Will man sie richtig hören, muß man sie im Kopf und in der Brust vibrieren, in der Kehle nachklingen lassen, als ob sie für einen Augenblick die eigene wäre. Das ist sicher der Grund, warum Stimmen uns nicht täuschen.

Ich konnte die Gesichter nicht mehr sehen. Wahrscheinlich würde ich sie mein ganzes Leben lang nicht mehr sehen. Mitunter hätte ich sie gern berührt, wenn sie mir schön schienen die Gesellschaft unterbindet sorgfältig solche Gesten. Übrigens untersagt die Gesellschaft überhaupt alle Gesten, die die Menschen einander näherbringen könnten. Sie glaubt zu unserem Besten zu handeln, uns vor den Zugriffen der Schamlosigkeit und der Gewalt zu schützen. Sie hat vielleicht recht: Menschen sind oftmals schmutzige Tiere. Doch kann ein blindes Kind die Gefahr schon erkennen? Es muß solche Tabus unbegreiflich finden.

Ich machte mir indes die Stimmen voll zunutze – ein Gebiet, in das die Gesellschaft nie ihre Nase gesteckt hat. Das ist übrigens recht verwunderlich. Während die Vorschriften der Menschen in Dingen des Körpers so heikel sind, sind sie doch nie auf den Gedanken gekommen, die Blöße der Stimmen zu bedecken, ihre Berührung einzuschränken. Offenbar haben sie nicht bedacht, daß die Stimme im Grad erlaubter und unerlaubter Berührungen weiter gehen kann, als es alle Hände und Augen jemals getan haben.

Überdies weiß ein Mensch nicht, daß er sich beim Sprechen verrät. Wenn sich die Leute an mich, den kleinen Blinden, wandten, waren sie nicht auf der Hut. Sie waren überzeugt, daß ich die Worte vernähme, die sie sagten, daß ich ihren Sinn verstehe. Sie ahnten nie, daß ich in ihrer Stimme wie in einem Buch lesen konnte.

Der Mathematiklehrer betrat das Klassenzimmer, klatschte in die Hände und begann entschlossen mit dem Unterricht. Er sprach an diesem Tag klar wie gewöhnlich, vielleicht etwas fesselnder als sonst, etwas zu fesselnd. Anstatt gegen Ende der Sätze in die Ausgangslage zurückzufallen, wie sie es hätte tun müssen, das heißt, sich um zwei oder drei Töne zu senken, blieb seine Stimme, nach oben gewendet, in der Luft hängen. Es war, als wolle unser Lehrer an diesem Tag etwas verbergen, eine gute Figur machen vor wer weiß was für einem Auditorium, beweisen, daß er sich nicht gehen lasse, daß er durchhalten werde, durchhalten müsse! Und ich, der ich an die Kadenz seiner Stimme gewöhnt war, die so regelmäßig war wie das Schlagen eines Metronoms, spitzte die Ohren, und der Lehrer tat mir leid. Ich hätte ihm gern geholfen, doch das schien mir albern, hatte ich doch keinerlei Grund anzunehmen, er sei unglücklich. Aber er war allen Ernstes unglücklich. Die schreckliche »Kenntnis« böser Zungen überbrachte uns acht Tage später, daß seine Frau ihn gerade verlassen hatte.

Ich konnte schließlich, ohne es zu wollen, ohne daran zu denken, so vieles in den Stimmen lesen, daß sie mich mehr interessierten als die Worte, die sie formulierten. Manchmal hörte ich im Unterricht ganze Minuten lang nichts mehr, weder die Fragen des Lehrers noch die Antworten meiner Kameraden. Ich war viel zu sehr von den Bildern in Anspruch genommen, die ihre Stimmen vor mir vorbeiziehen ließen, und das um so mehr, als diese Bilder oft in auffallendem Widerspruch zum Augenschein standen. Dem Schüler Pacot zum Beispiel war vom Geschichtslehrer eben eine »10 von 10«, die beste Note, erteilt worden. Ich war verdutzt. Die Stimme Pacots hatte mir verraten – ein Zweifel war nicht möglich -, daß Pacot rein gar nichts begriffen hatte. Er hatte seine Lektion nur mit den Lippen vorgeleiert, seine Stimme klang wie eine Schnarre, der Ton war ausdruckslos.

Was die Stimmen mich lehrten, lehrten sie mich fast immer sofort. Zwar wirkten gewisse physische Faktoren störend. Es gab da Jungen, die schlecht atmeten – man hätte ihnen Wucherungen oder die Mandeln entfernen müssen — und deren Stimme wie von einer Wolke bedeckt blieb. Andere konnten nur ein lächerliches Falsett herausbringen, so daß man zunächst dachte, man habe Hasenfüße vor sich. Die Nervösen, Schüchternen gebrauchten ihre Stimme immer im falschen Moment und machten sich hinter ihrem Gestammel so klein wie möglich. Doch wenn ich mich täuschte, dann immer nur für kurze Zeit.

Eine schöne Stimme (und schön bedeutet viel in diesem Zusammenhang, bedeutet, daß der Mensch, dem diese Stimme gehört, schön ist) blieb auch bei Husten und Stottern schön. Eine häßliche Stimme dagegen konnte sich süß stellen, sich parfümieren, behaglich schnurren oder flöten, sie blieb stets häßlich.

Kurz, ich entdeckte die Welt der Stimmen – eine unbekannte Welt. Im Leben des Alltags wurde sie kaum beachtet. Allein die Musiker und einige Dichter schienen sich ihrer Gegenwart bewußt zu sein. Doch sie griffen immer nur die Augenblicke heraus, wo die Stimmen ihren größten Zauber ausstrahlten, dem Irdischen schon fast entglitten; auch sie kannten sie also nicht bis ins Letzte. Die gewöhnliche Stimme, die Stimme, die den Menschen enthüllt – existierte sie wirklich nur für mich?

Wie sollte ich anderen Menschen erklären, daß alle meine Gefühle ihnen gegenüber – Sympathie oder Antipathie – von ihrer Stimme ausgingen? Ich versuchte es wohl einigen zu sagen, ihnen darzulegen, daß weder sie noch ich etwas dafür könnten. Doch bald mußte ich schweigen, da ihnen diese Vorstellung sichtlich Angst machte.

Es gab also eine moralische Musik. Unsere Gelüste, unsere Launen, unsere heimlichen Laster und selbst unsere sorgsamst gehüteten Gedanken übertrugen sich auf den Klang unserer Stimme, wurden offenbar in ihrer Modulation, in ihrem Rhythmus. Lagen drei oder vier Töne zu nah beisammen, dann hieß das Zorn, selbst wenn man dem Sprechenden nichts davon ansah. Auch die Heuchler konnte man auf der Stelle ertappen. Ihre Stimme war gedehnt und wies leichte, aber abrupte Abstände zwischen den Tönen auf, als ob sie beschlossen hätten, ihrer Stimme niemals freie Bahn zu lassen.

Man erzählte mir später von einer Wissenschaft, deren Entfaltung die Entwicklung des Radios und die in der Werbung üblichen Methoden indirekter Beeinflussung wünschenswert erscheinen ließen: die Wissenschaft von den Stimmen oder Phonologie. Ist eine solche Wissenschaft möglich? Zweifellos. Ist sie wünschenswert? Ich fürchte, nein. An dem Tag, an dem gierige, skrupellose Menschen die Kunst, die menschliche Stimme zu durchschauen, ganz beherrschten, sie zu entziffern und nach Belieben zu formen verstünden, wäre es mit dem bißchen Freiheit, das wir haben, vollends zu Ende. Sie hätten ihre Hand an einem Steuer, das den Blicken aufs beste entzogen ist. Ein neuer Orpheus wäre geboren, der wilde Tiere anlocken und Steine bewegen kann. Doch Orpheus – erinnern wir uns – hatte nur so lange einen Anspruch auf sein Geheimnis, als er es nicht mißbrauchte.

Die Hexe missbraucht ihre Stimme gnadenlos. Und dennoch, so meine ich, hätten Hänsel und Gretel die Möglichkeit gehabt, sie zu enttarnen, nur: ihre Gier machte dies unmöglich; sie beachteten die Stimme der Hexe ja nicht einmal.

Du sprichst von Gier, mag der ein oder andere Leser sagen, ihr Hunger ist verständlich. Stimmt. – Allerdings gibt uns das Märchen schon auch in den Bildern des Verhaltens der beiden zu erkennen, dass sie es übertreiben.

Leider ist es zudem so, dass das Böse  bevorzugt angreift, wenn wir in halbschläfrigen oder stressigen Situationen sind. Im Grunde – und das ist eine Lehre aus dem allem – müssen wir gerade in solchen Situationen besonders wachsam sein.

Als sich die Hexe zeigt, ist es zu spät. Spätestens als sie Hänsel an die Hand nimmt.

An der Hand – gebannt!

Da ist auch Gretel gefangen; ihren Hänsel verlässt sie nicht.

Aber halten wir fest: an Hand der Stimme lässt sich das Böse enttarnen.

Ein Wort zum Bösen:

Es ist ja nicht so, dass es immer in dieser geballten Form wie im Märchen auftritt.

Das Böse, Diabolo, Teufel, Satan, das kollektive Unbewusste, das, was grundsätzlich gegen die Liebe arbeitet – nennen wir es, wie wir wollen – hat im Grunde bei allen Menschen Möglichkeiten, sich einzuhaken und kann sie benutzen, damit sie etwas tun, was sich gegen die Liebe wendet. Wenn es darum geht, dass Menschen einen entscheidenden Entwicklungsschritt nach vorne tun, wenn es darum geht, dass Menschen sich verbinden und Frieden eintritt, dann ist die Gefahr riesengroß, dass das Böse irgendjemanden findet, der das alles verhindert. Selbst Menschen, die auf wirklich gutem Wege sind und sich weit zur Liebe hin entwickelt haben, können zagen oder etwas tun, was sie bitter bereuen. Petrus zieht sein Schwert und haut einem Soldaten ein Ohr ab, er verleugnet Jesus, Judas verrät ihn, die drei Jünger, die Jesus in Gethesemane begleiten, schlafen ein, anstatt ihm hilfreich zur Seite zu stehen; ausgerechnet, wenn jemand zu einem Menschen gehen sollte, der ihm helfen kann, wird dem Betroffenen schlecht, springt das Auto nicht an, lässt sich die Adresse nicht finden …

(Manchmal kann dies auch ein Hinweis sein, dass etwas nicht stimmt, mit der Hilfe, zu der wir gehen wollen; das eben macht unser Leben so schwierig, dass wir lernen aus Erfahrung …  auch unser Gefühl müssen wir justieren)

Es gilt, wachsam zu sein; deshalb rät die Bibel: Betet ohne Unterlass. Gemeint ist, wie ein Buddhist formulieren würde: Seit jeden Moment achtsam.

Unterschätzen wir die Macht des Bösen nicht, aber geben wir ihr dennoch gedanklich keinen Raum. Es gilt, auf der Hut zu sein und die Worte Jesu immer zu verwenden, vielleicht jeden Morgen zu Tagesbeginn und auch ggf. tagsüber: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände.

In der Hut der Liebe zu sein, bedeutet, vielleicht einem Programm, das sich wieder in uns einhaken will, nicht nachgeben zu müssen, bedeutet vielleicht, Mut zu haben, um jemandem zur Seite zu springen, der unsere Unterstützung braucht, bedeutet vielleicht, jemanden genau im richtigen Moment anlächeln zu können und dafür Sorge zu tragen, dass mehr Wärme auf unsere Erde kommt … Das alles kann ein Bewusstsein bewirken, das sagt und meint und darum weiß: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände!

Zurück zum Bösen im Märchen, zur Hexe. Es heißt von ihr, sie habe rote Augen und könne nicht weit sehen. Dem Märchen zufolge kann man Hexen daran erkennen.

Wenn jemand etwas Böses im Schilde führt oder in seinem Dienst steht, dann gilt, was für die Liebe nicht gilt; diese ist vollkommen, das Böse nicht. Wir können es erkennen.

Wenn wir aufmerksam sind, erkennen wir es an der Stimme, aber es verrät sich auch an seiner Kurzsichtigkeit, die symbolisch für Schwächen des Bösen steht.

Allerdings und leider wollen Menschen den Eigenverrat des Bösen des Öfteren nicht sehen. Dann geschieht auch, was geschehen muss.

So banal das klingt und so platt angesichts mancher Folgen, die geschehen: Wir haben zu lernen, das Böse zu durchschauen; es gehört zu unserem Menschsein. Und das geschieht leider öfter als uns lieb sein kann dadurch, dass es sich ausagiert.

Überhaupt: Der erste Schritt zur Überwindung des Bösen kann sein, dass wir es durchschauen wollen.

Manchmal ist das ein Weg durch viele, viele Leben.

Ein vorletzter Punkt:

Hänsel ist raffiniert. Er gibt der Hexe nicht seinen Finger, er gibt dem kurzsichtigen Weibsbild einen Knochen. Damit täuscht er sie nicht nur über seinen Mast-Zustand hinweg; nein, er meidet auch den Kontakt mit ihr.

Keine Frage, einer Hexe darf man nicht einmal einen Finger reichen; dann will sie die ganze Hand – und mehr. 

Durch Hänsels Trick und Einfallsreichtum gewinnen die Geschwister Zeit, Zeit, in der auch Gretels Mut reifen kann – und ihre mutige Cleverness.

Denn sein Einfall, die Hexe noch einmal zeigen zu lasse, wie man in den Ofen hineinkomme, war eine geniale Idee.

Ihr dann noch den Tritt zu verpassen, damit die Hexe elendig verbrennt, war nicht todesmutig, sondern lebensmutig.

Wer fragt da danach, ob das erlaubt gewesen sei?

Die Macht des Guten besteht auch in entschiedenem Handeln. Und manchmal bedarf es da einer ganz resoluten Handlung von innen heraus.

Gretchen überlegt nicht; es fackelt nicht lange!

Das war für es selbst und seinen Bruder wichtig – es ist noch heute wichtig. Resolutes Handeln ist erwünscht.

Und manchmal ist auch ein lauter Schrei notwendig, um Menschen aufzuwecken.

Seien wir nicht an den falschen Stellen zimperlich.

Manchmal muss man auch am Sonntag einen Ochsen aus dem Brunnen holen und man muss dazu einen Pharisäer anschreien, dass er endlich mit hinlangen soll … :-))

PS und übrigens:

Nicht alles, was köstlich schmeckt, ist Hexenmahlzeit  und stammt vom Hexenhaus …

Du weißt, liebe Leserin, lieber Leser, wie es Rapunzel ergangen ist: Sein Herz war voller Liebe zu dem Königssohn, und weil es vor Liebe überfloss, ließ es alle Vorsicht fahren und plauderte der Hexe sein zärtliches Geheimnis aus: sein Geliebter besuche sie jeden Abend, und er sei leicht wie eine Feder, sie aber, die Hexe, so schwer wie zwei Kartoffelsäcke; über den Geliebten würden sich seine Haare freuen; er dürfe gern an ihnen aufsteigen; über sie und ihre grässlichen Klammergriffe aber würden sie nichts als jammern.

Die Hexe aber war weniger zornig über die Tatsache, dass hinter ihrem Rücken ein Königssohn dieselbe Leiter benutzt hatte wie sie; in Wirklichkeit ärgerte sie sich maßlos über den Vergleich mit den Kartoffelsäcken: „Warte nur, Rapunzel, das zahle ich Dir heim!“

Als nun der Königssohn an den Haaren Rapunzels wieder zum Turmfenster hinaufgelangt war, brauchte sie ihn einfach nur anzusehen, war doch schon ihr normales Gesicht voller schrecklichem Hass. Der Königssohn, der geglaubt hatte, nun das liebe Gesicht seines Rapunzel zu sehen, erschrak fürchterlich, so dass er vor Schreck aus dem hohen Turmfesterchen sprang, mitten in eine Dornenhecke hinein, wobei er sich so sehr die Augen verletzte, dass er auf der Stelle erblindete.

Die Hexe aber konnte nun mit Rapunzel tun und lassen, was sie wollte. So rollte sie das Mädchen in ihren Zauberteppich ein und schickte alle Drei auf die Reise in die Einöde einer Wüstenei am Ende der Welt.

Alle Drei, fragt ihr?

Ja, die Liebe der beiden, von Rapunzel und dem Königssohn hatte schon Früchte getragen. Im Schoß Rapunzels wuchsen zwei kleine Zwillinge heran, Röschen und Rosenrot.

Rapunzel aber wusste, dass es seine Kinder – es ahnte schon um die zwei – allein würde erziehen müssen. Keinen Laut mehr hatte es von seinem Geliebten vernommen; so dachte es, er sei tot.

