Große Sachen sind oft nur kleine Sachen, die auffallen.
Der Joker
Am Anfang hab ich mich mit Markus Zusaks Buch etwas schwer getan, sicher auch, weil ich, wie ich an anderer Stelle etwas ausführlicher geschrieben habe, zu seiner Lektüre verdonnert worden war. Mit der Zeit gefiel es mir. Und je länger ich las, desto mehr bewunderte ich den Autor, diesen noch recht jugendlichen Deutsch-Australier, für seine genialen, unerschöpflichen, köstlichen Einfälle (wenn ich allein an die Nutte denke, die an alle ihre Sätze ein Kosewort anhängen muss :-))). Am Schluss war ich echt begeistert, vor allem, als ich verstand, was Zusak im Grunde als Botschaft jedem Leser mit auf den Weg gibt (Genaueres dazu ein andermal mehr). Und nun, 10 Tage nach Ende der Lektüre stelle ich fest, dass ich regelrecht verliebt bin in das Buch und gespannt bin, ob ich es – was ich freiwillig nie tue – tatsächlich noch ein zweites Mal lese.
Nein, ich vermute, ich werde es so machen, dass ich mal wieder die ein oder andere Passage lese, z.B. die von Sophie, der Barfußläuferin. Diese sanfte Liebe zwischen den beiden, Ed (dem Protagonisten, also Hauptdarsteller des Buches) und dieser sanft konturierten jungen Frau; seine unaufdringliche Verehrung für sie, das ist so schön geschrieben, unaufdringlich schön. Und seine Botschaft in Form eines leeren Kartons …
Botschaften zu überbringen, das ist in der Tat die Aufgabe Eds und wie es dazu kommt, ist mehr als kurios. Zu Beginn nämlich finden wir ihn auf dem Boden einer Bank liegend, in der gerade ein Banküberall abläuft, durchgeführt von einem hypernervösen Bankräuber, dem, weil es in der zweiten Reihe steht – sein Fluchtfahrzeug samt Fahrer von der Polizei weggeschickt wird, der dann auf der Flucht sein Gewehr verliert, das gekaperte Ersatzfluchtfahrzeug nicht zum Laufen bringt und schließlich von Ed, der das Gewehr aufhebt und den Bankräuber damit in Schach hält, bis die Polizei kommt, zur Strecke gebracht wird. Daraufhin ist Ed ein Held und selbst seine Mutter, „eine von jenen knallharten Weibern, die man nicht einmal mit der Axt um die Ecke bringen könnte“, ist stolz auf ihn.
Doch dann geschieht etwas Überraschendes: Ed findet bald darauf einen Umschlag in seinem Briefkasten, in dem sich ein Ass, das Karo-Ass findet, auf dem drei Adressen zu lesen sind. Alle diese Adressen erweisen sich für ihn als große Herausforderungen.
Nun beginnt eine Zeit der Bewährung für Ed, denn es folgen noch drei weitere Asse, jeweils mit drei Aufgaben
Also – um den Faden wieder aufzunehmen – die Aufgabe und Botschaft für Sophie fand ich toll. Oder wie Ed eine weitere Aufgabe meistert, indem er O´Reilly, dem Priester, die Kirche füllt mit Leuten, die sonst nie in die Kirche gehen. Okay, sicherlich gehen viele, weil Eds Idee, dass es im Anschluss an den Gottesdienst Freibier gibt, sie magisch anzog. Dennoch, ein Gottesdienst, in dem die Menge ausrastet, klatscht und johlt, in dem der Priester zu Beginn des Gottesdienstes auf der Mundharmonika spielt und Männer kommen und auf dem Deckel einer Mülltonne mittrommeln … Wo gibt es sowas? – In der Wirklichkeit eines Buches.