Das dachte die Hexe auch. Wie erstaunt aber war sie, als sie die Stimme des Königssohnes unter einem Dornengestrüpp vernahm. Noch viel erstaunter aber war sie, dass dieser nicht über seinen schmerzenden Körper oder sein verlorenes Augenlicht jammerte, auch nicht, dass er fortan blind durch die Gegend tappen musste; nein, der Königssohn weinte und klagte allein um den Verlust seines geliebten Rapunzels. Um das Gestrüpp herum sah die Hexe die Rehe des Waldes stehen, die mit dem Königssohn weinten; die Bäume bogen ihre Kronen zu ihm hin; Eulen, Tauben und Rotkehlchen saßen auf Büschen und Baumästen und alle weinten leise mit. Nur eine Nachtigall erhob des Nachts ihre Stimme und wollte nicht aufhören davon zu singen, dass alles gut würde. So blieb dem Königssohn ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Die Hexe aber war fassungslos über so viel Liebe. Wie konnte ein Mensch so lieben, dass er sein eigenes Leid vergaß und nur an die Geliebte dachte! Sie beauftragte einen Kobold, den Königssohn zu einer Schlucht zu locken; das tat dieser auch. Alle Tiere, die ihn umgaben, versuchten vergeblich ihn zu warnen, glaubte der Königssohn doch, in der Nähe seines Rapunzels zu sein. So stürzte er eine steile Wand hinunter. Furchtbar schlug er in der Schlucht auf. Sein Blut floss aus einer Kopfwunde. Doch was die Hexe noch fassungsloser machte, war, dass jeder Tropfen Blut von der Liebe zu Rapunzel sang. So kam es, dass der Strom von Blut der Hexe wie ein gellender Gesang vorkam. Flugs sann sie auf einen ganz und gar tödlichen Anschlag. Als sie aber fort war, kamen Zwerge aus den Felsen der Schlucht und verbanden den Königssohn. Ein Bär schulterte ihn vorsichtig und trug ihn nach oben und ein Einhorn berührte ihn, so dass sich seine Wunde schloss; sehen aber konnte er nicht, nur singen und rufen nach seinem Rapunzel.

Die Hexe aber rief die giftigste Natter, die sie kannte, herbei und beauftragte sie, ihr ganzes Gift mit einem Biss in die Ferse des Königssohnes zu entladen. Das wollte die giftige Schlange auch tun. Als sie sich aber dem Königssohn näherte, kam sie kaum mehr vorwärts. Denn diesen umgab seine Liebe zu Rapunzel, durch diese aber kam die giftige Schlange nicht hindurch. Die Hexe aber schalt sie furchtbar. “Dann“, so sprach sie, „muss ich ihn eben selbst umbringen. Wenn ich ihn berühre, bleibt sein Herz für immer stehen.“

Das tat sie auch; doch kaum hatte sie den Königssohn berührt, da schlug ihr eigenes Herz wie rasend und es bat sie: „Berühre den Prinzen noch einmal, dann wird es geschehen.“ „Gut“, dachte die Hexe, „dann soll er also erst bei der zweiten Berührung sterben, mir auch recht.“ Und sie berührte den Prinzen noch einmal.

Mit einem Mal aber war es ihr, als falle ein Felsbrocken von ihrem Herzen und als fließe zum ersten Mal Blut durch dessen Kammern hindurch. Sie erkannte auf einmal die Schönheit des Prinzen und die Liebe, die ihn umfloss. Sie hörte, wie sein Herz mit dem Herzen von Rapunzel sprach und sie wusste, dass diese beiden Herzen niemals aufhören würden, miteinander zu sprechen. Sie spürte, dass die beiden trotz ihres Getrenntseins glücklich waren. Und auf einmal wusste sie dank ihres neuen Herzens, dass auch sie das größte Glück der beiden wollte. Sie rief ihren Zauberdrachen, heilte ihn von seinem todbringenden Hass durch die Liebe, die ja nun auch durch sie floss, so dass es ein Glücksdrachen wurde, und sie bat ihn: „Hole Rapunzel.“

Und ehe sie sich’s versehen hatte, stand Rapunzel vor ihr, an der linken Hand hielt es Rosenrot, an der rechten Röschen. Alle drei aber beugten sich über ihren Mann und Vater und mit ihren Tränen netzten sie seine Augen, die auf einmal all ihr Glück sehen konnten. Dazu aber sang leise eine Nachtigall.

Die Hexe aber konnte dieses neue Glück kaum fassen, das doch auch ihr Glück war, und sie dankte mit heißem Herzen dem Königssohn, dass seine Liebe ihr Herz geheilt hatte.

Alle Fünf und alle ihre lieben Begleiter, Tiere, Pflanzen, und Bäume leben noch heute und gerade heute und heilen Menschen, die heilen Herzens sein wollen. 

ursprünglich veröffentlicht in Ethikpost

Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben,

wir können nicht fertig werden.

Malte Laurids Brigge


Manchem mag die Begrifflichkeit etwas unangemessen erscheinen, aber ich möchte dennoch Rainer Maria Rilkes Lyrik als sehr weiblich bezeichnen: So viel Gefühl, Zartheit, Sanftheit, Einfühlungsvermögen, Melodiöses, Klingendes – nicht von ungefähr wird eine weibliche Reimendung auch als klingender Reim bezeichnet: das trifft man gewiss nur sehr selten an und wenn, dann – ja, das ist mein Ernst – mehrheitlich bei Männern, ich denke an Novalis, Brentano, bisweilen auch Goethe und andere mehr.

Manche Männer zeigen ja auch im realen Leben eine sehr weiche Seite, aber sie ist dann oft verbunden mit Weinerlichkeit, Selbstmitleid und fehlender Männlichkeit; bei Rilke und den oben Genannten ist das nicht der Fall.

Vielleicht ist es so, wie ich schon einmal an anderer Stelle äußerte, dass, wenn Männer zu viel Einfühlungsvermögen und Gefühl in der Lage sind, dies dann besonders wohltuend auffallend ist, weil man es als Leser auch als etwas Besonderes, ja vielleicht auch als etwas besonders Wertvolles empfindet.

Mir geht es bei den oben Genannten jedenfalls so.

Dies alles wird natürlich ganz besonders dann interessant, wenn der Autor auch noch die Rolle einer Frau einnimmt, wie Rilke das hier tut, wie übrigens noch in einem anderen mit Die Liebende überschriebenen Gedicht, auf das ich an anderer Stelle eingegangen bin. Letztendlich ist Rolle natürlich nicht der richtige Begriff, dazu später mehr.

Als Rollengedicht werden ja lyrische Texte bezeichnet, in denen der Verfasser mit Hilfe des lyrischen Ichs die Rolle einer Figur einnimmt; zumeist wird das schon im Gedichttitel deutlich, beispielsweise in Mörikes „Das verlassene Mägdlein“, in Rilkes „Lied eines Bettlers“, in Brentanos „Der Spinnerin Lied“ und anderen mehr; wichtig aber jeweils: Es äußert sich ein Ich, in der Lyrik eben ein so genanntes lyrisches Ich.

So auch hier; wenn Rilke sein Poem Lied der Liebenden genannt hätte, wäre obiger Umstand noch deutlicher. Er aber überschreibt:

Die Liebende

Das ist mein Fenster. Eben

bin ich so sanft erwacht.

Ich dachte, ich würde schweben.

Bis wohin reicht mein Leben,

und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles

wäre noch Ich ringsum;

durchsichtig wie eines Kristalles

Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne

fassen in mir; so groß

scheint mir mein Herz; so gerne

ließ es ihn wieder los

den ich vielleicht zu lieben,

vielleicht zu halten begann.

Fremd, wie niebeschrieben

sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese

Unendlichkeit gelegt,

duftend wie eine Wiese,

hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,

daß einer den Ruf vernimmt,

und zum Untergange

in einem Andern bestimmt.

Beide mit Die Liebende überschriebenen Rilke-Gedichte sind auf ihr Weise ganz anders, beide schöpfen ihre Einzigartigkeit aus ganz unterschiedlichen Quellen. Eine des vorliegenden Gedichtes finden wir gleich zu Beginn: Man kann kaum einen Leser zu mehr Gegenwartsbezug förmlich zwingen, als wenn man beginnt:

Das ist mein Fenster.

Das hört sich eher nach Obi-Baumarkt als nach Rilke an und klingt ziemlich lapidar.

Gleichzeitig kommt man nicht umhin zuzugestehen, dass dieser Beginn etwas Geniales hat; denn welcher Leser blättert nach solch einem Satz und Gedichtbeginn weiter?!

Nur: Spielt das Fenster im weiteren Verlauf überhaupt noch eine Rolle? Oder ist das Ganze nur ein guter Gag, ein geschickter rhetorischer Kniff, gewiefte Lesereinbindung?

Dazu später mehr.

Halten wir also fest: Der Einstieg ist real, realer geht es kaum. Das ist deshalb von Bedeutung, weil Realität im üblichen Sinne im Folgenden überhaupt nicht mehr die Rolle spielt, die der Einstieg vermuten lässt. Nicht nur, dass von des Kristalles Tiefe die Rede ist oder von Abstrakta wie Schicksal, Nacht, Unendlichkeit und Untergang,  nein, noch mehr:

Der Konjunktiv als Form der Nichtwirklichkeit dominiert das ganze Gedicht; ständig  und immer wieder taucht er auf, gleich in der dritten Zeile in ich dachte, ich würde schweben  und weiterhin beispielsweise im anaphorisch am Strophenanfang der dritten Strophe dann wieder aufgenommenen „Ich könnte …“

Damit nicht genug, das zweimalige vielleicht unterstützt den Eindruck der Nichtwirklichkeit und Unsicherheit genauso wie die Fragen, bis wohin das eigene Leben reiche und wo die Nacht beginne?

Ist die Nacht nicht gerade vorbei?

Gewiss, von Morgen ist nicht die Rede, aber doch von Erwachen, so dass der Leser intuitiv annimmt, es sei früher Morgen.

Warum dann aber die rückwärtsgewandte Frage, bis wohin die Nacht reiche?

Wen interessiert am Morgen und beim sanften Erwachen diese Fragestellung?

Tatsächlich scheint alles in der Schwebe und es ist nur natürlich, dass das lyrische Ich, die Liebende also, das Gefühl  hat, sie würde schweben.

Keine Frage, die Liebende befindet sich in einem Zustand, befindet sich an einem Zeitpunkt, den wir als existentiell bezeichnen dürfen. Es gibt Menschen, es sind nur wenige, die in der Lage sind, beim Einschlafen ihr Bewusstsein mit in den Schlaf zu nehmen. Das ist noch eine Bewusstseinsstufe höher als das so genannte Klarträumen. Bei ihm – und in den Kursen in der Schule, in denen ich darüber spreche, sind in aller Regel ein oder zwei Schüler, die klarträumen – hat der Träumende das Bewusstsein davon, dass er träumt; in seiner gesteigerten Form kann der Träumende seinen Traum beeinflussen, wie es Patricia Garfield in ihrem Buch Kreativ träumen im fünften Kapitel für den Stamm der Senoi auf Malaysia beschreibt, wo Kinder zum Klarträumen angehalten werden (in der Tat kann man es üben, ich erinnere mich an einen entsprechenden Artikel in Psychologie heute).

Zurück zu unserem Gedicht: Entsprechend mag es auch Menschen geben, die das Schlafbewusstsein mit in den Tag nehmen; wir alle tun das im Übrigen, wenn uns ein Traum so sehr bewegt, dass wir wie aus seiner Realität beim Aufwachen kommen und einfach nur eine Tür zum Tag aufmachen.

Die Liebende ist sanft erwacht. Und der Übergang ist mehr als fließend.

In seinen Begrifflichkeiten erinnert das Rilke-Gedicht an ein wunderbares Gedicht, in dem dieses Thema genauso, ja sogar mit vergleichbarem Vokabular, angesprochen wird.

Der junge Mörike schreibt in seinem An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang – hier die ersten beiden Strophen:

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!

Welch neue Welt bewegest du in mir?

Was ist´s, da ich auf einmal nun in dir

Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun, 

Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;

Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,

Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,

Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft

Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Wer seine Seele, wie Mörikes lyrisches Ich, als einem Kristall gleich empfindet, wer, wie Rilkes lyrisches Ich, sich dessen bewusst ist, dass es duftet wie eine Wiese, dass es ein Herz hat, dass alle Sterne umfassen könnte – und vergessen wir nicht, unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße umfasst allein mehr als 100 Milliarden Sonnen -, muss es dem nicht außerordentlich gut gehen? In der Tat scheint es der Liebenden doch bestens zu gehen, wenn da nicht von vorneherein die Konjunktive und das vielleicht wären, wenn des Kristalles Tiefe nicht als verdunkelt und stumm bezeichnet würde und wenn da nicht vor allem eine andere Person, wohl der Geliebte ins Spiel käme, den sie, und das ist die erste Aussage zu ihm, am liebsten gleich wieder losließe. Und auch im Fortgang bleibt dieser Geliebte anonym; nach dem Personalpronomen „ihn“, das ihm als Erstes genügen muss, bezieht sich die Liebende als Nächstes mit einem Demonstrativpronomen, einem kurzen, knappen „den“ auf jenen Mann, um den es ihr geht. Ist das nicht ein bisschen wenig, ein bisschen sehr dürftig? Warum bleibt er so unbenannt?

Allerdings gibt es noch andere Bilder bzw. Vorgänge, die auf ihn und die Liebe zu ihm verweisen:

Bevor von ihm die Rede ist, spricht die Liebende von ihrem Herzen, ihrem unfassbar großen Herzen, bevor – nur durch ein Semikolon, nicht einmal durch einen Punkt getrennt – ihr Sinnen zu ihm gleitet. Keine Frage, dieses große Herz, das muss mit ihm, mit der Liebe zu ihm zusammenhängen. Und es wird deutlich, dass das ganze Geschehen zuvor, alle Gefühle wohl mit ihm zu tun haben, das sanfte Erwachen, die Frage, bis wohin ihr Leben reiche – der Eindruck einer neuen Ausdehnung tut sich hier auf – und das Gefühl, alles sei so durchsichtig tief wie ein Kristall – eben aber auch verdunkelt, stumm.

Wir sehen, dieses morgendliche Sein ist nicht auf einer Ebene zu erfassen; da finden wir Andeutungen von großem Glück und großer Weite, neuer Ausdehnung; wir finden aber auf der anderen Seite auch Hinweise auf den Wunsch, ihn, den Geliebten, unmittelbar loszulassen, wir finden Unsicherheit artikuliert und den sicheren Eindruck, dass ihr Schicksal sie Fremd anschaue. Es folgt der wunderbare Vergleich mit einer duftenden Wiese, bevor in der letzten Strophe, diese innere Ungewissheit die Liebende wieder ergreift: Sie ruft, und zugleich ist ihr bange, daß einer den Ruf vernimmt.

Nanu, wer ist einer? Ist  das nicht der Geliebte, von dem vorher mittels Personal- und Demonstrativpronomen in der dritten und vierten Strophe die Rede war?

Hier ist es gerade mal noch einer, von dem die Rede ist. Fast könnte man meinen, es könne auch von irgendeinem die Rede sein. – Ist es derselbe wie oben? Kann der Bezug zu einem Menschen denn  noch indefiniter, unbestimmter sein?

Ein Liebesgedicht kann das vorliegende ja gewiss nicht mehr sein, oder? Denn zum Schluss ist von Untergang / in einem Andern die Rede, gar von einer Bestimmung der Liebenden dazu.

Absichtlich habe ich nicht von einer inneren Zerissenheit gesprochen, sondern von einer inneren Unsicherheit, denn eines steht fest: Die Ehrlichkeit der Liebenden ihrer Gefühls- und Herzenssituation gegenüber ist übergroß. Wenn jemand liebt, dann ist man gewohnt, dass sämtliche Himmelstore geöffnet sein wollen, Engel jubilieren natürlich, die Sterne feiern ein rauschendes Fest und alle Blumen lächeln.

Hier ist es ganz anders und ich möchte diesen Weg, mit der Liebe umzugehen, als einen wichtigen Weg bezeichnen. Hier kann von keiner Flucht in die Liebe die Rede sein, hier wird klar, welches Wagnis mit der Liebe einhergeht. Man mag als Leser dem nicht zustimmen, dass Liebe mit einem Untergang verbunden ist. Aber Rilke sieht es so. Das mag biographisch bedingt sein und auch mit vergangenen Erfahrungen zusammenhängen.

Rilke weiß um die Gefahren der Liebe, denken wir an die Zeilen aus einem Lied, das sich in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge findet, jenem Tagebuchroman, den er 1904 in Rom, noch ganz im Banne des ersten Pariser Aufenthalts von 1902/03 begann und dann 1908-1910 in Paris vollendete. Dieser Roman umfasst auch die Erfahrungen jener Zeit, in der die beiden mit „Die Liebende“ überschriebenen Gedichte verfasst sind. Und gerade gegen Ende jener Zeit entstand ja auch unser Gedicht hier.

In den Aufzeichnungen trifft Malte in Venedig eine unbekannte Schöne auf einer Gesellschaft, von der die Anwesenden wissen, dass sie dänische, italienische und deutsche  Lieder singen kann; die schöne Unbekannte lehnt ab, doch „sie war auf einmal neben mir. Ihr Kleid schien mich an, der blumige Geruch ihrer Wärme stand um mich.“ Dann aber – Malte ist enttäuscht – trägt sie doch ein Lied vor, ein italienisches; sie singt es allerdings mit Mühe. Malte will schon gehen. Auf einmal wird es jedoch still.Und nun erhebt sich die Stimme der Unbekannten:


Diesmal war sie stark, voll und doch nicht schwer; aus einem Stück, ohne Bruch, ohne Naht. Es war ein unbekanntes deutsches Lied. Sie sang es merkwürdig einfach, wie etwas Notwendiges.

Sie sang:

Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht

weinend liege,

deren Wesen mich müde macht

wie eine Wiege.

Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht

meinetwillen:

wie, wenn wir diese Pracht

ohne zu stillen

in uns ertügen?

                (kurze Pause und zögernd): 

Sieh dir die Liebenden an,

wenn erst das Bekennen begann,

wie bald sie lügen.


Wieder die Stille. Gott weiß, wer sie machte. Dann rührten sich die Leute, stießen aneinander, entschuldigten sich, hüstelten. Schon wollten sie in ein allgemeines verwischendes Geräusch übergehen, da brach plötzlich die Stimme aus, entschlossen, breit und gedrängt:

»Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen. Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen, oder es ist ein Duft ohne Rest.

Ach in den Armen hab ich sie alle verloren,

du nur, du wirst mir immer wieder geboren:

weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.«

Niemand hatte es erwartet. Alle standen gleichsam geduckt unter dieser Stimme. Und zum Schluß war eine solche Sicherheit in ihr, als ob sie seit Jahren gewußt hätte, daß sie in diesem Augenblick würde einzusetzen haben.

Hier singt eine Frau, eine Sängerin, für ihn, für Malte Laurids Brigge, jenen Mann, der die Liebe sucht, gegen Ende der Tagebuchaufzeichnungen immer intensiver auch die Liebe zu Gott, wobei menschliche und göttliche Liebe, die Liebe des Menschen für einen Menschen und die Liebe des Menschen zu Gott ineinander übergehen, eine Weise zu lieben, wie wir sie auch bei Hölderlin, Mörike und bei Goethe – verwiesen sei beispielhaft auf dessen Marienbader Elegie - finden.

Verwandte Motive zwischen umserem Gedicht und der Textstelle aus dem Malte Laurids Brigge sind unverkennbar, ist doch von ihrem blumigen Geruch die Rede und von anhalten, von halten, von dem übergroßen Wunsch nach Liebe und dem Wissen um eine mit ihr verbundene Gefahr.

Fast klingt es wie DIE mögliche Lösung:

weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

In unserem Gedicht ist davon nicht die Rede, zum Schluss bleiben die Worte haften vom Untergang in einem Andern.

Zu Rilkes Zeit wurde – nicht wie in der neuen deutschen Rechtschreibung mittlerweile erlaubt – der Andere nicht unbedingt großgeschrieben. In diesem Gedicht ist von diesem Andern die Rede, in Großschreibung.

Zumindest stellt sich die Frage, ob das Denken und Fühlen der Liebenden nicht hineingleitet in die Liebe zu Gott,  zu unvermittelt ist auf einmal von ihm die Rede, nicht von ihm oder dem, sondern von einem Andern. Wir wissen es nicht, doch das Denken und Fühlen Rilkes zu jener Zeit, seine Gedanken in den Aufzeichungen des Malte Laurids Brigge könnten es vermuten lassen.

Ein Gedicht stellt immer die Frage nach dem Zusammenhang von Form und Inhalt. Zeigt sich die Gefühlssituation der Liebenden, die man kaum auf einen Nenner bekommen kann, die Grenzenlosigkeit ihres Herzens, die Unendlichkeit, unter der sie sich gelegt fühlt (wer eigentlich hat sie dahin gelegt?!) in der äußeren Form wieder?

Ja und nein. Ja, denn ein ganz normaler Kreuzreim kennzeichet die Reimform, es alternieren auch brav männliche und weibliche Endungen; die Einteilung in Strophen zu je vier Versen ist auch keineswegs extravagant ebenso wenig wie die nie unterbrochene Aussage des lyrischen Ichs, auch sind die Reime in der Mehrzahl reine Reime. Doch das ist nur eine Seite. Immerhin finden wir in einer, und zwar gleich der ersten Strophe, fünf Verse, der dritte Vers ist eingefügt, die Reimendung schweben ist eine Waise.  Des Weiteren finden wir recht viele Enjambements, also Zeileninhalte, die über deren Ende hinausdrängen, auffallend sogleich zu Beginn und ganz am Ende des Gedichts; zweimal drängt der Inhalt sogar über das Strophenende hinaus. Ein erkennbares Metrum liegt nicht vor; ja, wir finden Sätze, in Zeilen gebrochen, rhythmische Prosa. Auffallend sind die anaphorischen Ich am Strophen- bzw. Versanfang, weitere parallele Gestaltungen anaphorischer Natur in so groß / (…) so gern, die zum Teil elliptisch verkürzten Formulierungen, u.a. zu Beginn der letzten Strophe, Alliterationen wie so sanft, mich mein Schicksal oder wie eine Wiege; das ist Rilke- Melodik auf der einen Seite, auf der anderen aber gibt es Stellen, die dem Wunsch nach einer einfachen Rezeption zuwiderlaufen, so das hart formulierte unmittelbare verdunkelt, stumm oder die auffallende Schreibung von niebeschrieben und Andern.

Letztendlich enspricht hier Formales durchaus dem Inhalt: Da geht es um etwas, was doch jeder als etwas für sich Vertrautes reklamiert, um die Liebe; dann aber finden wir Gedanken, die mehr oder weniger leise, den ein oder anderen vielleicht sogar laut irritieren. Auch die Abfolge der Gedanken lässt keine innere Liebes-Ruhe aufkommen, ein liebreizendes Liebes-Gedicht liegt eben nicht vor. Schaut man allein die Inhalte der zweiten Hälfte des Gedichtes an, so folgt doch ein ungewöhnlicher Gedanke auf den anderen. 

Nein, „Die Liebende“ macht es uns nicht einfach, weil sie es selbst sich nicht einfach macht.

Nein, auch Rilke macht es sich nicht einfach, kennt er doch den Alltag der so genannten Liebe; wir finden ihn auch in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, wenn es über seine Beobachtungen der Menschen in Venedig heißt:

Nicht mehr neue Eheleute , die während der ganzen Reise nur gehässige Repliken für einander hatten, versinken in schweigsame Verträglichkeit; über den Mann kommt die angenehme Müdigkeit seiner Ideale, während sie sich jung fühlt und den trägen Einheimischen aufmunternd zunickt mit einem Lächeln, als hätte sie Zähne aus Zucker, die sich beständig auflösen. Und hört man hin, so ergibt es sich, dasß sie morgen reisen oder übermorgen oder Ende der Woche.

… aber ein zuckersüßes Lächeln kann nie schaden, trotz baldiger Abreise. Man fühlt sich bei Rilkes Zeilen an das Ehepaar Kästners aus der Sachlichen Romanze erinnert, von dem es heißt:

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: sie kannten sich gut)

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie anderen Leuten ein Stock oder Hut.

Nein, wie gesagt, „Die Liebende“ macht es uns nicht einfach, weil sie es selbst sich nicht einfach macht.

Es geht ja auch um viel, eigentlich um alles: um die Liebe.

Rilke ist sich dessen bewusst.

 in Arbeit

Rose Ausländer


L i e b e  V




Wir werden uns wiederfinden


im See


du als Wasser


ich als Lotusblume.


Du wirst mich tragen


ich werde dich trinken.


Wir werden uns angehören


vor allen Augen.


Sogar die Sterne


werden sich wundern:


hier haben sich zwei


zurückverwandelt


in ihren Traum


der sie erwählte.

                               1984


Rose Ausländer hat eine kaum überschaubare Menge, nämlich Hunderte von Gedichten geschrieben. Dennoch habe ich bei keinem das Gefühl, es sei Mengen- oder Massenware. Auch wenn das letzte ihrer veröffentlichten Gedichte scheinbar etwas erschütternd Resignatives hat, ist es doch überschrieben Gib auf, so gilt das für viele ihrer Zeilen nicht, unter Anderem nicht für jene, die wir zu Beginn von Nicht fertig werden finden:

Die Herzschläge nicht zählen

Delphine tanzen lassen

Länder aufstöbern

Aus Worten Welten rufen

Ja, Rose Ausländer ruft mit Worten Welten auf, ihre Welten. Das sind zum einen die Welten ihres real existierenden Lebens, das zwei Weltkriege und furchtbare Zeiten einschließt, unter anderem jene, als sie nach der Scheidung von Ignaz Ausländer aus den USA in die Bukowina, nach Czernowitz zurückkehrt, in ein wahres Todesumfeld. 1941 besetzen SS-Einheiten die Stadt und richten im alten Judenviertel ein Ghetto ein, sechzigtausend Juden lebten damals dort. Fast 5000 werden innerhalb weniger Tage getötet. Als Rose Ausländer die Arbeitserlaubnis entzogen wird, weiß sie, dass auch ihr der Todestransport nach Transnistrien droht. Von da an verstecken sie und ihre Mutter sich in verschiedenen Kellern. In jenen Jahren hat Rose Ausländer mit Hilfe des Schreibens überlebt. Doch nach Kriegsende war mit der russischen Besatzungsmacht – nur fünftausend Juden überlebten die Nazihölle – das Leiden nicht zu Ende. Waren sie für die Nazischergen Juden gewesen, so waren sie für die Russen Deutsche; wer arbeiten konnte, aber keine Arbeit hatte, wurde nach Sibirien deportiert. Diesem Schicksal entging sie dank eines mutigen Czernowitzer Arztes, dem die Leitung der dortigen Bücherei übertragen worden war und der mehr Frauen einstellte als notwendig, um ihnen somit eine Arbeitsnachweis zu ermöglichen und sie vor der Verschleppung zu bewahren.

Dieser Lebensabschnitt mag verdeutlichen, was diese Frau mitmachte.

Dem Wort gegenüber fühlte sich Rose Ausländer verpflichtet, denn Wort war Leben für sie. Das ist die Jüdin in ihr, die um die Bedeutung des Wortes weiß, um die Bedeutung in der Nachfolge des Und Gott sprach der Genesis, des Ersten Buch Mose.

Nicht von ungefähr ist eines ihrer Gedichte überschrieben Das Wort; bemerkenswert für eine Jüdin finde ich im Übrigen hier, dass es zu Beginn auf den Anfang des Johannes-Evangeliums Bezug nimmt:

„Am Anfang

war das Wort

und das Wort

war bei Gott“

Und Gott gab uns

das Wort

und wir wohnen

im Wort

Und das Wort ist

unser Traum

und der Traum ist

unser Leben

Wenn das Wort Traum ist und der Traum Leben, ist dann das Wort Leben?

Mit dieser Frage sind wir inhaltlich mitten im Gedicht Liebe V, wenn auch von Traum erst an dessen Ende die Rede ist.

Natürlich stellt sich im Zusammenhang mit Traum immer die Frage, ob die Autorin aus der realen Welt flieht.

Scheinen doch ihre Worte weit über das real existierendes Leben hinauszugehen.

Sind deshalb solche Worte und Träume und Welten unwirklich?

Das ist eine zentrale Frage, die im Grunde jeder Mensch an sich selbst stellen mag, ja, ich möchte fast sagen: muss.

Es ist die Frage danach, ob die Welten der Märchen, Frau Holle oder die Hexe aus Hänsel und Gretel existieren oder Michael Endes Phantásien aus seiner Unendlichen Geschichte oder auch die Grauen Herren aus Momo? Existiert Fausts Mephisto oder jene Mütter, die so schauerlich in Faust II aus der Tiefe tönen?

Wer weiß, dass die Hexe in Hänsel und Gretel eine Verkörperung der schwarzen Seite der Großen Mutter ist und im realen Leben vieler Menschen als seelische Wirksamkeit großes Unheil anrichtet – unsere Vorfahren haben sie in Skulpturen und Plastiken abgebildet -, wie ebenso auch die kindliche Kaiserin, die Regentin Phantásiens, wirksam in uns sein will, der wird all das nicht verneinen.

Im Gegensatz zu der Annahme vieler Menschen, dass solche Gestalten unwirklich sind, stellt sich vielmehr die Frage:

Könnten uns nicht solche Gestalten, Worte und Gedanken zu einer Realität führen, die existiert, uns aber noch verborgen ist?

Wie real ist auf diesem Hintergrund der Traum, von dem am Ende von Liebe V geschrieben wird?

Fällt nicht auf, das von ihm ganz und gar unvermittelt die Rede ist?

Dass er nicht einmal mit einem einzigen Adjektiv charakterisiert wird?

Und dass von einem Geschehen die Rede ist, das absolut kryptisch, also im Dunkeln bleibt, wenn da ein Traum zwei Menschen als Liebende erwählt haben will?

Kann ein Traum so agieren?

Wir wollen versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen.

Zunächst scheint uns ein genaueres Betrachten des Anfangs eher eine Nicht-Wirklichkeit zu bestätigen:

Die ersten fünf Verbformen von Rose Ausländers Gedicht stehen im Futur: Wir werden uns wiederfinden … du wirst … ich werde …

Das Futur hat es nun einmal an sich, eine Tendenz zu haben, immer in der Zukunft zu verbleiben. Wer wirklich Erfüllung möchte, formuliert im Deutschen im Präsens. In unserer Sprache kann die Form der Gegenwart aus gutem Grund das Futur ersetzen: Der Bus kommt in einer Stunde.

So formuliert einer mit Hilfe des Präsens für die Zukunft, der weiß: In sechzig Minuten ist der Bus da. Wenn jemand formuliert, Der Bus wird in einer Stunde kommen, dann glaubt man entweder zu spüren, dass mit dieser Tempusverwendung der Hinweis einhergeht, dass das doch noch ganz schön lang dauert oder aber eine notwendige Zuversicht zum Ausdruck kommt, vielleicht kommen muss;  wer weiß, ob er wirklich kommt …

Wir werden uns vertragen, versprechen Schüler, die sich geprügelt haben, dem Lehrer. Wir werden … ?

Da könnte Letzterer Wert darauf legen, dass die Betroffenen sagen: Wir vertragen uns

Wir werden uns wiederfinden …?

Das Präsens ist eindeutiger, das Futur kann nun einmal gern etwas Zögerliches an sich haben.

Rose Ausländer verwendet das Präsens nicht! Sie schreibt: Wir werden uns wiederfinden

Ob ihre Wünsche die Wirklichkeit dominieren wollen, sie aber doch nicht einholen können? Der Wunsch als Vater des Gedankens, die Übersetzung des Englischen The wish was father to the thougt … ??

Nein, keine Bange, es wirkt nicht zögerlich, was was das lyrische Ich sagt; eher bringt das Futur das Bewusstsein zum Ausdruck, dass sie – möglicherweise verbirgt sich hinter dem lyrischen Ich eine Frau – auf das Angesprochene für die Gegenwart verzichten muss, dass aber das Wiederfinden in der Zukunft gewiss stattfinden wird.

Doch aus noch einem anderen Grund überzeugt dieser Anfang.

So sehr auch ein Autor an seinen Worten im Nachhinein feilen mag: Der eigentliche Schaffensprozess kommt tief aus dem Unbewussten. Wir wissen heute aus der Forschung, dass vermeintlich rationale Entscheidungen zu annähernd 90 Prozent Gefühlsentscheidungen sind. Zwar werden sie begründet mit rationalsten Argumenten, aber ob jemand Gründe für oder gegen Zuwanderung von Menschen aus aller Herren Länder nach Deutschland anführt, entscheidet nicht sein Intellekt, sondern der Intellekt führt nur aus, was seine Gefühle schon längst entschieden haben.

Im dichterischen Schaffensprozess spielt die Intuition eine ebenfalls weit entscheidendere Rolle als wir ahnen, auch die Entscheidung für die Wahl einer Form und der sprachlichen Umsetzung; weit mehr, als wir annehmen, wird dies ebenso aus dem Unbewussten gesteuert.

Rose Ausländer schreibt nicht: Wir finden wieder zusammen, nein, sie schreibt:

Wir werden uns wiederfinden

Für den Leser, der sie nicht kennt, möchte ich kurz definieren, was eine Alliteration ist: Sie ist ein rhetorisches Mittel, das darauf verweist, dass benachbarte Wörter mit gleichen Anfangsbuchstaben beginnen. Dieses Mittel wird, seit diese existiert, immer wieder ganz bewusst in der Werbung eingesetzt; manche mögen den berühmten Werbespruch aus den 70er Jahren noch kennen: Mars macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel.

Wer diesen Spruch zwei-, dreimal hörte, vergisst ihn nicht mehr. Ein Meister des alliterativen Wortes war übrigens auch Richard Wagner, gerade in seiner Oper Walküre, in der es heißt: „Winterwinde wichen dem Wonnemond, / in mildem Lichte leuchtet der Lenz; / …“

Nein, Rose Ausländers Wortwahl ist kein Zufall. Ihre W-Alliterationen wirken; sie nehmen dem Futur alles Zögerliche. Ja, diese W-Wiederholungen bewirken eine große Sicherheit und Zuversicht.

Und noch etwas ist auf einer tieferen Ebene bedeutsam:

Sie, liebe Leserin, lieber Leser, kennen Personalpronomina: ich, du er/sie/es; wir, ihr, sie (in den gebeugten Formen – z.B. des Genitivs – meiner, deiner usw.). Personalpronomina können aber auch Reflexivpronomina sein, wenn sie sich auf das Subjekt des Satzes beziehen: Ich kenne mich; du irrst dich. – mich und dich beziehen sich jeweils auf das Subjekt des Satzes, nämlich Ich bzw. du. Dies kann eine hohe Intensität in Bezug auf den Inhalt bewirken. Und genau das ist in der ersten Zeile von Rose Ausländers Gedicht der Fall: Wir werden uns wiederfinden …

uns als Reflexivpronomen bezieht sich auf das Subjekt, den Handlungsträger; beide treten in einen intensiven Bezug.

Nicht nur die Alliterationen binden und verbinden die Worte, auch die Personal- bzw. Reflexivpronomina stellen zusätzlich eine enge Verknüpfung her.

Wie eng mögen diese beiden Menschen, von denen die Rede ist, verknüpft sein:

Wir werden uns wiederfinden

Die Antwort der Verfasserin auf dem Hintergrund ihres Schaffensprozesses: Schau hin! Mehr Verbindung geht nicht, sprachlich, grammatikalisch, inhaltlich!

Im Grunde legt eine solche Betrachtung die Tiefenstruktur eines Textes offen, damit zugleich auch die Tiefenstruktur der Seele!