Das Gebet O´Reillys zum Abschluss des Gottesdienstes, das fand ich einfach nur genial, als ich es las. Er sagt:
„Leute, ich werde jetzt beten, erst laut und dann still für mich. Ihr dürft jedes Gebet sagen, dass ihr mögt oder das euch wichtig ist.“ Er neigt den Kopf und spricht:“Herr, ich danke Dir. Ich danke dir für diesen glorreichen Moment und für all diese großartigen Menschen. Ich danke dir für das Freibier.“ (Die Menge lacht.) „Und ich danke dir für die Musik und die Worte, die du uns heute geschenkt hast. Vor allem aber, Herr, danke ich dir, dass mein Bruder heute hier sein kann, und ich danke dir für einen ganz bestimmten jungen Mann, der eine ganz fürchterliche hässliche Lederjacke trägt … Amen.“
„Amen“, wiederholen die Menschen.
Mit diesem ganz bestimmten jungen Mann ist Ed Kennedy gemeint.
Aber, damit ich mich nicht verzettele, diese Stelle habe ich gar nicht ausgewählt, sondern eine Passage, in der Ed eine weitere Botschaft zu überbringen hat, eine Botschaft des Lichtes und der Liebe, so könnte man sagen, oder, wie Zusak sie überschreibt: „Die Kraft und die Herrlichkeit“. Wenn das mal nicht zu pathetisch klingt. So erweist sie sich aber ganz und gar nicht. Wäre auch ein Wunder bei diesem Autor.
Jedenfalls geht es um eine poynesische Familie, Lua Lua Tatupu, seine Marie und deren fünf Kinder in der Havanna Road.
Wissen sollte man, dass der Knochenbrecher ein jährlich stattfindendes Football-Spiel ist, das diesmal ein besoffener Schiedsrichter leitete, dass Marv und Ritchie und Audrey Freunde von Ed sind und dass der Türsteher sein Hund ist, voller Flöhe und so stinkend, dass er überall, wo er auftaucht, unüberriechbar ist. Und ganz wichtig ist, wie sehr sich Jessie auf die Weihnachtsbeleuchtung freut … aber lies selbst:
PIK 4 Der Vorteil der Lüge
Es ist Dienstagabend und wir spielen Karten bei mir zu Hause. Ritchie jammert über ein geprelltes Schlüsselbein, ein Souvenir vom Knochenbrecher. Audrey amüsiert sich und Marv gewinnt. Wie üblich ist er unerträglich.
Ich war in der Havanna Road und habe mir Haus Nummer 114 angeschaut. Dort lebt eine polynesische Familie mit einem Vater, der noch größer und bulliger ist als der Kerl aus der Edgar Street. Er arbeitet als Bauarbeiter und behandelt seine Frau wie eine Königin und die Kinder wie kleine Götter. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, nimmt er sie auf den Arm und wirft sie hoch in die Luft. Sie lachen und himmeln ihn an und warten jeden Tag darauf, dass er heimkommt.
Die Havanna Road ist lang und liegt abseits. Die Häuser sind ziemlich alt. Allesamt Fertigteilbauten.
Ich weiß noch nicht, was ich hier tun muss, aber mittlerweile bin ich ziemlich selbstbewusst geworden. Ich werde schon noch darauf kommen.
»Sieht so aus, als würde ich wieder gewinnen«, grinst Marv schadenfroh. Er ist gut in Form und seine Zigarre hängt ihm aus dem Mundwinkel.
»Ich hasse dich, Marv«, sagt Ritchie. Er spricht nur aus, was wir alle in einer solchen Situation denken.
Marv spricht über unser Weihnachtsspiel.
»Wer ist dieses Jahr dran?«, fragt er. Aber er kann uns nichts vormachen. Er weiß genau, dass er an der Reihe ist, und wir wissen, dass er sich drücken will. Marv wäre nie in der Lage, ein Weihnachtsessen zuzubereiten. Nicht dass er nicht kochen könnte. Er ist einfach zu geizig. Er würde nie im Leben einen Truthahn kaufen. Die Einladung zum Frühstück am Tag des Knochenbrechers war eine einmalige Angelegenheit.