Wir werden uns im See wiederfinden …

Das klingt platt. Ja, das klingt fast lächerlich und provoziert eine flapsige Aussage wie Wir wär´s in einer Kneipe oder im Schwimmbad … aber im See?? Geht’s noch?

Rose Ausländer schreibt ja nun auch nicht, wie oben formuliert.  Sie weist dem im See eine eigene Zeile zu, und sie verweist diese adverbiale Bestimmung des Ortes, dieses Präpositionalobjekt an das Ende des Sinnzusammenhangs. Für den Leser, den es interessiert, mag darauf verwiesen sein, dass eine Abweichung vom normalen Satzbau als Inversion bezeichnet wird.

Die vorliegende Inversion hat ihren tiefen Sinn. Es ist für mich sicher: Um diesen weiß Rose Ausländer; ganz bewusst gibt sie im See eine eigene Zeile.:

Wir werden uns wiederfinden

im See

Wasser steht symbolisch für Seelisches, insbesondere den Gefühlsbereich; nicht erst seit Goethes Des Menschen Seele gleicht dem Wasser in Gesang der Geister über den Wassern. Das wissen wir.

Wenn Jesus auf dem See Genezareth wandelt, dann heißt das in der Sprache der Bibel: Er ist ein Meister der Gefühle. Kontrastreichst wird das an Petrus deutlich, der auch auf dem Wasser laufen will, nachdem sich das Gespenst, das da auf die Jünger zukam, als Jesus herausgestellt hat. Das gelingt ihm sogar, weil er immer Jesus anschaut; als er jedoch seinen Fokus auf die Wellen richtet, die aufgrund des aufkommenden Windes sich auftürmen, bekommt der Gute Angst. Angst ist eine Emotion, die einen blitzschnell aus der Meister-Rolle, aus meisterlichen Fähigkeiten herauswirft. Wer Angst hat, säuft ab. Säuft ab in den Wassern der Seele. Ganz und gar unmeisterlich. Dafür sehr gefühlsintensiv. Angst ist nunmal ein oft sehr intensives Gefühl. Nachzulesen im 14. Kapitel des Matthäus-Evangeliums.

Wasser ist auch das Element der Liebenden, es kann sie trennen wie die berühmten Königskinder, die nicht zusammenkommen können; es ist eben aber auch das Element, das den Becher des liebenden Königs im Thule-Lied, das Gretchens im Faust I singend erfindet, aufnehmen kann. Dort ist es das Meer, Symbol der Ganzheitlichkeit, Gefäß für die unendliche Liebe der beiden Liebenden.

Rose Ausländer bzw. das lyrische Ich sprechen von einem See. Ist der See ein bescheidenes Meer?

Von See, von Wasser, von trinken ist die Rede. Dieses Element dominiert die erste Hälfte dieses Gedichtes. Seelisches dominiert.

Aber der See ist kein reduziertes Meer. Ein See hat seine eigene Qualität: Oft ist er – wenn er keinen Zulauf hat oder ein Fluss, wie im Bodensee, ihn durchfließt – ein sogenanntes Stillgewässer. Er ruht sozusagen in sich.

Wie die Liebe der beiden.

In ihm ist – wir lesen es in Liebe V – das Du das Wasser, das lyrische Ich eine Lotusblume. Wenn wir davon ausgehen, dass Letzteres weiblichen Geschlechtes ist, dann mag von großem Interesse sein, was wir unter Lotos in dem empfehlenswerten Lexikon Das geheime Wissen der Frauen lesen:

Lotos

Asiens Hauptsymbol für die Yoni (Vulva) , oft personifiziert in der Padma, »Lotos«, auch als Kunti, Lakshmi oder Shakti bekannt. Der zentrale Satz des Tantrismus, Om mani padme hum (Om, du Kleinod im Lotos), meinte das Juwel (männlich) im Lotos (weiblich), mit ineinandergreifenden Konnotationen: der Penis in der Vagina, der Fötus im Schoß, der Leichnam in der Erde, der Gott in der Göttin, die all diese Dinge repräsentierte.

Der Vatergott Brahma behauptete, ein universaler Schöpfer zu sein, war jedoch ein »Lotos-Geborener«, denn er entstand aus der Yoni der Urgöttin. Auch der ägyptische Vatergott Re erhob den Anspruch, ein Schöpfer zu sein, verdankt jedoch seine Existenz der Göttin, die folgendermaßen beschrieben wurde: »Große Lotosblume, aus der die Sonne bei der Schöpfung zum ersten Mal aufging.«

Nahezu alle ägyptischen Göttinnen wurden durch die Lotosblume symbolisiert. (…)

Die meisten orientalischen Mystiker glaubten, daß geistiges Wissen mit fleischlichem Wissen beginne. Der Lotos war das Tor der Göttin, und Sex war der Weg durch das Tor zu ihren inneren Geheimnissen (…)

Unsere Seelen haben im Unbewussten Teil an diesem kollektiven Wissen der Erde, doch dass dieses Wissen Rose Ausländer bewusst zur Verfügung stand, bezweifle ich.

Keine Frage aber ist, dass dieser Auszug offenlegt, dass zumindest auf der unbewussten Ebene deutlich sexuelle und damit auch körperliche Aspekte in diesem Gedicht anklingen.

Fernöstliche und nahöstliche Symbolik ist mir ansonsten in Rose Ausländers Gedichten nicht aufgefallen; allerdings habe ich darauf auch nicht weiter geachtet, denn wenn eine religiöse vorkommt, ist es die jüdisch-kabbalistisch-christliche, der auch mein Fokus galt.

Fest steht aber: Rose Ausländer verwendet das Symbol der Lotusblume.

Dieses Gedicht macht nicht viel Worte; die Hälfte seiner 14 Zeilen enthalten gerade einmal drei Wörter,  eine weitere besteht aus zweien.

Da hat jedes Wort Gewicht, jedes Bild trägt. Wer den Gehalt des Gedichtes aufnehmen will, muss jedem Wort und seiner Bildkraft Raum geben.

Beginnt das Gedicht mit einem Wir so folgt doch bezeichnenderweise zweimal der Gegensatz zwischen ich und du; er dominiert auf der grammatikalisch-inhaltlichen Ebene die ersten Zeilen. Doch ist dieser Gegensatz kein eigentlicher. Ich und Du sind Gegensätze im Sinne von yin und yang, das heißt: beide wollen als eigenständige Wesenheiten ernst genommen werden, doch gehören beide zusammen.

Und diese Zusammengehörigkeit gestaltet Rose Ausländer dichterisch gekonnt durch die Klammer von trinken und tragen; durch ihren gemeinsamen Beginn, einer Alliteration, nehmen die beiden Worte aufeinander Bezug, sind miteinander verbunden. Noch dazu sind sie durch ihre prononcierte Stellung am jeweiligen Zeilenende betont; auch dies verbindet sie.

Alliteration und Parallelismus strukturieren, verbinden und erhöhen dieses Geschehen des Trinkens und Tragens.

Und zwar

vor allen Augen.

Wer hören will, der höre, heißt es in der Bibel.

Wer sehen will, der sehe, können wir ebenfalls formulieren.

Nur wissen wir seit Saint Exupéry, dass es mit dem Sehen, mit dem HerzSehen womöglich nicht so einfach ist und Goethes Wort aus dem Faust I mahnt uns: Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt.

Ja, alles spielt sich vor allen Augen ab, aber dennoch ist es nicht offen-sichtlich. Nicht jeder sieht es. Saint Exupéry und Goethe wissen, warum das so ist.

Und als ob all das nicht schon genug wäre, kommen nun erst die Sterne ins Spiel.

Vielleicht kennen Sie die Worte Max Frischs aus seinem Tagebuch 1946-1949:

Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt -

Nur die Liebe erträgt ihn so.

Liebe, die ernsthaft ist, groß, die nimmt oft in der deutschen Lyrik den Schwung ins Kosmische, ins Sternenhafte, Himmlische,  immer und immer wieder, so zum Beispiel in Mörikes An die Geliebte, in Hölderlins An die Unerkannte, in Goethes Marienbader Elegie - es ließen sich noch viele andere Gedichte anführen, die das tun.

Auch hier ist es so.

Wenn die Sterne sich wundern, dann allerdings:

dann ist es schon geschehen.

Dann haben die Zwei sich schon gefunden! Sich schon zurückverwandelt.

Dieses Geschehen ist so unveräußerlich sicher, dass darüber gar nicht gesprochen werden muss!

Seine Darstellung ist wiederum phaszinierend gelungen, weil drei Zeitstufen in den letzten sechs Zeilen einbezogen werden:

Die Sterne werden sich wundern, das ist Zukunft, Futur.

In dieser Zukunft wird es so sein, dass sich zwei zurückverwandelt haben. Im Deutschen ist das eigentlich die Zeitstufe des Futur II: Diese Zwei werden sich zurückverwandelt haben.

Und zwar in einen Traum, der sie – einst – erwählte. Diese dritte Zeitstufe liegt in einer fernen Vergangenheit, über die wir noch sprechen.

Es wird aber auch noch aus einem anderen Grund nicht über dieses Geschehen der Rückverwandlung gesprochen:

Dieses Wiederfinden, dieses Sich-Zurückverwandeln geht nur die beiden etwas an.

Es ist ihr Traum; das Possessivpronomen der vorletzten Zeile, so unbedeutend es scheint, so wichtig ist es!

Es ist nicht so wie auf der Erde, wo das Geheimnis der Liebe so oft verraten, verkauft wird.

Die Sterne, der Himmel respektieren das Geheimnis der Liebe. Es gehört nur den beiden.

Wer aber, wie das lyrische Ich, das sich hier in der Wir-Form outet ebenso wie im Singular, im ich der vierten Zeile, weiß, dass sich Sterne freuen, hat der nicht ein Wissen, dass den irdischen Horizont sprengt?

Ja, so ist es.

Das lyrische Ich – gehen wir davon aus, es ist eine Frau, gehen wir davon aus, Rose Ausländer bringt sich hier selbst ein – ist im Grunde eine Seherin.

Ihre Seele sieht, ist wissend.

Wenn zwei sich finden, wenn sie sich wiederfinden, dann wundern sich auch die Sterne.

Es ist dies kein Wundern, dass etwas geschieht, was niemand für möglich gehalten hat.

Nein, die Sterne wundern sich immer wieder, wenn das geschieht:

dass zwei sich zurückverwandeln in ihren Traum, der sie erwählte.

Im Englischen heißt es treffend: a dream come through.

Es ist dies das Wundern, das wir von den Hirten an Weihnachten kennen, vom Ochsen und vom Esel im Stall, von den Drei Königin.

Deren Seelen wissen, was geschieht. Und doch wundern sie sich, staunen. – Es ist dies ein Wundern, das alle verwandelt: denn Großes geschieht.

So wundern sich auch die Engel, auch sie wissen: Hier geschieht Großes.

Auf einmal, ganz am Schluss ist von einem Traum die Rede.

Nicht mit einem einzigen Adjektiv wird er charakterisiert; auf einmal, ansatzlos ist er da.

Und dieser Traum lebt, er hat menschliche Züge; er wählte die beiden, hat mithin menschliche Eigenschaften: Er ist personifiziert.

In Wahrheit ist dieser Traum sogar göttlich.

Da gibt es offensichtlich etwas, was sich unserer Kenntnis entzieht. Etwas, was Rose Ausländer ganz direkt anspricht, vielleicht so unvermittelt nur ansprechen kann.

Für mich ist es etwas, was sich im Herzen Gottes abspielt und sich äußert im göttlichen Schöpfungswort. Was dann geschieht, kennen nur zwei, die es  unmittelbar betrifft – und Gott

Es meint dies einen Traum, den wir Liebe nennen; auch deshalb diese Überschrift.

Und dieser Traum betrifft zwei, zwei Menschen.

Deshalb auch lautet das erste Wort dieses Gedichtes Wir.

Ein Wort voller Liebe.

Warum nur aber nennt Rose Ausländer dieses göttliche Schöpfungswort Traum?

Oh, von ihm ist immer wieder die Rede, immer wieder dann, wenn Unfassbares geschieht, unfassbar für den kleinen Geist des Menschen, wenn er im Erdengewand steckt. Nur deshalb formulieren die Märchen am Schluss: Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Und wenn … ?

Jedes Kind weiß: Sie leben.

Diese vorsichtige Formulierung ist dem kleingeistigen Erwachsenen geschuldet, der sich groß dünkt und doch das Große nicht zu fassen in der Lage ist.

Nur Kinderseelen fassen das oder Erwachsene, die ihre kindliche Seele wiedergefunden haben. Oder sagen wir: ihr inneres göttliches Kind.

Ähnliches finden wir auch in Eichendorffs

Es war als hätt der Himmel

die Erde still geküsst,

dass sie im Blütenschimmer

von ihm nun träumen müsst.

Wir haben an anderer Stelle darüber geschrieben, dass die beiden sich einst geküsst haben und sich küssen werden.

Dahinter verbirgt sich das Thema der Liebenden, die sich auf ihren Reisen, ihren Lebensreisen aus den Augen verloren, ein Thema, das Schiller in Reminiszenz gestaltet, Marc Levy in 7 Tage für die Ewigkeit, Michael Ende im Märchen vom Zauberspiegel,  die Bibel im Mythos von Adam und Eva ….

Himmel und Erde werden sich in Eichendorffs Gedicht küssen und die Seele wird nach Hause fliegen, so sicher wie die beiden in Rose Ausländers Gedicht sich zu Hause treffen werden; dann wird der ganze Himmel applaudieren.

Denn er wartet darauf.

Er wartet auf jeden Menschen, der mit einem anderen Hand in Hand kommt.

Dann erfüllt sich Liebe. Ein Traum!

Immer und immer wieder: in jedem Himmel, der seine Erde, in jeder Erde, die ihren Himmel wiederfindet.

Deshalb trägt Rose Ausländers Gedicht zu Recht diese Überschrift.

Die Bezeichnung „V“ darf uns nicht verwirren. Wer in Rose Ausländers Gedichten blättert findet Überschriften wie Erfahrung II, Kreislauf III, Winter IV, Abschied II, Auf der Lauer I, Am Ufer II, Sonne III  …

Unsere Schriftstellerinnen hat manche Motive, manche Örtlichkeiten mehrfach aufgenommen.

Lassen Sie uns zum Schluss kommen:

Bernd Witte zitiert im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in seiner kenntnisreichen Arbeit zu Rose Ausländern zum Abschluss ihr Gedicht Gib auf, es lautet:

Der Traum

lebt

mein Leben

zu Ende

um dann im Zusammenhang mit Rose Ausländers Satz

„Ich denke viele Gedichte und Geschichten, schreibe nur einen kleinen Bruchteil davon.“

zum Abschluss festzustellen:

In heroischer Anstrengung hat die Dichterin ihr Leben in einen unendlichen Text zu wandeln versucht. (…) Mit der 1990 abgeschlossenen Veröffentlichung der Gesammelten Werke läßt sich die Gesamtheit des von ihr Geschriebenen überblicken und als ein diskontinuierlicher , in sich vielfach zerklüfteter Großtext lesen. Er ist die Spur der Schreibarbeit, mit der diese Frau und Jüdin versucht hat, sich gegen den Naziterror, gegen die Zerstörungen durch den Alltag und gegen das Vergessen zu wehren, um sich eine menschliche Gestalt zu bewahren. Aber je länger sie schrieb, desto diffuser wurden ihre Texte, desto mehr verlor sich die individuelle Stimme im sinnlosen Rauschen der spielerisch und verzweifelt herbeizitierten Worte. Allein die Sehnsuchtsbilder der erinnerten Kindheit tauchen wie Inseln aus dem Wortmeer auf. Aber dem Zusammenhang zwischen Kindheit, Gegenwart und Selbstfindung der Schreibenden, auf den die Dichterin baute, ist eine Verwirklichung nicht garantiert. Nur die Träume ragen wie Bruchstücke eines anderen Lebens hinein in Wahnsinn und Grausamkeit der geschichtlichen Welt.

Das im „Gib auf“ formulierte Eingeständnis des Scheiterns läßt sich demnach auch so lesen: „Der Traum lebt. – Mein Leben (ist) zu Ende.“  (…)

Sinnloses Rauschen spielerisch und verzweifelt herbeizitierter Worte?

Ein Eingeständnis des Scheiterns in Gib auf?

Viele Gedichte Rose Ausländers tragen in der Tat einen desillusionierenden, resignativen Ton, der ausgenüchtert von Leben wirkt.

Doch Vorsicht mit pauschalen Beurteilungen und Wertungen.

Liebe V schrieb Rose Ausländer gegen Ende ihres Lebens. Doch jener Traum, von dem sie dort spricht, ist gewiss kein Bruchstück.

Mit der Metapher des Traumes nimmt Rose Ausländer Bezug zu ihrem Beginn, zum Beginn ihres Seins vor Urzeiten. Sie spricht von jenem Traum, der die beiden erwählte, wie wir oben in gebotener Kürze ausgeführt haben!

Es ist dies die Geschichte Adam und Evas, die bekanntlich keineswegs die ersten Menschen waren, auch nicht in der Bibel, sondern beispielhaft stehen für jeden von  uns als eines Adams, einer Eva!

Welche Kontinuität zeigt sich hier bei Rose Ausländer!

Die Gedichtüberschrift Gib auf beinhaltet auch nur vordergründig Resignation.

Nein, auch Parzival gibt auf, als er nicht mehr auf seiner Suche nach dem Gral weiter weiß. Er überlässt seinem Pferd die Zügel.

Diese Handlung erweist sich jedoch als segensreich, denn sein Pferd führt ihn wissend zu dem Einsiedler Trevrizent, der seinem Leben eine neue Wende zu geben vermag mit der Übermittlung der Karfreitagsbotschaft, die Parzival die Türe zum Gral öffnet.

Immerhin ist auch Parzivals Pferd ein Teil von ihm!

Dieses scheinbar resignative Gib auf mag – selbst für die Verfasserin unbewusst – eine Grund-Haltung sein, die sich den Zugang zu höherem Wissen, hier ihr also den Zugang zum Traum ermöglicht – und was sich hinter ihm verbirgt. Gib auf mag in seiner Aufforderung ein Bewusstsein beinhalten, dass man mit der bisher verfahrenen Lebensbewältigung an ein Ende gekommen ist. Selbst im Alter – und gerade im Alter – gilt es, Bewährtes als überkommen zu erkennen und Neuem zu vertrauen, beispielsweise sich ganz einer Kraft hinzugeben, die Rose Ausländer Traum nennt.

Immer wieder erscheint das Göttliche den Menschen im Traum, oft ist beides untrennbar miteinander verwoben.

Es ist dies kein Zeichen von Diskontinuität, Zerklüftung, Diffusität und Resignation, sondern von tiefer Weisheit, wenn man sein Leben diesem Traum überlässt.

Mich erinnert das an jenes Vertrauen in Gott angesichts des Fallens aus unserer Erdenzeit – Rose Ausländer mag ihr nahendes Ende gespürt haben -, wenn Rainer Maria Rilke in seinem Herbstgedicht formuliert:

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

So sanft, wie das Wasser seine Lotosblume tragen mag.

Große Sachen sind oft nur kleine Sachen, die auffallen.

Der Joker

Am Anfang hab ich mich mit Markus Zusaks Buch etwas schwer getan, sicher auch, weil ich, wie ich an anderer Stelle etwas ausführlicher geschrieben habe, zu seiner Lektüre verdonnert worden war. Mit der Zeit gefiel es mir. Und je länger ich las, desto mehr bewunderte ich den Autor, diesen noch recht jugendlichen Deutsch-Australier, für seine genialen, unerschöpflichen, köstlichen Einfälle (wenn ich allein an die Nutte denke, die an alle ihre Sätze ein Kosewort anhängen muss :-))). Am Schluss war ich echt begeistert, vor allem, als ich verstand, was Zusak im Grunde als Botschaft jedem Leser mit auf den Weg gibt (Genaueres dazu ein andermal mehr). Und nun, 10 Tage nach Ende der Lektüre stelle ich fest, dass ich regelrecht verliebt bin in das Buch und gespannt bin, ob ich es – was ich freiwillig nie tue – tatsächlich noch ein zweites Mal lese.

Nein, ich vermute, ich werde es so machen, dass ich mal wieder die ein oder andere Passage lese, z.B. die von Sophie, der Barfußläuferin. Diese sanfte Liebe zwischen den beiden, Ed (dem Protagonisten, also Hauptdarsteller des Buches) und dieser sanft konturierten jungen Frau; seine unaufdringliche Verehrung für sie, das ist so schön geschrieben, unaufdringlich schön. Und seine Botschaft in Form eines leeren Kartons …

Botschaften zu überbringen, das ist in der Tat die Aufgabe Eds und wie es dazu kommt, ist mehr als kurios. Zu Beginn nämlich finden wir ihn auf dem Boden einer Bank liegend, in der gerade ein Banküberall abläuft, durchgeführt von einem hypernervösen Bankräuber, dem, weil es in der zweiten Reihe steht – sein Fluchtfahrzeug samt Fahrer von der Polizei weggeschickt wird, der dann auf der Flucht sein Gewehr verliert, das gekaperte Ersatzfluchtfahrzeug nicht zum Laufen bringt und schließlich von Ed, der das Gewehr aufhebt und den Bankräuber damit in Schach hält, bis die Polizei kommt, zur Strecke gebracht wird. Daraufhin ist Ed ein Held und selbst seine Mutter, „eine von jenen knallharten Weibern, die man nicht einmal mit der Axt um die Ecke bringen könnte“, ist stolz auf ihn.

Doch dann geschieht etwas Überraschendes: Ed findet bald darauf einen Umschlag in seinem Briefkasten, in dem sich ein Ass, das Karo-Ass findet, auf dem drei Adressen zu lesen sind. Alle diese Adressen erweisen sich für ihn als große Herausforderungen.

Nun beginnt eine Zeit der Bewährung für Ed, denn es folgen noch drei weitere Asse, jeweils mit drei Aufgaben

Also – um den Faden wieder aufzunehmen – die Aufgabe und Botschaft für Sophie fand ich toll. Oder wie Ed eine weitere Aufgabe meistert, indem er O´Reilly, dem Priester, die Kirche füllt mit Leuten, die sonst nie in die Kirche gehen. Okay, sicherlich gehen viele, weil Eds Idee, dass es im Anschluss an den Gottesdienst Freibier gibt, sie magisch anzog.  Dennoch, ein Gottesdienst, in dem die Menge ausrastet, klatscht und johlt, in dem der Priester zu Beginn des Gottesdienstes auf der Mundharmonika spielt und Männer kommen und auf dem Deckel einer Mülltonne mittrommeln … Wo gibt es sowas? – In der Wirklichkeit eines Buches.

Das Gebet O´Reillys zum Abschluss des Gottesdienstes, das fand ich einfach nur genial, als ich es las. Er sagt:

„Leute, ich werde jetzt beten, erst laut und dann still für mich. Ihr dürft jedes Gebet sagen, dass ihr mögt oder das euch wichtig ist.“ Er neigt den Kopf und spricht:“Herr, ich danke Dir. Ich danke dir für diesen glorreichen Moment und für all diese großartigen Menschen. Ich danke dir für das Freibier.“ (Die Menge lacht.) „Und ich danke dir für die Musik und die Worte, die du uns heute geschenkt hast. Vor allem aber, Herr, danke ich dir, dass mein Bruder heute hier sein kann, und ich danke dir für einen ganz bestimmten jungen Mann, der eine ganz fürchterliche hässliche Lederjacke trägt … Amen.“

„Amen“, wiederholen die Menschen.

Mit diesem ganz bestimmten jungen Mann ist Ed Kennedy gemeint.

Aber, damit ich mich nicht verzettele, diese Stelle habe ich gar nicht ausgewählt, sondern eine Passage, in der Ed eine weitere Botschaft zu überbringen hat, eine Botschaft des Lichtes und der Liebe, so könnte man sagen, oder, wie Zusak sie überschreibt: „Die Kraft und die Herrlichkeit“. Wenn das mal nicht zu pathetisch klingt. So erweist sie sich aber ganz und gar nicht. Wäre auch ein Wunder bei diesem Autor.

Jedenfalls geht es um eine poynesische Familie, Lua Lua Tatupu, seine Marie und deren fünf Kinder in der Havanna Road.

Wissen sollte man, dass der Knochenbrecher ein jährlich stattfindendes Football-Spiel ist, das diesmal ein besoffener Schiedsrichter leitete, dass Marv und Ritchie und Audrey Freunde von Ed sind und dass der Türsteher sein Hund ist, voller Flöhe und so stinkend, dass er überall, wo er auftaucht, unüberriechbar ist. Und ganz wichtig ist, wie sehr sich Jessie auf die Weihnachtsbeleuchtung freut … aber lies selbst:


PIK 4   Der Vorteil der Lüge


Es ist Dienstagabend und wir spielen Karten bei mir zu Hause. Ritchie jammert über ein geprelltes Schlüsselbein, ein Souvenir vom Knochenbrecher. Audrey amüsiert sich und Marv gewinnt. Wie üblich ist er unerträglich.

Ich war in der Havanna Road und habe mir Haus Nummer 114 angeschaut. Dort lebt eine polynesische Familie mit einem Vater, der noch größer und bulliger ist als der Kerl aus der Edgar Street. Er arbeitet als Bauarbeiter und behandelt seine Frau wie eine Königin und die Kinder wie kleine Götter. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, nimmt er sie auf den Arm und wirft sie hoch in die Luft. Sie lachen und himmeln ihn an und warten jeden Tag darauf, dass er heimkommt.

Die Havanna Road ist lang und liegt abseits. Die Häuser sind ziemlich alt. Allesamt Fertigteilbauten.

Ich weiß noch nicht, was ich hier tun muss, aber mittlerweile bin ich ziemlich selbstbewusst geworden. Ich werde schon noch darauf kommen.

»Sieht so aus, als würde ich wieder gewinnen«, grinst Marv schadenfroh. Er ist gut in Form und seine Zigarre hängt ihm aus dem Mundwinkel.

»Ich hasse dich, Marv«, sagt Ritchie. Er spricht nur aus, was wir alle in einer solchen Situation denken.

Marv spricht über unser Weihnachtsspiel.

»Wer ist dieses Jahr dran?«, fragt er. Aber er kann uns nichts vormachen. Er weiß genau, dass er an der Reihe ist, und wir wissen, dass er sich drücken will. Marv wäre nie in der Lage, ein Weihnachtsessen zuzubereiten. Nicht dass er nicht kochen könnte. Er ist einfach zu geizig. Er würde nie im Leben einen Truthahn kaufen. Die Einladung zum Frühstück am Tag des Knochenbrechers war eine einmalige Angelegenheit.

»Du«, erwidert Ritchie. Direkt in Marvs Gesicht. »Du bist dran, Marv.«

»Bist du sicher?«

»Ja«, betont Ritchie. »Ich bin sicher.«

»Aber ihr wisst doch, meine Eltern sind da und meine Schwester und…«

»Red keinen Quatsch, Marv, wir mögen deine Eltern.« Ritchie hat heute richtig Feuer im Hintern. Normalerweise ist es ihm völlig egal, wo die Party stattfindet. Aber er hat Lust, Marv auf Touren zu bringen. »Und deine Schwester mögen wir auch. Sie ist heiß, Mann, so heiß wie ein Strand inj der Sommersonne! Sie rast schon vor Hitze!«

»Ein Strand in der Sommersonne?«, fragt Audrey. »Und sie rast vor Hitze?«

Ritchie hämmert mit der Faust auf den Tisch. »Verdammt richtig, Mädchen.«

Wir drei lachen, während sich Marv windet.

»Es ist ja nicht so, als hättest du kein Geld«, sage ich zu ihm. »Dreißigtausend, war’s nicht so?«

»Sind gerade vierzig geworden«, erwidert er. Diese Aussage ist der Anlass zu einer hitzigen Diskussion über die Frage, was Marv mit einer solchen Summe anfangen will. Er erklärt uns knapp, das ginge nur ihn etwas an, und danach lassen wir die Sache fallen.

Irgendwie lassen wir ziemlich viele Sachen fallen.

Nach ein paar Minuten gebe ich nach. 

Wir machen es einfach hier«, sage ich. Ich schaue Marv an. »Aber kein Wort über den Türsteher, verstanden?«

Marv ist nicht glücklich darüber, aber er ist einverstanden.

Ich setze nach.

»Also gut, Marv«, sage ich. »Wir machen es so: Ich richte das Weihnachtsspiel aus, aber nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Du musst dem Türsteher ein Geschenk mitbringen.« Ich will die Situation ein bisschen auskosten. Bei Marv bekommt man nicht allzu oft Gelegenheit dazu, ihm eins auszuwischen, und ich muss sagen, die jetzige entwickelt sich besser, als ich gehofft hatte. Ich bin über mich selbst entzückt. »Du kannst ihm ein großes, saftiges Steak mitbringen und…« – mir kommt ein glorreicher Gedanke – »du musst ihm einen Kuss geben. Unter dem Mistelzweig, sozusagen.«

Ritchie schnalzt mit dem Finger. »Super Idee, Ed. Grandios.«

Marv ist sprachlos.

Vor Entrüstung.

»Das ist ekelhaft«, sagt er zu mir, aber er weiß, dass er immer noch besser dabei wegkommt, als wenn er den Truthahn kaufen und ihn auch noch zubereiten müsste. Endlich entschließt er sich. »Also gut, ich mach es.« Er deutet mit dem Finger auf mich. »Aber du bist ein völlig irrsinniger Mistkerl, Ed.«

»Danke, Marv, ich weiß es zu würdigen.« Und zum ersten Mal seit vielen Jahren freue ich mich auf Weihnachten.

Je nachdem wie ich es zwischen meinen Schichten einrichten kann, gehe ich zur Havanna Road. Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Familie hart arbeiten muss, um über die Runden zu kommen. Trotzdem weiß ich immer noch nicht, was ich hier tun muss. Eines Abends, als ich hinter dem Gebüsch stehe, kommt der Vater zu mir. Er ist ein großer Kerl und könnte mich mit einer Hand erwürgen. Er sieht nicht erfreut aus.

»He«, ruft er mir zu. »Du da. Ich hab dich hier schon mal gesehen.« Flink kommt er auf mich zu. »Komm sofort da raus.« Seine Stimme ist nicht laut. Sie hört sich so an, als wäre sie es gewohnt, sanft und ruhig zu sprechen. Aber seine Größe macht mir trotzdem Angst.

Keine Sorge, sage ich zu mir. Es ist nötig, dass ich hier bin.. Es. muss sein, koste es, was es wolle.

Ich komme aus dem Gebüsch und trete dem Mann gegenüber, genau in dem Moment, in dem die Sonne hinter dem Haus versinkt. Er hat weiche, dunkle Haut und schwarze Locken und Augen, die mir drohen.

»Spionierst du meinen Kindern nach, Junge?«

»Nein, Sir.« Ich hebe meinen Kopf in die Höhe. Ich will stolz aussehen, stolz und ehrlich.

Moment mal, denke ich. Ich bin doch ehrlich. Meistens jedenfalls.

»Und warum stehst du dann da?«

Ich lüge und hoffe.

»ICh habe früher in diesem Haus gewohnt«, sage ich. Scheiße. Gute Idee, Ed. Ich bin von mir selbst beeindruckt. »Vor vielen Jahren, bevor wir näher ans Stadtzentrum gezogen sind. Manchmal komme ich hier raus und schaue mir das Haus an.« Und bitte, flehe ich, bitte lass die Leute noch nicht lange hier wohnen. »Mein Vater ist vor kurzem gestorben, und wenn ich hierher komme, dann denke ich an ihn. Ich denke an ihn, wenn ich sehe, wie Sie Ihre Kinder in die Luft werfen und sie auf Ihre Schulter setzen und herumtragen…«

Der Mann entspannt sich, nur ein bisschen.

Gott sei Dank.

Er kommt etwas näher. Hinter ihm fällt die Sonne auf seine Hände und Kniekehlen.

»Ja, das ist eine ziemlich schäbige Hütte«, sagt er und wedelt mit der Hand in Richtung Haus. »Aber mehr können wir uns momentan nicht leisten.« 

»So schlimm ist es auch wieder nicht«, sage ich.

Wir reden noch eine kleine Weile miteinander und dann stellt mir der Mann unvermittelt eine überraschende Frage. Er tritt einen Schritt zurück, denkt nach und sagt dann: »He, wollen Sie nicht reinkommen und sich umsehen? Wir wollten gerade zu Abend essen. Sie sind herzlich eingeladen.«

Mein Bauch sagt mir, ich solle ablehnen, aber ich tue es nicht. Es ist schwerer, die Einladung anzunehmen.

Ich folge dem Mann auf die Veranda hinauf und hinein ins Haus. Bevor wir über die Türschwelle gehen, sagt er: »Ich heiße übrigens Lua. Lua Tatupu.«

»Ed Kennedy«, sage ich, und wir schütteln einander die Hände. Lua zerdrückt mir beinahe sämtliche Fingerknochen.

»Marie?«, ruft er, als wir drinnen sind. »Kinder?« Er dreht sich zu mir um. »Sieht das Haus noch so aus wie früher?«

»Wie bitte?« Dann fällt es mir wieder ein. »Oh. Ja, fast genauso.«

Die Kinder kommen aus den Ecken und Winkeln geströmt und fangen an, auf uns herumzuklettern. Lua stellt mich vor, zuerst ihnen und dann seiner Frau. Zum Abendessen gibt es Kartoffelbrei und Würstchen.

Wir essen, und Lua erzählt Witze, und die Kinder lachen und lachen, obwohl sie laut Marie dieselben Witze schon tausendmal gehört haben. Marie hat Falten unter ihren Au-gen und wirkt erschöpft vom Leben, den Kindern und der Notwendigkeit, jeden Abend Essen auf den Tisch zu stellen. Ihre Haut ist heller als dje von Lua und sie hat dunkelbraune, wellige Haare. Sie war mal wunderschön – noch schöner, als sie jetzt ist. Sie arbeitet in einem Supermarkt. Jeden Tag.

Die beiden haben fünf Kinder. Sie alle kauen ihr Essen mit offenem Mund, und wenn sie lachen, sieht man die ganze Welt in ihren Augen. Man merkt genau, warum Lua sie so behandelt, wie er es tut, und warum er sie so abgöttisch liebt.

»Darf ich auf Ed Huckepack reiten, Dad?«, fragt eines von den Mädchen.

Ich nicke ihm zu, und Lua sagt: »Natürlich, Liebes, aber hast du nicht noch ein kleines Wörtchen vergessen?« Irgendwie erinnert er mich an Vater O’Reillys Bruder Tony.

Das Mädchen versetzt sich selbst einen Klaps auf die Stirn, grinst und sagt: »Darf ich bitte auf Ed Huckepack reiten?«

»Sicher, Kleines«, sagt Lua, und ich verwandele mich in einen Lastesel.

Ich bin dreizehnmal Huckepack geritten worden, als Marie mich schließlich erlöst und den jüngsten ihrer Söhne von mir herunterhebt.