»Du«, erwidert Ritchie. Direkt in Marvs Gesicht. »Du bist dran, Marv.«
»Bist du sicher?«
»Ja«, betont Ritchie. »Ich bin sicher.«
»Aber ihr wisst doch, meine Eltern sind da und meine Schwester und…«
»Red keinen Quatsch, Marv, wir mögen deine Eltern.« Ritchie hat heute richtig Feuer im Hintern. Normalerweise ist es ihm völlig egal, wo die Party stattfindet. Aber er hat Lust, Marv auf Touren zu bringen. »Und deine Schwester mögen wir auch. Sie ist heiß, Mann, so heiß wie ein Strand inj der Sommersonne! Sie rast schon vor Hitze!«
»Ein Strand in der Sommersonne?«, fragt Audrey. »Und sie rast vor Hitze?«
Ritchie hämmert mit der Faust auf den Tisch. »Verdammt richtig, Mädchen.«
Wir drei lachen, während sich Marv windet.
»Es ist ja nicht so, als hättest du kein Geld«, sage ich zu ihm. »Dreißigtausend, war’s nicht so?«
»Sind gerade vierzig geworden«, erwidert er. Diese Aussage ist der Anlass zu einer hitzigen Diskussion über die Frage, was Marv mit einer solchen Summe anfangen will. Er erklärt uns knapp, das ginge nur ihn etwas an, und danach lassen wir die Sache fallen.
Irgendwie lassen wir ziemlich viele Sachen fallen.
Nach ein paar Minuten gebe ich nach.
Wir machen es einfach hier«, sage ich. Ich schaue Marv an. »Aber kein Wort über den Türsteher, verstanden?«
Marv ist nicht glücklich darüber, aber er ist einverstanden.
Ich setze nach.
»Also gut, Marv«, sage ich. »Wir machen es so: Ich richte das Weihnachtsspiel aus, aber nur unter einer Bedingung.«
»Unter welcher?«
»Du musst dem Türsteher ein Geschenk mitbringen.« Ich will die Situation ein bisschen auskosten. Bei Marv bekommt man nicht allzu oft Gelegenheit dazu, ihm eins auszuwischen, und ich muss sagen, die jetzige entwickelt sich besser, als ich gehofft hatte. Ich bin über mich selbst entzückt. »Du kannst ihm ein großes, saftiges Steak mitbringen und…« – mir kommt ein glorreicher Gedanke – »du musst ihm einen Kuss geben. Unter dem Mistelzweig, sozusagen.«
Ritchie schnalzt mit dem Finger. »Super Idee, Ed. Grandios.«
Marv ist sprachlos.
Vor Entrüstung.
»Das ist ekelhaft«, sagt er zu mir, aber er weiß, dass er immer noch besser dabei wegkommt, als wenn er den Truthahn kaufen und ihn auch noch zubereiten müsste. Endlich entschließt er sich. »Also gut, ich mach es.« Er deutet mit dem Finger auf mich. »Aber du bist ein völlig irrsinniger Mistkerl, Ed.«
»Danke, Marv, ich weiß es zu würdigen.« Und zum ersten Mal seit vielen Jahren freue ich mich auf Weihnachten.
Je nachdem wie ich es zwischen meinen Schichten einrichten kann, gehe ich zur Havanna Road. Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Familie hart arbeiten muss, um über die Runden zu kommen. Trotzdem weiß ich immer noch nicht, was ich hier tun muss. Eines Abends, als ich hinter dem Gebüsch stehe, kommt der Vater zu mir. Er ist ein großer Kerl und könnte mich mit einer Hand erwürgen. Er sieht nicht erfreut aus.
»He«, ruft er mir zu. »Du da. Ich hab dich hier schon mal gesehen.« Flink kommt er auf mich zu. »Komm sofort da raus.« Seine Stimme ist nicht laut. Sie hört sich so an, als wäre sie es gewohnt, sanft und ruhig zu sprechen. Aber seine Größe macht mir trotzdem Angst.
Keine Sorge, sage ich zu mir. Es ist nötig, dass ich hier bin.. Es. muss sein, koste es, was es wolle.
Ich komme aus dem Gebüsch und trete dem Mann gegenüber, genau in dem Moment, in dem die Sonne hinter dem Haus versinkt. Er hat weiche, dunkle Haut und schwarze Locken und Augen, die mir drohen.
»Spionierst du meinen Kindern nach, Junge?«
»Nein, Sir.« Ich hebe meinen Kopf in die Höhe. Ich will stolz aussehen, stolz und ehrlich.