»Jessie, ich glaube, Ed ist jetzt müde. Gönn ihm eine Pause, okay?« 

»Okay.« Jessie gibt nach und ich lasse mich aufs Sofa fallen.

Jessie ist etwa sechs Jahre alt, und während ich dasitze und mich erhole, flüstert er mir etwas ins Ohr.

Die Antwort.

Er sagt: »Mein Dad hängt bald die Weihachtsbeleuchtung auf. Du musst unbedingt kommen und dir das ansehen. Die Lichter sind einfach toll…«

»Das mach ich«, verspreche ich. »Ich komm vorbei.«

Ich schaue mich ein letztes Mal im Haus um, als wollte ich mir selbst einreden, dass ich hier einmal gewohnt habe. Ich erfinde sogar ein paar tolle Erinnerungen an meinen Vater innerhalb dieser Mauern.

Lua schläft, als ich gehe, daher bringt mich Marie zur Tür.

»Danke«, sage ich, »für alles.«

Sie schaut mich mit ihren warmen, offenen Augen an und sagt: »Gern geschehen, Ed. Du kannst jederzeit wiederkommen.«

»Das mach ich«, sage ich. Diesmal ist es keine Lüge.

Am Wochenende gehe ich tagsüber am Haus vorbei. Die Weihnachtsbeleuchtung ist aufgehängt. Die Lampen sind alt und trübe. Einige fehlen ganz. Sie sind altmodisch. Sie blitzen nicht. Es sind lediglich große Glühlampen in unterschiedlichen Farben, die über das Dach der Veranda gehängt wurden.

Ich komme später wieder, denke ich, und schaue mir die Sache näher an.

Und am Abend, als die Lichter brennen, sehe ich, dass nur noch die Hälfte der Glühlampen funktioniert. Sage und schreibe vier. Vier Glühlampen, um das Haus der Tatupus in diesem Jahr zu erhellen. Keine große Sache, aber irgendwie wichtig. Große Sachen sind oft nur kleine Sachen, die auffallen.

Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit komme ich wieder, tagsüber, wenn sie alle in der Schule oder bei der Arbeit sind.

Mit dieser Beleuchtung muss etwas passieren.

Ich gehe in den Elektroladen und kaufe brandneue Lampen, die genauso aussehen wie die alten. Schöne, große Kugeln in Blau, Rot, Gelb und Grün. Es ist ein heißer Mittwoch, und überraschenderweise verliert keiner der Nachbarn auch nur ein Wort, als ich mich auf der Veranda der Tatupus auf einen umgedrehten Eimer stelle. Ich hänge die alte Lichterkette ab, wobei ich die Nägel verbiegen muss, die das Kabel halten. Als das Zeug unten liegt, fällt mir auf, dass der Stecker im Haus eingesteckt ist (was ich mir hätte denken können) und ich daher meine Arbeit nicht ganz zu Ende bringen kann. Also hänge ich die alten Lampen wieder auf und lasse die neuen vor der Tür liegen.

Ich schreibe keinen Zettel.

Es gibt nichts mehr zu tun.

Erst will ich noch »Frohe Weihnachten« auf den Karton schreiben, lasse es aber bleiben.

Hier geht es nicht um Worte.

Hier geht es um brennende Lampen und um kleine Sachen, die in Wahrheit große Sachen sind.


PIK 5   Die Kraft und die Herrlichkeit


Ich esse gerade Ravioli, als ein Van vor meiner Hütte hält. Der Motor kommt knurrend zum Stillstand und ich höre eine Autotür knallen. Als Nächstes hämmern kleine Fäuste an meine Haustür.

Zur Abwechslung fängt der Türsteher mal an zu bellen, aber ich beruhige ihn und mache die Tür auf.

Vor mir stehen Lua, Marie und ihre Kinder.

»Hallo, Ed«, sagt Lua, und der Rest der Bande fällt mit ein. Es klingt wie ein vielfältiges Echo. Er fährt fort. »Wir haben das Telefonbuch nach dir durchsucht, aber du stehst nicht drin. Da haben wir einfach alle Kennedys angerufen. Deine Mutter hat uns deine Adresse gegeben.«

Stille senkt sich auf uns herab, während ich mir versuche vorzustellen, was meine Mutter zu ihnen gesagt haben mag. Marie durchbricht sie.

»Komm mit«, sagt sie.

Dort im Van, eingezwängt zwischen all den Kindern, sitze ich nun und erlebe diese Familie das erste Mal in Schweigen vertieft. Dieser Umstand macht mich reichlich nervös. Die Straßenlaternen huschen vorbei wie Buchseiten aus Licht, die einzeln auf mich zukommen und sich dann wieder von mir abwenden. Ich schaue nach vorn zur Windschutzscheibe und merke, dass Lua mich im Rückspiegel beobachtet.

Fünf, zehn Minuten später erreichen wir das Haus.

Marie übernimmt die Regie.

»Alles klar, Kinder«, sagt sie. »Rein mit euch ins Haus.«

Sie geht mit ihnen und lässt Lua und mich im Wagen zurück. Allein.

Wieder schaut er in den Spiegel und wirft mir seine Augen rückwärts ins Gesicht.

»Bist du bereit?«, fragt er.

»Wofür?«

Er schüttelt nur den Kopf. »Versuch nicht, mich auf den Arm zu nehmen, Ed.« Er steigt aus und schlägt die Tür zu. »Komm schon«, ruft er durch das geschlossene Fenster in den Wagen. »Komm raus, Junge.«

Junge.

Die Art, wie er das sagt, gefällt mir nicht. Irgendwie unheilschwanger. Ich habe die Befürchtung, dass ich ihn mit den neuen Lampen gekränkt habe. Vielleicht betrachtet er es als Anschuldigung, er könne nicht anständig für seine Familie sorgen. Vielleicht glaubt er, dass ich ihn für einen armseligen Versager halte, der nicht einmal Geld für eine Weihnachtsdekoration aufbringen kann. Ich traue mich nicht, das Haus anzusehen, als ich ihm zu der Straßenecke folge, wo er stehen geblieben ist und mir entgegenschaut. Dort ist es dunkel. Sehr dunkel.

Lua sieht mich an.

Ich sehe den Boden zu meinen Füßen.

Als Nächstes höre ich, wie die Fliegengittertür mehrmals geöffnet und mit einem Knall wieder zugeschlagen wird. Die Kinder kommen auf uns zugerast, gefolgt von Marie mit schnellen Schritten.

Als ich die Kinder durchzähle, merke ich, dass eines von ihnen fehlt.

Jessie.

Ich studiere ihre Gesichter, bevor ich wieder zu Boden sehe. Der laute Ruf aus Luas Mund lässt mich erschrocken hochfahren. Jetzt, Jess!«, schreit er.

Ein paar Sekunden schieben sich ineinander, und als ich wieder hochsehe, ist das alte Haus hell erleuchtet. Die Lichter sind so wunderschön, dass sie das Gebäude allein durch ihr Strahlen zusammenzuhalten scheinen. Die Gesichter der Kinder und auch die von Lua und Marie sind mit roten, blauen, gelben und grünen Flecken besprenkelt. Ich fühle das rote Leuchten auf meinem eigenen Gesicht und auch mein erleichtertes Grinsen. Die Kinder jubeln und klatschen und sagen, dass dies das beste Weihnachtsfest ihres Lebens wird. Die Mädchen fangen an zu tanzen und halten sich dabei an den Händen. Dann kommt Jessie aus dem Haus gerannt und schaut sich um.

»Er wollte den Stecker unbedingt selbst einstecken«, sagt Lua zu mir. Ich schaue Jessie an und sein Grinsen ist das breiteste und schönste von allen. Das lebendigste. Das ist sein Moment, denke ich, und der von Lua und Marie. »Als wir die neuen Lampen bekommen haben, sagte Jessie, dass er dich dabeihaben wollte, wenn wir sie einschajten. Was konnten wir anderes tun?«

Ich schüttele meinen Kopf und schaue in die Farben, die über den Vorgarten strahlen.

Sie schwimmen durch meine Augen.

Und zu mir selbst sage ich – im Gedenken an Graham Greene – »Die Kraft und die Herrlichkeit«

 

PIK 6   Ein Moment der Schönheit


Während die Kinder unter dem Nachthimmel um die Veranda und die bunten Lichter herumtanzen, sehe ich etwas.

Lua und Marie halten sich an den Händen.

Sie sehen so glücklich aus, im Innern dieses einen Moments, während sie ihre Kinder betrachten und die Lampen an ihrem alten Haus.

Lua küsst sie.

Ganz sanft auf die Lippen.

Und sie erwidert den Kuss.

Manchmal sind Menschen wunderschön.

Nicht durch ihr Äußeres.

Nicht durch das, was sie sagen.

Nur durch das, was sie sind.


PIK 7   Ein Moment der Wahrheit


Marie drängt mich, hereinzukommen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Zuerst lehne ich ab, aber sie besteht darauf. »Du musst einfach, Ed.«

Ich gebe nach. Wir gehen rein, trinken Kaffee und reden.

Die Atmosphäre ist gelöst und gemütlich, bis Marie die Worte ausgehen und ihr Mund mitten im Gespräch still steht. Sie rührt in ihrem Kaffee und sagt: »Danke, Ed.« Die Falten um ihre Augen werden ein wenig unruhig und in ihren Augen scheinen Lichter zu tanzen. »Vielen Dank.«

»Wofür?« Ich schüttelt den Kopf. »Bring mich nicht dazu, es auszusprechen, Ed. Wir wissen, dass du es warst – Jessie könnte niemals ein Geheimnis bewahren, selbst wenn wir ihm den Mund zukleben würden. Wir wissen, dass du es warst.«

Ich ergebe mich. »Ihr habt es verdient.«

Sie gibt sich damit nicht zufrieden. »Aber warum? Warum?«

»Das…« – und ich muss die ganze Wahrheit sagen -»weiß ich nicht.« Ich nippe an dem Kaffee. »Das Ganze ist ziemlich kompliziert und eigentlich unmöglich zu erklären. Ich weiß nur, dass ich vor diesem Haus stand. Der Rest ist einfach passiert.«

Jetzt stapft Lua in die Worte hinein und schiebt sie vorwärts. Er sagt: »Weißt du, Ed, wir wohnen hier jetzt seit fast einem Jahr, und niemand – wirklich niemand – hat jemals auch nur einen kleinen Finger gerührt, um uns das Gefühl zugeben, willkommen zu sein.« Er trinkt. »Nein, ich beklage mich nicht. Wir können heutzutage nicht mehr erwarten. Die Menschen haben genug mit sich selbst zu tun . . .« Seine Augen halten meine fest, nur für eine Sekunde. »Aber dann kommst du daher, scheinbar aus dem Nichts. Wir begreifen es einfach nicht.«

Und da nimmt ein Moment voller Klarheit Gestalt in mir an.

Ich sage: »Versucht es erst gar nicht – ich begreife es ja selbst nicht.«

Marie nimmt meine Worte hin, nimmt sie mit und trägt sie ein Stück weiter.

Sie sagt: »Also schön, Ed. Aber wir möchten uns bei dir bedanken.«

»Ja«, sagt Lua.

Marie nickt ihm zu. Er steht auf und geht zum Kühlschrank. Mit einem Magneten ist ein Umschlag an der Tür befestigt. Darauf steht der Name »Ed Kennedy«. Er kommt zurück und gibt ihn mir.

»Wir haben nicht viel«, sagt er. »Aber das ist das Beste, was uns eingefallen ist, um uns bei dir zu bedanken.« Er legt mir den Umschlag in die Hand. »Irgendwie glaube ich, dass es dir gefallen wird. Nur so ein Gefühl.«

In dem Umschlag steckt eine selbst gebastelte Weihnachtskarte. Alle Kinder haben etwas darauf gemalt. Weihnachtsbäume, bunte Lichter, spielende Kinder. Einige von den Zeichnungen sind ziemlich schräg, aber trotzdem ganz vorzüglich. Wenn man die Karte aufklappt, liest man die folgenden Worte, auch von einem der Kinder geschrieben:

Lieber Ed!

Fröhliche Weihnachten! Wir hoffen, dass du auch so schöne Lichter hast wie die, die du uns geschenkt hast.

Alles Liebe

wünscht die ganze Tatupu-Familie

Ich muss lächeln. Dann stehe ich auf und gehe ins Wohnzimmer, wo sich die Kinder vor dem Fernseher ausgebreitet haben.

»He, danke für die Karte«, sage ich zu ihnen.

Sie antworten mir alle gleichzeitig, aber Jessie spricht am lautesten. »Gern geschehen, Ed.« Nach wenigen Sekunden richtet sich ihrer aller Aufmerksamkeit wieder auf den Fernseher. Sie schauen sich ein Video an, irgendein Tierabenteuer. Sie kleben an dem Bild einer Katze, die in einem Karton den Fluss hinuntergespült wird. »Bis dann«, sage ich, aber keiner hört mir zu. Ich schaue mir noch einmal zufrieden die Karte an und gehe wieder in die Küche.

Doch die Bescherung ist noch lange nicht vorbei.

Lua hat einen kleinen dunklen Stein mit einem kreuzförmigen Muster in der Hand.

Er sagt: »Den hat mir einmal ein Freund gegeben, Ed. Er bringt Glück.« Er hält ihn mir hin. »Ich möchte ihn dir schenken.«

Zunächst schauen wir alle drei den Stein an. Keiner sagt etwas.

Meine Stimme trifft mich unvorbereitet.

»Nein, Lua«, sage ich, »das kann ich nicht annehmen.«

Seine sanften Worte sind ruhig, aber bestimmt. Seine Augen drücken eine wilde Ernsthaftigkeit aus. »Doch, Ed, du musst. Du hast uns so viel gegeben. Mehr, als du je wissen wirst.« Er streckt mir wieder den Stein entgegen, legt ihn schließlich in meine Handfläche und schließt meine Finger darum. Er hält meine Hand in seinen beiden Händen. »Er gehört dir.«

»Nicht nur als Glücksbringer«, sagt Marie zu mir. »Sondern auch als Erinnerung.«

Da nehme ich den Stein und betrachte ihn. »Danke«, sage ich zu den beiden. »Ich werde gut drauf aufpassen.«

Lua legt mir seine Hand auf die Schulter. »Das weiß ich.«

Gemeinsam stehen wir in der Küche.

Als ich gehe, küsst mich Marie auf die Wange, und wir verabschieden uns voneinander.

»Denk dran«, sagt sie. »Du bist jederzeit willkommen. Komm zu uns, wann immer zu willst.«

»Danke«, sage ich und gehe zur Tür hinaus.

Lua will mich nach Hause fahren, aber ich lehne sein Angebot ab. Heute Abend ist mir nach Laufen zumute. Wir schütteln uns die Hände und Lua zerquetscht mich fast in seiner Umarmung.

Er begleitet mich noch bis zur Straße und stellt mir eine letzte Frage.

»Eines möchte ich noch wissen, Ed.« Wir stehen ein paar Schritte voneinander entfernt.

»Was denn?«

Er geht noch ein bisschen weiter weg und bleibt dann im Dunkel stehen. Hinter uns beleuchten die Lichter immer noch voller Stolz die Nacht. Dies ist der Moment der Wahrheit.

Lua sagt: »Du hast nie in diesem Haus gewohnt, Ed, stimmt’s?«

Kein Schlupfloch ist in Sicht. Kein Ausweg.

»Stimmt«, sage ich.

Wir schauen einander an und ich kann die vielen Fragen in Luas Augen sehen. Er will gerade anfangen, sie zu stellen, da merke ich, wie er sich zurückzieht. Er hat Angst, das Glück mit überflüssigen Worten zu zerstören.

Was geschehen ist, ist geschehen.

»Mach’s gut, Ed.«

»Auf Wiedersehen, Lua.«

Wir geben uns noch einmal die Hand und gehen dann unserer Wege.

Am Ende der Straße, kurz bevor ich um die Ecke biegen muss, drehe ich mich noch einmal um und betrachte die Lichter.


ein weiterer Posts zu Der Joker:
Mama, warum hasst du mich so sehr? Über die schwarze Seite der Großen Mutter. –
Fast eine Familienaufstellung in Markus Zusaks Der Joker


Die folgende Rede hielt Astrid Lindgren im Rahmen der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978.

Anlässlich des unfasslichen Geschehens in Norwegen und meinem Post über die Bedeutung des Glaubens auf FreieWelt.net und auf der Ethikpost möchte ich sie hier weiter- und wiedergeben, weil sie so eindrücklich nahelegt, wo insbesondere Gewaltlosigkeit beginnen muss: in der Kinderziehung.

Liebe Freunde!

Das erste, was ich zu tun habe, ist Ihnen zu danken, und das tue ich von ganzem Herzen. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels strahlt einen solchen Glanz aus und ist eine so hohe Auszeichnung, dass es einen fast überwältigt, empfängt man ihn. Und jetzt stehe ich hier, wo schon so viele kluge Männer und Frauen ihre Gedanken und ihre Hoffnungen für die Zukunft der Menschheit und den von uns allen ersehnten ewigen Frieden ausgesprochen haben – was könnte ich wohl sagen, das nicht schon andere vor mir gesagt haben?

Über den Frieden sprechen heißt ja über etwas sprechen, das es nicht gibt. Wahren Frieden gibt es nicht auf unserer Erde und hat es auch nie gegeben, es sei denn als Ziel, das wir offenbar nicht zu erreichen vermögen. Solange der Mensch auf dieser Erde lebt, hat er sich der Gewalt und dem Krieg verschrieben, und der uns vergönnte, zerbrechliche Friede ist ständig bedroht. Gerade heute lebt die ganze Welt in der Furcht vor einem neuen Krieg, der uns alle vernichten wird. Angesichts dieser Bedrohung setzen sich mehr Menschen denn je zuvor für Frieden und Abrüstung ein – das ist wahr, das könnte eine Hoffnung sein.

Doch Hoffnung hegen fällt so schwer. Die Politiker versammeln sich in großer Zahl zu immer neuen Gipfelgesprächen, und sie alle sprechen so eindringlich für Abrüstung, aber nur für die Abrüstung, die die anderen vornehmen sollen. Dein Land soll abrüsten, nicht meines! Keiner will den Anfang machen. Keiner wagt es anzufangen, weil jeder sich fürchtet und so geringes Vertrauen in den Friedenswillen des anderen setzt. Und während die eine Abrüstungskonferenz die andere ablöst, findet die irrsinnigste Aufrüstung in der Geschichte der Menschheit statt. Kein Wunder, dass wir alle Angst haben, gleichgültig, ob wir einer Großmacht angehören oder in einem kleinen neutralen Land leben. Wir alle wissen, dass ein neuer Weltkrieg keinen von uns verschonen wird, und ob ich unter einem neutralen oder nicht-neutralen Trümmerhaufen begraben liege, das dürfte kaum einen Unterschied machen.

Müssen wir uns nach diesen Jahrtausenden ständiger Kriege nicht fragen, ob der Mensch nicht vielleicht schon in seiner Anlage fehlerhaft ist? Und sind wir unserer Aggressionen wegen zum Untergang verurteilt? Wir alle wollen ja den Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu spät ist? Könnten wir es nicht vielleicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das geschehen, und wo sollte man anfangen?

Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern.

Sie, meine Freunde, haben Ihren Friedenspreis einer Kinderbuchautorin verliehen, und da werden Sie kaum weite politische Ausblicke oder Vorschläge zur Lösung internationaler Probleme erwarten. Ich möchte zu Ihnen über die Kinder sprechen. Über meine Sorge um sie und meine Hoffnung für sie.

Die jetzt Kinder sind, werden ja einst die Geschäfte unserer Welt übernehmen, sofern dann noch etwas von ihr übrig ist. Sie sind es, die über Krieg und Frieden bestimmen werden und darüber, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen. In einer, wo die Gewalt nur ständig weiterwächst, oder in einer, wo die Menschen in Frieden und Eintracht miteinander leben.

Gibt es auch nur die geringste Hoffnung darauf, dass die heutigen Kinder dereinst eine friedlichere Welt aufbauen werden, als wir es vermocht haben? Und warum ist uns dies trotz allen guten Willens so schlecht gelungen?

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, welch ein Schock es für mich gewesen ist, als mir eines Tages – ich war damals noch sehr jung – klar wurde, dass die Männer, die die Geschichte der Völker und der Welt lenkten, keine höheren Wesen mit übernatürlichen Gaben und göttlicher Weisheit waren. Dass sie Menschen waren mit den gleichen menschlichen Schwächen wie ich. Aber sie hatten Macht und konnten jeden Augenblick schicksalsschwere Entscheidungen fällen, je nach den Antrieben und Kräften, von denen sie beherrscht wurden. So konnte es, traf es sich besonders unglücklich, zum Krieg kommen, nur weil ein einziger Mensch von Machtgier oder Rachsucht besessen war, von Eitelkeit oder Gewinnsucht, oder aber – und das scheint das häufigste zu sein – von dem blinden Glauben an die Gewalt als das wirksamste Hilfsmittel in allen Situationen. Entsprechend konnte ein einziger guter und besonnener Mensch hier und da Katastrophen verhindern, eben weil er gut und besonnen war und auf Gewalt verzichtete.

Daraus konnte ich nur das eine folgern:

Es sind immer auch einzelne Menschen, die die Geschichte der Welt bestimmen. Warum aber waren denn nicht alle gut und besonnen? Warum gibt es so viele, die nur Gewalt wollten und nach Macht strebten? Waren einige von Natur aus böse? Das konnte ich damals nicht glauben, und ich glaube es auch heute nicht.

Die Intelligenz, die Gaben des Verstandes mögen zum größten Teil angeboren sein, aber in keinem neugeborenen Kind schlummert ein Samenkorn, aus dem zwangsläufig Gutes oder Böses sprießt. Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun.

„Überall lernt man nur von dem, den man liebt“,
hat Goethe einmal gesagt, und dann muss es wohl wahr sein.

Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang. Und das ist auch dann gut, wenn das Kind später nicht zu denen gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte das Kind aber wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen gehören, dann ist es für uns alle ein Glück, wenn seinen Grundhaltung durch Liebe geprägt worden ist und nicht durch Gewalt. Auch künftige Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben – das ist erschreckend, aber es ist wahr.

Blicken wir nun einmal zurück auf die Methoden der Kindererziehung früherer Zeiten. Ging es dabei nicht allzu häufig darum, den Willen des Kindes mit Gewalt, sei sie physischer oder psychischer Art, zu brechen? Wie viele Kinder haben ihren ersten Unterricht in Gewalt „von denen, die man liebt“, nämlich von den eigenen Eltern erhalten und dieses Wissen dann der nächsten Generation weitergegeben!

Und so ging es fort, „Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben“, hieß es schon im Alten Testament, und daran haben durch die Jahrhunderte viele Väter und Mütter geglaubt. Sie haben fleißig die Rute geschwungen und das Liebe genannt. Wie aber war denn nun die Kindheit aller dieser wirklich „verdorbenen Knaben“, von denen es zur Zeit so viele auf der Welt gibt, dieser Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker, dieser Menschenschinder?

Dem sollte man einmal nachgehen.
Ich bin überzeugt davon, dass wir bei den meisten von ihnen auf einen tyrannischen Erzieher stoßen würden, der mit einer Rute hinter ihnen stand, ob sie nun aus Holz war oder im Demütigen, Kränken, Bloßstellen, Angstmachen bestand.

In den vielen von Hass geprägten Kindheitsschilderungen der Literatur wimmelt es von solchen häuslichen Tyrannen, die ihre Kinder durch Furcht und Schrecken zu Gehorsam und Unterwerfung gezwungen und dadurch für das Leben mehr oder weniger verdorben haben. Zum Glück hat es nicht nur diese Sorte von Erziehern gegeben, denn natürlich haben Eltern ihre Kinder auch schon von jeher mit Liebe und ohne Gewalt erzogen. Aber wohl erst in unserem Jahrhundert haben Eltern damit begonnen, ihre Kinder als ihresgleichen zu betrachten und ihnen das Recht einzuräumen, ihre Persönlichkeit in einer Familiendemokratie ohne Unterdrückung und ohne Gewalt frei zu entwickeln.

Muss man da nicht verzweifeln, wenn jetzt plötzlich Stimmen laut werden, die die Rückkehr zu dem alten autoritären System fordern? Denn genau das geschieht zur Zeit mancherortens in der Welt. Man ruft jetzt wieder nach „härterer Zucht“, nach „strafferen Zügeln“ und glaubt dadurch alle jugendlichen Unarten unterbinden zu können, die angeblich auf zuviel Freiheit und zuwenig Strenge in der Erziehung beruhen. Das aber hieße den Teufel mit dem Beelzebub austreiben und führt auf die Dauer nur zu noch mehr Gewalt und zu einer tieferen und gefährlicheren Kluft zwischen den Generationen.

Möglicherweise könnte diese erwünschte „härtere Zucht“ eine äußerliche Wirkung erzielen, die die Befürworter dann als Besserung deuten würden. Freilich nur so lange, bis auch sie allmählich zu der Erkenntnis gezwungen werden, dass Gewalt immer wieder nur Gewalt erzeugt – so wie es von jeher gewesen ist.

Nun mögen sich viele Eltern beunruhigt durch die neuen Signale fragen, ob sie es bisher falsch gemacht haben. Ob eine freie Erziehung, in der die Erwachsenen es nicht für selbstverständlich halten, dass sie das Recht haben zu befehlen und die Kinder die Pflicht haben, sich zu fügen, womöglich nicht doch falsch oder gefährlich sei.

Freie und un-autoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selber überlässt, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen.

Verhaltensnormen brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen Methoden. Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz gewiss sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürfen sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen. Liebevolle Achtung voreinander, das möchte man allen Eltern und allen Kindern wünschen.

Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte, dieses „Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben“.

Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: „Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.“

Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, „Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.“

Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: „NIEMALS GEWALT!“

Ja, aber wenn wir unsere Kinder nun ohne Gewalt und ohne irgendwelche straffen Zügel erziehen, entsteht dadurch schon ein neues Menschengeschlecht, das in ewigem Frieden lebt? Etwas so Einfältiges kann sich wohl nur ein Kinderbuchautor erhoffen! Ich weiß, dass es eine Utopie ist. Und ganz gewiss gibt es in unserer armen, kranken Welt noch sehr viel anderes, das gleichfalls geändert werden muss, soll es Frieden geben. Aber in dieser unserer Gegenwart gibt es – selbst ohne Krieg – so unfassbar viel Grausamkeit, Gewalt und Unterdrückung auf Erden, und das bleibt den Kindern keineswegs verborgen. Sie sehen und hören und lesen es täglich, und schließlich glauben sie gar, Gewalt sei ein natürlicher Zustand.

Müssen wir ihnen dann nicht wenigstens daheim durch unser Beispiel zeigen, dass es eine andere Art zu leben gibt?

Vielleicht wäre es gut, wenn wir alle einen kleinen Stein auf das Küchenbord legten als Mahnung für uns und für die Kinder:

NIEMALS GEWALT!

Es könnte trotz allem mit der Zeit ein winziger Beitrag sein zum Frieden in der Welt

Im geistigen Fundament unserer Kultur macht das Werk dieser imponierenden Frau (1864-1947) einen, wie ich finde, bedeutenden Teil aus. Wie konsequent sie ihren Gedanken verhaftet blieb, zeigt, dass  sie 1933 anlässlich der Machtergreifung Hitlers aus der Preußischen Akamie der Künste austrat und in der Rassenfrage der Naziideologie einen kompromisslosen Standpunkt einnahm. Noch 1943 widmet sie ihre historischen Studien mutig und wie selbstverständlich den Opfern des Widerstandskreises Münchener Studenten.

Zeitlebens umkreist ihr Denken die Einheit von Natur und Geist und die Versöhnung des Menschen mit der Natur. Kein Wunder widmet sie in ihren Schriften der Romantik ihr Augenmerk und es ist keineswegs ein Widerpruch, dass sie dem heimlichen Romantiker Goethe folgt in seiner Lehre von den Urphänomenen, die erkennen lassen, dass es die „göttlichen Ideen sind, die Urbilder und auch Vorbilder (…), die die Wirklichkeit bestimmen.“

Ihre Impulse zu einer Befreiung der Frau ihrer Epoche könnten durchaus heute wieder mehr Beachtung finden, denn gerade heute vermissen wir Frauen wie Ricarda Huch, die sich zu Freiheit und Humanität menschlichen Seins auf einer klaren geistigen, weil religiösen Grundslage klar bekennen. Freiheit des Menschen zeigt sich für sie in einem Bewusstsein als homo religiosus, und zwar in der Überwindung eines egoistischen Standpunktes – das meint sie, wenn sie von Selbstbewusstsein spricht –  durch ein Gottesbewusstsein.

Es ist genau das, was Johannes der Täufer anspricht, wenn er schreibt: ER muss wachsen, ich aber muss abnehmen.

Unter anderem ihre im Folgenden zitierten Gedanken dazu, was ein Kunstwerk von einem Machwerk unterscheidet, finde ich einfach genial, geben sie doch sozusagen eine Anweisung, wie ich ersteres erkennen kann. Doch wie so oft geht es auch um das Thema von Herz und Verstand.

Es lohnt sich, diesen Auszug aus  Luthers Glaube aufmerksam zu studieren. Satz für Satz finden sich beachtenswerte Gedanken:

Manche Menschen scheinen allwissend zur Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, als dass sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, dass da kein Wort hilft, sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes.

Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewussten und bewussten, ich sage lieber , dem gottbewussten und selbstbewussten Wort ist von jeher aufgefallen. Man bemerkte, dass Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden erfahren haben, dass ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des Morgens aus dem Schlafe. spirat ubi vult, der Geist weht, wo er will [...]

Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen Menschen- und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das heißt schaffend, zu machen, dass sie den Verstand ganz unterdrücken, womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt.

Sobald der Kopf das Herz verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus einem lebendigen Organismus zu einem Automaten.

Dass nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es für einen bildlichen Ausdruck. „Die Liebe Gottes“, heißt es in den Römerbriefen, „ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“ Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, dass man ein neues Herz und neuen Mut gewinne [...]

Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. „Der Kopf fasst kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende muss sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen will.“ Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig, andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, dass sie nicht abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern [...] Wenn Goethe sagt: „Große  Gedanken und ein reines Herz, das ist´s, was wir uns von Gott erbitten sollten“, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, göttliche, nicht Menschengedanken.

„Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende in aller Wirkung der Rhythmus.“ Diesen Ausspruch von Heinrich Wölfflin führe ich dir an als einen Beweis von Übereinstimmung mit meiner Ansicht, dass Kunst und Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nämlich nichts anderes als Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein, um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.

Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist für die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn ist nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und Volksmäßigen stecken, wie sie ohne das sinnliche Herz akademisch und schablonenhaft wird.

Das Gehör ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer musikempfindlich ist, weiß ohne Weiteres, dass das Ohr im Herzen mündet. In göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, dass das einzelne Herz mit ihnen verbunden sein muss.

Was Michael Ende mit seinen inneren Augen sah und was eine Realität menschlichen Seins ausmacht, ist die Existenz von grauen Eminenzen, von Grauen Herren, wie er sie nennt, die in der Lage sind, den Menschen ihr Leben auf Erden schon zur Hölle zu machen. Wie viele Herzinfarkte oder andere Krankheiten Menschen ihnen zu „verdanken“ haben, ist bisher noch von keinem schlauen Wissenschaftler errechnet worden. Aber ihre Zahl mag Legende sein. Und jeden Tag kommen Todesopfer und am Leben schwerst Verletzte hinzu.

Um die Existenz der Zeitsparkasse und dass sie sozusagen die schreckliche Heimat der Grauen Herren ist, geht es Michael Ende zum einen.

Zum anderen aber geht es ihm vor allem um die Folgen ihrer Existenz. Und das zeigt er auf berührende Weise an Momo und insbesondere an der Veränderung Girolamos auf. Darauf im Detail einzugehen, würde den Rahmen dieses Post sprengen, nur so viel: Wer Momo noch nicht gelesen hat,  hat unendlich viel versäumt: eines der Geheimnisse menschlichen Seins.

Was Michael Ende nicht tut und auch im Rahmen dieses Romans nicht leisten kann: Er kann aus religiöser, mythologischer und  physikalischer Sicht nicht darauf eingehen, warum es Zeit gibt und dass es eine Existenz menschlichen Seins außerhalb von Raum und Zeit gegeben hat und gibt.

Wie interessant und zugleich anspruchsvoll das Phänomen Zeit ist, mag die Aussage Einsteins belegen:

„Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist nur eine Täuschung, wenn auch eine hartnäckige.“

Kann es sein, dass sich tief in unserem Inneren diese drei Dimensionen der Zeit vereinen und dass wir auf dem Grund jenes Brunnens, von dem Hugo von Hoffmannsthal in Weltgeheimnis spricht, ihre Vereinigung finden?

Kann es sein, dass es Zeit nur gibt, damit wir als Menschen auf unserer Erdenreise ein neues Bewusstsein unseres Seins entwickeln können?

Auf beide Fragen ein klares Ja.

Wer sich dem Phänomen der Zeit aus physikalischer Sicht nähern möchte, einer Physik allerdings, deren Grenzen zur Metaphysik notwendig fließend sind. sei Paul Davis Buch „Die Unsterblichkeit der Zeit. Die moderne Physik zwischen Rationalität und Gott“ empfohlen.  In diesem Buch gibt es sogar ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Rückwärts in der Zeit„. Michael Ende kann es kaum gelesen haben, und doch nähert sich Momo – und es geht ja nur auf diese Weise – Meister Hora rückwärts!

Wer sich aus psychologischer und mythologischer Sicht dem Phänomen Zeit nähern möchte, sei der nur noch antiquarisch erwerbbare Text-Bildband der Jung-Schülerin Marie-Louise von Franz empfohlen, überschrieben „Zeit. Strömen und Stille„. Sie stellt Zeit als etwas dar, was es schon immer war: Gottheit und Ereignisstrom.

In einem abschließenden Kapitel beschäftigt sie sich mit dem Thema „Jenseits der Zeit„.

Für mich sind Raum und Zeit untrennbar mit dem Es werde Licht der Gottheit verbunden, wie sie u.a. in der biblischen Schöpfungsgeschichte niedergeschrieben ist. Licht ist Bewusstsein, und ohne Bewusstsein gibt es keinen Raum und keine Zeit.

Zunächst schafft Gott Himmel und Erde – das ist der Beginn einer Raumexistenz. Dezidiert wird in der Bibel betont, dass Gott am vierten Weltenschöpfungstag die Zeit schafft. Und Gott sprach:

Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre.

Welche Fürsorge!

In der griechischen Mythologie gibt es ein sehr vergleichbares Geschehen. Auch hier existiert zunächst der Raum in Gestalt von Uranos, dem Himmelsgott, und Gaia, der Mutter Erde. Dann erst wird beider Sohn geboren, Kronos, der Gott der Zeit. Ich habe an anderer Stelle darüber geschrieben.