Moment mal, denke ich. Ich bin doch ehrlich. Meistens jedenfalls.
»Und warum stehst du dann da?«
Ich lüge und hoffe.
»ICh habe früher in diesem Haus gewohnt«, sage ich. Scheiße. Gute Idee, Ed. Ich bin von mir selbst beeindruckt. »Vor vielen Jahren, bevor wir näher ans Stadtzentrum gezogen sind. Manchmal komme ich hier raus und schaue mir das Haus an.« Und bitte, flehe ich, bitte lass die Leute noch nicht lange hier wohnen. »Mein Vater ist vor kurzem gestorben, und wenn ich hierher komme, dann denke ich an ihn. Ich denke an ihn, wenn ich sehe, wie Sie Ihre Kinder in die Luft werfen und sie auf Ihre Schulter setzen und herumtragen…«
Der Mann entspannt sich, nur ein bisschen.
Gott sei Dank.
Er kommt etwas näher. Hinter ihm fällt die Sonne auf seine Hände und Kniekehlen.
»Ja, das ist eine ziemlich schäbige Hütte«, sagt er und wedelt mit der Hand in Richtung Haus. »Aber mehr können wir uns momentan nicht leisten.«
»So schlimm ist es auch wieder nicht«, sage ich.
Wir reden noch eine kleine Weile miteinander und dann stellt mir der Mann unvermittelt eine überraschende Frage. Er tritt einen Schritt zurück, denkt nach und sagt dann: »He, wollen Sie nicht reinkommen und sich umsehen? Wir wollten gerade zu Abend essen. Sie sind herzlich eingeladen.«
Mein Bauch sagt mir, ich solle ablehnen, aber ich tue es nicht. Es ist schwerer, die Einladung anzunehmen.
Ich folge dem Mann auf die Veranda hinauf und hinein ins Haus. Bevor wir über die Türschwelle gehen, sagt er: »Ich heiße übrigens Lua. Lua Tatupu.«
»Ed Kennedy«, sage ich, und wir schütteln einander die Hände. Lua zerdrückt mir beinahe sämtliche Fingerknochen.
»Marie?«, ruft er, als wir drinnen sind. »Kinder?« Er dreht sich zu mir um. »Sieht das Haus noch so aus wie früher?«
»Wie bitte?« Dann fällt es mir wieder ein. »Oh. Ja, fast genauso.«
Die Kinder kommen aus den Ecken und Winkeln geströmt und fangen an, auf uns herumzuklettern. Lua stellt mich vor, zuerst ihnen und dann seiner Frau. Zum Abendessen gibt es Kartoffelbrei und Würstchen.
Wir essen, und Lua erzählt Witze, und die Kinder lachen und lachen, obwohl sie laut Marie dieselben Witze schon tausendmal gehört haben. Marie hat Falten unter ihren Au-gen und wirkt erschöpft vom Leben, den Kindern und der Notwendigkeit, jeden Abend Essen auf den Tisch zu stellen. Ihre Haut ist heller als dje von Lua und sie hat dunkelbraune, wellige Haare. Sie war mal wunderschön – noch schöner, als sie jetzt ist. Sie arbeitet in einem Supermarkt. Jeden Tag.
Die beiden haben fünf Kinder. Sie alle kauen ihr Essen mit offenem Mund, und wenn sie lachen, sieht man die ganze Welt in ihren Augen. Man merkt genau, warum Lua sie so behandelt, wie er es tut, und warum er sie so abgöttisch liebt.
»Darf ich auf Ed Huckepack reiten, Dad?«, fragt eines von den Mädchen.
Ich nicke ihm zu, und Lua sagt: »Natürlich, Liebes, aber hast du nicht noch ein kleines Wörtchen vergessen?« Irgendwie erinnert er mich an Vater O’Reillys Bruder Tony.
Das Mädchen versetzt sich selbst einen Klaps auf die Stirn, grinst und sagt: »Darf ich bitte auf Ed Huckepack reiten?«
»Sicher, Kleines«, sagt Lua, und ich verwandele mich in einen Lastesel.
Ich bin dreizehnmal Huckepack geritten worden, als Marie mich schließlich erlöst und den jüngsten ihrer Söhne von mir herunterhebt.
»Jessie, ich glaube, Ed ist jetzt müde. Gönn ihm eine Pause, okay?«
»Okay.« Jessie gibt nach und ich lasse mich aufs Sofa fallen.
Jessie ist etwa sechs Jahre alt, und während ich dasitze und mich erhole, flüstert er mir etwas ins Ohr.
Die Antwort.
Er sagt: »Mein Dad hängt bald die Weihachtsbeleuchtung auf. Du musst unbedingt kommen und dir das ansehen. Die Lichter sind einfach toll…«
»Das mach ich«, verspreche ich. »Ich komm vorbei.«
Ich schaue mich ein letztes Mal im Haus um, als wollte ich mir selbst einreden, dass ich hier einmal gewohnt habe. Ich erfinde sogar ein paar tolle Erinnerungen an meinen Vater innerhalb dieser Mauern.
Lua schläft, als ich gehe, daher bringt mich Marie zur Tür.
»Danke«, sage ich, »für alles.«
Sie schaut mich mit ihren warmen, offenen Augen an und sagt: »Gern geschehen, Ed. Du kannst jederzeit wiederkommen.«
»Das mach ich«, sage ich. Diesmal ist es keine Lüge.
Am Wochenende gehe ich tagsüber am Haus vorbei. Die Weihnachtsbeleuchtung ist aufgehängt. Die Lampen sind alt und trübe. Einige fehlen ganz. Sie sind altmodisch. Sie blitzen nicht. Es sind lediglich große Glühlampen in unterschiedlichen Farben, die über das Dach der Veranda gehängt wurden.
Ich komme später wieder, denke ich, und schaue mir die Sache näher an.
Und am Abend, als die Lichter brennen, sehe ich, dass nur noch die Hälfte der Glühlampen funktioniert. Sage und schreibe vier. Vier Glühlampen, um das Haus der Tatupus in diesem Jahr zu erhellen. Keine große Sache, aber irgendwie wichtig. Große Sachen sind oft nur kleine Sachen, die auffallen.
Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit komme ich wieder, tagsüber, wenn sie alle in der Schule oder bei der Arbeit sind.
Mit dieser Beleuchtung muss etwas passieren.
Ich gehe in den Elektroladen und kaufe brandneue Lampen, die genauso aussehen wie die alten. Schöne, große Kugeln in Blau, Rot, Gelb und Grün. Es ist ein heißer Mittwoch, und überraschenderweise verliert keiner der Nachbarn auch nur ein Wort, als ich mich auf der Veranda der Tatupus auf einen umgedrehten Eimer stelle. Ich hänge die alte Lichterkette ab, wobei ich die Nägel verbiegen muss, die das Kabel halten. Als das Zeug unten liegt, fällt mir auf, dass der Stecker im Haus eingesteckt ist (was ich mir hätte denken können) und ich daher meine Arbeit nicht ganz zu Ende bringen kann. Also hänge ich die alten Lampen wieder auf und lasse die neuen vor der Tür liegen.
Ich schreibe keinen Zettel.
Es gibt nichts mehr zu tun.
Erst will ich noch »Frohe Weihnachten« auf den Karton schreiben, lasse es aber bleiben.
Hier geht es nicht um Worte.
Hier geht es um brennende Lampen und um kleine Sachen, die in Wahrheit große Sachen sind.
PIK 5 Die Kraft und die Herrlichkeit
Ich esse gerade Ravioli, als ein Van vor meiner Hütte hält. Der Motor kommt knurrend zum Stillstand und ich höre eine Autotür knallen. Als Nächstes hämmern kleine Fäuste an meine Haustür.
Zur Abwechslung fängt der Türsteher mal an zu bellen, aber ich beruhige ihn und mache die Tür auf.
Vor mir stehen Lua, Marie und ihre Kinder.
»Hallo, Ed«, sagt Lua, und der Rest der Bande fällt mit ein. Es klingt wie ein vielfältiges Echo. Er fährt fort. »Wir haben das Telefonbuch nach dir durchsucht, aber du stehst nicht drin. Da haben wir einfach alle Kennedys angerufen. Deine Mutter hat uns deine Adresse gegeben.«
Stille senkt sich auf uns herab, während ich mir versuche vorzustellen, was meine Mutter zu ihnen gesagt haben mag. Marie durchbricht sie.