Ganz natürlich, dass Michael Ende über all das nicht schreiben kann. Er rückt einen anderen Aspekt der Zeit in den Vordergrund, und er tut das auf unnachahmliche Weise eben in Momo.

Gut, dass New-Age-Jünger und Esoteriker es versäumt haben, sich auf Michael Ende und sein Werk zu stürzen. Sicherlich hätten sie eine wahre Fundgrube für ihre Ansichten darin entdecken können. Denn Michael Ende bekennt sich in Momo zum einen eindeutig zur Reinkarnation; zum anderen spricht er im hier zitierten Textausschnitt von einem Silbertor und bezieht sich damit auf die Silberschnur, die den Menschen sein Leben lang mit seinem unsterblichen feinstofflichen Körper verbindet. Wird sie, die Silberschnur, von den Schicksalsgöttinnen durchtrennt, stirbt der Mensch.

Wie bedeutsam dieses Geschehen ist, mag man daran sehen, dass in drei abendländischen Kulturen von ihnen die Rede ist, nämlich  in der griechischen – hier lautet ihr Name Moiren -, in der germanischen (Nornen) und in der lateinischen Mythologie (Parzen). Eine Norne spinnt diese Silberschnur, eine andere ist die Wächterin, die ihn misst, die dritte schließlich schneidet sie, die Lebens- bzw. Silberschnur durch. Sie tun dies alles in Übereinstimmung mit einer höheren Macht.

Wie auch in seiner Unendlichen Geschichte, die noch wesentlich reicher an spirituellen und mythologischen Bildern ist, vermittelt Michael Ende sein Wissen eben in Bildern und Farben, wie auch in der Symbolik des Lichtes.

Er tut dies auf eine unaufdringliche Weise; so kann jedes Kind diese Bücher als interessanten Roman lesen, jeder Erwachsene als ein großes Märchen und jemand, der mehr wissen möchte, kann auf vielen Seiten spirituelle Wahrheiten wahrnehmen, ich denke nur an das Märchen vom Zauberspiegel.

Goethe war Rosenkreuzer, Mozart Freimaurer, Michael Ende war einer der ganz großen Wissenden seiner Zeit, ein moderner Eingeweihter wie wir sie seit Goethe wiederfinden. Wissend in einem umfassenden Sinn. Und wenn man Momo zur Kinder- und Jugendbuchliteratur rechnet, so vermittelt er sein Wissen erfreulicherweise schon jugendlichen Lesern.

Dennoch und Gott sei Dank entzieht sich Michael Endes Werk einer vorschnellen Einteilung. Ich möchte sagen, es entzieht sich generell einer Kategorisierung.

Ohnehin ist diese  Zuweisungen zu bestimmten Sparten und Richtungen sinnwidrig. Als ob Gott Menschen in Esoteriker und Exoteriker habe unterteilen wollen. Leben hat immer geistig-seelische und mystische Grundlagen. An einer gegenteiligen Auffassung hat schon Max Frisch seinen Homo faber in seinem gleichnamigen Roman scheitern lassen.

Entdecken wir im Folgenden gemeinsam die ein oder andere große Weisheit, die Michael Endes Werk enthält. Ich habe an der ein oder anderen Stelle schon Hinweise dazu gegeben.

Mit dem vorliegenden Textauszug möchte ich eine ganz wunderbare Passage aus Momo herausheben, die zu zeigen vermag, welche Bedeutung Zeit und Herz für unser Leben haben und inwiefern beides so viel miteinander zu tun hat.

Ja, dass Herz und Zeit durch ein schicksalhaftes Band, durch eine Silberschnur miteinander verbunden sind, wenn wir unser Leben wie eine wunderschöne Blume leben wollen …

Ich möchte den Leser der folgenden Zeilen bitten, ganz aufmerksam zu lesen, zu leicht überliest man die Weisheit kindlicher Bildsprache. Auch wenn ich schrieb, dass Michael Ende sich nicht mit der mythologischen oder physikalischen Ebene der Zeit auseinandersetzen konnte, so verwendet er – für mich einfach unglaubliche – Bilder, die uns an ein Verständnis der Zeit heranführen: Da gibt es für Momo das Meer und dann gibt es den Wind und das Kräuseln an der Oberfläche des Meeres … welche Wahrheit, die da Momo im Folgenden über die Zeit nachempfindet … vergessen wir nicht, dass das Meer großes Symbol ganzheitlichen Seins ist … an dessen Oberfläche kräuselt der Wind … die Zeit …

Hier nun der Textauszug:

»Sag mal«, fragte sie schließlich, »was ist denn die Zeit eigentlich?«

»Das hast du doch gerade selbst herausgefunden«, antwortete Meister Hora.

»Nein, ich meine«, erklärte Momo, »die Zeit selbst – sie muss doch irgendetwas sein. Es gibt sie doch. Was ist sie denn wirklich?«

»Es wäre schön«, sagte Meister Hora, »wenn du auch das selbst beantworten könntest.«

Momo überlegte lange.

»Sie ist da«, murmelte sie gedankenverloren, »das ist jedenfalls sicher. Aber anfassen kann man sie nicht. Und fest halten auch nicht.

Vielleicht ist sie so was wie ein Duft? Aber sie ist auch etwas, das immerzu vorbeigeht. Also muss sie auch irgendwo herkommen.

Vielleicht ist sie so was wie der Wind? Oder nein! Jetzt weiß ich’s!

Vielleicht ist sie so eine Art Musik, die man bloß nicht hört, weil sie immer da ist. Obwohl, ich glaub, ich hab sie schon manchmal gehört, ganz leise.

»Ich weiß«, nickte Meister Hora, »deswegen konnte ich dich ja zu mir rufen.«

»Aber es muss noch was anderes dabei sein«, meinte Momo, die dem Gedanken noch weiter nachhing, »die Musik ist nämlich von weit hergekommen, aber geklungen hat sie ganz tief in mir drin. Vielleicht ist es mit der Zeit auch so.« Sie schwieg verwirrt und fügte dann hilflos hinzu: »Ich meine, so wie die Wellen auf dem Wasser durch den Wind entstehen. Ach, das ist wahrscheinlich alles Unsinn, was ich rede!«

»Ich finde«, sagte Meister Hora, »das hast du sehr schön gesagt. Und deshalb will ich dir nun ein Geheimnis anvertrauen: Hier aus dem Nirgend-Haus in der Niemals-Gasse kommt die Zeit aller Menschen.« Momo blickte ihn ehrfürchtig an. »Oh«, sagte sie leise, »machst du sie selbst?«

Meister Hora lächelte wieder. »Nein, mein Kind, ich bin nur der Verwalter. Meine Pflicht ist es, jedem Menschen die Zeit zuzuteilen, die  ihm bestimmt ist.«

»Könntest du es dann nicht ganz einfach so einrichten«, fragte Momo, »dass die Zeit-Diebe den Menschen keine Zeit mehr stehlen können?«

»Nein, das kann ich nicht«, antwortete Meister Hora, »denn was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.«

Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine, ja?«

»Nein, Momo«, erwiderte Meister Hora, »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.«

»Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?«, fragte Momo.

»Dann«, erwiderte Meister Hora, »hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind. Man könnte auch sagen, du selbst bist es, die durch die Zeit zurückgeht, durch alle deine Tage und Nächte, Monate und Jahre. Du wanderst durch dein Leben zurück, bis du zu dem großen runden Silbertor kommst, durch das du einst hereinkamst. Dort gehst du wieder hinaus.«

»Und was ist auf der anderen Seite?«

»Dann bist du dort, wo die Musik herkommt, die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu, du bist selbst ein Ton darin.«

Er blickte Momo prüfend an. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?«

»Doch«, sagte Momo leise, »ich glaube schon.«

Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse, in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?« Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile, ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.«

»Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«, schlug Momo vor.

»Meinst du?«, fragte Meister Hora. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile. Aber ich fürchte, sie wollen es gar nicht hören. Sie wollen lieber denen glauben, die ihnen Angst machen. Das ist auch ein Rätsel.«

»Ich hab keine Angst«, sagte Momo.

Meister Hora nickte langsam. Er blickte Momo lange an, dann fragte er: »Möchtest du sehen, wo die Zeit herkommt?«

»Ja«, flüsterte sie.

»Ich werde dich hinführen«, sagte Meister Hora. »Aber an jenem Ort muss man schweigen. Man darf nichts fragen und nichts sagen. Versprichst du mir das?«

Momo nickte stumm.

Da beugte Meister Hora sich zu ihr herunter, hob sie hoch und nahm sie fest in seine Arme. Er schien ihr auf einmal sehr groß und unaussprechlich alt, aber nicht wie ein alter Mann, sondern wie ein uralter Baum oder wie ein Felsenberg. Dann deckte er ihr mit der Hand die Augen zu und es fühlte sich an wie leichter, kühler Schnee, der auf ihr Gesicht fiel.

Momo war es, als ob Meister Hora mit ihr durch einen langen, dunklen Gang schritte. Aber sie fühlte sich ganz geborgen und hatte keine Angst. Anfangs meinte sie, das Pochen ihres eigenen Herzens zu hören, aber dann schien es ihr mehr und mehr, als sei es in Wirklichkeit der Widerhall von Meister Horas Schritten. Es war ein langer Weg, aber schließlich setzte er Momo ab. Sein Gesicht war nahe vor dem ihren, er blickte sie groß an und hatte den Finger an die Lippen gelegt. Dann richtete er sich auf und trat zurück. Goldene Dämmerung umgab sie.

Nach und nach erkannte Momo, dass sie unter einer gewaltigen, vollkommen runden Kuppel stand, die ihr so groß schien wie das ganze Himmelsgewölbe. Und diese riesige Kuppel war aus reinstem Gold. Hoch oben in der Mitte war eine kreisrunde Öffnung, durch die eine Säule von Licht senkrecht herniederfiel auf einen ebenso kreisrunden Teich, dessen schwarzes Wasser glatt und reglos lag wie ein dunkler Spiegel.

Dicht über dem Wasser funkelte etwas in der Lichtsäule wie ein heller Stern. Es bewegte sich mit majestätischer Langsamkeit dahin und Momo erkannte ein ungeheures Pendel, welches über dem schwarzen Spiegel hin- und zurückschwang. Aber es war nirgends aufgehängt. Es schwebte und schien ohne Schwere zu sein.

Als das Sternenpendel sich nun langsam immer mehr dem Rande des Teiches näherte, tauchte dort aus dem dunklen Wasser eine große Blütenknospe auf. Je näher das Pendel kam, desto weiter öffnete sie sich, bis sie schließlich voll erblüht auf dem Wasserspiegel lag.

Es war eine Blüte von solcher Herrlichkeit, wie Momo noch nie zuvor eine gesehen hatte. Sie schien aus nichts als leuchtenden Farben zu bestehen. Momo hatte nie geahnt, dass es diese Farben überhaupt gab. Das Sternenpendel hielt eine Weile über der Blüte an und Momo versank ganz und gar in den Anblick und vergaß alles um sich her. Der Duft allein schien ihr wie etwas, wonach sie sich immer gesehnt hatte ohne zu wissen, was es war.

Doch dann schwang das Pendel langsam, langsam wieder zurück. Und während es sich ganz allmählich entfernte, gewahrte Momo zu ihrer Bestürzung, dass die herrliche Blüte anfing zu verwelken. Ein Blatt nach dem anderen löste sich und versank in der dunklen Tiefe. Momo empfand es so schmerzlich, als ob etwas Unwiederbringliches für immer von ihr fortginge.

Als das Pendel über der Mitte des schwarzen Teiches angekommen war, hatte die herrliche Blüte sich vollkommen aufgelöst. Gleichzeitig aber begann auf der gegenüberliegenden Seite eine Knospe aus dem dunklen Wasser aufzusteigen. Und als das Pendel sich dieser nun langsam näherte, sah Momo, dass es eine noch viel herrlichere Blüte war, die da aufzubrechen begann. Das Kind ging um den Teich herum um sie aus der Nähe zu betrachten.

Sie war ganz und gar anders als die vorhergehende Blüte. Auch ihre Farben hatte Momo noch nie zuvor gesehen, aber es schien ihr, als sei diese hier noch viel reicher und kostbarer. Sie duftete ganz anders, viel herrlicher und je länger Momo sie betrachtete, umso mehr wundervolle Einzelheiten entdeckte sie.

Aber wieder kehrte das Sternenpendel um und die Herrlichkeit verging und löste sich auf und versank, Blatt für Blatt, in den unergründlichen Tiefen des schwarzen Teiches.

Langsam, langsam wanderte das Pendel zurück auf die Gegenseite, aber es erreichte nun nicht mehr dieselbe Stelle wie vorher, sondern es war um ein kleines Stück weitergewandert. Und dort, einen Schritt neben der ersten Stelle, begann abermals eine Knospe aufzusteigen und sich allmählich zu entfalten.

Diese Blüte war nun die allerschönste, wie es Momo schien. Dies war die Blüle aller Blüten, ein einziges Wunder!

Momo hätte am liebsten laut geweint, als sie sehen musste, dass auch diese Vollkommenheit anfing hinzuwelken und in den dunklen Tiefen zu versinken. Aber sie erinnerte sich an ein Versprechen, das sie Meister Hora gegeben hatte und schwieg still.

Auch auf der Gegenseite war das Pendel nun einen Schritt weiter gewandert und eine neue Blume stieg aus den dunklen Wassern auf.

Allmählich begriff Momo, dass jede neue Blume immer ganz anders war als alle vorherigen und dass ihr jeweils diejenige, die gerade blühte, die allerschönste zu sein schien.

Immer rund um den Teich wandernd, schaute sie zu, wie Blüte um Blüte entstand und wieder verging. Und es war ihr, als könne sie dieses Schauspiels niemals müde werden.

Aber nach und nach wurde sie gewahr, dass hier immerwährend noch etwas anderes vorging, etwas, das sie bisher nicht bemerkt hatte.

Die Lichtsäule, die aus der Mitte der Kuppel herniederstrahlte, war nicht nur zu sehen – Momo begann sie nun auch zu hören!

Anfangs war es wie ein Rauschen, so wie von Wind, den man fern in den Wipfeln der Bäume hört. Aber dann wurde das Brausen mächtiger, bis es dem eines Wasserfalls glich oder dem Donnern der Meereswogen gegen eine Felsenküste.

Und Momo vernahm immer deutlicher, dass dieses Tosen aus unzähligen Klängen bestand, die sich untereinander ständig neu ordneten, sich wandelten und immerfort andere Harmonien bildeten. Es war Musik und war doch zugleich etwas ganz Anderes. Und plötzlich erkannte Momo sie wieder: Es war die Musik, die sie manchmal leisend wie von fern gehörte hatte, wenn sie unter dem funkelnden Sternenhimmel der Stille lauschte.

Aber nun wurden die Klänge immer klarer und strahlender. Momo ahnte, dass dieses klingende Licht es war, das jede der Blüten in anderer, jede in einmaliger und unwiederholbarer Gestalt aus den Tiefen des dunklen Wassers hervorrief und bildete. Je länger sie zuhörte, desto deutlicher konnte sie einzelne Stimmen unterscheiden. Aber es waren keine menschlichen Stimmen, sondern es klang, als ob Gold und Silber und alle anderen Metalle sangen. Und dann tauchten, gleichsam dahinter, Stimmen ganz anderer Art auf, Stimmen aus undenkbaren Fernen und von unbeschreibbarer Mächtigkeit. Immer deutlicher wurden sie, sodass Momo nun nach und nach Worte hörte, Worte einer Sprache, die sie noch nie vernommen hatte und die sie doch verstand. Es waren Sonne und Mond und die Planeten und alle Sterne, die ihre eigenen, ihre wirklichen Namen offenbarten. Und in diesen Namen lag beschlossen, was sie tun und wie sie alle zusammenwirken, um jede einzelne dieser Stunden-Blumen entstehen und wieder vergehen zu lassen.

Und auf einmal begriff Momo, dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete!

Und es überkam sie etwas, das größer war als Angst.

In diesem Augenblick sah sie Meister Hora, der ihr schweigend mit der Hand winkte. Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück.

Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren, bettete er sie auf das zierliche Sofa.

»Meister Hora«, flüsterte Momo, »ich hab nie gewusst, dass die Zeit aller Menschen so …« – sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden – »so groß ist«, sagte sie schließlich.

»Was du gesehen und gehört hast, Momo«, antwortete Meister Hora,“ »das war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.«

»Aber wo war ich denn?«

»In deinem eigenen Herzen«, sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar.

»Meister Hora«, flüsterte Momo wieder, »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?«

»Nein«, antwortete er, »das kann jetzt noch nicht sein.«

»Wie lang darf ich denn bei dir bleiben?«

»Bis es dich selbst zu deinen Freunden zurückzieht, mein Kind.«

»Aber darf ich ihnen erzählen, was die Sterne gesagt haben?«

»Du darfst es. Aber du wirst es nicht können.«

»Warum nicht?«

»Dazu müssten die Worte dafür in dir erst wachsen.«

»Ich möchte ihnen aber davon erzählen, allen! Ich möchte ihnen die Stimmen vorsingen können. Ich glaube, dann würde alles wieder gut werden.«

»Wenn du das wirklich willst, Momo, dann musst du warten können.«

»Warten macht mir nichts aus.«

»Warten, Kind, wie ein Samenkorn, das in der Erde schläft einen ganzen Sonnenkreis lang, ehe es aufgehen kann. So lang dauert es, bis die Worte in dir gewachsen sein werden. Willst du das?«

»Ja«, flüsterte Momo.

»Dann schlafe«, sagte Meister Hora und strich ihr über die Augen, »schlafe!«

Und Momo holte tief und glücklich Atem und schlief ein.

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