»Komm mit«, sagt sie.
Dort im Van, eingezwängt zwischen all den Kindern, sitze ich nun und erlebe diese Familie das erste Mal in Schweigen vertieft. Dieser Umstand macht mich reichlich nervös. Die Straßenlaternen huschen vorbei wie Buchseiten aus Licht, die einzeln auf mich zukommen und sich dann wieder von mir abwenden. Ich schaue nach vorn zur Windschutzscheibe und merke, dass Lua mich im Rückspiegel beobachtet.
Fünf, zehn Minuten später erreichen wir das Haus.
Marie übernimmt die Regie.
»Alles klar, Kinder«, sagt sie. »Rein mit euch ins Haus.«
Sie geht mit ihnen und lässt Lua und mich im Wagen zurück. Allein.
Wieder schaut er in den Spiegel und wirft mir seine Augen rückwärts ins Gesicht.
»Bist du bereit?«, fragt er.
»Wofür?«
Er schüttelt nur den Kopf. »Versuch nicht, mich auf den Arm zu nehmen, Ed.« Er steigt aus und schlägt die Tür zu. »Komm schon«, ruft er durch das geschlossene Fenster in den Wagen. »Komm raus, Junge.«
Junge.
Die Art, wie er das sagt, gefällt mir nicht. Irgendwie unheilschwanger. Ich habe die Befürchtung, dass ich ihn mit den neuen Lampen gekränkt habe. Vielleicht betrachtet er es als Anschuldigung, er könne nicht anständig für seine Familie sorgen. Vielleicht glaubt er, dass ich ihn für einen armseligen Versager halte, der nicht einmal Geld für eine Weihnachtsdekoration aufbringen kann. Ich traue mich nicht, das Haus anzusehen, als ich ihm zu der Straßenecke folge, wo er stehen geblieben ist und mir entgegenschaut. Dort ist es dunkel. Sehr dunkel.
Lua sieht mich an.
Ich sehe den Boden zu meinen Füßen.
Als Nächstes höre ich, wie die Fliegengittertür mehrmals geöffnet und mit einem Knall wieder zugeschlagen wird. Die Kinder kommen auf uns zugerast, gefolgt von Marie mit schnellen Schritten.
Als ich die Kinder durchzähle, merke ich, dass eines von ihnen fehlt.
Jessie.
Ich studiere ihre Gesichter, bevor ich wieder zu Boden sehe. Der laute Ruf aus Luas Mund lässt mich erschrocken hochfahren. Jetzt, Jess!«, schreit er.
Ein paar Sekunden schieben sich ineinander, und als ich wieder hochsehe, ist das alte Haus hell erleuchtet. Die Lichter sind so wunderschön, dass sie das Gebäude allein durch ihr Strahlen zusammenzuhalten scheinen. Die Gesichter der Kinder und auch die von Lua und Marie sind mit roten, blauen, gelben und grünen Flecken besprenkelt. Ich fühle das rote Leuchten auf meinem eigenen Gesicht und auch mein erleichtertes Grinsen. Die Kinder jubeln und klatschen und sagen, dass dies das beste Weihnachtsfest ihres Lebens wird. Die Mädchen fangen an zu tanzen und halten sich dabei an den Händen. Dann kommt Jessie aus dem Haus gerannt und schaut sich um.
»Er wollte den Stecker unbedingt selbst einstecken«, sagt Lua zu mir. Ich schaue Jessie an und sein Grinsen ist das breiteste und schönste von allen. Das lebendigste. Das ist sein Moment, denke ich, und der von Lua und Marie. »Als wir die neuen Lampen bekommen haben, sagte Jessie, dass er dich dabeihaben wollte, wenn wir sie einschajten. Was konnten wir anderes tun?«
Ich schüttele meinen Kopf und schaue in die Farben, die über den Vorgarten strahlen.
Sie schwimmen durch meine Augen.
Und zu mir selbst sage ich – im Gedenken an Graham Greene – »Die Kraft und die Herrlichkeit«
PIK 6 Ein Moment der Schönheit
Während die Kinder unter dem Nachthimmel um die Veranda und die bunten Lichter herumtanzen, sehe ich etwas.
Lua und Marie halten sich an den Händen.
Sie sehen so glücklich aus, im Innern dieses einen Moments, während sie ihre Kinder betrachten und die Lampen an ihrem alten Haus.
Lua küsst sie.
Ganz sanft auf die Lippen.
Und sie erwidert den Kuss.
Manchmal sind Menschen wunderschön.
Nicht durch ihr Äußeres.
Nicht durch das, was sie sagen.
Nur durch das, was sie sind.
PIK 7 Ein Moment der Wahrheit
Marie drängt mich, hereinzukommen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Zuerst lehne ich ab, aber sie besteht darauf. »Du musst einfach, Ed.«
Ich gebe nach. Wir gehen rein, trinken Kaffee und reden.
Die Atmosphäre ist gelöst und gemütlich, bis Marie die Worte ausgehen und ihr Mund mitten im Gespräch still steht. Sie rührt in ihrem Kaffee und sagt: »Danke, Ed.« Die Falten um ihre Augen werden ein wenig unruhig und in ihren Augen scheinen Lichter zu tanzen. »Vielen Dank.«
»Wofür?« Ich schüttelt den Kopf. »Bring mich nicht dazu, es auszusprechen, Ed. Wir wissen, dass du es warst – Jessie könnte niemals ein Geheimnis bewahren, selbst wenn wir ihm den Mund zukleben würden. Wir wissen, dass du es warst.«
Ich ergebe mich. »Ihr habt es verdient.«
Sie gibt sich damit nicht zufrieden. »Aber warum? Warum?«
»Das…« – und ich muss die ganze Wahrheit sagen -»weiß ich nicht.« Ich nippe an dem Kaffee. »Das Ganze ist ziemlich kompliziert und eigentlich unmöglich zu erklären. Ich weiß nur, dass ich vor diesem Haus stand. Der Rest ist einfach passiert.«
Jetzt stapft Lua in die Worte hinein und schiebt sie vorwärts. Er sagt: »Weißt du, Ed, wir wohnen hier jetzt seit fast einem Jahr, und niemand – wirklich niemand – hat jemals auch nur einen kleinen Finger gerührt, um uns das Gefühl zugeben, willkommen zu sein.« Er trinkt. »Nein, ich beklage mich nicht. Wir können heutzutage nicht mehr erwarten. Die Menschen haben genug mit sich selbst zu tun . . .« Seine Augen halten meine fest, nur für eine Sekunde. »Aber dann kommst du daher, scheinbar aus dem Nichts. Wir begreifen es einfach nicht.«
Und da nimmt ein Moment voller Klarheit Gestalt in mir an.
Ich sage: »Versucht es erst gar nicht – ich begreife es ja selbst nicht.«
Marie nimmt meine Worte hin, nimmt sie mit und trägt sie ein Stück weiter.
Sie sagt: »Also schön, Ed. Aber wir möchten uns bei dir bedanken.«
»Ja«, sagt Lua.
Marie nickt ihm zu. Er steht auf und geht zum Kühlschrank. Mit einem Magneten ist ein Umschlag an der Tür befestigt. Darauf steht der Name »Ed Kennedy«. Er kommt zurück und gibt ihn mir.
»Wir haben nicht viel«, sagt er. »Aber das ist das Beste, was uns eingefallen ist, um uns bei dir zu bedanken.« Er legt mir den Umschlag in die Hand. »Irgendwie glaube ich, dass es dir gefallen wird. Nur so ein Gefühl.«
In dem Umschlag steckt eine selbst gebastelte Weihnachtskarte. Alle Kinder haben etwas darauf gemalt. Weihnachtsbäume, bunte Lichter, spielende Kinder. Einige von den Zeichnungen sind ziemlich schräg, aber trotzdem ganz vorzüglich. Wenn man die Karte aufklappt, liest man die folgenden Worte, auch von einem der Kinder geschrieben:
Lieber Ed!
Fröhliche Weihnachten! Wir hoffen, dass du auch so schöne Lichter hast wie die, die du uns geschenkt hast.
Alles Liebe
wünscht die ganze Tatupu-Familie
Ich muss lächeln. Dann stehe ich auf und gehe ins Wohnzimmer, wo sich die Kinder vor dem Fernseher ausgebreitet haben.
»He, danke für die Karte«, sage ich zu ihnen.
Sie antworten mir alle gleichzeitig, aber Jessie spricht am lautesten. »Gern geschehen, Ed.« Nach wenigen Sekunden richtet sich ihrer aller Aufmerksamkeit wieder auf den Fernseher. Sie schauen sich ein Video an, irgendein Tierabenteuer. Sie kleben an dem Bild einer Katze, die in einem Karton den Fluss hinuntergespült wird. »Bis dann«, sage ich, aber keiner hört mir zu. Ich schaue mir noch einmal zufrieden die Karte an und gehe wieder in die Küche.
Doch die Bescherung ist noch lange nicht vorbei.
Lua hat einen kleinen dunklen Stein mit einem kreuzförmigen Muster in der Hand.
Er sagt: »Den hat mir einmal ein Freund gegeben, Ed. Er bringt Glück.« Er hält ihn mir hin. »Ich möchte ihn dir schenken.«
Zunächst schauen wir alle drei den Stein an. Keiner sagt etwas.
Meine Stimme trifft mich unvorbereitet.
»Nein, Lua«, sage ich, »das kann ich nicht annehmen.«
Seine sanften Worte sind ruhig, aber bestimmt. Seine Augen drücken eine wilde Ernsthaftigkeit aus. »Doch, Ed, du musst. Du hast uns so viel gegeben. Mehr, als du je wissen wirst.« Er streckt mir wieder den Stein entgegen, legt ihn schließlich in meine Handfläche und schließt meine Finger darum. Er hält meine Hand in seinen beiden Händen. »Er gehört dir.«
»Nicht nur als Glücksbringer«, sagt Marie zu mir. »Sondern auch als Erinnerung.«
Da nehme ich den Stein und betrachte ihn. »Danke«, sage ich zu den beiden. »Ich werde gut drauf aufpassen.«
Lua legt mir seine Hand auf die Schulter. »Das weiß ich.«
Gemeinsam stehen wir in der Küche.
Als ich gehe, küsst mich Marie auf die Wange, und wir verabschieden uns voneinander.
»Denk dran«, sagt sie. »Du bist jederzeit willkommen. Komm zu uns, wann immer zu willst.«
»Danke«, sage ich und gehe zur Tür hinaus.
Lua will mich nach Hause fahren, aber ich lehne sein Angebot ab. Heute Abend ist mir nach Laufen zumute. Wir schütteln uns die Hände und Lua zerquetscht mich fast in seiner Umarmung.
Er begleitet mich noch bis zur Straße und stellt mir eine letzte Frage.
»Eines möchte ich noch wissen, Ed.« Wir stehen ein paar Schritte voneinander entfernt.
»Was denn?«
Er geht noch ein bisschen weiter weg und bleibt dann im Dunkel stehen. Hinter uns beleuchten die Lichter immer noch voller Stolz die Nacht. Dies ist der Moment der Wahrheit.
Lua sagt: »Du hast nie in diesem Haus gewohnt, Ed, stimmt’s?«
Kein Schlupfloch ist in Sicht. Kein Ausweg.
»Stimmt«, sage ich.
Wir schauen einander an und ich kann die vielen Fragen in Luas Augen sehen. Er will gerade anfangen, sie zu stellen, da merke ich, wie er sich zurückzieht. Er hat Angst, das Glück mit überflüssigen Worten zu zerstören.
Was geschehen ist, ist geschehen.
»Mach’s gut, Ed.«
»Auf Wiedersehen, Lua.«
Wir geben uns noch einmal die Hand und gehen dann unserer Wege.
Am Ende der Straße, kurz bevor ich um die Ecke biegen muss, drehe ich mich noch einmal um und betrachte die Lichter.
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Mama, warum hasst du mich so sehr? Über die schwarze Seite der Großen Mutter. –
Fast eine Familienaufstellung in Markus Zusaks Der Joker
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